Science Fiction und Fantasy im September 2026

Museum Atlantikwall Raversyde - XXX

Ganz über­wie­gend habe ich den Sep­tem­ber damit zuge­bracht, die emp­feh­lens­wer­te Valor-Serie von Tanya Huff – kana­di­sche MilSF – zu lesen. Dazu unten mehr. 

Gele­sen habe ich außer­dem Mary Robi­net­te Kowals The Mar­ti­an Con­tin­gen­cy (2025), den vier­ten Band ihrer Lady-Astro­naut-Serie. Robi­net­te Kowal schreibt im Nach­wort, dass die­ser Band nicht ein­fach zu schrei­ben war. Das Ergeb­nis ist jeden­falls gelun­gen, gera­de auch im Ver­gleich zur an der einen oder ande­ren Stel­le erstaun­lich par­al­lel gela­ger­ten Serie For All Man­kind. Im Mit­tel­punkt des Buchs steht die zwei­te Mars-Expe­di­ti­on, die 100 Men­schen aus unter­schied­li­chen Natio­nen auf den Mars brin­gen soll. Die Astro­nau­tin Dr. Elma York ist das Gesicht des inter­na­tio­na­len Raum­fahrt­pro­gramms. In die­ser Zeit­li­nie wur­de es gegen­über unse­rer Wirk­lich­keit (und auch gegen­über For All Man­kind) deut­lich beschleu­nigt, weil ein Meteo­ri­ten­ein­schlag in Nord­ame­ri­ka ein­drück­lich vor Augen geführt hat, wie zer­brech­lich die Erde ist. Inso­fern fin­det die Mars-Expe­di­ti­on hier in den spä­ten 1960ern oder frü­hen 1970er Jah­ren statt – den Hin­ter­grund bil­det eine bun­te Mischung aus Offen­heit für neue Erfah­run­gen (indi­sche Gewür­ze, ara­bi­sche Musik, sexu­el­le Revo­lu­ti­on) einer­seits und über­kom­me­nen Moral­vor­stel­lun­gen, alt­her­ge­brach­ter Poli­tik plus Ras­sis­mus und Sexis­mus ande­rer­seits. Und natür­lich ist auch die Tech­no­lo­gie zwar weit fort­ge­schrit­ten, was Rake­ten und Raum­fahrt anbe­trifft; gerech­net wird aber nach wie vor eher mit dem Rechen­schie­ber. Digi­ta­le Bild­über­tra­gun­gen scheint es bei­spiels­wei­se auch noch nicht zu geben. Wäh­rend der ers­ten Mars-Expe­di­ti­on betrat York nie den Mars­bo­den. Nun ist sie als „second in com­mand“ gemein­sam mit ihrem Ehe­mann eine der zwan­zig, die das Habi­tat wie­der in Betrieb neh­men und alles für den Bau eines zwei­ten Habi­tats vor­be­rei­ten sol­len. Und stellt bald fest, dass irgend­et­was nicht stimmt. Die­je­ni­gen, die bei der ers­ten Lan­dung dabei waren, rücken spür­bar nicht mit der Wahr­heit her­aus, son­dern hal­ten sie außen vor. Dass nicht alles glatt läuft, und die Expe­di­ti­on irgend­wann kurz vor dem Abbruch steht, macht es für Dr. York nicht ein­fa­cher, den Din­gen auf den Grund zu gehen. Robi­net­te Kowal ver­steht es, gro­ße poli­ti­sche Fra­gen und die zwi­schen Thril­ler und Detek­tiv­ro­man chan­gie­ren­de Auf­klä­rung mit lebens­na­hen Sze­nen aus dem Mars-All­tag und des Trans­port­raum­schif­fes zusam­men­zu­brin­gen. Das gan­ze ist nicht nur ein Sit­ten­ge­mäl­de einer Ver­gan­gen­heit, die es so nicht gab, son­dern lässt sich auch mit Blick auf denen einen oder ande­ren heu­ti­gen Bezug lesen.

Recht gut gefal­len hat mir auch der von Jona­than Stra­han her­aus­ge­ge­be­ne Sam­mel­band Revo­lu­ti­on in the Heart (2026), der aus Geschich­ten von 15 Autor*innen besteht, die als Hom­mage an Ursu­la K. Le Guin zu ver­ste­hen sind. Wenn ich in den Bio­gra­fien nichts über­se­hen habe, kom­men alle Autor*innen aus dem FLIN­TA-Spek­trum; dar­un­ter gro­ße Namen wie Char­lie Jane Anders, Kel­ly Link, Ann Leckie und Dar­cie Litt­le Bad­ger. Die Geschich­ten sind ganz unter­schied­lich – man­che bezie­hen sich the­ma­tisch auf Le Guin und könn­ten in z.B. ihr Hai­nish-Uni­ver­sum ein­ge­fügt wer­den, man­che zitie­ren sie direkt, wie­der ande­re nähern sich ihr über den Stil und die Atmo­sphä­re an. Wenn ich ver­su­chen wür­de, ein gemein­sa­mes Fazit zu zie­hen, dann das, dass es hier um huma­nis­ti­sche spe­ku­la­ti­ve Fik­ti­on geht, und um die gro­ßen Fra­gen, die sich aus dem Umgang mit Unter­drü­ckung und Auf­be­geh­ren ergeben. 

