Zeit des Virus, Update XVII

Gut einen Monat nach mei­nem letz­ten Ein­trag habe ich den Ein­druck zwei­er par­al­le­ler Wel­ten. Inzi­denz und Hos­pi­ta­li­sie­rung sind hoch, Lau­ter­bach warnt, Mas­ken­pflich­ten für den Herbst – war­um erst da? – wer­den ange­kün­digt. Gleich­zeit fin­den Fes­ti­vals, Auf­füh­run­gen und Par­tys statt, in Bus und Bahn gilt zwar nomi­nell noch eine Mas­ken­pflicht, die Quo­te derer, die sich dar­an hal­ten, sinkt aber deut­lich, und an PCR-Tests zu kom­men, ist schwie­rig. Und ja: auch ich bin zu einem Kon­zert (ca. 5% mit Mas­ke) und zu Schu­kl­thea­ter­auf­füh­run­gen (dito) gegangen.

Das Bild für die aktu­el­le Pha­se: die Leu­te hal­ten sich die Ohren zu und rufen laut »Ich kann dich nicht hören!«.

Auch uns hat Coro­na erwischt. Schul­aus­flug des 13-jäh­ri­gen mit dem ÖPNV am Frei­tag, am Sonn­tag klag­te er über Kopf­weh, Müdig­keit und war kurz dar­auf ziem­lich erle­digt – Fie­ber, Hals­weh, Kopf­weh, Erbre­chen, Schmer­zen, Angst, Brain Fog – das gan­ze elen­de Pro­gramm. Nicht schön anzu­schau­en, und trotz­dem wohl eher mild. Schnell­test erst noch nega­tiv, am nächs­ten Tag dann klar posi­tiv. Nach unge­fähr 24 Stun­den war der Spuk wie­der vor­bei, die Tests erst­mal wei­ter posi­tiv. Ein paar Tage spä­ter war dann die 16-jäh­ri­ge dran – Hals­weh, viel Schlaf, ein stoi­sches Ertra­gen … und lan­ge zehn Tage immer wie­der posi­ti­ve Schnell­tests und das Gefühl, nicht rich­tig fit zu sein.

»Zumin­dest haben wir den rich­ti­gen Zeit­punkt erwischt«, so der Tenor der Kin­der. Kurz vor den Som­mer­fe­ri­en pas­siert in der Schu­le nicht mehr viel. Und bei­de konn­ten zu ihren Thea­ter­auf­füh­run­gen, Corona/​positive Tests genau dazwi­schen gepuzzelt.

Ich selbst rech­ne­te nach den Lei­den des Jün­ge­ren fest damit, jetzt auch erwischt zu wer­den. War da nicht ein Krat­zen im Hals, das Gefühl von Unkon­zen­triert­heit und Mat­tig­keit? Wür­de das bei mir auch so hef­tig ausfallen?

Obwohl wir gemein­sam am Früh­stücks­tisch und auf dem Sofa geses­sen hat­ten, blie­ben die Schnell­tests bei mir nega­tiv. Spä­ter ver­such­ten wir dann, im Haus Mas­ken zu tra­gen, nicht gemein­sam zu essen und so wei­ter. Trotz­dem irri­tier­te mich das Aus­blei­ben des schein­bar unaus­weich­li­chen zuneh­mend. Also der Ver­such, das in einer Coro­na-Schwer­punkt­pra­xis abklä­ren zu las­sen – so, wie es in der FAQ des loka­len Gesund­heits­amts emp­foh­len wird, wenn gera­de kein Haus­arzt greif­bar ist. Nach x Ver­su­chen errei­che ich eine der Pra­xis end­lich: nur um zu erfah­ren, dass PCR-Tests auch bei Sym­pto­men erst nach Vor­lie­gen eines posi­ti­ven Schnell­tests gemacht wer­den kön­nen, neue Anweisung. 

Letzt­lich bin ich dann zu einer Schnell­test-Sta­ti­on und habe 75 Euro für einen PCR-Test gezahlt. Zu mei­ner Über­ra­schung fiel auch der nega­tiv aus; das habe ich dann mal so akzeptiert. 

Wer weni­ger pri­vi­le­giert ist, muss auf die­se Sicher­heit ver­zich­ten – und geht dann mög­li­cher­wei­se halt trotz­dem zur Arbeit, zum Ein­kau­fen oder zur Party.

