Science Fiction und Fantasy – Winter Edition 2025/26

Triangles

Irgend­wie hat sich nach mei­nen letz­ten Sam­mel­re­zen­sio­nen doch eini­ges ange­sam­melt, was ich an SF und Fan­ta­sy gele­sen und ange­schaut habe. 

Inno­va­tiv fand ich Emi­ly Teshs neu­en Roman The Incan­de­s­cent (2025). Tesh hat 2024 den Hugo für ihre anti­fa­schis­ti­sche Space Ope­ra Some Despe­ra­te Glo­ry bekom­men. Ihr neu­er Roman ist etwas ganz ande­res, aber trotz­dem sehr lesens­wert. Sie selbst beschreibt ihn als „Nao­mi Novik’s Scho­lo­mance series meets Plain Bad Hero­i­nes in this sap­p­hic dark aca­de­mia fan­ta­sy“, das passt schon ganz gut. Ich hät­te noch „Hog­warts from tea­cher per­spec­ti­ve“ hin­zu­ge­fügt. Ein tra­di­ti­ons­rei­ches eng­li­sches Inter­nat, an dem Schüler*innen (vor allem aus der Ober­schicht, aber es gibt auch ein paar auf­grund beson­de­rer magi­scher Fähig­kei­ten dazu­ge­nom­me­ner Good­will-Fäl­le) neben dem übli­chen Pri­vat­schul­cur­ri­cu­lum auch die ver­schie­de­nen Arten der Magie ken­nen­ler­nen, die hier ins­be­son­de­re mit Trans­ak­tio­nen mit Dämo­nen zu tun haben. Dr. Wal­den, die Haupt­per­son, lehrt eine der Spiel­ar­ten der Magie, näm­lich „Invo­ca­ti­on“, also die Beschwö­rung. Das tut sie mit einer gewis­sen Begeis­te­rung und viel päd­ago­gi­schem Ethos – und gleich­zei­tig ist sie stell­ver­tre­ten­de Schul­lei­te­rin (o.ä.) und hat einen Hau­fen orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­ben, zu denen es gehört, das etwas anti­quier­te Dämo­nen­ab­wehr­sys­tem der Schu­le zu prü­fen und auf Stand zu brin­gen. Zeit für eine Lie­bes­ge­schich­te bleibt da eigent­lich nicht, erst recht nicht zu einer Ange­hö­ri­gen der magi­schen Poli­zei. Das ist das Spiel­feld, auf dem sich ein Roman ent­fal­tet, der nicht nur viel über Schu­le und Coming of Age zu sagen hat, son­dern auch das Gen­re „magi­sche Schu­le“ auf den Kopf stellt. Und das höchst unterhaltsam. 

The Tain­ted Cup (2024) von Robert Jack­son Ben­nett ist auf mei­ne Lese­lis­te gera­ten, weil der Roman 2025 den Hugo gewon­nen hat. Struk­tu­rell folgt es der Mur­der Mys­tery – eine so genia­le wie exen­tri­sche Detek­ti­vin Ana und ihr uner­fah­re­ren Assis­ten­ten Din (durch des­sen Augen wir die Geschich­te sehen) müs­sen einen Mord­fall lösen. Nach und nach wird deut­lich, dass es um weit­aus mehr geht als um den ver­gif­te­ten Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen, der in einer Vil­la auf­ge­fun­den wur­de, die einer ade­li­gen Fami­lie gehört: die Nach­for­schun­gen könn­ten das gan­ze Land erschüt­tern. Inno­va­tiv ist die Fan­ta­sy-Welt, das Empire of Kha­num, in die Ben­nett die­se Mur­der Mys­tery ver­legt – zum einen ist da der Kampf des Impe­ri­ums gegen die Levia­tha­ne, gewal­ti­ge See­mons­ter, die von Fes­tungs­an­la­gen und Mau­ern in den äuße­ren Pro­vin­zen auf­ge­hal­ten wer­den. Zum ande­ren ist das Grund­ele­ment, das das gan­ze Impe­ri­um durch­zieht, eine Art magi­sche Gen­tech­nik: es gibt hoch­spe­zia­li­sier­te Pflan­zen, die als Bau­ma­te­ri­al, Medi­zin oder Dieb­stahl­si­che­rung ver­wen­det wer­den. Und eine der hier­ar­chi­schen Kas­ten zielt vor allem dar­auf, bestimm­te Eigen­schaf­ten in Gene­tik von Men­schen (und Tie­ren) zu brin­gen. Dadurch hat Din ein foto­gra­fi­sches Gedächt­nis erhal­ten – ande­re sind über­mensch­lich stark, schnell oder groß. Jede die­ser Ein­grif­fe hat Neben­wir­kun­gen, aber weil die­se Ein­grif­fe so nütz­lich sind, und not­wen­dig sind, um das Impe­ri­um vor den Levia­tha­nen zu schüt­zen, wer­den die­se igno­riert. Vor die­sem Hin­ter­grund – und wäh­rend der feuch­ten Jah­res­zeit, in der die Gefahr eines Levia­than-Angriffs täg­lich wächst – wird aus dem ein­fa­chen Mord­fall die Auf­de­ckung einer Ver­schwö­rung mit­ten in impe­ria­len Ver­tei­di­gung gegen das Meer.