Damit zu Tanya Huff und Staff Ser­geant Torin Kerr, auf die ich zufäl­lig gesto­ßen bin; irgend­je­mand hat­te sich auf einem Social-Media-Kanal abfäl­lig dar­über geäu­ßert, dass hier Gesell­schaf­ten exis­tie­ren sol­len, die nicht wis­sen, was eine Pis­to­le ist, wenn ich es rich­tig zusam­men­brin­ge. In den ins­ge­samt sie­ben Roma­nen (und einer Kurz­ge­schich­ten­samm­lung) ist Torin Kerr Fokus­punkt der Geschich­te, die sich über ein oder zwei Jahr­zehn­te hin­zieht. Das Set­ting: es gibt eine inter­stel­la­re Kon­fö­de­ra­ti­on der „elder races“, die sich im Krieg mit „the Others“ befin­det, auch das, wie wir spä­ter erfah­ren, ein Zusam­men­schluss ganz unter­schied­li­cher Spe­zi­es. Die­se „elder races“ sind fried­lie­bend und haben längst Abschied von krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen genom­men – des­we­gen haben sie die Mensch­heit und zwei ande­re Spe­zi­es in die Kon­fö­de­ra­ti­on ein­ge­la­den. Der Deal: die­se bekom­men Raum­fahrt­ka­pa­zi­tä­ten, tol­le Tech­no­lo­gien und Pla­ne­ten, die sie besie­deln kön­nen, etwa Kerrs Hei­mat­pla­net „Para­di­se“ – dafür kämp­fen Men­schen, Di’­Tay­kan und Krai für die Kon­fö­de­ra­ti­on. Dass Di’­Tay­kan gewis­se Ähn­lich­kei­ten mit Elfen haben (wenn die­se knall­bun­te Haar­füh­ler und Augen hät­ten, und in ihrer „Di“-Phase Sexua­li­tät in etwa so ein­set­zen, wie dies von Bono­bo­nos berich­tet wird), und die Krai auch für Trol­le oder Kobol­de gehal­ten wer­den könn­ten (jeden­falls haben sie fast unzer­brech­li­che Kno­chen und kön­nen so gut wie alles essen), macht die Sache noch­mal inter­es­san­ter. Die „midd­le races“ (die H’san als eigent­li­che „elder race“ tau­chen so gut wie gar nicht auf, zie­hen aber alle Fäden) haben dage­gen Kat­zen oder Wara­ne zum Vor­bild; da oder dort wirk­te das dann ein biss­chen wie Urmel aus dem Eis mit spre­chen­den Tie­ren. Huff macht aber klar, dass z.B. die kat­zen­ar­ti­gen Ali­ens eben kei­ne Kat­zen sind, auch wenn sie ent­spre­chen­de Refle­xe bei Men­schen aus­lö­sen. Neben (Mili­tär­ein­sät­zen auf) Pla­ne­ten neh­men Raum­sta­tio­nen und Raum­schif­fe – und ein big dumb object – eine wich­ti­ge Rol­le ein, gro­ße Tei­le der Geschich­te spie­len dort. 

Zur Zeit des ers­ten Romans zieht sich die­ser Krieg schon eini­ge Gene­ra­tio­nen hin, es gibt immer wie­der har­te Gefech­te, neue Waf­fen, umstrit­te­ne Pla­ne­ten­sys­te­me in den äuße­ren Wel­ten etc. etc. – ein Ende oder ein Sieg der einen oder ande­ren Sei­te ist jedoch nicht in Sicht. Was die­se Rei­he beson­ders macht, ist Huffs genau­er Blick – auf das Innen­le­ben der aus den genann­ten drei Spe­zi­es zusam­men­ge­setz­ten mili­tä­ri­schen Ein­hei­ten, aber auch auf das Ver­hält­nis zwi­schen kämp­fen­der Trup­pe einer­seits und Offizier*innen ande­rer­seits; und den Mit­teln, mit denen Kerr ihre Vor­ge­setz­ten führt und dazu bringt, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Stel­len­wei­se ist das dich­te Beschrei­bung mili­tä­ri­scher Orga­ni­sa­ti­ons­prak­ti­ken im etwas ver­frem­de­ten Set­ting. Dass ist die Bücher in mei­nem Urlaub in Bel­gi­en gele­sen habe, der mich auch zu einem Teil des „Atlan­tik­walls“ führ­te, samt Rekon­struk­ti­on der Lebens­be­din­gun­gen der dama­li­gen Trup­pen, ver­lieh der Lek­tü­re dann noch­mals eine Beson­der­heit. Manch­mal schreibt Huff arg for­ma­lis­tisch, etwa wenn sie die Beson­der­hei­ten der Di’­Tay­kan oder Krai immer wie­der mit fast wort­glei­chen For­mu­lie­run­gen ein­flie­ßen lässt. Das tut der Unter­hal­tung – unter deren Ober­flä­che mora­li­sche Fra­gen ver­han­delt wer­den – aber kei­nen Abbruch. 

