Imperfekt Nr. I

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Merry lettuce snails IV

In den letzten Tagen dachte ich mehrmals: Dazu sollte ich jetzt aber was bloggen. Und hab’s dann doch beim Tweet belassen. Und jetzt gerade konnte ich mich nicht entscheiden, was einen ganzen Blogeintrag Wert wäre und was nicht. Also, vielleicht mal was Neues ausprobieren – meine Tweets der letzten Tage durchforstend das eine oder andere nochmal hervorheben und kommentieren. Gedacht als Experiment mit eventueller Fortsetzungschance.

In dieser Ausgabe: Urheberrechtsfachtagung, Länderrat, die neue alte Medienwirkungsdebatte (D-Demenz), Biolebensmittel, Science-Fiction-Filme als Opern, fehlende Apps für Kinder, die Arbeitszeiten von WissenschaftlerInnen, grüne Strömungen im Netz, die Zukunft meines Zeitungsabos, links-feministische Beziehungen und die Grüne Jugend.

Mein letztes Wochenende habe ich u.a. mit der grünen Urheberrechtsfachtagung (und z.T. bei der BAG Medien und Netzpolitik) verbracht. Zum einen als Moderator eines Panels »Innovationen und Alternativen«, auf dem es dann hauptsächlich um die Chancen und Hürden der Anwendung von Creative Commons und vergleichbarer Lizenzen ging. Zum anderen aber auch als schlichter Tagungsteilnehmer. War nett und gut organisiert (von der Auswahl der ReferentInnen – insb. Wolfgang Blau und Jeanette Hofmann hielten überzeugende Keynotes – bis zur auch vegetarischen Verpflegung und den Uferstudios als Ort), und gelernt habe ich auch einiges. Wie kompliziert das Urheberrecht heute ist, und wie viel davon durch europäische Richtlinien und internationale Verträge festgeschrieben ist. Dass es durchaus Schrankenregelungen gibt. Wie wichtig soziale Normen und stillschweigende Übereinkünfte sind. Die eher dubiose Rolle der Verwertungsgesellschaften. Dass eine Kulturflatrate auch Fairnesspauschale genannt werden kann. War also lehrreich, gut dass wir das gemacht haben.

Am Wochenende war dann am selben Ort auch der 2. ordentliche Länderrat mit dem schönen Motto »Aufbruch 2013 – Richtungswechsel jetzt!« (dass ich das vorletzte Wort, halb verdeckt durch einen Kopf, erst als »Führungswechsel« gelesen habe, ist wohl symptomatisch für diesen Länderrat). Die Streifen des Backdrops erinnerten mich dabei sowohl an die Android 4.1-Ästhetik als auch an die späten 1960er Jahre. Farblich abgestufte geometrische Muster reloaded? Inhaltlich ging’s um die Energiewende und den Verfassungsschutz. Bei der Energiewende gab es viele, viele Übernahmen und ein bisschen Warmlaufen für die Urwahl (Teller, Trog, Tank, Wackelpudding). Spannender fand ich die Debatte dazu, wie wir die Zukunft des Verfassungsschutzes sehen. Abschaffen und auf nachrichtendienstliche Erkenntnisse verzichten? Oder auflösen und neu aufbauen? Silke Krebs meinte als grüne Staatsministerin, dass der Verfassungsschutz sich gefälligst auf den Schutz der Verfassung konzentrieren solle, statt Zeitungsartikel über LINKE und DKP zu sammeln. Richtig so. Zum Verfassungsschutz-Antrag gab es dann tatsächlich auch eine Abstimmung und nicht nur Übernahmen (das Präsidium war da allerdings eher wolkig).

Ach ja, und die Urwahl haben wir auch gestartet (1 Gegenstimme, 1 Enthaltung). Fühlte sich dann gar nicht so historisch an. Das Presseecho nach dem Länderrat lag irgendwo zwischen »endlich wagt es mal jemand« bzw. die Grünen machen es richtig« und »eigentlich alles Langweiler«. Das Wahlverfahren zu ändern, dafür war es leider zu spät (und aufgrund der quotierten Redeliste bei leerer Frauenbox fiel die Debatte dazu leider auch aus). Gespannt bin ich jetzt, ob sich neben den vier »bekannten KandidatInnen« und der wachsenden Zahl Unbekannter noch ein oder zwei Menschen aus der Spitze der Länder zur Kandidatur durchringen, sozusagen die grünen B-Promis. In jedem Land wählen wir eine Landesliste mit meist zwei regionalen SpitzenkandidatInnen – da müsste es doch noch ein oder zwei geben, die sich zur Wahl stellen wollen. Möglich ist das noch bis 16. September.