Kom­men wir zu Andy Weirs Pro­ject Hail Mary (2021), das schon eine Wei­le auf mei­nem Rea­der rum­lag. In gewis­ser Hin­sicht ähnelt das Buch The Mar­ti­an – ein Mann allei­ne im All, und nur mit Wis­sen­schaft und aller­lei Nerd­tum gelingt es, zu über­le­ben. In dem Fall ist der Mann ein Natur­wis­sen­schafts-Leh­rer, – sor­ry, mil­de Spoi­ler – das All irgend­wo bei Tau Ceti, und wir erle­ben live mit, wie in Flash­backs nach und nach sein Gedächt­nis zurück­kommt. Und damit auch die Auf­ga­be, die Mensch­heit vor außer­ir­di­schen Son­nen­fres­sern zu ret­ten. Dann taucht ein zwei­tes, sehr fremd­ar­ti­ges Raum­schiff auf (Hei­mat­ha­fen: Eridani 41). Das Pro­blem mit den Son­nen­fres­sern ist ver­brei­te­ter als gedacht. Gemein­sam wird eine impro­vi­sier­te Lösung gesucht (und gefun­den). In der Bewer­tung kann ich mich dem Pod­cast Das Uni­ver­sum anschlie­ßen, da tauch­te das Buch in der Jah­res­end­fol­ge näm­lich auch auf: Page­tur­ner, span­nend, sehr wis­sen­schafts­ori­en­tiert, selbst in der Rei­se mit 0,93 Pro­zent der Licht­ge­schwin­dig­keit – aber lei­der auch sehr „bud­dy movie“, der Mann kann’s, lässt sei­ne Bes­ser­wis­se­rei raus­hän­gen, und wählt als Pro­no­men für den/die Kolleg*in Ingenieur*in aus dem ande­ren Ster­nen­sys­tem der Ein­fach­heit hal­ber gleich mal „he“. Deut­scher Titel „Der Astro­naut“ (statt „Him­mel­fahrts­kom­man­do“, was viel pas­sen­der wäre), und soll wohl die­ses Jahr noch als Film in die Kinos kom­men. Wer klas­si­sche Sci­ence Fic­tion mag, wird hier gut auf­ge­ho­ben sein.

Wo ich schon bei teils irri­tie­ren­den Lese­er­fah­run­gen bin: The Socie­ty of unkno­wa­ble Objects von Gareth Brown (2025) ist eine Mischung aus Fan­tay und Agen­ten­thril­ler – Mag­da hat den Sitz ihrer Mut­ter in einer Lon­do­ner Geheim­ge­sell­schaft geerbt. Deren Auf­ga­be: magi­sche Objek­te fin­den und sicher ver­wah­ren. Die sehen aus wie all­täg­li­che Din­ge (Schach­fi­gu­ren, Bro­schen, Rin­ge, eine Land­kar­te), haben aber jeweils ihre beson­de­ren Eigen­schaf­ten. Was als Kam­mer­spiel mit teils skur­ril gezeich­ne­ten Per­sön­lich­kei­ten beginnt, endet mit wil­den Ver­fol­gungs­jag­den in Hong Kong und Ame­ri­ka, einer Lie­bes­ge­schich­te und gleich hau­fen­wei­se düs­te­ren Geheim­nis­sen. Am Schluss wis­sen wir, was der Ursprung der magi­schen Objek­te ist, und haben eine Ahnung davon, was pas­siert, wenn sie in die fal­schen Hän­de gera­ten. So ganz warm gewor­den bin ich mit dem Buch aller­dings nicht – man­ches war dann doch zu platt, die eine oder ande­re Sze­ne liest sich, als ob eine LLM an ihrer Ent­ste­hung betei­ligt gewe­sen wäre, und aus der Prä­mis­se hät­te mehr gemacht wer­den kön­nen. (Viel­leicht hät­te ich doch erst The Book of Doors von Brown lesen sol­len – das schnei­det in den Bewer­tun­gen bei Good­reads etc. deut­lich bes­ser ab und steht hier noch auf mei­ner Leseliste.)

„Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy – Win­ter Edi­ti­on 2025/26“ weiterlesen

Photo of the week: In the winter forest – X

In the winter forest - X

 
Selt­sam, wie wir ver­su­chen, den – fast, aber nicht ganz mit der Win­ter­son­nen­wen­de zusam­men­fal­len­den – Jah­res­wech­sel als Ein­schnitt und Neu­an­fang zu emp­fin­den. Klar, Feri­en und Fei­er­ta­ge tra­gen dazu bei, die ver­schie­de­nen Ritua­le auch. Den­noch geht trotz aller Böl­ler und Feu­er­wer­ke der welt­po­li­ti­sche Irr­sinn auch­am drit­ten Tag des neu­en Jah­res wei­ter, als sei nichts gewe­sen. Und die vor Weih­nach­ten lie­gen gelas­se­nen Vor­ha­ben und Pro­jek­te wol­len spä­tes­tens nach Drei­kö­nig wie­der ange­fasst wer­den. Mit etwas Glück gelingt es, zwi­schen­drin mal den Kel­ler auf­zu­räu­men – oder, wie hier am Sil­ves­ter­mor­gen im Wild­tal, spa­zie­ren zu gehen und den win­ter­li­chen Son­nen­schein zu genie­ßen und sich dar­über zu wun­dern, was die Buchen am Wald­rand so treiben. 

2025 im Blog

Reflection

Neben den Pho­tos der Woche und mei­nen fast monat­li­chen Sci­ence-Fic­tion-Rezen­sio­nen dient mein Blog ja auch dazu, fest­zu­hal­ten, was mir bedenkens‑, erin­ne­rungs- oder sonst­wie auf­he­bens­wert erscheint.

XXL? XXS? Oder doch ein ganz normal großer Landtag?

In die­ser Legis­la­tur­pe­ri­ode wur­de das Wahl­recht in Baden-Würt­tem­berg geän­dert – vom bis­he­ri­gen Ein­stim­men­wahl­recht mit Zweit­aus­zäh­lung zu einem Zwei­stim­men­wahl­recht. Dabei wur­de – anders als im aktu­el­len Bun­des­tags­wahl­recht – auf eine Kap­pung der Aus­gleichs­man­da­te oder eine Nicht­be­set­zung von Direkt­man­da­ten ver­zich­tet. Kon­kret sieht das Wahl­recht in Baden-Würt­tem­berg nun so aus:

  • Es gibt 70 Wahl­krei­se, in denen jeweils ein Direkt­man­dat ver­ge­ben wird.
  • Der Land­tag hat eine Soll­grö­ße von 120 Mandaten.
  • Die Anzahl der Man­da­te je Landesliste/Partei wird nach dem Höchst­zahl­ver­fah­ren Sain­te-Laguë/­Sche­pers ermit­telt, d.h. die erreich­ten Stim­men­zah­len wer­den für jede Lis­te der Rei­he nach durch 1, 3, 5, … geteilt und das Man­dat jeweils der aktu­el­len Höchst­zahl zuge­wie­sen, bis alle Man­da­te ver­ge­ben sind.
  • Wenn eine Par­tei mehr Direkt­man­da­te erringt, als ihr dem­nach zuste­hen, wird die Land­tags­grö­ße so lan­ge ver­grö­ßert, bis alle Man­da­te aus­ge­gli­chen sind.
  • Par­tei­en, die weni­ger als 5 % errei­chen, wer­den bei der lan­des­wei­ten Man­dats­ver­ga­be nicht berück­sich­tigt; evtl. errun­ge­ne Direkt­man­da­te wer­den von der Soll-Zahl abgezogen.
  • Wenn bei der Ver­tei­lung von Aus­gleichs­man­da­ten die Höchst­zah­len meh­re­rer Lis­ten beim letz­ten Sitz gleich sind, erhal­ten alle einen Sitz.