  • Valor’s Choice (2000) – Kerr ist Staff Ser­geant und soll mit ihrem Mari­nes-Pla­toon aus Men­schen, Di’­Tay­kan und Krai eine diplo­ma­ti­sche Mis­si­on unter­stüt­zen, die dazu bei­tra­gen soll, Bezie­hun­gen zwi­schen der Kon­fö­de­ra­ti­on und den Sils­viss – bru­ta­len Dino­sau­rie­ren – aufzubauen.
  • The Bet­ter Part of Valor (2002) – Das bereits erwähn­te „big dumb object“, ein gro­ßes Raum­schiff, das von unbe­kann­ten Ali­ens zu stam­men scheint, wird erforscht. Gefun­den hat es ein Schrott­samm­ler Craig Ryder (klei­ner Spoi­ler: er wird auch in den fol­gen­den Bän­den auf­tau­chen). Kerrs Pla­toon soll Wissenschaftler*innen und eine Repor­te­rin schüt­zen – und natür­lich kommt alles anders, als man erst mal den­ken würde.
  • The Heart of Valor (2007) – Zum Gun­nery Ser­geant beför­dert, beglei­tet Kerr neue Rekrut*innen zu einem Trai­nings­pla­ne­ten – der sich als gefähr­li­cher als gedacht erweist.
  • Valor’s Tri­al (2008) – Mit Blick auf die Zahl der Toten (und die Auf­lö­sung eines Rät­sels, dass in den letz­ten drei Bän­den lang­sam auf­ge­baut wur­de) sicher­lich der düs­ters­te Band der Serie. Die Wiki­pe­dia beschreibt ihn als „Gun­nery Ser­geant Kerr fights her way out of an under­ground POW camp.“ – das stimmt zwar irgend­wie, trifft aber den Kern nur so halb. Aller­dings wäre es auch arg spoi­lernd, mehr dazu zu sagen.
  • The Truth of Valor (2010) – Die Ereig­nis­se des letz­ten Ban­des haben bei Kerr ihre Spu­ren hin­ter­las­sen. Sie ver­sucht, sich ein neu­es Leben jen­seits der Mari­nes auf­zu­bau­en – Pirat*innen machen ihr einen Strich durch die Rechnung.
  • An Anci­ent Peace (2015) – Ex-Gun­nery Ser­geant Kerr lei­tet jetzt eine neu auf­ge­bau­te Poli­zei­trup­pe (die „War­den“), die dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um unter­stellt ist. Einer ihrer ers­ten Fäl­le: uralte Arte­fak­te aus H’san-Gräbern – von deren Grab­pla­net – tau­chen auf dem Schwarz­markt auf.
  • A Peace Divi­ded (2017) – Wissenschaftler*innen, die auf einem restrik­tiv unter Qua­ran­tä­ne ste­hen­den Pla­ne­ten Aus­gra­bun­gen vor­neh­men, wer­den gekid­nappt. Kerr und ihre War­den sol­len sie befrei­en – mög­lichst, ohne dass Gei­seln umkom­men. Zugleich spinnt Huff hier meh­re­re Fäden zusam­men, die aus den ers­ten Bän­den bzw. aus An Anci­ent Peace noch offen sind.
  • The Pri­vi­le­ge of Peace (2018) – das „big dumb object“ ist wie­der da – Kerr woll­te damit nichts mehr zu tun haben, das Uni­ver­sum hat ande­re Pläne.
  • The Shorter Parts of Valor (2022) – Kurz­ge­schich­ten­samm­lung; die letz­te Geschich­te gibt einen kras­sen Blick in eine mög­li­che Zukunft des von Huff auf­ge­bau­ten Universums.

Ange­guckt habe ich die drit­te Staf­fel von Silo (Apple TV), und kann die­se sehr emp­feh­len. Anfangs war ich skep­tisch bezüg­lich der bei­den par­al­lel geführ­ten Hand­lungs­strän­ge. Silo spielt ja in einem unter­ir­di­schen Bun­ker. In die­ser Staf­fel wird klar, dass es meh­re­re sol­che Bun­ker gibt, in denen jeweils 10.000 Men­schen leben. In einem Strang geht es um Revo­lu­ti­on inner­halb des Silos, und um mora­li­sche Ambi­va­lenz, Revol­ten und den Kampf gegen die Silo-IT, die mit Aus­lö­schung und Gedächt­nis­ver­lust droht, soll­ten die Regeln nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Der ande­re Strang spielt im Ame­ri­ka der nahen Zukunft, samt einer Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen einem jun­gen Abge­ord­ne­ten und einer Jour­na­lis­tin. Erst in den letz­ten Fol­gen wird klar, wie bei­de Strän­ge zusam­men­ge­hö­ren – bit­ter und herz­zer­rei­ßend. Ich bin gespannt auf die Fort­set­zung, die im nächs­ten Som­mer lau­fen soll. 

