Aufschrieb zur Metropolcon 2026

Das ers­te Mal bei einer „Con“ war ich vor zwei Jah­ren. Das war dann gleich die rie­si­ge World­Con in Glas­gow, also das welt­wei­te Tref­fen der Sci­ence-Fic­tion- und Fan­ta­sy-Fans. Dort wur­de dafür gewor­ben, dass 2026 in Ber­lin die „Euro­Con“ statt­fin­den wer­de. Das klang inter­es­sant und geo­gra­fisch deut­lich bes­ser erreich­bar als zum Bei­spiel Seat­tle (World­Con 2025), so dass ich mich direkt mal anmel­de­te. Jetzt, im Juli 2026, mani­fes­tier­te sich die Metropolcon/EuroCon dann tat­säch­lich in Ber­lin, und mit meh­re­ren hun­dert, man­che sagen auch: knapp tau­send, ande­ren SF-Fans besuch­te ich sie. 

Heim­li­ches Mot­to „Ever­y­thing is run­ning smooth­ly“ – die Organisator*innen hat­ten ein gut gefüll­tes Pro­gramm zusam­men­ge­stellt, mit einem Mix aus deutsch­spra­chi­gen und eng­lisch­spra­chi­gen Panels. Die bei­den lite­ra­ri­schen Ehren­gäs­te, Aiki Mira und Becky Cham­bers, waren eben­falls eine sehr gute Wahl. In gewis­ser Wei­se ste­hen bei­de für den Grund­ton die­ser Metro­pol­con; viel­leicht liegt’s aber auch nur an den Panels und Ver­an­stal­tun­gen, die ich besucht habe. Aiki Mira schreibt Roma­ne und Kurz­ge­schich­ten, hat für meh­re­re davon Prei­se aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence-Fic­tion bekom­men. In Neon­grau ent­wi­ckelt sie bei­spiels­wei­se den Cyber­punk zeit­ge­nös­sisch wei­ter und sie­delt ihn in einem von Kli­ma­wan­del, AI und sozia­len Medi­en ver­än­der­ten, aber wie­der erkenn­ba­ren Ham­burg an. Becky Cham­bers ist sowohl für ihre Way­fa­rer-Serie bekannt, in der es um ganz gewöhn­li­che Men­schen am Ran­de eines galak­ti­schen Gemein­we­sens geht, als auch für die bei­den Monk-and-Robot-Bücher, Medi­ta­tio­nen über das Wesen des Menschen. 

Wie lässt sich Cyber­punk aus­brei­ten, in einer Zeit, in der „Tech­bros“ sich als größ­te Fans und Agen­ten die­ser Dys­to­pie outen? Was hat es mit ambi­ent que­er­ness auf sich, oder, wei­ter­ge­dacht, mit ambi­ent uto­pi­as, also mit dem Ver­such, Uto­pien zu erzäh­len, ohne die (lang­wei­li­ge) Uto­pie in den Mit­tel­punkt der Geschich­te zu stel­len? Und wie passt – bei Cham­bers – eine gewalt­freie Sicht auf die Welt und eine Begeis­te­rung für unse­re bio­lo­gi­sche Mit­welt zu den Erfor­der­nis­sen von Plot und Story? 

Das sind nur eini­ge der Fra­gen, die ver­tieft bespro­chen wur­den, und die mir in abge­wan­del­ter Form auch in ande­ren Panels wie­der begeg­ne­ten, etwa bei den bei­den Dis­kus­si­ons­run­den des Car­co­sa-Ver­lags zu Kim Stan­ley Robin­son und zu Ursu­la K. Le Guin. Stan­ley Robin­sons Green Earth kommt nach zehn Jah­ren in einer deut­schen Über­set­zung neu her­aus. Er selbst war per Video­schal­te aus Kali­for­ni­en zuge­schal­tet und beant­wor­te­te mun­ter Fra­gen zum Stand des Kli­ma­schut­zes und der Lie­be zu Land­schaf­ten, zu sei­ner Dar­stel­lung von Wissenschaftler*innen – hier berich­te­te er, dass er auf ganz nahe Beob­ach­tun­gen zurück­grei­fen konn­te, da sei­ne Frau lan­ge für eine natio­na­le Ein­rich­tung als Wis­sen­schaft­le­rin gear­bei­tet hat – und zur depri­mie­ren­den poli­ti­schen Lage in den USA. Im Panel zu Ursu­la K. Le Guin gab Karen Nöl­le Ein­bli­cke in die Pra­xis der Über­set­zung und Han­nes Rif­fel schil­der­te, wie er von The Dis­pos­se­sed zur Sci­ence Fic­tion und letzt­lich zu Car­co­sa kam. Und auch hier: nicht die gro­ßen Held*innen, son­dern die in der Rei­se­ta­sche mit­ge­schlepp­ten uto­pi­schen Ver­satz­stü­cke, die zusam­men dann eine Geschich­te erge­ben, die Mög­lich­keits­räu­me aufmacht. 

