Kurz vor dem Abflug, etwas zerzaust, mit beeindruckend viel Schnabel: eine Krähe auf einem Ast.
Science Fiction und Fantasy im April 2026
Im April habe ich tatsächlich nur zwei Bücher gelesen (und auf dem Bildschirm nur ermattet das ZDF-Magazin Royale konsumiert) – gab einerseits anderes, und andererseits nach 10–12-Stunden-Tagen dann auch keine Muße, zu lesen. Beide Bücher kann ich dafür wärmstens empfehlen.
Zum einen war dies der Nachfolgeband zu Ken Lius The Grace of Kings, den ich vor neun Jahren gelesen habe. Damals befürchtete ich, dass der zweite Band, The Wall of Storms (2021) die Farce nur als Tragödie wiederholen könne. In gewisser Weise tut er das auch – wir sind im „happy ever after“ angekommen, die Dandelion Dynasty im Inselreich Dara ist etabliert, und die erste Hälfte des Buchs widmet sich vor allem den internen Machtkämpfen am Hof – Kuni Garu ist jetzt Kaiser Ragin, seine Gefährtin Risana und Kaiserin Jia kämpfen am Hof um Einfluss, es ist noch nicht klar, welcher der beiden Prinzen – Temu oder Phyro – Thronfolger wird. Politisch und auch sonst schlauer als beide zusammen ist Prinzessin Thera. Reformen gehen langsam und schwerfällig voran, neue Systeme wie der Versuch, höfische Vorrechte durch ein auf Leistung ausgerichtetes System der Beförderung zu ersetzen, haben ihre ganz eigenen Schwächen (und die brilliante Zomi Kidosu – aus einfacher Herkunft, Schülerin von Luan Zya – wird nur mit Tricks zur Prüfung überhaupt zugelassen). Und der eine oder andere abgesetzte Adelige plant schon die Revolte. So könnte es weitergehen – wenn nicht im das Inselreich Dara umgebenden „Wall of Storms“ alle paar Jahre ein Fenster aufgehen würde. Die zweite Hälfte des Buchs befasst sich mit der Invasion der Lyucu (wenn Dara für China steht, dann haben wir es hier mit Mongol*innen zu tun, nur dass diese statt Pferden die bisher glaubwürdigsten Drachen – die Garinafin – mitbringen, die man sich so ausdenken kann).
Stichwort glaubwürdige Drachen: neben jeder Menge moralisch fragwürdiger Charaktere, die aus guten Gründen das falsche (oder aus falsche Gründen das richtige) tun, und einer naturalistischen Beschreibung politischer Intrigen und militärischer Taktiken legt Liu großen Wert auf die wissenschaftliche Fundierung seiner Geschichte. Vieles, was wie Magie wirkt, könnte auch einfach nur Natur und Technik sein. Von seidener Elektrostatik bis hin zu den genannten Drachenwesen, Pflanzenfressern, in deren Mägen brennbare Gase entstehen … auch das macht den Reiz dieses Buches aus.
Während ich nach dem ersten Band eher davor zurückgescheut habe, weiterzulesen, bin ich jetzt auf den dritten Band gespannt. Vorteil des langen Wartens: der liegt schon vor und kann dann in Kürze begonnen werden.
Auch das zweite Buch, das ich im April gelesen habe, lag schon eine Weile herum – in diesem Fall ganz wörtlich, da ich V.E. Schwabs The Fragile Threads of Power (2023) nicht als e‑Book gekauft hatte, sondern als gedrucktes Buch auf Papier, das mir beim Umräumen eines kippenden To-Read-Stapels in die Hände fiel. Threads of Power ist der vierte Band von Schwabs Darker-Shade-of-Magic-Reihe, die in mehreren magisch miteinander verbundenen Varianten von London spielt – unser „Grey London“, ein „Red London“, in dem Magie allgegenwärtig ist, das „White London“, das in den ersten drei Bänden zur großen Bedrohung wurde, und das „Black London“, wüste Quelle der Magie. Es gibt unterschiedliche Magiesysteme, je nachdem, welche Elemente dazu herangezogen werden, und einige wenige „Antari“, die Meistermagier*innen, die diese verschiedenen Systeme verbinden können.