Und wer gut auf­ge­passt hat, hat mit­ge­zählt: in die offi­zi­el­le Inzi­denz ist von drei Per­so­nen genau ein – nega­ti­ver – Test ein­ge­flos­sen. Bei den Kin­dern sahen wir kei­nen Sinn dar­in, mit Sym­pto­men und klar posi­ti­vem Schnell­test die Kin­der zur Ärz­tin oder zur Test­sta­ti­on zu schlep­pen. Ich ver­mu­te sehr stark, dass die offi­zi­el­le Inzi­denz gera­de sehr weit weg von der tat­säch­li­chen Zahl der Fäl­le liegt. Was nicht gut ist.

Eine sanftere Zeit

Fowl V

Krieg in Euro­pa. Eine Zei­ten­wen­de, eine neue Geo­po­li­tik. Die gro­ßen Kri­sen, die mehr und mehr den All­tag bestimmen.

Das alles ruft, um in den übli­chen Phra­sen zu blei­ben, nach »einer har­ten Hand«, nach »kla­rer Kan­te«, nach »Zumu­tun­gen und Ein­schrän­kun­gen«, oder, auf die Spit­ze getrie­ben, nach »Blut, Schweiß und Trä­nen«. Die Zei­ten­wen­de, der Bruch zwi­schen vor­her und nach­her gehört zu die­sem Inven­tar, die neue Bedeu­tung der Bun­des­wehr, und eben­so Debat­ten dar­über, ob kalt duschen, unge­heiz­te Woh­nun­gen und har­te Sank­tio­nen ange­mes­sen sind oder nicht.

In die­sem Kon­text liegt es erst ein­mal nicht nahe, über eine sanf­te­re Zeit zu spekulieren. 

Trotz­dem glau­be ich, dass es die­se Opti­on gibt. Kei­ne Angst: ich mei­ne damit nicht, jetzt ein­fühl­sam Putins ver­letz­te See­le ver­ste­hen zu wol­len und das All­heil­mit­tel »Gesprä­che« aus der 80er-Jah­re-Akten­ta­sche mit dem Frie­dens­tau­ben­auf­kle­ber zu holen. Das ist in die­ser Situa­ti­on nicht die rich­ti­ge Ant­wort, außen­po­li­tisch scheint »Stär­ke« lei­der tat­säch­lich gefragt und wirk­sam zu sein. 

Aber wen­den wir den Blick nach innen. 

Wir kom­men aus einer sehr indi­vi­dua­lis­ti­schen Epo­che. Einer Epo­che, in der Protz und Ange­be­rei für man­che zum guten Ton gehör­te. Eine, in der irgend­wie alles mög­lich war, auch des­we­gen, weil weder die Her­stel­lungs­be­din­gun­gen noch die Umwelt­fol­gen von all dem irgend­wen inter­es­sie­ren muss­ten. Wir konn­ten es uns gut gehen las­sen. Also, jeder für sich! 

Jeden­falls die, die es sich leis­ten konn­ten. Die ande­ren inter­es­sier­ten nicht. Und in den fort­schritt­li­che­ren Milieus wur­de der indi­vi­du­el­le Kon­sum in schö­ne Erd­far­ben getunkt, etwas Beige hier, etwas Oli­ve da, mit Nach­hal­tig­keits­sie­gel an der Flug­fern­rei­se und ganz viel Acht­sam­keit. Was ja letzt­lich auch nur heißt, immer und über­all die eige­nen Bedürf­nis­se erspü­ren zu können.

Unter­halb der Ober­flä­che die­ser Ästhe­tik – der bil­li­gen Kon­su­m­äs­the­tik genau­so wie der Ästhe­tik der nach­hal­ti­gen Erd­tö­ne – stand dann aber letzt­lich doch ers­tens ein Egal­sein, ein Rück­zug ins Eige­ne – hie auf der Suche nach wil­den Erleb­nis­sen, da auf der Suche nach Sinn und Fin­dung. Und zwei­tens die Melan­ge aus Abstiegs­ängs­ten (all die Debat­ten um Pre­ka­ri­sie­rung der 2000er Jah­re), der völ­lig ins Lee­re lau­fen­den Selbst­ein­schät­zung der sozia­len Lage (hal­lo, obe­re Mit­tel­schicht) und dem oft ver­steck­ten, aber immer vor­han­de­nen Kampf ums Vor­ne-mit-Dabei­sein, ums Ers­ter-Sein, ums Bes­ser-Sein, ins­be­son­de­re im Arbeits­kon­text. Oder, um wei­te­re Zeit­geist­merk­ma­le zu nen­nen: eine Zeit für NIMBY, für Trol­lerei­en im Netz samt Radi­ka­li­sie­rungs­spi­ra­le, für laut­star­ke Schlag­zei­len und bil­li­gen Humor.