Aus der deutsch­spra­chi­gen Sci­ence Fic­tion bleibt mir Nils Wes­ter­boer in Erin­ne­rung – nicht nur als dies­jäh­ri­ger Kurt-Laß­witz-Preis­trä­ger, son­dern auch mit einer sze­ni­schen Lesung aus sei­nem Meis­ter­werk Lyne­ham (das nicht ganz geglück­te Ter­ra­forming von Perm aus Per­spek­ti­ve a. der Kin­der und b. der psy­cho­lo­gisch wie zeit­lich weit ent­fern­ten Mut­ter) und mit einem ers­ten Teaser zur Ver­fil­mung von Athos 2643, die nächs­tes Jahr ins Kino kom­men soll. Die ers­ten Bil­der gaben die Atmo­sphä­re des Buchs gut wie­der, und auch Ver­glei­che mit dem Namen der Rose (nur im Welt­raum) dürf­ten nicht zu weit her­ge­holt sein. 

Im Übri­gen gab es meist zeit­gleich mehr als ein Panel, das ich unbe­dingt sehen woll­te. Auch das macht eine gute Con aus, den­ke ich. Und nicht alles war Podi­ums­dis­kus­si­on – Kon­zer­te am Abend, die von Klas­sik (zu Ray Brad­buy) bis zu den „Gam­ma Rats“ mit cyber­punk-inspi­rier­tem 8‑Bit-Rock reich­ten; die Dis­co, zu der nicht John Scal­zi auf­leg­te; rumä­ni­sche SF-Kurz­fil­me samt der Wahr­heit über die Mond­lan­dung und Kaf­fee­klatsch ohne Kaf­fee, aber mit Autor*innen wie Charles Stross im direk­ten Aus­tausch. Oder auch eine Run­de „Turf“ rund um den Ver­an­stal­tungs­ort – all das run­de­te das Pro­gramm ab. Signiert wur­de natür­lich auch, und wer woll­te, konn­te sehr vie­le Bücher und diver­ses SF- und Fan­ta­sy-bezo­ge­ne Krims­krams erwer­ben, tie­fer in Schreib­tech­nik- und Ver­öf­fent­li­chungs­fra­gen ein­tau­chen oder sich in die mehr­stün­di­ge, aber straff gelei­te­te Mit­glie­der­ver­samm­lung des SCFD setzen.

Apro­pos Ver­an­stal­tungs­ort: das silent green in Ber­lin pass­te gan­ze her­vor­ra­gend zu die­ser Euro­Con. Ein Kre­ma­to­ri­um, Anfang des 20. Jahr­hun­derts eröff­net, in den 1990er Jah­ren um eine unter­ir­di­sche Lei­chen­hal­le erwei­tert, 2002 geschlos­sen und zum Kul­tur­quar­tier umge­baut: das wirkt erst ein­mal irri­tie­rend. Aber sowohl der his­to­ri­sche Kup­pel­saal als auch die eher bru­ta­lis­tisch wir­ken­den unter­ir­di­schen Tei­le des Ver­an­stal­tungs­or­tes har­mo­ni­sier­ten mit den The­men der Con. 

Science Fiction im Juni (und Juli) 2026

Shadows of fall VI

Über die Metro­pol­con, die ich letz­tes Wochen­en­de besuch­te, muss ich mal an ande­rer Stel­le noch schrei­ben. Erwäh­nen kann ich aber schon mal das dort ent­deck­te Sci Phi Jour­nal, ein Online-Maga­zin für phi­lo­so­phisch ange­hauch­te Sci­ence Fic­tion. Auf der Rück­fahrt aus Ber­lin habe ich etwas dar­in her­um­ge­stö­bert und war sehr angetan. 

Ange­guckt habe ich mir den Rest der zwei­ten Staf­fel von One Pie­ce (Net­flix), und fühl­te mich bei allem bun­ten Quatsch dann doch ganz gut und tief­sin­ni­ger als erwar­tet unter­hal­ten. Und außer­dem habe ich mir Paul (2011) ange­schaut (zwei Nerds fah­ren zu einer Con­ven­ti­on, kom­men an der Area 51 vor­bei und gabeln ein eher unaus­steh­li­ches Ali­en auf, mit dem sie ein Road Movie erle­ben). Eher Fan Ser­vice, aber ganz amüsant. 

Gele­sen habe ich zum einen den gera­de her­aus­ge­kom­me­nen neu­en Mur­der­bot-Roman von Mar­tha Wells (Plat­form Decay, 2026). Eine Ret­tungs­mis­si­on auf einem rie­si­gen Orbi­tal­ring geht erst ein­mal ziem­lich schief. Neben dem Innen­le­ben von Mur­der­bot (und eini­gen Über­le­gun­gen zu Befrei­ungs­be­we­gun­gen) fand ich hier vor allem das World­buil­ding inter­es­sant – so ein Orbi­tal ist sehr, sehr groß und bie­tet Platz für ganz unter­schied­li­che Interieurs …