Threads of Power setzt nun einige Jahre nach dem Ende der ersten Trilogie an. In der Welt des „Red London“ ist Delilah Bard Kapitänin eines Mehr-oder-weniger-Piratenschiffs, Kell Maresh ihr Gefährte, der weiter mit dem Verlust seiner magischen Fähigkeiten kämpft; sein Bruder Rhy Maresh sitzt als König auf dem Thron, verheiratet mit Nadiya – eine politische Heirat, um eine der Adelsfamilien einzubinden; seine Liebe gilt weiter Alucard Emery, einem der Helden der Trilogie. Während im roten London eine Bewegung der „Hand“ den König Rhy Maresh stürzen will – Lila und Kell sollen dem nachgehen -, erweckt im weißen London eine junge Königin Kosika die Magie zu neuem blutigen Leben – und lernt, zwischen Welten zu wechseln. Für mich die zentrale Person dieses Buchs ist aber Tes, die mit der Fähigkeit ausgestattet ist, Magie zu sehen und zu reparieren. Sie flieht in einen Slum des roten Londons, um einer politischen Heirat zu entgehen, und kämpft sich dort mit einem kleinen Tinkershop durch. Bis eines Tages ein kaputtes Artefakt in ihre Hände fällt, das alles auf den Kopf stellt.
Anders als beim Wall of Storms ist hier der Folgeband leider noch nicht geschrieben, Schwab verfolgt aktuell andere Projekte. Sehr schade, weil sie es versteht, die Fäden der verschiedenen Charaktere – und der verschiedenen Londons – meisterhaft zusammenzubringen, und ich gerne wissen würde, wie es nach dem Ende dieses Bandes weitergeht, denn trotz des dichten Netzwerks, das sie knüpft, bleibt am Schluss einiges offen und ruft nach Fortsetzung.
Photo of the week: Mirror lake, Stuttgart
In two minds über den Eckensee, an dem ich immer vorbei komme, wenn ich in Stuttgart zur Arbeit gehe und mal nicht im Home-Office bin. Ich verstehe ästhetisch, was er da soll, und ich bin auch bei weitem nicht der Einzige, der da gerne stehen bleibt und Fotos macht. Aber ein „See“, der mehrmals im Jahr geleert und von Schlamm und Algen befreit werden muss – das stinkt dann jedesmal erbärmlich – hm. Immerhin: diverse Wasservögel freuen sich.
Wie ein Koalitionsvertrag entsteht
Bis Freitag liefen die vierzehn inhaltlichen Arbeitsgruppen der baden-württembergischen Koalitionsverhandlungen; um 20 Uhr mussten die geeinten Papier abgegeben werden. Ich durfte dieses Jahr für die grüne Seite die Fachgruppen zu Landwirtschaft sowie zu Digitalisierung begleiten. Zu den Inhalten darf ich natürlich nichts sagen, aber ein paar Beobachtungen am Rande möchte ich doch aufschreiben.
Alles kann hochsymbolisch sein, etwa die Wahl des Ortes. Getagt wurde in der Sparkassenakademie in Stuttgart, ein von außen eher unscheinbares Gebäude am Pariser Platz in Stuttgart zwischen Bankenhochhäusern. Innen: zweckmäßig, begrünter Innenhof, viel moderne Kunst an den Wänden. Das Gebäude wird wohl normalerweise von den Sparkassen für interne Fortbildungen genutzt. In den letzten zwölf Tagen verwandelte es sich – zumindest im fünften Stock, im Rest des Hauses ging der normale Betrieb weiter – in den Ort der Koalitionsverhandlungen. Wer mag, darf Bezüge herstellen zwischen der Biografie von Manuel Hagel, der ja mal Sparkassenfilialleiter war, und diesem Ort, oder auch dazu, dass es eben weder das Haus der Architekten (grün-rote Verhandlungen) noch das Gebäude der LBBW (da wurde 2021 mit starkem grünen Übergewicht im Vertrag verhandelt) war, sondern ein neuer Ort. Aufbruch? Sparsamkeit? Oder doch: eher Zweckmäßigkeit?
Neben den eigentlichen Verhandlungsräumen, in denen sich die fachlichen Teams beider Seiten begegneten, gehört zur Infrastruktur der Verhandlungen noch einiges an Drumherum: ein Catering-Raum, in dem sich Grüne und Schwarze bei Mittag- und Abendessen trafen, Räume der grünen bzw. der CDU-Seite, jeweils ein technisches Büro für beispielsweise Ausdrucke der Texte. In den Verhandlungsräumen war das Standardsetup das von zwei sich gegenüberstehenden Tischreihen, an denen die zehn Personen (fünf Verhandler*innen, fünf Arbeitsebene) sich gegenüber saßen. Ein großer Bildschirm konnte dazu genutzt werden, Texte einzublenden.
