Hack’in holidays

Die­se Woche sind in Baden-Würt­tem­berg Schul­fe­ri­en, und auch der Par­la­ments­be­trieb läuft etwas lang­sa­mer – des­we­gen hat­te ich vier Tage frei. Wie es sich so erge­ben hat, war ich an die­sen vier Tagen vor allem mit Tech­nik­krams beschäftigt.

1. Digital Independence Day rückt näher

Einer mei­ner pri­va­ten Rech­ner läuft aus Grün­den noch unter Win­dows 11 (der ande­re unter Linux Mint). Das inte­griert inzwi­schen One­dri­ve tief ins Sys­tem, und ja, irgend­wie ist es auch ganz prak­tisch, so eine Cloud, bei der ich dann auch in Ess­lin­gen (auf dem Linux-Rech­ner) auf Datei­en zugrei­fen kann, die hier in Gun­del­fin­gen „lie­gen“. Aber mir gefällt weder die per­spek­ti­vi­sche KI-Inte­gra­ti­on noch der Cloud-Zwang noch die Rich­tung, in die Micro­soft sich ent­wi­ckelt. Inso­fern habe ich die Feri­en­ta­ge genutzt, mei­ne Daten und Bil­der in eine eige­ne mana­ged Next­cloud zu ver­schie­ben. Das hat recht gut funk­tio­niert (auch wenn’s ein paar Stun­den gedau­ert hat), bis …

2. Nextcloud Desktop Client macht Sachen

… der Next­cloud Desk­top Cli­ent sich heu­te auf die aktu­el­le Ver­si­on 35.x aktua­li­sie­ren woll­te. Bzw. auto­ma­tisch aktua­li­siert hat. Was dann dazu führ­te, dass der Desk­top Cli­ent nicht mehr star­te­te und die Dateisystemintegration/Synchronisation erst­mal stopp­te (wie hier von jemand ande­rem beschrie­ben). Work­around: deinstal­lie­ren, 34.x instal­lie­ren und das auto­ma­ti­sche Update aus­schal­ten. Dann ging’s wieder.

3. Alternativen zu Evernote?

Der Next­cloud-Bug war beson­ders ärger­lich, weil ich mich auch hin­ge­setzt habe, und mei­ne umfang­rei­ches Ever­no­te-Archiv (größ­ten­teils ein­ge­scann­tes Zeug, Ord­ner aus drei­ßig Jah­ren usw.) expor­tiert habe. Das geht bei Ever­no­te nur Notiz­buch für Notiz­buch, und eine Syn­chro­ni­sa­ti­on muss hän­disch vor­ge­nom­men wer­den. Ten­den­zi­ell will ich weg von Ever­no­te, nicht nur wegen dem Eigen­tü­mer­wech­sel hin zu Ben­ding Spoons, son­dern auch, weil mir da inzwi­schen zu vie­le Extra-Fea­tures (mit KI) etc. auf­ge­taucht sind. Gleich­zei­tig ist’s bequem, weil a. Cloud und von über­all her zugreif­bar und b. ich einen ganz guten Work­flow eta­bliert habe (Brot­her ADS 4300N als Ein­zugs­scan­ner, das Ergeb­nis lan­det dann direkt in der Inbox von Evernote). 

Jeden­falls liegt eine aktu­el­le Kopie mei­nes Ever­no­te-Archivs nach eini­gen Stun­den Rum­kli­cken jetzt auf mei­ner Fest­plat­te (in HTML plus PDF) und in der oben genann­ten Next­cloud. Gibt es einen Cli­ent, der (auf dem Desk­top oder als Next­cloud-Inte­gra­ti­on) mit einer aus Ever­no­te expor­tie­ren Ord­ner-Struk­tur sinn­voll umge­hen kann? Auch im Sin­ne Such­funk­ti­on? Dann wäre das viel­leicht der Trop­fen, der mich ganz weg­bringt von die­ser App.