Mög­li­cher­wei­se, und das mei­ne ich mit der Spe­ku­la­ti­on über sanf­te­re Zei­ten, ändert sich die­se Hal­tung gera­de grund­le­gend. Ich hal­te das für mög­lich, weil ein paar Din­ge zusammenkommen. 

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Halbjahr

Das Jahr 2022 ist schon wie­der zur Hälf­te vor­bei. Der Som­mer ist mit vol­ler Wucht da, der Gar­ten summt und blüht, die Kin­der wach­sen und gedei­hen. Und poli­tisch: grü­ne Gestal­tungs­mehr­hei­ten auf allen Ebe­nen. Alles pri­ma, also?

Lei­der fühlt sich das gar nicht so an. Die letz­ten Supre­me-Court-Ent­schei­dun­gen in den USA, die den einen oder ande­ren post-apo­ka­lyp­ti­schen SF-Roman plötz­lich ganz rea­lis­tisch erschei­nen las­sen. Der Krieg in der Ukrai­ne. Brenn­glas: Die wirt­schaft­li­chen Fol­gen der fata­len Abhän­gig­keit von Gas und Erd­öl. Der allen Kli­ma­schutz­maß­nah­men der letz­ten zwan­zig, drei­ßig Jah­re zum trotz nahe­zu line­ar wach­sen­de CO2-Aus­stoß, der von Jahr zu Jahr deut­li­che­re Fol­gen hat. Und die­se Pan­de­mie ist auch noch da, mit der Pro­gno­se eines hohen Infek­ti­ons­pla­teaus bis zum Herbst, um dann in die nächs­te »rich­ti­ge« Wel­le überzugehen.

Vor die­sem Hin­ter­grund wir­ken alle poli­ti­schen Erfol­ge klein – gesell­schafts­po­li­tisch zum Bei­spiel die Strei­chung von § 219a, die Ankün­di­gung, dass in einem Jahr ein Selbst­be­stim­mungs­ge­setz da sein soll, und auch die Schrit­te, die wir bei­spiels­wei­se im Land unter­neh­men, um ein kli­ma­neu­tra­les Baden-Würt­tem­berg hin­zu­krie­gen. Das ist ambi­tio­niert, und kommt doch zu spät, wenn die Sze­na­ri­en des IPCC stimmen. 

In der Sum­me fühlt sich Poli­tik­ma­chen gera­de sehr danach an, im hef­ti­gen Gegen­wind nicht zurück­zu­fal­len – wäh­rend gleich­zei­tig ein Abgrund auf uns alle zukommt. Oder, um ein ande­res Bild zu wäh­len: Löcher zu stop­fen, wäh­rend immer wie­der neu ent­ste­hen, und die Zahl der ver­füg­ba­ren Arme und Hän­de begrenzt ist.

Es geht dar­um, zu tun, was not­wen­dig ist (und was auf­grund all der Zwän­ge, die zu Poli­tik dazu­ge­hö­ren, von Koali­tio­nen über Haus­hal­te bis zum Meh­re­be­nen­sys­tem, dann nur in einer abge­schlif­fe­nen Form mög­lich ist). Raum dafür, zu tun, was sinn­voll wäre, aber eben nicht not­wen­dig ist, bleibt kaum.

Frü­her konn­te ich mich für Uto­pien begeis­tern, auch als Mit­tel, um zu zei­gen, dass es anders sein könn­te. Heu­te habe ich die Befürch­tung, dass jede Uto­pie als Ver­spre­chen auf eine bes­se­re Zukunft nur dazu bei­trägt, da weg­zu­se­hen, wo jetzt – eigent­lich schon vor­ges­tern – etwas getan wer­den muss. Durch­wurs­teln hat uns in die Lage gebracht, in der wir heu­te sind – und trotz­dem wäre es fatal, jetzt auf gro­ße Lösun­gen und radi­ka­le Neu­an­fän­ge zu set­zen und dar­über das, was jetzt getan wer­den kann, nicht zu tun. Es wür­de auch anders gehen, es geht auch anders. Im Detail tau­chen dann beim Weg dahin aber doch immer wie­der neue Löcher auf. Am liebs­ten da, wo es um Infra­struk­tur geht, um das Bahn­netz, um Breit­band­an­bin­dun­gen, um die gro­ßen Strom­tras­sen für ein auf Son­ne, Wind und Spei­cher set­zen­des Netz – und das sind dann alles Löcher, die eigent­lich schon vor Jah­ren hät­ten gestopft wer­den müs­sen, um jetzt han­deln zu kön­nen. Der Gegen­wind frischt wei­ter auf, der Abgrund rückt näher. 