Vor allem habe ich den Juni und den Juli bis jetzt aber damit zuge­bracht, Ken Lius Dan­de­l­ion-Dynasty-Epos zu Ende zu lesen. Und, wow, ich bin beein­druckt! Vor­ne­weg: Epos ist hier wört­lich zu neh­men. Wäh­rend der ers­te Band, The Grace of Kings (2015), 640 Sei­ten hat­te, und der zwei­te, The Wall of Storms (2016), den ich im April gele­sen habe, bei 880 Sei­ten raus­kommt, bil­den der drit­te und der vier­te Band zusam­men eine Geschich­te. The Vei­led Thro­ne (2021) und Spea­king Bones (2022) kom­men zusam­men auf gut 2000 Sei­ten. Das ist lang, und manch­mal nimmt Liu auch eher unge­wöhn­li­che Abzwei­gun­gen (etwa, wenn es auf vie­len Sei­ten um die Aus­ein­an­der­set­zung zwei­er kon­kur­rie­ren­der Restau­rants geht). Kate­go­ri­siert wird die Dan­de­l­ion Dynasty von Liu als Silk­punk. Gemeint ist mit Silk­punk hier dann doch etwas mehr, als dass gro­ße Tei­le der Geschich­te in einer Art Asi­en spie­len, Sei­de als Schrift­trä­ger und als Grund­la­ge der „silkmo­tic force“ – elek­tri­scher Ladung – die Basis für vie­le Erfin­dun­gen und Ele­men­te die­ser Welt dar­stellt. Und ja, so eine Art Dra­chen tau­chen auch auf. Genau­so gut jedoch könn­te das Epos als lan­ge, lan­ge Aus­ein­an­der­set­zung um die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen von Poli­tik ver­stan­den wer­den. (Oder, um noch­mal Liu selbst zu fol­gen, als Re-Inter­pre­ta­ti­on des ame­ri­ka­ni­schen Grün­dungs­my­thos vor dem Hin­ter­grund des han-chi­ne­si­schen Impe­ri­ums, und spricht von einer Remy­tho­lo­gi­sie­rung der Moder­ne – spannend). 

Eini­ge Cha­rak­te­re spie­len sehr lan­ge Spie­le, ande­re kämp­fen heiß­blü­tig für Refor­men, und wie­der ande­re erle­ben Intri­gen und gera­ten wider Wil­len in Posi­tio­nen der Macht. Oder, noch­mal anders beschrie­ben, geht es im drit­ten und vier­ten Band der Dan­de­l­ion Dynasty dar­um, wie der Kreis­lauf aus Erobe­rung, Gräu­el­ta­ten, Trau­ma und Rache ver­las­sen wer­den kann. Den, das zeich­net die­se Bücher aus: Han­deln hat hier Kon­se­quen­zen, man­che gute Tat zieht viel spä­ter schreck­li­che Fol­gen nach sich. Die ver­schie­de­nen Phi­lo­so­phien und Gott­hei­ten von Lius Welt wir­ken genau­so lebens­echt wie die fan­tas­ti­sche Tier­welt die­ser Inseln (und des Kon­ti­nents hin­ter dem Sturmwall). 

Der lan­ge Bogen die­ser 2000 Sei­ten erzählt, wie es nach der Inva­si­on der Lyu­cu im Reich Dara wei­ter­geht. Wir fol­gen den ver­schlun­ge­nen Pfa­den von Kuni Garus Kin­dern und Kai­se­rin Jia. Timu ver­schlägt es als Kon­sor­te der Pékyu Tan­va­na­ki in die von Lyu­cu erober­ten Inseln Dasu und Rui (Ukyu-taa­sa bzw. „unre­de­e­med Dasu“, je nach poli­ti­scher Sicht­wei­se), Thé­ra geht den „inter­es­san­ten Weg“ hin­ter den Sturm­wall nach Ukyu-Gon­dé, um die Agon – die dor­ti­gen Gegen­spie­ler der Lyu­cu, die die­sen von außen sehr ähn­lich wir­ken – als Ver­bün­de­te zu gewin­nen (und es kommt natür­lich anders als gedacht), Kron­prinz Phy­ro wird von sei­ner Stief­mut­ter Jia vom Thron fern­ge­hal­ten und Fara, Deck­na­me „Dan­de­l­ion“, die wir als klei­ne Schwes­ter ken­nen­ge­lernt haben, wür­de sich am liebs­ten Kunst und Male­rei wid­men. Und das ist nur ein klei­ner Teil der han­deln­den Per­so­nen – Zomi Kido­su taucht eben­so auf die wie wild zusam­men­ge­wür­fel­te „Blos­som Gang“, deren Talen­te zusam­men die Welt ver­än­dern könn­ten. Und und und. (Und neben arran­gier­ten, poli­ti­schen Hei­ra­ten gibt es auch die eine oder ande­re Liebesgeschichte.)