4. Foto der Woche im digitalen Bilderrahmen

Dane­ben habe ich mich mit ganz ande­ren Din­gen rum­ge­schla­gen (bzw. an ganz ande­ren Din­gen rum­ge­bas­telt). Wer mein Blog kennt, weiß, dass ich hier jede Woche ein „Foto der Woche“ ver­öf­fent­li­che. Wäre doch eigent­lich was Schö­nes für den digi­ta­len Bil­der­rah­men („Paper­less­pa­per“, basiert auf einem 7‑Farb-E-Paper; je nach Motiv und Erfolg der Ras­te­rung sieht’s mehr oder weni­ger foto­gen aus, was dort dar­ge­stellt wird). Der Bil­der­rah­men kann Web­sites ein­le­sen und dar­stel­len, und die Kate­go­rien-Sei­te zum Foto der Woche zeigt die fünf neus­ten Fotos. Inso­fern eine ein­fa­che Lösung, um neben Wet­ter und Kalen­der auch das jeweils aktu­el­le Foto zu zei­gen. Nur: ganz so hübsch ist ein auf 480 x 800 Pixeln ger­en­der­tes Blog nicht. Mit ein wenig CSS müss­te das schö­ner dar­stell­bar sein, dach­te ich mir. War es dann auch, die Lösung war aber etwas kom­pli­zier­ter – auch, weil ich gelernt haben, dass aus Sicher­heits­grün­den moder­ne Web­sites extrem emp­find­lich sind, wenn es dar­um geht, Inhal­te ande­rer Web­sites ein­zu­bet­ten und zu laden. 

Mei­ne Lösung ist nun eine klei­ne HTM­L/­Ja­va­script-Datei, die Kate­go­ri­en­sei­te ganz alt­mo­disch als IFrame ein­bin­det und die­se dann um ein Style­sheet ergänzt, das vor allem Din­ge aus­blen­det – alles bis auf die Über­schrift und das Bild des ers­tens Ein­trags der Kate­go­ri­en­sei­te. Da bei­de Datei­en in der sel­ben Domain lie­gen, darf Java­script den ein­ge­bet­te­ten Code ver­än­dern. Sobald das nicht der Fall ist, funk­tio­niert die­se Lösung nicht mehr. Und damit habe ich jetzt eine HTML-Datei, die von Paper­less­pa­per gela­den wer­den kann, und die immer das aktu­el­le Foto der Woche zeigt.

5. Apropos Foto der Woche

Die Fotos der Woche wer­den in mei­nem Blog von mei­nem Flickr-Account aus ein­ge­bun­den. Das klappt seit meh­re­ren Jah­ren sehr gut. Heu­te ist mir aller­dings auf­ge­fal­len, dass eini­ge Fotos nicht mehr ange­zeigt wer­den – evtl. lag es dar­an, dass die von Flickr ange­for­der­ten Bild­da­tei­en zu groß waren (1600 Pixel). Durch den Ein­bet­tungs­code für 800-Pixel-Bil­der ersetzt, funk­tio­niert es wieder.

6. Apropos E‑Paper

Neben diver­sen E‑Book-Lese­ge­rä­ten und dem erwähn­ten Bil­der­rah­men fiel mir ein, dass in einer Schub­la­de ja auch noch ein klei­nes altes 4,2″-Waveshare-Display liegt, das ich mal von einem Raspber­ry Pi aus ange­steu­ert hat­te. Mal zu gucken, ob es noch tut, erwies sich dann als län­ger­wie­ri­ge Ange­le­gen­heit: Hür­de 1 war die Tat­sa­che, dass ich den alten Pi nicht griff­be­reit irgend­wo lie­gen hat­te, und auf dem Pi 400 das Pro­gramm zum Ansteu­ern nicht instal­liert war. Gleich­zei­tig war bei Wavesha­re sel­ber nur die Doku­men­ta­ti­on für neue­re Model­le zu fin­den. Das Python-Pro­gramm, um auf dem E‑Paper Bil­der anzu­zei­gen, hat­te ich noch, und das ließ sich natür­lich auch auf den Pi 400 kopieren. 