Eben­falls zu Ende gegan­gen ist die vier­te Staf­fel von Star Trek: Stran­ge New Worlds (Para­mount +). Ich hat­te erst über­legt, dazu aus­führ­li­cher etwas zu schrei­ben, aber eigent­lich trifft die­se Kri­tik ganz gut mei­ne Mei­nung. Tol­le Cha­rak­te­re, groß­ar­ti­ge Schauspieler*innen (gera­de in den Her­aus­for­de­run­gen der Quatsch-Fol­gen), ein span­nen­des und für den Anschluss an TOS klug aus­ge­dach­tes Set(ting) – aber eine sehr durch­wach­se­ne Staf­fel mit eini­gen Fol­gen, die ein­fach nicht ernst genom­men wer­den konn­ten („alles nur ein Traum“), eini­gen Fol­gen, die auf selt­sa­me Gim­micks set­zen (Noir, Soap, …), um die per­sön­li­che Ent­wick­lung von Spock, Laan, Scot­ty etc. plau­si­bel zu machen – und eini­ge rich­tig, rich­tig gute Fol­gen (ins­be­son­de­re Orders of Magni­tu­de, Off-Hour und Tomorrow’s Enter­pri­se). Was ich tat­säch­lich auch posi­tiv fand: dass es kei­nen Staf­fel-Böse­wicht mit Boss­fight am Schluss gab. Auch hier bin ich gespannt auf die fünf­te und letz­te Staf­fel, die wohl kür­zer aus­fällt und sich auf den Anschluss von SNW zu TOS kon­zen­trie­ren wird.

Science Fiction und Fantasy im August 2026

Trainjourney morning

Kurz hat­te ich mit dem Gedan­ken gespielt, um 5 Uhr wach genug zu sein, um mir die dies­jäh­ri­ge Ver­lei­hung der Hugo-Awards anzu­schau­en – die World­con fin­det in Los Ange­les statt, dort ist es das Abend­pro­gramm. Ganz gelun­gen ist es mir nicht, aber immer­hin habe ich dann doch zuge­schaut, wie T. King­fi­sher mit wech­seln­den Hüten und bio­lo­gi­schen Fak­to­iden die letz­ten paar Awards anmoderierte. 

Die kom­plet­te Über­sicht dar­über, wer was gewon­nen hat (und die sehr in die Tie­fe gehen­den admi­nis­tra­ti­ven Berich­te über die Wahl) fin­den sich auf der Sei­te der LACon V. In den meis­ten Kate­go­rien lan­de­ten mei­ne per­sön­li­chen Favo­ri­ten auf dem zwei­ten oder drit­ten Platz. Cool fin­de ich, dass Ada Pal­mers Inven­ting the Renais­sance als best rela­ted work gewon­nen hat. 

Und wie jedes Jahr hat der Hugo-Award auch die Funk­ti­on – für mich jeden­falls – mich auf Bücher, Seri­en, Com­pu­ter­spie­le, Kurz­ge­schich­ten usw. hin­zu­wei­sen, die ich bis­her nicht kann­te. Die aus­führ­li­che Lis­te der Nomi­nie­run­gen ist da hilf­reich. Neben­ef­fekt: mein (vir­tu­el­ler) Sta­pel der zu lesen­den Bücher wird nicht klei­ner, selbst nach die­sem August nicht, in dem ich recht viel Zeit zum Lesen (und zum Anschau­en von Fil­men) gefun­den habe.

„Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy im August 2026“ wei­ter­le­sen

Science Fiction und Fantasy im Juli 2026 (der Rest)

Sunset clouds, Gundelfingen

Anfang Juli habe ich die Dan­de­l­ion Dynasty zu Ende gele­sen; dazu habe ich hier eini­ges auf­ge­schrie­ben. Den Rest­mo­nat habe ich mit fünf (teil­wei­se kur­zen) Roma­nen und einem, hm, Sach­buch verbracht. 

