Kurz: Nichtstandardhaushalte und Netflix

Nur, weil’s mir gra­de mal wie­der auf­fällt – an zwei Orten zu woh­nen, und z.B. tech­ni­sche Gerä­te zu haben, die an dem einen oder an dem ande­ren Ort befind­lich sind, zum Bei­spiel aus Grün­den eines Patch­work­fa­mi­li­en­mo­dells oder berufs­be­ding­tem Pen­delns oder … ist für vie­le Insti­tu­tio­nen immer noch arg unge­wöhn­lich. Wobei z.B. Finanz­äm­ter da fast fle­xi­bler sind als Net­flix. Zumin­dest, wenn die ges­tern ver­brei­te­ten Gerüch­te und Ankün­di­gun­gen stim­men, dass Net­flix zur Ver­mei­dung von Zugangs­codesha­ring Haus­halt und IP-Adres­sen gleich­setzt. Nur, was im loka­len Netz ein­ge­bun­den ist, gehört zum Haus­halt. An Ort A. Ort B ist undenk­bar, und alles, was mobil geschieht, wird maxi­mal unpraktisch. 

Ich den­ke ja noch, dass das kei­nen Bestand haben wird, weil’s ein­fach für zu vie­le Men­schen nicht zu deren Lebens­mo­del­len passt. We will see. 

P.S.: Pas­send dazu.

Meine generelle Unzufriedenheit mit dem Jahr 2022

Orange gray, Gundelfingen - V

Das Jahr 2022 lässt mich unzu­frie­den zurück. Nicht so sehr auf das Pri­vat­le­ben bezo­gen – Kin­der und Kat­zen gedei­hen, im Gar­ten wuchs es im Som­mer, ich habe wei­ter­hin eine span­nen­de Arbeit in der grü­nen Land­tags­frak­ti­on – son­dern im Gro­ßen und Gan­zen. Und die­ses Gefühl der Unzu­frie­den­heit zieht sich auch durch mein Blog. 

Natür­lich gibt es offen­sicht­li­che Grün­de dafür. Der 24. Febru­ar mit dem rus­si­schen Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne ist der sicht­bars­te die­ser Grün­de. Wir erle­ben Welt­ge­schich­te, die Zei­ten­wen­de ist immer prä­sent. Die­ser Krieg führt zu viel­fach mul­ti­pli­zier­tem Leid in der Ukrai­ne. Dane­ben wirkt ver­nach­läs­sig­bar, dass er auch bedeu­tet, dass lan­ge geheg­te Über­zeu­gun­gen über den Hau­fen gewor­fen wer­den müs­sen. Und ja: das müs­sen sie. Schön ist das trotz­dem nicht.

„Mei­ne gene­rel­le Unzu­frie­den­heit mit dem Jahr 2022“ weiterlesen

Traummaschinen, träumende Maschinen, Maschinenträume

Aure­lia auri­ta, CC0 Mar­tin Thoma

Ver­mut­lich wird im Rück­blick das Jahr 2022 das Jahr der Künst­li­che-Intel­li­genz-ver­än­dert-unser-Leben-Essays sein. Und es gibt ein paar Stan­dard­for­ma­te für die­se Essays – das eine ist der kom­plett von ChatGPT geschrie­be­ne Text, das ande­re die gro­ße Tech­nik­kri­tik samt Rau­nen dar­über, was mensch­li­che Krea­ti­vi­tät nun wirk­lich aus­macht, das drit­te der Hype-Arti­kel dar­über, dass sich jetzt wirk­lich alles ändert.

Und ja, ChatGPT und die gan­zen ande­ren gene­ra­ti­ven Model­le – die Bil­d­er­zeu­gung mit Sta­ble Dif­fu­si­on, Mid­jour­ney oder Dall‑E; die Über­set­zung mit DeepL – all das fühlt sich schon sehr nach Zukunft an. Als 2007 das iPho­ne auf den Markt kam, war nicht so ganz klar, dass es den Mobil­ge­rä­te­markt kom­plett umkrem­peln wür­de, das unter einem Smart­pho­ne nicht ein Tas­ten­te­le­fon mit Bild­schirm zu ver­ste­hen ist, son­dern ein uni­ver­sell nutz­ba­rer Com­pu­ter in einem Soft­ware­gar­ten, der zur Not auch ein Tele­fon sein kann. Im nach­hin­ein betrach­tet hat das iPho­ne mas­siv etwas ver­än­dert. Unser Zugang zur Welt ist ein klei­ner schwar­zer Bild­schirm in der Hosen­ta­sche oder Hand­ta­sche, egal ob mit iOS oder Android als Betriebs­sys­tem. Das ist das Gerät, mit dem wir im Inter­net unter­wegs sind, Fahr­kar­ten kau­fen, uns ori­en­tie­ren, die Uhr­zeit able­sen, Fit­ness­wer­te spei­chern und natür­lich stän­dig und über­all Fotos und Vide­os machen.