Das Standardsetup wurde in manchen Gruppen auch variiert – etwa indem nur sechs Personen sich direkt gegenüber saßen, dahinter eine Bank für die Arbeitsebene und quer ein Tisch für das Protokoll bzw. die Notetaker. Alleine „meine“ beiden Gruppen setzten schon auf sehr unterschiedliche Arbeitsweisen. Von Kolleg*innen hörte ich weitere Varianten, wie am Schluss ein gemeinsamer Text zustande gekommen ist. Ohne in Details zu gehen: in manchen Gruppen wurde alles vor allem zwischen den beiden Leiter*innen ausgehandelt, manchmal auch im sehr kleinen Kreis. In manchen Gruppen wurde die Arbeitsebene in die Diskussion einbezogen, in anderen strikt abwechselnd und nur von der politischen Seite gesprochen. Da wurde intensive gemeinsame Textarbeit mit dem peniblen Durchgang von vorher erstellten Textvorlagen betrieben, dort eher thematisch gesprochen und am Schluss ein Protokoll erstellt.
Der Zielkorridor für das finale Produkt lag bei sieben Seiten – das zu halten, erwies sich als gar nicht so einfach. Anekdotisch: der erste halbwegs geeinte Entwurf der Landwirtschaftsgruppe lag bei 21 Seiten … (und ging an der einen oder anderen Stelle in fachliche Verästelungen, die zwar zuvor munter diskutiert worden waren, denen ich als fachlicher Laie aber nur bedingt folgen konnte – seien es Details der Stallbauförderung oder Auseinandersetzungen um die forstliche beste Praxis …).
Ebenso wie das räumliche gingen auch die zeitlichen Settings auseinander – von zwei Sitzungen in der großen Runde, dazwischen und danach im kleineren Kreis bis zu fast täglichen Sitzungen mit 20 Personen war alles dabei. Davor und dazwischen dann: interne Besprechungen, um sich über die jeweilige Linie zu verständigen, und – auf Arbeitsebene – Redaktionsarbeit im Vier- oder Achtaugenprinzip, um Texte zu kürzen und konsensfähige Formulierungen zu finden. Und zumindest für die grüne Seite, aber wohl auch bei der CDU: im Vorgang, vor dem Beginn der Verhandlungen, schon intensive Arbeit, um Positionen aus den Wahlprogrammen, die Vorgaben der Sondierungsgruppe und die im Lauf der letzten fünf Jahre gesammelten Ideen zusammen zu bringen.
Bei all dem, und bei allen harten inhaltlichen Auseinandersetzungen (nach allem, was ich höre: ganz überwiegend konstruktiv, im Übrigen) gab es auch eine gewisse gruppendynamische Annäherung, gemeinsame Heiterkeit und – so jedenfalls mein Gefühl – doch ein besseres Verständnis dafür, wie die jeweils andere Seite „tickt“.
Die in den Fachgruppen erarbeiteten Texte bilden nun die Grundlage für die Verhandlungen im Spitzenteam, in dem es darum geht, letzte Dissense zu klären und auch noch einmal auf Widersprüche zwischen den jeweils aus fachlicher Perspektive geschriebenen Textteilen zu achten. Wenn alles klappt, erblickt der Koalitionsvertrag Anfang Mai das Licht der Öffentlichkeit und liegt am 9. Mai den beiden Parteitagen zur Abstimmung vor.
Photo of the week: Pink flower – II
Aus Gründen, die mit Koa- beginnen und nichts mit in Australien lebenden, Eukalyptus fressenden Beutelbären zu tun haben, war die letzte Woche samt Wochenende bei mir sehr arbeitsintensiv. Drückt die Daumen, dass sich der Einsatz lohnt und am Schluss ein gutes Ergebnis herauskommt. Jedenfalls: deswegen erst jetzt ein Foto. Ich glaube, die Pflanze heißt Weihnachtskaktus, geblüht hat sie erst mal hinter dem Blumentopf, um nicht entdeckt zu werden, und bei genauerer Betrachtung könnten einem Zweifel kommen, ob eine solche Blüte überhaupt echt ist, so alien-geometrisch sieht sie aus.