Halb­zeit des Jah­res 2022, und ich bin mit der Lage der Welt über­haupt nicht zufrie­den. Je nach Per­spek­ti­ve mag das ein loka­ler Tief­punkt sein: der Abgrund als Tal, das im Rück­blick, wenn es denn end­lich durch­quert ist, gar nicht mehr so furcht­ein­flö­ßend aus­sieht. Eini­ges deu­tet lei­der dar­auf hin, dass die­ses Bild nicht stimmt, dass wir uns viel­mehr dar­auf ein­stel­len müs­sen, dass die bes­se­ren und küh­le­ren Jah­re auf lan­ge Zeit hin­ter uns lie­gen, und Poli­tik für eine Genera­ti­on nicht Gestal­tung bedeu­tet, son­dern per­ma­nen­ter Kampf dar­um, die rich­ti­gen Löcher zu stop­fen und dabei nicht all zu vie­le neue ent­ste­hen zu las­sen. Und das muss trotz­dem getan werden. 

Zeit des Virus, Update XVI

Opfinger See - panorama

Mein letz­tes Update zur Coro­na-Lage hat­te ich im März geschrie­ben. Und ich hat­te irgend­wie die Hoff­nung, dass das dann viel­leicht auch das letz­te Update sein könn­te, dass Coro­na tat­säch­lich irgend­wann vor­bei ist.

»Über­ra­schen­der­wei­se« ist das nicht so. Im süd­afri­ka­ni­schen Som­mer lie­fen dort die Zah­len für die Omi­kron-Vari­an­ten BA.4 und BA.5 hoch. Das wur­de mit irgend­wel­chen Beson­der­hei­ten der dor­ti­gen Demo­gra­fie wegerklärt. Vor eini­gen Wochen, in die­sem sehr hei­ßen Nord­halb­ku­gel-Som­mer, ging‘s dann in Por­tu­gal steil nach oben. Wäh­rend­des­sen dreh­te sich unse­re poli­ti­sche Dis­kus­si­on nach dem Aus­lau­fen der fünf­ten (oder sechs­ten?) Wel­le vor allem dar­um, auf den Herbst und den Win­ter vor­be­rei­tet zu sein. Schließ­lich wis­sen wir ja, dass Coro­na im Som­mer pausiert.

Seit ein paar Tagen stei­gen jetzt auch die Inzi­den­zen in Deutsch­land wie­der mas­siv an, ver­mut­lich ist die Dun­kel­zif­fer noch deut­lich höher, weil PCR-Tests kaum zu krie­gen sind. Und auch »har­te« Indi­ka­to­ren wie die Hos­pi­ta­li­sie­rung schei­nen wie­der nach oben zu gehen.

In den sequen­zier­ten Labor­pro­ben steigt der BA.4/BA.5‑Anteil von Woche zu Woche an, genau­er gesagt: er ver­dop­pelt sich wöchentlich.

Anders gesagt: die »Som­mer­wel­le« ist zur gro­ßen Über­ra­schung ins­be­son­de­re der Bun­des­po­li­tik – und hier ins­be­son­de­re der FDP – längst da. 

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Fahren ohne Führerschein …

… geht mit Bus und Bahn genau­so wie auf dem Fahr­rad. Dazu habe ich mei­nen Twit­ter-Fol­lo­wern eine Fra­ge gestellt, und fin­de – auch wenn’s nicht reprä­sen­ta­tiv ist – das Ergeb­nis doch ganz interessant.

Mit­ge­macht haben 188 Per­so­nen, das Ergeb­nis ist über die Zeit erstaun­lich sta­bil geblie­ben: Etwa ein Sechs­tel hat kei­nen Füh­rer­schein, der über­wie­gen­de Teil davon ist damit zufrie­den. Fünf Sechs­tel der Befrag­ten (83 %) haben den Füh­rer­schein gemacht. Span­nend fin­de ich den rela­tiv gro­ßen Teil der­je­ni­gen, die zwar einen Füh­rer­schein haben, die­sen aber nicht (oder sel­ten … so genau lässt sich das in einer Twit­ter-Umfra­ge nicht dif­fe­ren­zie­ren) nut­zen. Das ist immer­hin ein Drit­tel aller, die sich an der Umfra­ge betei­ligt haben. Oder anders gesagt: nur die Hälf­te der­je­ni­gen, die an der Umfra­ge teil­ge­nom­men haben, sind aktiv mit dem Auto unter­wegs. Die ande­re Hälf­te scheint ohne (selbst gefah­re­nes) Auto mobil zu sein.