Hür­de 2: mein Pro­gramm ver­wen­det ImageTk, das wie­der­um ist bei Pillow/PIL inzwi­schen? unter Debi­an? stan­dard­mä­ßig nicht ein­ge­bun­den. Nach lan­gem Rum­pro­bie­ren: es gibt ein Modul python3-pil.imagetk, das sich über sudo apt install python3-pil.imagetk instal­lie­ren lässt. Damit lief dann zumin­dest mal der Gra­fik­teil des Programms. 

Auf der ande­ren Sei­te, Hür­de 3, hat sich bei dem neue­ren Pi 400 auch eini­ges bei GPIO ver­än­dert. Nicht nur, dass die Pins über Kopf ste­hen, son­dern auch in Python ist inzwi­schen gpiozero das Sys­tem, mit dem GPIO ange­steu­ert wird, nicht mehr älte­re Libra­ri­es. Der Code für ande­re, neue­re Wavesha­re-Dis­plays zeig­te mir, wie ich die­sen Teil mei­nes Pro­gramms anpas­sen muss­te (war­um der CS-Pin nicht funk­tio­niert und im Code ent­spre­chen­de aus­kom­men­tiert ist, erschließt sich mir nicht). 

Dann ging es, Hür­de 4, nur noch dar­um, das Dis­play kor­rekt anzu­schlie­ßen. Gesagt, getan, aber da pas­sier­te nichts. Nach x Fehl­ver­su­chen ohne Erfolg fiel mir irgend­wann auf, dass eines der Kabel gar nicht am rich­ti­gen GPIO-Pin hängt (war­um auch immer, …). Das kor­ri­giert, erweck­te das Dis­play dann zum Leben – also zu zwei Drit­teln, ein Drit­tel funk­tio­nier­te nicht mehr und ließ sich nicht ansprechen. 

7. Internet of Tubes

Last but not least habe ich Zeit ver­bracht mit dem Inter­net – mit die­ser Sand­box und mit die­sem Sim­Ci­ty-wir-bau­en-ein-Netz-Spiel.

Kurz: Ungeliebte Chatbots

Einer der Neben­ef­fek­te der Zeit der gro­ßen Sprach­mo­del­le sind Chat­bots als Erst­kon­takt bzw. Ersatz für Kund*innen-Kontakt. Zumin­dest in mei­ner erwei­ter­ten Bubble kom­men die­se nicht so gut an:

Screen­shot einer Umfra­ge auf Mastodon.

Nur drei Pro­zent der Teilnehmer*innen an der Umfra­ge nut­zen Chat­bots ger­ne. Sechs Pro­zent wür­den sie ger­ne nut­zen, wenn sie bes­ser funk­tio­nie­ren wür­den, der Rest nutzt sie wider­wil­lig (16 Pro­zent) oder ver­sucht, die Nut­zung zu ver­mei­den (75 Prozent). 

Das fin­de ich durch­aus erstaun­lich für etwas, das gefühlt jede Behör­de und jedes Unter­neh­men „haben muss“. Klar, aus der Sicht der Orga­ni­sa­ti­on spart so ein „nied­rig­schwel­li­ger“ Chat Per­so­nal. Trotz­dem klingt das so, als wäre eine gut gepfleg­te Website/FAQ und ein E‑Mail-Kon­takt (und ggf. eine Tele­fon­num­mer) viel ziel­füh­ren­der als ein Bot-pop-up.

Ich wür­de ger­ne wis­sen, ob die­se Wahr­neh­mung empi­risch bestä­tigt wird, sprich, ob es Unter­su­chun­gen dazu gibt, was zu höhe­rer Kund*innen-Zufriedenheit führt. Hin­wei­se dazu ger­ne im Kommentarfeld.

Kurz: Wie halten Sie’s mit AI?