Ken Liu selbst spricht auf sei­ner Web­site davon, dass es ihm hier um „Ingenieur*innen statt Magier*innen“ geht – die auf das zurück­grei­fen, was mit west­li­chem Blick als „asia­tisch“ gele­sen wird:

„In the silk­punk world of my novels, this view of tech­no­lo­gy is domi­nant. The voca­bu­la­ry of the tech­no­lo­gy lan­guage reli­es on mate­ri­als of his­to­ri­cal importance to the peo­p­le of East Asia and the Paci­fic islands: bam­boo, shells, coral, paper, silk, fea­thers, sinew, etc. The grammar of the lan­guage puts more empha­sis on biomimetics–the air­ships regu­la­te their lift by ana­lo­gy with the swim blad­ders of fish, and the sub­ma­ri­nes move like wha­les through the water. The engi­neers are cele­bra­ted as gre­at artists who trans­form the exis­ting lan­guage and evol­ve it toward ever more beau­tiful forms.“

Kurz gesagt: „It’s epic fan­ta­sy with a hea­vy dose of sci­fi — I mean, Luan Zya lite­ral­ly pro­claims, ‘the uni­ver­se is kno­wa­ble,’ a mani­festo of the sci­en­ti­fic view of the cosmos.“

(In Ukyu-Gon­dé kom­men, um das zu ergän­zen, dann Kno­chen, Seh­nen und ande­re Kör­per­tei­le der Gari­na­fin und ande­rer Tie­re als Mate­ri­al zum Ein­satz – pas­send zur kul­tu­rel­len Spra­che die­ses Kontinents.)

Wer sich auf die Dan­de­l­ion Dynasty ein­lässt, erlebt vie­le Stun­den in einer plau­si­blen, aber kul­tu­rell ande­ren Regeln fol­gen­den Welt.Gleichzeitig ist das Buch auch da rea­lis­tisch, wo es um Gräu­el geht – aus einer Ideo­lo­gie der kul­tu­rel­len Rein­heit erwächst ein Ter­ror­re­gime, Ver­rat endet blu­tig, und bei aller Nach­voll­zieh­bar­keit der Moti­ve (und Begeis­te­rung über die dahin­ter ste­hen­de Inge­nieurs­kunst) blei­ben Waf­fen Waf­fen. Das Ende – Vignet­ten zei­gen, wie sich die Welt von Dara Jahr­zehn­te nach dem „Ende“ der Hand­lung wei­ter­ent­wi­ckelt hat – ver­söhnt dann eini­ger­ma­ßen. Viel­leicht steckt in die­sem Epos hier sogar der Kern einer rea­lis­ti­schen Uto­pie („mel­ding past-reinter­pre­ta­ti­on with future-hopecrafting“). 

Science Fiction und Fantasy im Mai 2026

Very little moon

Defi­ni­tiv weder Sci­ence Fic­tion noch Fan­ta­sy ist die ARTE-Doku, auf die ich auf­merk­sam gemacht wur­de, nach­dem ich auf Mast­o­don über mein Mai-Rab­bit­ho­le berich­tet hat­te. Das bestand, wie im neben­ste­hen­den Bild zu sehen, dar­in, in Brick­link Stu­dio viel Zeit damit zu ver­brin­gen, die typi­sche Archi­tek­tur von Städ­ten wie Kopen­ha­gen oder eben Ams­ter­dam in vir­tu­el­len Lego-Model­len nach­zu­bau­en. Das macht Spaß, weil anders als in rea­lem Lego a. viel Platz da ist (die aktu­el­le Datei mit über 140.000 Lego­bau­stei­nen bringt mei­nen PC dann aller­dings an sei­ne Gren­zen), b. die Model­le nichts kos­ten und c. modu­la­ri­sier­tes Bau­en ein­fach mög­lich ist. Jeden­falls führ­te das zu Tors­tens Hin­weis auf die lei­der nur noch bei You­tube und nicht mehr in der ARTE-Media­thek zu fin­den­de, drei­ein­halb­stün­di­ge Doku The Magni­fi­ci­ent Three: Ams­ter­dam – Lon­don – New York. Eigent­lich gar nicht mein Gen­re, aber dann doch ein sehr gut gemach­ter Blick auf die eng mit ein­an­der ver­wo­be­ne Geschich­te aus Kapi­ta­lis­mus, Reli­gi­ons­krie­ge, Städ­te­bau und Kolo­nia­li­sie­rung, die auch erklärt, war­um die drei Städ­te so aus­se­hen, wie sie aus­se­hen. Etwas diver­se­re Expert*innen hät­ten der Serie gut getan, aber das ist auch schon mein ein­zi­ger Kri­tik­punkt. Dan­ke also für die Empfehlung! 

Gele­sen habe ich natür­lich auch – unter ande­rem einen der dies­jäh­ri­gen Locus-Gewin­ner, näm­lich das sehr cute Comic­buch The Space Cat (2025) von Nne­di Oko­ra­for und Tana Ford. Die etwas außer­ir­di­sche Kat­ze Peri­wink­le erzählt von ihren Aben­teu­ern in den USA und in Nige­ria, und ret­tet neben­bei die Welt – es pas­siert also gar nicht so viel, trotz­dem eine sehr net­te Sache.

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Blog ins Buch, die Dritte, oder: biografische Wühlarbeiten

Dotted

Eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on für bedruck­tes Papier kann ich nicht ver­heh­len. Wes­we­gen ich auch in regel­mä­ßi­gen Abstän­den auf die Idee kom­me, dass so ein Blog sich doch wun­der­bar eig­nen müss­te, in Buch­form gebracht zu wer­den. Also nicht, dass ich glau­be, dass das außer mir irgend­wen inter­es­siert. Aber trotz­dem, hät­te ich halt gerne. 