Für mich fühlt ChatGPT sich ein biss­chen so an, als ob damit ein ähn­li­cher Umbruch ver­bun­den sein könn­te. Viel­leicht liegt die­ses Gefühl auch dar­an, dass ich mit Siri und Ale­xa (und erst recht nicht mit Cor­ta­na) nie warm gewor­den bin; was hier noch als Ope­nAI-Feld­ver­such und wis­sen­schaft­li­ches Expe­ri­ment läuft, und noch ziem­lich feh­ler­an­fäl­lig und gera­de stark über­las­tet ist, könn­te unse­ren All­tag doch ganz erheb­lich verändern. 

„Traum­ma­schi­nen, träu­men­de Maschi­nen, Maschi­nen­träu­me“ weiterlesen

Work in progress: Computergestützte Kommunikation gestern und heute

In einem Anflug von Irri­ta­ti­on dar­über, wie vie­le Men­schen sich, wenn sie sich auf­grund der Twit­ter­däm­me­rung nach ande­ren Orten im Netz umschau­en, ohne mit den Wim­pern zu zucken, wie­der in die sel­ben Abhän­gig­kei­ten bege­ben, ohne offe­ne Schnitt­stel­len, ohne Open-Source-Code, ohne Inter­ope­ra­bi­li­tät – ja, ich spre­che hier von post.news und Hive und der­glei­chen mehr -, habe ich ges­tern Abend mal nach einer Zeit­li­nie der unter­schied­li­chen Platt­for­men und Sys­te­me gesucht. Und weil ich bis auf die­se schö­ne Gra­fik erst ein­mal nichts gefun­den habe, habe ich dann „schnell mal eben“ selbst eine Zeit­li­nie zusam­men­ge­bas­telt. Das gab rege Reak­tio­nen (Debat­te auf Mastodon hier und auf Twit­ter hier), und mir sind dabei drei Din­ge klar geworden:

1. Sozia­le Netz­wer­ke im wei­te­ren Sin­ne sind kei­ne ganz neue Erfin­dung, son­dern beglei­ten als Mai­ling­lis­ten, BBS-Sys­te­me, als Use­net oder als Chat-Platt­form wie IRC unse­re ver­netz­te Com­pu­ter­nut­zung schon ziem­lich lange.

2. Wenn ich mich näher damit befas­sen wol­len wür­de, wäre es gut, für Ord­nung zu sor­gen und zu über­le­gen, was ich eigent­lich mei­ne, wenn ich von sozia­len Netz­wer­ken spre­che. Was unter­schei­det Twit­ter von Face­book, was Face­book von ICQ, und was ICQ von Goog­le Groups? Und wie weit soll das eigent­lich gefasst wer­den – sind You­tube, Tin­der, Wer­kennt­wen, Stay­Friends und Lamb­da­MOO auch sozia­le Netzwerke?

3. Für die meis­ten sozia­len Netz­wer­ke (was auch immer dar­un­ter zu ver­ste­hen ist), sind die Anfangs­da­ten (ers­te Nut­zung, wann wur­de die Fir­ma gegrün­det, wann kam das Pro­dukt auf den Markt, …) gut doku­men­tiert, auch die Wiki­pe­dia ist hier sehr hilf­reich. Viel weni­ger klar ist das Ende sozia­ler Netz­wer­ke. Eini­ge Diens­te wur­den ein­ge­stellt (Orkut zum Bei­spiel, oben grau dar­ge­stellt), ande­re schei­nen auch heu­te noch zu exis­tie­ren, sind aber aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung kom­plett ver­schwun­den (FIDO­Net beispielsweise). 

Was ich jetzt wei­ter mit die­sem Impuls, zurück zu gucken, anfan­ge, ist mir noch nicht ganz klar. Jeden­falls: es gab ein Leben vor Twit­ter, und es wird ein Leben nach Twit­ter geben. Bis dahin sam­me­le ich mal wei­ter – etwas über­sicht­li­cher als die Gra­fik oben hier bei Datawrap­per. Tipps und Hin­wei­se ger­ne in den Kommentaren. 

Early days of a better nation

Viel­leicht zuviel Pathos, aber ein klei­nes biss­chen fühlt Mastodon sich so an. Den unter @_tillwe_ ange­leg­ten Account nut­ze ich inzwi­schen rege, etwa ein Vier­tel der Men­schen, denen ich auf Twit­ter fol­ge, habe ich im Fedi­ver­se auch schon gefun­den. Und neben mastodon.social habe ich auf freiburg.social (unter till­we) eben­falls einen Account ange­legt, der aber bis­her noch brach­liegt. Viel­leicht zie­he ich noch von da nach dort um – eine loka­le Instanz passt eigent­lich bes­ser zum Kon­zept hin­ter Mastodon als ein gro­ßer Ser­ver. Oder ich nut­ze das als Zweit­ac­count. Twit­ter jeden­falls brennt.