Das Sach­buch heißt How To Build A Dra­gon Or Die Try­ing: A Sati­ri­cal Look At Cut­ting-Edge Sci­ence (2019) und wur­de von einem Vater-Toch­ter-Duo geschrie­ben (2021 auch als Dra­chen­zucht für Ein­stei­ger auf deutsch erschie­nen). Paul Knoepf­ler ist ein Pro­fes­sor für Zell­bio­lo­gie, sei­ne Toch­ter Julie Knoepf­ler hat sich die Fra­ge, ob es mög­lich wäre, mit Hil­fe von Gen­tech­nik etc. zu züch­ten, in einem Schul­pro­jekt in der 8. Klas­se gestellt. Das Ergeb­nis ist ein Buch, das mal sehr nach Teen­ager-Vor­stel­lun­gen eines Dra­chen­haus­tiers klingt und mal nach Wis­sen­schaft. Hier und auch in eini­gen ande­ren Punk­ten hät­te dem Buch ein etwas stren­ge­res Lek­to­rat gut getan; so gibt es doch den Ein­druck vie­ler unnö­ti­ger Wie­der­ho­lun­gen und Zwi­schen­zu­sam­men­fas­sun­gen. Und Sati­re, die das Buch auch sein will, ist halt kei­ne Sati­re, wenn vor jedem über­trei­ben­den oder sar­kas­ti­schen Satz erst ein­mal dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass es sich hier um Sati­re han­delt. Ein biss­chen schwing da die Angst mit, dass irgend­wer das tat­säch­lich als Anlei­tung lesen könn­te. Ich fand das Buch trotz die­ser sprach­li­chen Schwä­chen inter­es­sant zu lesen – von den Über­le­gun­gen, was wohl eine gute Grund­la­ge wäre, um einen Dra­chen zu züch­ten – Eidech­sen, Vögel, Komo­do-Wara­ne – über Wir­bel­tier­bau­plä­ne, die Gene­tik von Federn und Schup­pen bis hin zur Fra­ge, wie Flug­fä­hig­keit (wenig Gewicht), Intel­li­genz (gro­ßes Gehirn) und Feu­er­spu­cken (kom­pli­zier­te Mecha­nis­men) in ein Tier pas­sen könn­ten. Bei Wie­der­käu­er­mä­gen zur Methan­her­stel­lung (Feu­er) fühl­te ich mich an Ken Lius Silk­punk-Dra­chen erin­nert. Gut gefal­len hat mir der Abschluss des Buchs, der aus­lo­tet, wel­che ethi­schen Fra­gen eigent­lich damit ver­bun­den wären, einen Dra­chen in die Welt zu brin­gen – vom Blick auf das Wohl­be­fin­den des Tiers über die poten­zi­el­le Waf­fen­taug­lich­keit bis zu öko­lo­gi­schen Fra­gen. Dabei kom­men auch die pro­ble­ma­ti­sche­ren Sei­ten von Crispr/Cas und Klo­nen als Hype-Tech­no­lo­gien der 2010er Jah­re nicht zu kurz. Rea­lis­ti­sche­rer Fan­ta­sy-Wel­ten­bau wäre eher ein Neben­ef­fekt der Lek­tü­re, ins­ge­samt geht des den Knoepf­lers wohl eher um die Auf­for­de­rung, mit zell­bio­lo­gi­schen Tech­ni­ken ver­ant­wor­tungs­voll umzugehen.

Dra­chen, äh, Dino­sau­ri­er, tauch­ten dann auch in der ers­ten Fol­ge der vier­ten Staf­fel von Star Trek: Stran­ge New Worlds (Para­mount+) auf. Ins­ge­samt habe ich die­se Fol­ge als Hom­mage an A Prin­cess of Mars und ähn­li­che Pulp-Geschich­ten gele­sen. Bonus: ein gigan­ti­sches Zeit­rei­se­pa­ra­dox. Weni­ger gut gefal­len hat mir die zwei­te Fol­ge der vier­ten Staf­fel – hier wird zum Stil­mit­tel „Body Hor­ror“ gegrif­fen. Das wird zwar gut umge­setzt, und genutzt, um die Psy­cho­lo­gie eini­ger Haupt­cha­rak­te­re aus­zu­lo­ten, aber ist ers­tens nicht mei­nes und führt zwei­tens für mei­nen Geschmack viel zu viel an Über­sinn­lich­keit in den Star-Trek-Kanon ein. Geis­ter? Wirklich?

„Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy im Juli 2026 (der Rest)“ wei­ter­le­sen

Aufschrieb zur Metropolcon 2026

Das ers­te Mal bei einer „Con“ war ich vor zwei Jah­ren. Das war dann gleich die rie­si­ge World­Con in Glas­gow, also das welt­wei­te Tref­fen der Sci­ence-Fic­tion- und Fan­ta­sy-Fans. Dort wur­de dafür gewor­ben, dass 2026 in Ber­lin die „Euro­Con“ statt­fin­den wer­de. Das klang inter­es­sant und geo­gra­fisch deut­lich bes­ser erreich­bar als zum Bei­spiel Seat­tle (World­Con 2025), so dass ich mich direkt mal anmel­de­te. Jetzt, im Juli 2026, mani­fes­tier­te sich die Metropolcon/EuroCon dann tat­säch­lich in Ber­lin, und mit meh­re­ren hun­dert, man­che sagen auch: knapp tau­send, ande­ren SF-Fans besuch­te ich sie. 

Heim­li­ches Mot­to „Ever­y­thing is run­ning smooth­ly“ – die Organisator*innen hat­ten ein gut gefüll­tes Pro­gramm zusam­men­ge­stellt, mit einem Mix aus deutsch­spra­chi­gen und eng­lisch­spra­chi­gen Panels. Die bei­den lite­ra­ri­schen Ehren­gäs­te, Aiki Mira und Becky Cham­bers, waren eben­falls eine sehr gute Wahl. In gewis­ser Wei­se ste­hen bei­de für den Grund­ton die­ser Metro­pol­con; viel­leicht liegt’s aber auch nur an den Panels und Ver­an­stal­tun­gen, die ich besucht habe. Aiki Mira schreibt Roma­ne und Kurz­ge­schich­ten, hat für meh­re­re davon Prei­se aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence-Fic­tion bekom­men. In Neon­grau ent­wi­ckelt sie bei­spiels­wei­se den Cyber­punk zeit­ge­nös­sisch wei­ter und sie­delt ihn in einem von Kli­ma­wan­del, AI und sozia­len Medi­en ver­än­der­ten, aber wie­der erkenn­ba­ren Ham­burg an. Becky Cham­bers ist sowohl für ihre Way­fa­rer-Serie bekannt, in der es um ganz gewöhn­li­che Men­schen am Ran­de eines galak­ti­schen Gemein­we­sens geht, als auch für die bei­den Monk-and-Robot-Bücher, Medi­ta­tio­nen über das Wesen des Menschen. 