Im März 2010 bin ich das ers­te Mal auf „Blog­Boo­ker“ gesto­ßen, habe die­ses Tool nach eini­gen Expe­ri­men­ten dann aber wie­der ver­ges­sen, um es im Febru­ar 2022 erneut zu ent­de­cken. Neben gra­fi­schen Häß­lich­kei­ten erge­ben sich bei die­sem Weg vom Blog aufs Papier aller­dings zwei Pro­ble­me. Ers­tens wäre es ziem­lich viel Papier (ein paar tau­send Sei­ten), und zwei­tens, ver­bun­den damit, gibt es auch ziem­lich viel Schrott, der sich seit 2002 hier ange­sam­melt hat. In einem PDF lässt sich das noch igno­rie­ren, auch wenn dabei dann recht gro­ße Datei­en ent­ste­hen. Auf Papier: nee.

Wozu ein Tool nut­zen, wenn’s auch hand­ge­macht geht? Nach die­sem Mot­to habe ich in den letz­ten Tagen die Text­emp­feh­lun­gen aus der Sei­ten­spal­te und dann aus­ge­wähl­te und auch aus heu­ti­ger Sicht zumin­dest his­to­risch inter­es­san­te Bei­trä­ge aus den Jah­ren 2006 bis 2011 in Word gepackt – ich hat­te gewis­se Beden­ken, ob Libre­Of­fice mit die­ser Daten­men­ge klar­kommt, und fand den Weg über Scri­bus zu auf­wen­dig – und im Buch­for­mat lay­outet. Um dann fest­zu­stel­len, dass Print On Demand inzwi­schen ver­gleichs­wei­se spott­bil­lig gewor­den ist. Ich bin inso­fern gespannt dar­auf, „mein Blog“ (bzw. die genann­ten Aus­zü­ge) dem­nächst dann tat­säch­lich mal auf Papier in der Hand zu hal­ten. (Apro­pos: ich habe das Gefühl, das Word zwar bes­ser dar­in gewor­den ist, mit gro­ßen Text­men­gen und Bil­dern klar­zu­kom­men, aber bei Recht­schreib­prü­fung, diver­sen Auto­ma­tis­men und der Zwi­schen­ab­la­ge deut­lich nach­ge­las­sen hat …).

Blogtexte, Band I. Ausgewählte Texte 2008 bis 2025

Die Tex­te aus der Rand­spal­te habe ich für das Buch (→ hier als PDF) in vier Rubri­ken ein­sor­tiert. Unter Poli­ti­sche Fra­gen geht es v.a. um Bünd­nis 90/Die Grü­nen – und das Rin­gen dar­um, die ver­schie­de­nen Neu­erfin­dun­gen mei­ner Par­tei nach­zu­voll­zie­hen – mit Par­tei­en im All­ge­mei­nen, mit Baden-Würt­tem­berg und der Kli­ma­po­li­tik im Spe­zi­el­len. Zudem fin­det sich hier ein Text zum Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft und Poli­tik eben­so wie einer zum Hei­mat­be­griff. Die Kate­go­rie Sozi­al­wis­sen­schaft ent­hält eine Skiz­ze zum Ver­hält­nis von Umwelt­so­zio­lo­gie und Pra­xis­theo­rie – einen Pfad, den ich wohl wei­ter ver­folgt hät­te, wäre ich nicht „in die Poli­tik“ gewech­selt. Unter der Rubrik Netz, Medi­en und digi­ta­les Leben geht es um den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt des letz­ten Vier­tel­jahr­hun­derts – der Auf­stieg und Nie­der­gang von Twit­ter spie­gelt sich hier eben­so wider wie die in den 2020er Jah­ren plötz­lich auf den Bild­schir­men auf­tau­chen­de KI (und die Fra­ge, wie damit eigent­lich umzu­ge­hen ist). Und schließ­lich: Unter Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy fin­den sich Tex­te, die sich über­ge­ord­net – jen­seits mei­ner inzwi­schen recht regel­mä­ßi­gen monat­li­chen Rezen­sio­nen der aktu­el­len Lek­tü­re – mit Sci­ence Fic­tion auseinandersetzen. 

Blogtexte, Band II. Weitere Texte 2006 bis 2011

Wäh­rend die Samm­lung der mir wich­ti­gen Tex­te orga­nisch gewach­sen ist und eine Ten­denz zu neue­ren Bei­trä­gen auf­weist (ursprüng­lich war es mal ein „Fünf Emp­feh­lun­gen“, zu denen immer mal wie­der eine dazu kam, und eine ande­re ent­fernt wur­de), und in die­ser Aus­wahl schon bis­her und auch wei­ter­hin über die Rand­spal­te des Blogs auf­ruf­bar ist, ist das Ergeb­nis der „Wühl­ar­bei­ten“ für die Tex­te aus den Jah­ren 2006 bis 2011 (→ hier als PDF) zumin­dest für mich – und mög­li­cher­wei­se die eine oder ande­re Zeitgenoss*in – noch span­nen­der. Vie­les, was heu­te rele­vant ist, deu­te­te sich damals schon an. Man­che Debat­ten wer­den immer wie­der geführt. In ande­ren Tex­ten schim­mert ein gewis­ser Opti­mis­mus durch, der der Rea­li­tät nicht stand­ge­hal­ten hat.