Mit einem gewis­sen Erstau­nen fällt mir immer wie­der auf, dass ich doch wei­ter­hin mit recht skep­ti­schem Blick auf AI/KI/LLMs schaue. Erstau­nen, weil ich durch­aus wahr­neh­me, dass die­se Model­le so etwas wie „instant intel­li­gence“ lie­fern. Wie auch immer sie das machen, und was auch immer das über mensch­li­che Intel­li­genz aus­sagt. Instant­kaf­fee wäre für mich eine Not­lö­sung, maxi­mal. So ähn­lich ist es hier. (Oder, um ande­re Ver­glei­che zu bemü­hen: die Plas­tik­lie­be der 1970er – und das Naturstoff-Revival).

Jeden­falls wur­de mir mei­ne Skep­sis jetzt amt­lich bestä­tigt. Unter https://bambamramfan.github.io/ai-compass/ fin­det sich ein Fra­ge­bo­gen mit 15 Fra­gen, der einen danach in einen Arche­ty­pen ein­sor­tiert. Nicht sehr wis­sen­schaft­lich, aber immer­hin. Ich fand es gut, allei­ne schon des­we­gen, weil ein paar der Fra­gen zum Nach­den­ken anre­gen, und weil deut­lich wird, dass die Hal­tung zu AI mehr­di­men­sio­nal ist und ein rei­nes Dafür/Dagegen viel zu kurz greift.

Memo to self: Query-Parameter in WordPress

Die Such­funk­ti­on im Word­Press-Dash­board ist mäch­ti­ger, als es zunächst scheint. Und zwar las­sen sich wei­te­re Query-Para­me­ter ein­fach über die URL eingeben. 

Ein Bei­spiel:

https://blog.till-westermayer.de/wp-admin/edit.php?s&post_status=all&post_type=post&action=-1&m=2014&cat=-2,-366&post_format&filter_action=Filtern&action2=-1

Das gibt im Dash­board eine Lis­te aller Bei­trä­ge zurück, die aus dem Jahr 2014 stam­men („m=2014“) – nor­ma­ler­wei­se, über das gra­fi­sche Inter­face sind hier nur ein­zel­ne Mona­te angeb­bar, z.B. „m=201401“ für Janu­ar 2014 – und die allen Kate­go­rien außer den Kate­go­rien 2 (Pho­to of the week) und 366 (Lesens­wert) ent­spre­chen („cat=-2,-366“).

https://blog.till-westermayer.de/wp-admin/edit.php?post_status=all&post_type=post&m=0&cat=15&post_format&filter_action=Filtern

Alle Bei­trä­ge der Kate­go­rie „Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett“ („cat=15“) für alle Daten („m=0“).

„Memo to self: Query-Para­me­ter in Word­Press“ wei­ter­le­sen

Blog ins Buch, die Dritte, oder: biografische Wühlarbeiten

Dotted

Eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on für bedruck­tes Papier kann ich nicht ver­heh­len. Wes­we­gen ich auch in regel­mä­ßi­gen Abstän­den auf die Idee kom­me, dass so ein Blog sich doch wun­der­bar eig­nen müss­te, in Buch­form gebracht zu wer­den. Also nicht, dass ich glau­be, dass das außer mir irgend­wen inter­es­siert. Aber trotz­dem, hät­te ich halt gerne. 

Im März 2010 bin ich das ers­te Mal auf „Blog­Boo­ker“ gesto­ßen, habe die­ses Tool nach eini­gen Expe­ri­men­ten dann aber wie­der ver­ges­sen, um es im Febru­ar 2022 erneut zu ent­de­cken. Neben gra­fi­schen Häß­lich­kei­ten erge­ben sich bei die­sem Weg vom Blog aufs Papier aller­dings zwei Pro­ble­me. Ers­tens wäre es ziem­lich viel Papier (ein paar tau­send Sei­ten), und zwei­tens, ver­bun­den damit, gibt es auch ziem­lich viel Schrott, der sich seit 2002 hier ange­sam­melt hat. In einem PDF lässt sich das noch igno­rie­ren, auch wenn dabei dann recht gro­ße Datei­en ent­ste­hen. Auf Papier: nee.