Wie lässt sich Cyber­punk aus­brei­ten, in einer Zeit, in der „Tech­bros“ sich als größ­te Fans und Agen­ten die­ser Dys­to­pie outen? Was hat es mit ambi­ent que­er­ness auf sich, oder, wei­ter­ge­dacht, mit ambi­ent uto­pi­as, also mit dem Ver­such, Uto­pien zu erzäh­len, ohne die (lang­wei­li­ge) Uto­pie in den Mit­tel­punkt der Geschich­te zu stel­len? Und wie passt – bei Cham­bers – eine gewalt­freie Sicht auf die Welt und eine Begeis­te­rung für unse­re bio­lo­gi­sche Mit­welt zu den Erfor­der­nis­sen von Plot und Story? 

Das sind nur eini­ge der Fra­gen, die ver­tieft bespro­chen wur­den, und die mir in abge­wan­del­ter Form auch in ande­ren Panels wie­der begeg­ne­ten, etwa bei den bei­den Dis­kus­si­ons­run­den des Car­co­sa-Ver­lags zu Kim Stan­ley Robin­son und zu Ursu­la K. Le Guin. Stan­ley Robin­sons Green Earth kommt nach zehn Jah­ren in einer deut­schen Über­set­zung neu her­aus. Er selbst war per Video­schal­te aus Kali­for­ni­en zuge­schal­tet und beant­wor­te­te mun­ter Fra­gen zum Stand des Kli­ma­schut­zes und der Lie­be zu Land­schaf­ten, zu sei­ner Dar­stel­lung von Wissenschaftler*innen – hier berich­te­te er, dass er auf ganz nahe Beob­ach­tun­gen zurück­grei­fen konn­te, da sei­ne Frau lan­ge für eine natio­na­le Ein­rich­tung als Wis­sen­schaft­le­rin gear­bei­tet hat – und zur depri­mie­ren­den poli­ti­schen Lage in den USA. Im Panel zu Ursu­la K. Le Guin gab Karen Nöl­le Ein­bli­cke in die Pra­xis der Über­set­zung und Han­nes Rif­fel schil­der­te, wie er von The Dis­pos­se­sed zur Sci­ence Fic­tion und letzt­lich zu Car­co­sa kam. Und auch hier: nicht die gro­ßen Held*innen, son­dern die in der Rei­se­ta­sche mit­ge­schlepp­ten uto­pi­schen Ver­satz­stü­cke, die zusam­men dann eine Geschich­te erge­ben, die Mög­lich­keits­räu­me aufmacht. 

Aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence Fic­tion bleibt mir Nils Wes­ter­boer in Erin­ne­rung – nicht nur als dies­jäh­ri­ger Kurt-Laß­witz-Preis­trä­ger, son­dern auch mit einer sze­ni­schen Lesung aus sei­nem Meis­ter­werk Lyne­ham (das nicht ganz geglück­te Ter­ra­forming von Perm aus Per­spek­ti­ve a. der Kin­der und b. der psy­cho­lo­gisch wie zeit­lich weit ent­fern­ten Mut­ter) und mit einem ers­ten Teaser zur Ver­fil­mung von Athos 2643, die nächs­tes Jahr ins Kino kom­men soll. Die ers­ten Bil­der gaben die Atmo­sphä­re des Buchs gut wie­der, und auch Ver­glei­che mit dem Namen der Rose (nur im Welt­raum) dürf­ten nicht zu weit her­ge­holt sein. 

Im Übri­gen gab es meist zeit­gleich mehr als ein Panel, das ich unbe­dingt sehen woll­te. Auch das macht eine gute Con aus, den­ke ich. Und nicht alles war Podi­ums­dis­kus­si­on – Kon­zer­te am Abend, die von Klas­sik (zu Ray Brad­buy) bis zu den „Gam­ma Rats“ mit cyber­punk-inspi­rier­tem 8‑Bit-Rock reich­ten; die Dis­co, zu der nicht John Scal­zi auf­leg­te; rumä­ni­sche SF-Kurz­fil­me samt der Wahr­heit über die Mond­lan­dung und Kaf­fee­klatsch ohne Kaf­fee, aber mit Autor*innen wie Charles Stross im direk­ten Aus­tausch. Oder auch eine Run­de „Turf“ rund um den Ver­an­stal­tungs­ort – all das run­de­te das Pro­gramm ab. Signiert wur­de natür­lich auch, und wer woll­te, konn­te sehr vie­le Bücher und diver­ses SF- und Fan­ta­sy-bezo­ge­ne Krims­krams erwer­ben, tie­fer in Schreib­tech­nik- und Ver­öf­fent­li­chungs­fra­gen ein­tau­chen oder sich in die mehr­stün­di­ge, aber straff gelei­te­te Mit­glie­der­ver­samm­lung des SCFD setzen.