Ach, Spitzer und die D-Demenz. Skandalisieren macht die Debatte unglaubwürdig (schade, weil Manfred Spitzer in der Übertragung der Gehirnforschung auf Schule als Lernumgebung einiges richtiges zu sagen hat), da fand ich dann @astefanowitsch lyrisch-memetische Annäherung an das Thema doch deutlich besser. Kostprobe?:

Die größten Kritiker von Twitter / wollen wir hier nicht haben.

Von mir kam auch was, nämlich:

Die größten Kritiker der Mailinglisten / waren damals schon Kulturpessimisten.

Die größten Kritiker der eMail / lasen lieber Postman’s Neil.

Die größten Kritiker der Schrift / gab es sicher, nur, wir kennen sie nicht.

Wobei mir die Wahrnehmung von Neil Postman als TV-Kritiker Spitzer’scher Anmutung – wohl zurecht – eine Rüge einbrachte. Ich merke mir: Postman könnte noch die eine oder andere Entdeckung bergen, wenn ich da mal hinterhertauchen würde.

Heftig diskutiert wurden die homöopathischen Exzerpte der Meta-Studie zu Biolebensmitteln. Wobei in der wohl eigentlich nicht »bio ist nicht gesünder« steht, sondern eher, dass Biolebensmittel nicht mehr Vitamine enthalten, aber in der Tat weniger durch Pestizide belastet sind, dass aber (mangels entsprechender Vergleichsstudien) unklar ist, ob das auch der Gesundheit dient (oder nur den Böden).

The published literature lacks strong evidence that organic foods are significantly more nutritious than conventional foods. Consumption of organic foods may reduce exposure to pesticide residues and antibiotic-resistant bacteria

Was dann dazhu führte, dass heftig diskutiert wurde, ob Biolebensmittel als Gesundheitsprodukte (hallo, LOHAS) oder als systemische Alternative politisch beworben wurden.

Eine ganze Reihe Tweets von mir befassten sich mit meinem immer noch neuen Google Nexus 7. Nettes Gerät, auch nach ein paar Tagen Benutzung. Nach und nach trudelt auch das Zubehör ein. Was ich noch vermisse, sind gute deutschsprachige Apps für Kinder. Zum Beispiel sowas wie die Lorax-Buch-App. Ich würde ja sogar dafür bezahlen, finde aber nicht so richtig was. Anyone?

Cory Doctorow spricht SF-Filmen ab, sich ernsthaft mit Technologie und deren Folgen auseinanderzusetzen, und hält sie eher für eine Art Oper des 21. Jahrhunderts.

WissenschaftlerInnen machen keinen Urlaub – es gibt jedenfalls empirische Hinweise, dass der Mittelbau nachts und am Wochenende arbeitet. Gesund ist das nicht.

Die grüne Battle of the blogs hat’s bis zu Spiegel online geschafft. Worum geht es? Bei den Realos sind die »Volksfront von Judäa und und judäische Volksfront jetzt wieder vereint!«, was sich im neuen »Blog« gruenreformer.de widerspiegelt (Eigenbezeichnung: »grüne reformer
offen. dialogorientiert. hierarchiefrei.«). Schon seit ein paar Wochen gibt es – ich habe da ja auch schon geschrieben – grün links denken. Wenn’s dazu beiträgt, eine derzeit etwas schlummrige innerparteiliche Konzeptedebatte anzuheizen – warum nicht.