Die­ses Ver­fah­ren lässt sich natür­lich auch in einen Algo­rith­mus packen. Was ich getan habe – weil die FDP seit Ver­ab­schie­dung des Wahl­rechts durch die Gegend zieht und behaup­tet, dass der nächs­te Land­tag alle Dimen­sio­nen spren­gen wird und 200, ja 220 Man­da­te erhal­ten wird (Soll­zahl wie geschrie­ben: 120). 

Was stimmt: je nach­dem, wie vie­le Lis­ten ein­zie­hen und wie sich Direkt­man­da­te auf Lis­ten ver­tei­len (genau­er: je grö­ßer die Dis­kre­panz zwi­schen Zweit­stim­men und Direkt­man­da­ten ist), kann ein sehr gro­ßer Land­tag her­aus­kom­men. Sprich: wenn bei­spiels­wei­se Grü­ne 30 Pro­zent, aber kein ein­zi­ges Direkt­man­dat erzie­len, und ent­spre­chend vie­le Aus­gleichs­man­da­te ver­teilt wer­den müssen.

Ist das wahrscheinlich? 

Um das zu tes­ten, habe ich einen Rech­ner gebas­telt (der lokal in Java­script läuft, und ger­ne genutzt wer­den kann, um selbst ver­schie­de­ne Sze­na­ri­en auszuprobieren …). 

Wenn das Wahl­er­geb­nis 2021 und die dama­li­ge Direkt­man­dats­ver­tei­lung zugrun­de gelegt wird, kommt eine Land­tags­grö­ße von 156 her­aus – aktu­ell hat der Land­tag nach altem Wahl­recht 154 Man­da­te, also ein fast iden­ti­sches Ergebnis.

Wie sieht es nächs­tes Jahr im März aus? Was pas­siert, wenn die AfD viel stär­ker wird, die Lin­ke ein­zieht, die FDP (fast) aus dem Land­tag fliegt, Grü­ne Pro­zen­te ver­lie­ren usw.? 

Auch das lässt sich model­lie­ren. Und je nach­dem, wel­che Annah­men über die Ver­tei­lung der Direkt­man­da­te (Grüne/CDU/AfD) getrof­fen wer­den, kann dabei ein Land­tag her­aus­kom­men, der XXS ist. Bei­spiel: wenn die SWR-Trend-Wer­te aus dem Okto­ber genom­men wer­den, und ange­nom­men wird, dass 35 Direkt­man­da­te an die CDU gehen, 20 an Grü­ne und 15 an die AfD – dann wäre die Land­tags­grö­ße sogar genau bei den 120 Sit­zen, die das Wahl­sys­tem vorsieht.

Die sel­ben Pro­zent­wer­te, aber jetzt die Annah­me, dass 50 Direkt­man­da­te auf Grü­ne ent­fal­len (bei den im BW-Trend Okto­ber pro­gnos­ti­zier­ten nur 20 Pro­zent der Stim­men – also ein höchst unwahr­schein­li­ches Ergeb­nis!), und die rest­li­chen 20 auf die CDU (bei 29 Pro­zent der Stim­men): und schon ist der Land­tag dop­pelt so groß, und müss­te nun 231 Sit­ze umfassen. 

(Oder, um es voll­ends ins Absur­de zu stei­gern: die BW-Trend-Ergeb­nis­se, FDP lan­des­weit bei 5 Pro­zent, aber Gewin­ne­rin sämt­li­cher 70 Direkt­man­da­te. Dann hät­te der Land­tag theo­re­tisch 1279 Sit­ze. Prak­tisch haben die Par­tei­en Lis­ten, die bei 70 oder 80 Man­da­ten enden …)

Jetzt hof­fe ich, dass das Wahl­er­geb­nis im März aus grü­ner Sicht bes­ser aus­fällt als in die­ser Umfra­ge aus dem Okto­ber. Auch da gilt: solan­ge Direkt­man­da­te und Zweit­stim­men­er­geb­nis­se nicht zu weit aus­ein­an­der gehen, sind Land­tags­grö­ßen zwi­schen 130 und 160 Man­da­ten wahr­schein­lich. Das wäre in etwa der Sta­tus Quo, ein Land­tag in nor­ma­ler Grö­ße, nicht zu groß und nicht zu klein.