Wozu ein Tool nut­zen, wenn’s auch hand­ge­macht geht? Nach die­sem Mot­to habe ich in den letz­ten Tagen die Text­emp­feh­lun­gen aus der Sei­ten­spal­te und dann aus­ge­wähl­te und auch aus heu­ti­ger Sicht zumin­dest his­to­risch inter­es­san­te Bei­trä­ge aus den Jah­ren 2006 bis 2011 in Word gepackt – ich hat­te gewis­se Beden­ken, ob Libre­Of­fice mit die­ser Daten­men­ge klar­kommt, und fand den Weg über Scri­bus zu auf­wen­dig – und im Buch­for­mat lay­outet. Um dann fest­zu­stel­len, dass Print On Demand inzwi­schen ver­gleichs­wei­se spott­bil­lig gewor­den ist. Ich bin inso­fern gespannt dar­auf, „mein Blog“ (bzw. die genann­ten Aus­zü­ge) dem­nächst dann tat­säch­lich mal auf Papier in der Hand zu hal­ten. (Apro­pos: ich habe das Gefühl, das Word zwar bes­ser dar­in gewor­den ist, mit gro­ßen Text­men­gen und Bil­dern klar­zu­kom­men, aber bei Recht­schreib­prü­fung, diver­sen Auto­ma­tis­men und der Zwi­schen­ab­la­ge deut­lich nach­ge­las­sen hat …).

Blogtexte, Band I. Ausgewählte Texte 2008 bis 2025

Die Tex­te aus der Rand­spal­te habe ich für das Buch (→ hier als PDF) in vier Rubri­ken ein­sor­tiert. Unter Poli­ti­sche Fra­gen geht es v.a. um Bünd­nis 90/Die Grü­nen – und das Rin­gen dar­um, die ver­schie­de­nen Neu­erfin­dun­gen mei­ner Par­tei nach­zu­voll­zie­hen – mit Par­tei­en im All­ge­mei­nen, mit Baden-Würt­tem­berg und der Kli­ma­po­li­tik im Spe­zi­el­len. Zudem fin­det sich hier ein Text zum Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft und Poli­tik eben­so wie einer zum Hei­mat­be­griff. Die Kate­go­rie Sozi­al­wis­sen­schaft ent­hält eine Skiz­ze zum Ver­hält­nis von Umwelt­so­zio­lo­gie und Pra­xis­theo­rie – einen Pfad, den ich wohl wei­ter ver­folgt hät­te, wäre ich nicht „in die Poli­tik“ gewech­selt. Unter der Rubrik Netz, Medi­en und digi­ta­les Leben geht es um den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt des letz­ten Vier­tel­jahr­hun­derts – der Auf­stieg und Nie­der­gang von Twit­ter spie­gelt sich hier eben­so wider wie die in den 2020er Jah­ren plötz­lich auf den Bild­schir­men auf­tau­chen­de KI (und die Fra­ge, wie damit eigent­lich umzu­ge­hen ist). Und schließ­lich: Unter Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy fin­den sich Tex­te, die sich über­ge­ord­net – jen­seits mei­ner inzwi­schen recht regel­mä­ßi­gen monat­li­chen Rezen­sio­nen der aktu­el­len Lek­tü­re – mit Sci­ence Fic­tion auseinandersetzen. 

Blogtexte, Band II. Weitere Texte 2006 bis 2011

Wäh­rend die Samm­lung der mir wich­ti­gen Tex­te orga­nisch gewach­sen ist und eine Ten­denz zu neue­ren Bei­trä­gen auf­weist (ursprüng­lich war es mal ein „Fünf Emp­feh­lun­gen“, zu denen immer mal wie­der eine dazu kam, und eine ande­re ent­fernt wur­de), und in die­ser Aus­wahl schon bis­her und auch wei­ter­hin über die Rand­spal­te des Blogs auf­ruf­bar ist, ist das Ergeb­nis der „Wühl­ar­bei­ten“ für die Tex­te aus den Jah­ren 2006 bis 2011 (→ hier als PDF) zumin­dest für mich – und mög­li­cher­wei­se die eine oder ande­re Zeitgenoss*in – noch span­nen­der. Vie­les, was heu­te rele­vant ist, deu­te­te sich damals schon an. Man­che Debat­ten wer­den immer wie­der geführt. In ande­ren Tex­ten schim­mert ein gewis­ser Opti­mis­mus durch, der der Rea­li­tät nicht stand­ge­hal­ten hat.