Die taz und die Zukunft der Zeitung ließ mich kurz nochmal resümmieren, ob ich doch noch einmal den Versuch eines Abos beginnen sollte. Im Elternhaus, als Studi, aber auch in den letzten Jahren hatten wir die taz eigentlich immer abonniert. Nach unserer Trennung wanderte auch das Abo. Obwohl taz-Genosse, habe ich das dann erstmal so gelassen. Was nicht heißt, dass ich die taz nicht lese – in der Fraktion (manchmal sogar im Pressespiegel), vor allem aber die Artikel auf der taz.de. Die Papierstapel vermisse ich nicht wirklich. Und überlege jetzt, ob ich ein e-Abo abschließen soll. Oder ein Wochenend-Abo (das allerdings pro Ausgabe teurer ist als am Kiosk, wenn ich richtig rechne). Oder die Kombi, die mir aber dann fast schon wieder zu teuer ist.

Julia Seeliger schreibt über die Liebe, Sex, Beziehungen und all sowas mit linker/feministischer Perspektive – und spricht da einige Wahres an. Ich finde das lesenswert, auch als Reflektionsanlass. Passend dazu ein zwei Jahre alter Text von Antje Schrupp zur »Scheinlösung Monogamie«.

Und dann war da noch Christian Soeder, der als Juso die Grüne Jugend beobachtet hat. Und neben Kuscheln und Kiffen als Differenz vor allem wahrnimmt, dass es einen größeren Anteil von »Bewegungsjunggrünen« gibt, die in der Grünen Jugend aktiv sind, aber mit Altgrüns wenig am Hut haben. Und dass längst nicht jede/r Aktive einen Parteiposten anstrebt. Christian sieht darin einen wichtigen Belebungsfaktor, der dazu führt, das neue Ideen in grüne Debatten eindringen. Finde ich interessant, frage mich allerdings, ob ein Blick auf die Mitglieder der Grünen selbst nicht ganz ähnliches zu Tage fördern würde. Ich jedenfalls glaube, dass unter den knapp 60.000 Grünen ziemlich viele sind, die zwar bewusst in dieser Partei sind, denen Partei so wichtig aber auch nicht ist – entweder wegen einer stark kommunalen Verwurzelung, oder weil es eben in erster Linie »Bewegungsgrün« sind. (Zudem habe ich mich mehrfach beim Lesen gefragt, ob das z.B. bei den Jusos wirklich so anders ist – wenn ja, erklärt das einiges – sage ich mal als einer, der zwar seit fast zehn Jahren kein Grüne-Jugend-Mitglied mehr ist, die Schilderungen aus meiner eigenen Zeit in der Grünen Jugend aber gut nachvollziehen kann).

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3 Antworten auf Imperfekt Nr. I

  1. S. Heiser sagt:

    Stimmt, das Wochenendabo ist teurer, als die vier Ausgaben einzeln am Kiosk zu kaufen. Das ist ein prohibitiver Preis, der Vollabonnenten davon abhalten soll, wegen des hohen Preisunterschiedes vom Vollabo auf das Wochenendabo umzusteigen. Hat auch gut geklappt: Die taz hat inzwischen rund 7.000 Wochenendabos bei nur unwesentlich gefallener Zahl der Vollabonnenten.

    Warum ist die Kombi aus E-Abo und Wochenendabo zu teuer?? Das tägliche E-Abo kostet allein 11,95 Euro im Monat, das Wochenendabo kostet allein 12,90 Euro im Monat. Wer ein Wochenendabo abschließt und ein tägliches E-Abo dazubucht, zahlt nur 1 Euro pro Woche zusätzlich: https://www.taz.de/zeitung/abo/wochenendabo/kombi/

    • Till sagt:

      Hallo Sebastian,

      danke für die Reaktion.

      Den Preis für e-Abo + Wochenendabo empfinde ich glaube ich als zu hoch, weil 12,90 + 4,50 (4,5 Wochen a 1 Euro) = 17,40 schon nahe an den niedrigsten Papierabopreisen (23,90; hatte das noch niedriger in Erinnerung …) ist. Und weil um die 20 Euro pro Monat als regelmäßige Ausgabe bei mittelmäßig viel bzw. wenig verfügbaren Mitteln nicht ganz irrelevant sind.

  2. S. Heiser sagt:

    Ok, so verstehe ich es.

    Freut mich, dass Du die taz online liest! Für uns ist taz.de eine tolle Möglichkeit, mit geringen Kosten für uns und die Leser möglichst viele Menschen zu erreichen. Und dafür – nicht für die Einnahmenmaximierung – wurde die taz schließlich gegründet.

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