Ers­te Ein­drü­cke von Mastodon: nach den ers­ten Tagen, in denen mei­ne Time­li­ne von Twit­ter-nach-Mastodon-Umzugde­bat­ten etc. domi­niert war, wird es nach und nach inter­es­san­ter. Weni­ger inter­na­tio­nal, weni­ger Poli­tik (bei­des: bis­her noch, ändert sich), ein biss­chen mehr Nerd­zeug, ein biss­chen mehr lin­ke Sze­ne. Unter­schie­de in der dis­kur­si­ven Pra­xis: die Leu­te ver­su­chen, freund­li­cher zu sein; es gibt mehr Zei­chen pro Nach­richt; Cont­ent­war­nun­gen wer­den rela­tiv inten­siv genutzt, Quo­te-Tweets von eini­gen ver­misst. Span­nen­de Debat­ten dar­über, wie weit die Mastodon-Dis­kus­si­ons­kul­tur kon­tra­pro­duk­tiv ist: füh­ren Cont­ent­war­nun­gen zu The­men wie Ras­sis­mus dazu, das die­ser unsicht­bar gemacht wird? Und was ist mit die­sen omi­nö­sen Instan­zen-Blocks – eini­ge Instan­zen schei­nen alles zu blo­cken, was zu groß ist, wo der/die Admin nicht die exakt rich­ti­ge Ein­stel­lung hat, wo das fal­sche gesagt wird. Gefühlt: hier ruckelt sich gera­de noch eini­ges zu recht. 

Uto­pi­scher Dri­ve beim Blick auf das Poten­zi­al eines föde­rier­ten sozia­len Netz­werks. Das gemein­sa­me Pro­to­koll Acti­vi­ty­Pub heißt, dass Mastodon-Instan­zen mit allen ande­ren die­sem Pro­to­koll fol­gen­den Ser­vern kom­mu­ni­zie­ren kön­nen. Neben den ger­ne hoch­ge­hal­te­nen Fedi­ver­se-Bei­spie­len, die Insta­gram (Pixel­fed) und You­tube (Peertu­be) nach­bau­en sol­len, ist das bei­spiels­wei­se auch die­ses Blog hier, das unter @till­we alle Bei­trä­ge auch im Fedi­ver­se ver­füg­bar hält. RSS, nur uni­ver­sa­ler und inter­ak­ti­ver. Oder Ple­ro­ma (ein ande­re Soft­ware für „Twitter“-artige Instan­zen). Und weil alle auf das glei­che Pro­to­koll zurück­grei­fen, ist es mög­lich, über unter­schied­li­che „Platt­for­men“ hin­weg Men­schen und Din­gen zu fol­gen. Zudem bedeu­tet die­ser Auf­bau, das ganz unter­schied­li­che Apps genutzt wer­den können.

Span­nend wird es, wenn „kom­mer­zi­el­le“ Instan­zen dazu­kom­men – dann dürf­te es ziem­lich hef­ti­ge Kul­tur­krie­ge dazu geben, ob die­se ein­ge­bun­den („föde­riert“) oder geblockt wer­den. Im Zwei­fel gibt es die Mög­lich­keit, das sozia­le Netz­werk (aller­dings nicht den alten Con­tent) halb­au­to­ma­tisch umzu­zie­hen oder eben Accounts auf meh­re­ren Instan­zen anzulegen.

Fühlt sich alles ein biss­chen wie die frü­hen 2000er Jah­re an, als das auf einem gemein­sa­men offe­nen Pro­to­koll auf­bau­en­de World Wide Web mit ganz unter­schied­li­chen Ser­vern und Brow­sern anfing, für brei­te­re Mas­sen inter­es­sant zu wer­den. Ich bin gespannt, was hier noch pas­siert – tech­nisch wie kulturell.

Und: die letz­ten Jah­ren waren von einem Hype um Web 3.0 und Block­chains dis­kur­siv über­la­gert. Das, was die Web‑3.0‑Jünger*innen ver­spre­chen, wird zu einem Teil von dem jetzt Sicht­bar­keit bekom­men­den Fedi­ver­se längst gelie­fert – mit instan­zen­be­zo­ge­ner Authen­ti­fi­zie­rung und ganz ohne Block­chain. Und an Nach­rich­ten­aus­tausch statt an finan­zi­el­len Mikro­trans­ak­tio­nen als Modell orientiert. 

Also: extrem viel Poten­zi­al, und ich bin sehr gespannt, was dar­aus noch wird. Der Kauf und die Brand­schat­zung von Twit­ter durch Elon Musk als Kata­ly­sa­tor für ein offe­nes, nicht kom­mer­zi­el­les sozia­les Netz­werk, das noch ein biss­chen mehr kann, als nur glo­ba­le Chats zu ermög­li­chen – wer hät­te das gedacht?