Bei den poli­ti­schen Fra­gen ver­schiebt sich mein Fokus: am Anfang steht die inner­grü­ne Debat­te um das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men. Dann geht es um Lis­ten­auf­stel­lun­gen und Koali­ti­ons­bil­dun­gen, um die gro­ße netz­po­li­ti­sche Fra­ge des Jah­res 2009 (Netz­sper­ren ein­füh­ren oder rechts­wid­ri­ge Bei­trä­ge löschen? – ver­bun­den mit dem Auf­kom­men der als poten­zi­ell star­ker Kon­kur­renz emp­fun­de­nen Pira­ten­par­tei) und eini­ge hoch­schul­po­li­ti­sche Fein­schme­cker­the­men (Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung an Hoch­schu­len, die Fra­ge der Akkre­di­tie­rung im Bolo­gna-Sys­tem sowie anhand des Falls Gut­ten­berg die Pla­gi­ats­de­bat­te). Mit dem Jahr 2010 taucht die Tri­as aus grü­nem Boom, Fuku­shi­ma und Stutt­gart 21 im Blog auf. Der Wahl­kampf wird beglei­tet, genau beob­ach­tet, die Hal­tung der SPD und die Kam­pa­gne der FDP kri­tisch beäugt. Am Schluss des poli­ti­schen Bogens steht 2011 die Wahl von Win­fried Kret­sch­mann zum baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten an – samt der etwas ban­gen Fra­ge, ob er habi­tu­ell so bleibt „wie er ist“, und ob das mit der „Poli­tik des Gehört­wer­dens“ etwas wer­den kann. Bei­de Fra­gen hat die Geschich­te – aus mei­ner Sicht posi­tiv – beant­wor­tet. Und Stutt­gart 21 ist immer noch nicht fer­tig gebaut, wäh­rend der Atom­aus­stieg in Deutsch­land (fast) unum­kehr­bar scheint. 

Im The­men­feld Sozi­al­wis­sen­schaft fin­den sich Neben­pro­duk­te mei­nes spä­ter abge­bro­che­nen Pro­mo­ti­ons­vor­ha­bens. Tech­nik­so­zio­lo­gie und Pra­xis­theo­rie, Wis­sens- und Wis­sen­schafts­so­zio­lo­gie geben sich hier die Hand, in dem Ver­such, eine Theo­rie zu bas­teln, um nach­hal­ti­gen Kon­sum und öko­lo­gi­sche Lebens­sti­le erklä­ren und erfor­schen zu kön­nen. Aus heu­ti­ger Sicht inter­es­sant: ein wis­sens­so­zio­lo­gi­sches Plä­doy­er dafür, sich beim The­ma Homöo­pa­thie nicht zu ver­kämp­fen. Hier habe ich dann ande­re Pfa­de ein­ge­schla­gen, wäh­rend eine pra­xis­theo­re­ti­sche und wis­sens­so­zio­lo­gi­sche Fun­die­rung mei­ne ange­wandt-poli­ti­sche Wahr­neh­mung, wür­de ich jeden­falls behaup­ten, heu­te noch prägt.

Fast schon his­to­risch inter­es­sant dann die Bei­trä­ge im netz­po­li­ti­schen Teil. Den Anfang macht eine Doku­men­ta­ti­on eines heu­te ver­mut­lich weit­ge­hend ver­ges­se­nen poli­ti­schen Streits: die – von mir nach wie vor genutz­te – Foto­platt­form Flickr, damals zu Yahoo! gehö­rig, führ­te 2007 eine als über­grif­fig emp­fun­de­ne Rege­lung ein: als „unsafe“ oder „rest­ric­ted“ gekenn­zeich­ne­te Fotos durf­ten auf­grund einer har­ten Inter­pre­ta­ti­on lan­des­ty­pi­scher Geset­ze von Nutzer*innen, die in Sin­ga­pur, Hong­kong oder Deutsch­land regis­triert waren, nicht mehr geöff­net wer­den. Als Reak­ti­on gab es koor­di­nier­te Pro­test­ak­tio­nen, die in der Netz­öf­fent­lich­keit eine gewis­se Auf­merk­sam­keit erreg­ten. Für mich der Aus­gangs­punkt, mich mit Platt­for­men, Abhän­gig­kei­ten und social graphs zu befas­sen.

Face­book taucht 2007 als neue Platt­form auf, die damals noch Mög­lich­kei­ten bie­tet, per API Dritt­an­bie­ter-Anwen­dun­gen lau­fen zu las­sen – und fin­det sich 2010 mal wie­der im Mit­tel­punkt poli­ti­scher Auf­merk­sam­keit, weil die AGBs heim­lich geän­dert wer­den. Twit­ter kommt 2008 als Teil des ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampfs in der deut­schen poli­ti­schen Öffent­lich­keit an – das fin­det eben­so Wider­hall in mei­nem Blog wie die Social-Media-Kam­pa­gne von Barack Oba­ma und heiß dis­ku­tier­te Fra­gen, was die­se neu­en „Web 2.0“-Möglichkeiten für Wahl­kämp­fe und inner­par­tei­li­che Orga­ni­sa­ti­on bedeu­ten. Ob das „Wur­zel­werk“ (so der Name der grü­nen par­tei­in­ter­nen Platt­form bei Ein­füh­rung) eine Lösung dar­stellt? Erstaun­lich, wie schein­bar fest die sich in den Jah­ren zwi­schen 2006 und 2011 eta­blie­ren­de Web 2.0‑Infrastruktur auch heu­te noch ist: die Stra­te­gie von Goog­le (damals noch eher auf der Sei­te von not evil, trotz abseh­ba­rer Welt­herr­schafts­stra­te­gie) und die Struk­tu­rie­rung der Wiki­pe­dia sind wei­ter­hin Themen. 