Apro­pos Ver­an­stal­tungs­ort: das silent green in Ber­lin pass­te gan­ze her­vor­ra­gend zu die­ser Euro­Con. Ein Kre­ma­to­ri­um, Anfang des 20. Jahr­hun­derts eröff­net, in den 1990er Jah­ren um eine unter­ir­di­sche Lei­chen­hal­le erwei­tert, 2002 geschlos­sen und zum Kul­tur­quar­tier umge­baut: das wirkt erst ein­mal irri­tie­rend. Aber sowohl der his­to­ri­sche Kup­pel­saal als auch die eher bru­ta­lis­tisch wir­ken­den unter­ir­di­schen Tei­le des Ver­an­stal­tungs­or­tes har­mo­ni­sier­ten mit den The­men der Con. 

Science Fiction im Juni (und Juli) 2026

Shadows of fall VI

Über die Metro­pol­con, die ich letz­tes Wochen­en­de besuch­te, muss ich mal an ande­rer Stel­le noch schrei­ben. Erwäh­nen kann ich aber schon mal das dort ent­deck­te Sci Phi Jour­nal, ein Online-Maga­zin für phi­lo­so­phisch ange­hauch­te Sci­ence Fic­tion. Auf der Rück­fahrt aus Ber­lin habe ich etwas dar­in her­um­ge­stö­bert und war sehr angetan. 

Ange­guckt habe ich mir den Rest der zwei­ten Staf­fel von One Pie­ce (Net­flix), und fühl­te mich bei allem bun­ten Quatsch dann doch ganz gut und tief­sin­ni­ger als erwar­tet unter­hal­ten. Und außer­dem habe ich mir Paul (2011) ange­schaut (zwei Nerds fah­ren zu einer Con­ven­ti­on, kom­men an der Area 51 vor­bei und gabeln ein eher unaus­steh­li­ches Ali­en auf, mit dem sie ein Road Movie erle­ben). Eher Fan Ser­vice, aber ganz amüsant. 

Gele­sen habe ich zum einen den gera­de her­aus­ge­kom­me­nen neu­en Mur­der­bot-Roman von Mar­tha Wells (Plat­form Decay, 2026). Eine Ret­tungs­mis­si­on auf einem rie­si­gen Orbi­tal­ring geht erst ein­mal ziem­lich schief. Neben dem Innen­le­ben von Mur­der­bot (und eini­gen Über­le­gun­gen zu Befrei­ungs­be­we­gun­gen) fand ich hier vor allem das World­buil­ding inter­es­sant – so ein Orbi­tal ist sehr, sehr groß und bie­tet Platz für ganz unter­schied­li­che Interieurs …

Vor allem habe ich den Juni und den Juli bis jetzt aber damit zuge­bracht, Ken Lius Dan­de­l­ion-Dynasty-Epos zu Ende zu lesen. Und, wow, ich bin beein­druckt! Vor­ne­weg: Epos ist hier wört­lich zu neh­men. Wäh­rend der ers­te Band, The Grace of Kings (2015), 640 Sei­ten hat­te, und der zwei­te, The Wall of Storms (2016), den ich im April gele­sen habe, bei 880 Sei­ten raus­kommt, bil­den der drit­te und der vier­te Band zusam­men eine Geschich­te. The Vei­led Thro­ne (2021) und Spea­king Bones (2022) kom­men zusam­men auf gut 2000 Sei­ten. Das ist lang, und manch­mal nimmt Liu auch eher unge­wöhn­li­che Abzwei­gun­gen (etwa, wenn es auf vie­len Sei­ten um die Aus­ein­an­der­set­zung zwei­er kon­kur­rie­ren­der Restau­rants geht). Kate­go­ri­siert wird die Dan­de­l­ion Dynasty von Liu als Silk­punk. Gemeint ist mit Silk­punk hier dann doch etwas mehr, als dass gro­ße Tei­le der Geschich­te in einer Art Asi­en spie­len, Sei­de als Schrift­trä­ger und als Grund­la­ge der „silkmo­tic force“ – elek­tri­scher Ladung – die Basis für vie­le Erfin­dun­gen und Ele­men­te die­ser Welt dar­stellt. Und ja, so eine Art Dra­chen tau­chen auch auf. Genau­so gut jedoch könn­te das Epos als lan­ge, lan­ge Aus­ein­an­der­set­zung um die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen von Poli­tik ver­stan­den wer­den. (Oder, um noch­mal Liu selbst zu fol­gen, als Re-Inter­pre­ta­ti­on des ame­ri­ka­ni­schen Grün­dungs­my­thos vor dem Hin­ter­grund des han-chi­ne­si­schen Impe­ri­ums, und spricht von einer Remy­tho­lo­gi­sie­rung der Moder­ne – spannend). 