Bei den poli­ti­schen Fra­gen ver­schiebt sich mein Fokus: am Anfang steht die inner­grü­ne Debat­te um das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men. Dann geht es um Lis­ten­auf­stel­lun­gen und Koali­ti­ons­bil­dun­gen, um die gro­ße netz­po­li­ti­sche Fra­ge des Jah­res 2009 (Netz­sper­ren ein­füh­ren oder rechts­wid­ri­ge Bei­trä­ge löschen? – ver­bun­den mit dem Auf­kom­men der als poten­zi­ell star­ker Kon­kur­renz emp­fun­de­nen Pira­ten­par­tei) und eini­ge hoch­schul­po­li­ti­sche Fein­schme­cker­the­men (Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung an Hoch­schu­len, die Fra­ge der Akkre­di­tie­rung im Bolo­gna-Sys­tem sowie anhand des Falls Gut­ten­berg die Pla­gi­ats­de­bat­te). Mit dem Jahr 2010 taucht die Tri­as aus grü­nem Boom, Fuku­shi­ma und Stutt­gart 21 im Blog auf. Der Wahl­kampf wird beglei­tet, genau beob­ach­tet, die Hal­tung der SPD und die Kam­pa­gne der FDP kri­tisch beäugt. Am Schluss des poli­ti­schen Bogens steht 2011 die Wahl von Win­fried Kret­sch­mann zum baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten an – samt der etwas ban­gen Fra­ge, ob er habi­tu­ell so bleibt „wie er ist“, und ob das mit der „Poli­tik des Gehört­wer­dens“ etwas wer­den kann. Bei­de Fra­gen hat die Geschich­te – aus mei­ner Sicht posi­tiv – beant­wor­tet. Und Stutt­gart 21 ist immer noch nicht fer­tig gebaut, wäh­rend der Atom­aus­stieg in Deutsch­land (fast) unum­kehr­bar scheint. 

Im The­men­feld Sozi­al­wis­sen­schaft fin­den sich Neben­pro­duk­te mei­nes spä­ter abge­bro­che­nen Pro­mo­ti­ons­vor­ha­bens. Tech­nik­so­zio­lo­gie und Pra­xis­theo­rie, Wis­sens- und Wis­sen­schafts­so­zio­lo­gie geben sich hier die Hand, in dem Ver­such, eine Theo­rie zu bas­teln, um nach­hal­ti­gen Kon­sum und öko­lo­gi­sche Lebens­sti­le erklä­ren und erfor­schen zu kön­nen. Aus heu­ti­ger Sicht inter­es­sant: ein wis­sens­so­zio­lo­gi­sches Plä­doy­er dafür, sich beim The­ma Homöo­pa­thie nicht zu ver­kämp­fen. Hier habe ich dann ande­re Pfa­de ein­ge­schla­gen, wäh­rend eine pra­xis­theo­re­ti­sche und wis­sens­so­zio­lo­gi­sche Fun­die­rung mei­ne ange­wandt-poli­ti­sche Wahr­neh­mung, wür­de ich jeden­falls behaup­ten, heu­te noch prägt.

Fast schon his­to­risch inter­es­sant dann die Bei­trä­ge im netz­po­li­ti­schen Teil. Den Anfang macht eine Doku­men­ta­ti­on eines heu­te ver­mut­lich weit­ge­hend ver­ges­se­nen poli­ti­schen Streits: die – von mir nach wie vor genutz­te – Foto­platt­form Flickr, damals zu Yahoo! gehö­rig, führ­te 2007 eine als über­grif­fig emp­fun­de­ne Rege­lung ein: als „unsafe“ oder „rest­ric­ted“ gekenn­zeich­ne­te Fotos durf­ten auf­grund einer har­ten Inter­pre­ta­ti­on lan­des­ty­pi­scher Geset­ze von Nutzer*innen, die in Sin­ga­pur, Hong­kong oder Deutsch­land regis­triert waren, nicht mehr geöff­net wer­den. Als Reak­ti­on gab es koor­di­nier­te Pro­test­ak­tio­nen, die in der Netz­öf­fent­lich­keit eine gewis­se Auf­merk­sam­keit erreg­ten. Für mich der Aus­gangs­punkt, mich mit Platt­for­men, Abhän­gig­kei­ten und social graphs zu befas­sen.