Der Abschnitt endet mit zwei Tex­ten aus dem Jahr 2011, die aus heu­ti­ger Sicht auf Epo­chen­mar­ker hin­wei­sen. Das eine ist eine wis­sens­so­zio­lo­gisch begrün­de­te Aus­ein­an­der­set­zung mit Sascha Lobos Kri­tik am Exper­ten­tum als Brei­ten­sport, die in einem Plä­doy­er für Medi­en­kom­pe­tenz endet. Spä­tes­tens seit der Coro­na-Pan­de­mie leben wir in einer Welt, in der die ver­schwö­rungs­ori­en­tier­te Ver­brei­tung von Falsch­in­for­ma­tio­nen noch einem eine ganz ande­re Bedeu­tung erreicht hat.

Und der zwei­te, den Band schlie­ßen­de Text hält das selt­sa­me Gefühl fest, wie es ist, in der­sel­ben Twit­ter-Time­line zeit­gleich irrele­van­te Bana­li­tä­ten und Live-Tweets aus Utøya (dem rechts­extre­men Anschlag auf ein nor­we­gi­sches Som­mer­la­ger) wahr­zu­neh­men. „Die moder­ne Gesell­schaft kennt kei­ne Pau­sen­tas­te“, schrei­be ich da, und fra­ge mich, wie ein Umgang mit dem Ein­bruch des fas­sungs­los machen­den Schre­ckens in den All­tag aus­se­hen könnte. 

Um den Bogen von damals nach heu­te zu schla­gen: Eine Pau­sen­tas­te für den ste­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­strom haben wir noch immer nicht, bräuch­ten die­se aber drin­gen­der denn je. Und nein, damit mei­ne ich kei­ne Inter­net­sper­ren, wie wir sie heu­te in auto­kra­ti­schen Län­dern erle­ben, son­dern eine Umgangs­form mit Ter­ror, die nicht zu des­sen Wir­kungs­stei­ge­rung und auch nicht zu des­sen Nor­ma­li­sie­rung beiträgt.

Science Fiction und Fantasy im April 2026

Rebberg, Wildtal - II

Im April habe ich tat­säch­lich nur zwei Bücher gele­sen (und auf dem Bild­schirm nur ermat­tet das ZDF-Maga­zin Roya­le kon­su­miert) – gab einer­seits ande­res, und ande­rer­seits nach 10–12-Stunden-Tagen dann auch kei­ne Muße, zu lesen. Bei­de Bücher kann ich dafür wärms­tens empfehlen.

Zum einen war dies der Nach­fol­ge­band zu Ken Lius The Grace of Kings, den ich vor neun Jah­ren gele­sen habe. Damals befürch­te­te ich, dass der zwei­te Band, The Wall of Storms (2021) die Far­ce nur als Tra­gö­die wie­der­ho­len kön­ne. In gewis­ser Wei­se tut er das auch – wir sind im „hap­py ever after“ ange­kom­men, die Dan­de­l­ion Dynasty im Insel­reich Dara ist eta­bliert, und die ers­te Hälf­te des Buchs wid­met sich vor allem den inter­nen Macht­kämp­fen am Hof – Kuni Garu ist jetzt Kai­ser Ragin, sei­ne Gefähr­tin Risa­na und Kai­se­rin Jia kämp­fen am Hof um Ein­fluss, es ist noch nicht klar, wel­cher der bei­den Prin­zen – Temu oder Phy­ro – Thron­fol­ger wird. Poli­tisch und auch sonst schlau­er als bei­de zusam­men ist Prin­zes­sin The­ra. Refor­men gehen lang­sam und schwer­fäl­lig vor­an, neue Sys­te­me wie der Ver­such, höfi­sche Vor­rech­te durch ein auf Leis­tung aus­ge­rich­te­tes Sys­tem der Beför­de­rung zu erset­zen, haben ihre ganz eige­nen Schwä­chen (und die bril­li­an­te Zomi Kido­su – aus ein­fa­cher Her­kunft, Schü­le­rin von Luan Zya – wird nur mit Tricks zur Prü­fung über­haupt zuge­las­sen). Und der eine oder ande­re abge­setz­te Ade­li­ge plant schon die Revol­te. So könn­te es wei­ter­ge­hen – wenn nicht im das Insel­reich Dara umge­ben­den „Wall of Storms“ alle paar Jah­re ein Fens­ter auf­ge­hen wür­de. Die zwei­te Hälf­te des Buchs befasst sich mit der Inva­si­on der Lyu­cu (wenn Dara für Chi­na steht, dann haben wir es hier mit Mongol*innen zu tun, nur dass die­se statt Pfer­den die bis­her glaub­wür­digs­ten Dra­chen – die Gari­na­fin – mit­brin­gen, die man sich so aus­den­ken kann). 