Eini­ge Cha­rak­te­re spie­len sehr lan­ge Spie­le, ande­re kämp­fen heiß­blü­tig für Refor­men, und wie­der ande­re erle­ben Intri­gen und gera­ten wider Wil­len in Posi­tio­nen der Macht. Oder, noch­mal anders beschrie­ben, geht es im drit­ten und vier­ten Band der Dan­de­l­ion Dynasty dar­um, wie der Kreis­lauf aus Erobe­rung, Gräu­el­ta­ten, Trau­ma und Rache ver­las­sen wer­den kann. Den, das zeich­net die­se Bücher aus: Han­deln hat hier Kon­se­quen­zen, man­che gute Tat zieht viel spä­ter schreck­li­che Fol­gen nach sich. Die ver­schie­de­nen Phi­lo­so­phien und Gott­hei­ten von Lius Welt wir­ken genau­so lebens­echt wie die fan­tas­ti­sche Tier­welt die­ser Inseln (und des Kon­ti­nents hin­ter dem Sturmwall). 

Der lan­ge Bogen die­ser 2000 Sei­ten erzählt, wie es nach der Inva­si­on der Lyu­cu im Reich Dara wei­ter­geht. Wir fol­gen den ver­schlun­ge­nen Pfa­den von Kuni Garus Kin­dern und Kai­se­rin Jia. Timu ver­schlägt es als Kon­sor­te der Pékyu Tan­va­na­ki in die von Lyu­cu erober­ten Inseln Dasu und Rui (Ukyu-taa­sa bzw. „unre­de­e­med Dasu“, je nach poli­ti­scher Sicht­wei­se), Thé­ra geht den „inter­es­san­ten Weg“ hin­ter den Sturm­wall nach Ukyu-Gon­dé, um die Agon – die dor­ti­gen Gegen­spie­ler der Lyu­cu, die die­sen von außen sehr ähn­lich wir­ken – als Ver­bün­de­te zu gewin­nen (und es kommt natür­lich anders als gedacht), Kron­prinz Phy­ro wird von sei­ner Stief­mut­ter Jia vom Thron fern­ge­hal­ten und Fara, Deck­na­me „Dan­de­l­ion“, die wir als klei­ne Schwes­ter ken­nen­ge­lernt haben, wür­de sich am liebs­ten Kunst und Male­rei wid­men. Und das ist nur ein klei­ner Teil der han­deln­den Per­so­nen – Zomi Kido­su taucht eben­so auf die wie wild zusam­men­ge­wür­fel­te „Blos­som Gang“, deren Talen­te zusam­men die Welt ver­än­dern könn­ten. Und und und. (Und neben arran­gier­ten, poli­ti­schen Hei­ra­ten gibt es auch die eine oder ande­re Liebesgeschichte.)

Ken Liu selbst spricht auf sei­ner Web­site davon, dass es ihm hier um „Ingenieur*innen statt Magier*innen“ geht – die auf das zurück­grei­fen, was mit west­li­chem Blick als „asia­tisch“ gele­sen wird:

„In the silk­punk world of my novels, this view of tech­no­lo­gy is domi­nant. The voca­bu­la­ry of the tech­no­lo­gy lan­guage reli­es on mate­ri­als of his­to­ri­cal importance to the peo­p­le of East Asia and the Paci­fic islands: bam­boo, shells, coral, paper, silk, fea­thers, sinew, etc. The grammar of the lan­guage puts more empha­sis on biomimetics–the air­ships regu­la­te their lift by ana­lo­gy with the swim blad­ders of fish, and the sub­ma­ri­nes move like wha­les through the water. The engi­neers are cele­bra­ted as gre­at artists who trans­form the exis­ting lan­guage and evol­ve it toward ever more beau­tiful forms.“

Kurz gesagt: „It’s epic fan­ta­sy with a hea­vy dose of sci­fi — I mean, Luan Zya lite­ral­ly pro­claims, ‘the uni­ver­se is kno­wa­ble,’ a mani­festo of the sci­en­ti­fic view of the cosmos.“

(In Ukyu-Gon­dé kom­men, um das zu ergän­zen, dann Kno­chen, Seh­nen und ande­re Kör­per­tei­le der Gari­na­fin und ande­rer Tie­re als Mate­ri­al zum Ein­satz – pas­send zur kul­tu­rel­len Spra­che die­ses Kontinents.)

Wer sich auf die Dan­de­l­ion Dynasty ein­lässt, erlebt vie­le Stun­den in einer plau­si­blen, aber kul­tu­rell ande­ren Regeln fol­gen­den Welt.Gleichzeitig ist das Buch auch da rea­lis­tisch, wo es um Gräu­el geht – aus einer Ideo­lo­gie der kul­tu­rel­len Rein­heit erwächst ein Ter­ror­re­gime, Ver­rat endet blu­tig, und bei aller Nach­voll­zieh­bar­keit der Moti­ve (und Begeis­te­rung über die dahin­ter ste­hen­de Inge­nieurs­kunst) blei­ben Waf­fen Waf­fen. Das Ende – Vignet­ten zei­gen, wie sich die Welt von Dara Jahr­zehn­te nach dem „Ende“ der Hand­lung wei­ter­ent­wi­ckelt hat – ver­söhnt dann eini­ger­ma­ßen. Viel­leicht steckt in die­sem Epos hier sogar der Kern einer rea­lis­ti­schen Uto­pie („mel­ding past-reinter­pre­ta­ti­on with future-hopecrafting“).