Face­book taucht 2007 als neue Platt­form auf, die damals noch Mög­lich­kei­ten bie­tet, per API Dritt­an­bie­ter-Anwen­dun­gen lau­fen zu las­sen – und fin­det sich 2010 mal wie­der im Mit­tel­punkt poli­ti­scher Auf­merk­sam­keit, weil die AGBs heim­lich geän­dert wer­den. Twit­ter kommt 2008 als Teil des ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampfs in der deut­schen poli­ti­schen Öffent­lich­keit an – das fin­det eben­so Wider­hall in mei­nem Blog wie die Social-Media-Kam­pa­gne von Barack Oba­ma und heiß dis­ku­tier­te Fra­gen, was die­se neu­en „Web 2.0“-Möglichkeiten für Wahl­kämp­fe und inner­par­tei­li­che Orga­ni­sa­ti­on bedeu­ten. Ob das „Wur­zel­werk“ (so der Name der grü­nen par­tei­in­ter­nen Platt­form bei Ein­füh­rung) eine Lösung dar­stellt? Erstaun­lich, wie schein­bar fest die sich in den Jah­ren zwi­schen 2006 und 2011 eta­blie­ren­de Web 2.0‑Infrastruktur auch heu­te noch ist: die Stra­te­gie von Goog­le (damals noch eher auf der Sei­te von not evil, trotz abseh­ba­rer Welt­herr­schafts­stra­te­gie) und die Struk­tu­rie­rung der Wiki­pe­dia sind wei­ter­hin Themen. 

Der Abschnitt endet mit zwei Tex­ten aus dem Jahr 2011, die aus heu­ti­ger Sicht auf Epo­chen­mar­ker hin­wei­sen. Das eine ist eine wis­sens­so­zio­lo­gisch begrün­de­te Aus­ein­an­der­set­zung mit Sascha Lobos Kri­tik am Exper­ten­tum als Brei­ten­sport, die in einem Plä­doy­er für Medi­en­kom­pe­tenz endet. Spä­tes­tens seit der Coro­na-Pan­de­mie leben wir in einer Welt, in der die ver­schwö­rungs­ori­en­tier­te Ver­brei­tung von Falsch­in­for­ma­tio­nen noch einem eine ganz ande­re Bedeu­tung erreicht hat.

Und der zwei­te, den Band schlie­ßen­de Text hält das selt­sa­me Gefühl fest, wie es ist, in der­sel­ben Twit­ter-Time­line zeit­gleich irrele­van­te Bana­li­tä­ten und Live-Tweets aus Utøya (dem rechts­extre­men Anschlag auf ein nor­we­gi­sches Som­mer­la­ger) wahr­zu­neh­men. „Die moder­ne Gesell­schaft kennt kei­ne Pau­sen­tas­te“, schrei­be ich da, und fra­ge mich, wie ein Umgang mit dem Ein­bruch des fas­sungs­los machen­den Schre­ckens in den All­tag aus­se­hen könnte. 

Um den Bogen von damals nach heu­te zu schla­gen: Eine Pau­sen­tas­te für den ste­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­strom haben wir noch immer nicht, bräuch­ten die­se aber drin­gen­der denn je. Und nein, damit mei­ne ich kei­ne Inter­net­sper­ren, wie wir sie heu­te in auto­kra­ti­schen Län­dern erle­ben, son­dern eine Umgangs­form mit Ter­ror, die nicht zu des­sen Wir­kungs­stei­ge­rung und auch nicht zu des­sen Nor­ma­li­sie­rung beiträgt.