Ich fin­de das span­nend, weil ich – bewusst ohne Füh­rer­schein – einer­seits immer das Gefühl habe, zu einer klei­nen Min­der­heit zu gehö­ren. Das stimmt mit Blick auf die Umfra­ge auch. Ande­rer­seits ist die­se Min­der­heit gar nicht so klein, wenn dar­auf geschaut wird, wer aktiv Auto fährt – und wer nicht. 

Eine kur­so­ri­sche Suche im Web bestä­tigt die oben genann­ten Zah­len übri­gens in etwa: Dem­nach haben etwa 17 Pro­zent der Deut­schen ab 14 Jah­ren kei­nen Füh­rer­schein. Nach die­ser Quel­le sind es 12,4 Pro­zent der Deut­schen ab 18 Jah­re. Die amt­li­che Sta­tis­tik beim Kraft­fahr­zeug­bun­des­amt hilft lei­der nicht wei­ter, da erst ab 1999 zen­tral erfasst, wer eine »Fahr­erlaub­nis« besitzt. Und Desta­tis hat zwar eine schö­ne Bro­schü­re mit ver­schie­de­nen Sta­tis­ti­ken rund um den Ver­kehr, aber auch kei­ne Aus­sa­ge zum Führerschein.

Span­nend fin­de ich die­se Zah­len auch mit Blick auf das Neun-Euro-Ticket, das ja ab 1. Juni genutzt wer­den kann. Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te – als Kom­pen­sa­ti­ons­ge­schäft zum Tan­kra­batt – ist viel­leicht kei­ne Jubel­ge­schich­te, die Fra­ge, ob es aus­fi­nan­ziert ist, ist zwi­schen Bund und Län­dern nach wie vor umstrit­ten. Und ob die Feri­en­mo­na­te und ein öffent­li­cher Dis­kurs, der vor allem die tou­ris­ti­sche Nut­zung her­vor­hebt, ide­al sind, sei auch dahin­ge­stellt. Trotz­dem ist das Neun-Euro-Ticket sowas wie ein Groß­ver­such, ob ticket­frei­er (»kos­ten­lo­ser«) Nah­ver­kehr funktioniert. 

Das Ticket hat ja meh­re­re Aspek­te: für Men­schen, die jetzt schon eine Abo-Kar­te im Nah­ver­kehr nut­zen, ist es schlicht eine deut­li­che Kos­ten­re­du­zie­rung, zumin­dest in Frei­burg, hier kann die Dif­fe­renz zum Abo­preis erstat­tet wer­den; ob alle Ver­kehrs­be­trie­be das so hand­ha­ben, weiß ich nicht. Eben­so dürf­te es bei denen aus­se­hen, die bis­her mit Ein­zel­kar­ten im ÖPNV unter­wegs waren. Auch da lohnt sich ab weni­gen Fahr­ten dann das Neun-Euro-Ticket, und auch hier ist es eher eine Kos­ten­re­du­zie­rung und damit in gewis­ser Wei­se eine sozia­le Leis­tung, ver­bun­den mit dem Vor­teil, nicht bei jeder Fahrt auf den Preis schau­en zu müs­sen, son­dern belie­big oft und über Ver­bund­gren­zen hin­weg fah­ren zu können.

Dann stellt sich die Fra­ge, ob das Ticket – ähn­lich wie beim Schö­nen-Wochen­end-Ticket der 1990er Jah­re – zusätz­li­chen Ver­kehr pro­du­ziert. Bei den Regio­nal­zü­gen der Bahn bin ich mir ziem­lich sicher, dass das der Fall sein wird. Für den All­tags­ver­kehr in den Städ­ten wäre mei­ne Ver­mu­tung, dass das eher nicht in gro­ßem Umfang der Fall sein wird. Ich hof­fe, dass irgend­wer das gut beob­ach­tet und aus­wer­tet – und dass ab Sep­tem­ber dann die rich­ti­gen Schlüs­se für einen zukunfts­fä­hi­gen Nah­ver­kehr dar­aus gezo­gen werden.

Das 365-Euro-Ticket für Jugend­li­che, das Baden-Würt­tem­berg ab März 2023 ein­führt, und das dann im gan­zen Land genutzt wer­den kann, ist ein Bei­spiel dafür, in wel­che Rich­tung es gehen kann.

Klar ist aber auch: ohne ein bes­se­res Ange­bot, dich­te­re Tak­te (ich will nicht gucken müs­sen, wann der nächs­te Bus, die nächs­te Stra­ßen­bahn fährt) und eine Kopp­lung zum Bei­spiel mit Leih­fahr­rä­dern (Fre­lo läuft hier wun­der­bar) wird es nichts mit einer dau­er­haf­ten Ver­grö­ße­rung des Teils der Men­schen, die ihren All­tags­ver­kehr ohne Auto zurücklegen.