Stich­wort glaub­wür­di­ge Dra­chen: neben jeder Men­ge mora­lisch frag­wür­di­ger Cha­rak­te­re, die aus guten Grün­den das fal­sche (oder aus fal­sche Grün­den das rich­ti­ge) tun, und einer natu­ra­lis­ti­schen Beschrei­bung poli­ti­scher Intri­gen und mili­tä­ri­scher Tak­ti­ken legt Liu gro­ßen Wert auf die wis­sen­schaft­li­che Fun­die­rung sei­ner Geschich­te. Vie­les, was wie Magie wirkt, könn­te auch ein­fach nur Natur und Tech­nik sein. Von sei­de­ner Elek­tro­sta­tik bis hin zu den genann­ten Dra­chen­we­sen, Pflan­zen­fres­sern, in deren Mägen brenn­ba­re Gase ent­ste­hen … auch das macht den Reiz die­ses Buches aus.

Wäh­rend ich nach dem ers­ten Band eher davor zurück­ge­scheut habe, wei­ter­zu­le­sen, bin ich jetzt auf den drit­ten Band gespannt. Vor­teil des lan­gen War­tens: der liegt schon vor und kann dann in Kür­ze begon­nen werden.

Auch das zwei­te Buch, das ich im April gele­sen habe, lag schon eine Wei­le her­um – in die­sem Fall ganz wört­lich, da ich V.E. Schwabs The Fra­gi­le Threads of Power (2023) nicht als e‑Book gekauft hat­te, son­dern als gedruck­tes Buch auf Papier, das mir beim Umräu­men eines kip­pen­den To-Read-Sta­pels in die Hän­de fiel. Threads of Power ist der vier­te Band von Schwabs Dar­ker-Sha­de-of-Magic-Rei­he, die in meh­re­ren magisch mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Vari­an­ten von Lon­don spielt – unser „Grey Lon­don“, ein „Red Lon­don“, in dem Magie all­ge­gen­wär­tig ist, das „White Lon­don“, das in den ers­ten drei Bän­den zur gro­ßen Bedro­hung wur­de, und das „Black Lon­don“, wüs­te Quel­le der Magie. Es gibt unter­schied­li­che Magie­sys­te­me, je nach­dem, wel­che Ele­men­te dazu her­an­ge­zo­gen wer­den, und eini­ge weni­ge „Ant­a­ri“, die Meistermagier*innen, die die­se ver­schie­de­nen Sys­te­me ver­bin­den können. 

Threads of Power setzt nun eini­ge Jah­re nach dem Ende der ers­ten Tri­lo­gie an. In der Welt des „Red Lon­don“ ist Deli­lah Bard Kapi­tä­nin eines Mehr-oder-weni­ger-Pira­ten­schiffs, Kell Maresh ihr Gefähr­te, der wei­ter mit dem Ver­lust sei­ner magi­schen Fähig­kei­ten kämpft; sein Bru­der Rhy Maresh sitzt als König auf dem Thron, ver­hei­ra­tet mit Nadi­ya – eine poli­ti­sche Hei­rat, um eine der Adels­fa­mi­li­en ein­zu­bin­den; sei­ne Lie­be gilt wei­ter Alu­card Eme­ry, einem der Hel­den der Tri­lo­gie. Wäh­rend im roten Lon­don eine Bewe­gung der „Hand“ den König Rhy Maresh stür­zen will – Lila und Kell sol­len dem nach­ge­hen -, erweckt im wei­ßen Lon­don eine jun­ge Köni­gin Kosi­ka die Magie zu neu­em blu­ti­gen Leben – und lernt, zwi­schen Wel­ten zu wech­seln. Für mich die zen­tra­le Per­son die­ses Buchs ist aber Tes, die mit der Fähig­keit aus­ge­stat­tet ist, Magie zu sehen und zu repa­rie­ren. Sie flieht in einen Slum des roten Lon­dons, um einer poli­ti­schen Hei­rat zu ent­ge­hen, und kämpft sich dort mit einem klei­nen Tin­ker­shop durch. Bis eines Tages ein kaput­tes Arte­fakt in ihre Hän­de fällt, das alles auf den Kopf stellt.

Anders als beim Wall of Storms ist hier der Fol­ge­band lei­der noch nicht geschrie­ben, Schwab ver­folgt aktu­ell ande­re Pro­jek­te. Sehr scha­de, weil sie es ver­steht, die Fäden der ver­schie­de­nen Cha­rak­te­re – und der ver­schie­de­nen Lon­dons – meis­ter­haft zusam­men­zu­brin­gen, und ich ger­ne wis­sen wür­de, wie es nach dem Ende die­ses Ban­des wei­ter­geht, denn trotz des dich­ten Netz­werks, das sie knüpft, bleibt am Schluss eini­ges offen und ruft nach Fortsetzung.