Ganz überwiegend habe ich den September damit zugebracht, die empfehlenswerte Valor-Serie von Tanya Huff – kanadische MilSF – zu lesen. Dazu unten mehr.
Gelesen habe ich außerdem Mary Robinette Kowals The Martian Contingency (2025), den vierten Band ihrer Lady-Astronaut-Serie. Robinette Kowal schreibt im Nachwort, dass dieser Band nicht einfach zu schreiben war. Das Ergebnis ist jedenfalls gelungen, gerade auch im Vergleich zur an der einen oder anderen Stelle erstaunlich parallel gelagerten Serie For All Mankind. Im Mittelpunkt des Buchs steht die zweite Mars-Expedition, die 100 Menschen aus unterschiedlichen Nationen auf den Mars bringen soll. Die Astronautin Dr. Elma York ist das Gesicht des internationalen Raumfahrtprogramms. In dieser Zeitlinie wurde es gegenüber unserer Wirklichkeit (und auch gegenüber For All Mankind) deutlich beschleunigt, weil ein Meteoriteneinschlag in Nordamerika eindrücklich vor Augen geführt hat, wie zerbrechlich die Erde ist. Insofern findet die Mars-Expedition hier in den späten 1960ern oder frühen 1970er Jahren statt – den Hintergrund bildet eine bunte Mischung aus Offenheit für neue Erfahrungen (indische Gewürze, arabische Musik, sexuelle Revolution) einerseits und überkommenen Moralvorstellungen, althergebrachter Politik plus Rassismus und Sexismus andererseits. Und natürlich ist auch die Technologie zwar weit fortgeschritten, was Raketen und Raumfahrt anbetrifft; gerechnet wird aber nach wie vor eher mit dem Rechenschieber. Digitale Bildübertragungen scheint es beispielsweise auch noch nicht zu geben. Während der ersten Mars-Expedition betrat York nie den Marsboden. Nun ist sie als „second in command“ gemeinsam mit ihrem Ehemann eine der zwanzig, die das Habitat wieder in Betrieb nehmen und alles für den Bau eines zweiten Habitats vorbereiten sollen. Und stellt bald fest, dass irgendetwas nicht stimmt. Diejenigen, die bei der ersten Landung dabei waren, rücken spürbar nicht mit der Wahrheit heraus, sondern halten sie außen vor. Dass nicht alles glatt läuft, und die Expedition irgendwann kurz vor dem Abbruch steht, macht es für Dr. York nicht einfacher, den Dingen auf den Grund zu gehen. Robinette Kowal versteht es, große politische Fragen und die zwischen Thriller und Detektivroman changierende Aufklärung mit lebensnahen Szenen aus dem Mars-Alltag und des Transportraumschiffes zusammenzubringen. Das ganze ist nicht nur ein Sittengemälde einer Vergangenheit, die es so nicht gab, sondern lässt sich auch mit Blick auf denen einen oder anderen heutigen Bezug lesen.
Recht gut gefallen hat mir auch der von Jonathan Strahan herausgegebene Sammelband Revolution in the Heart (2026), der aus Geschichten von 15 Autor*innen besteht, die als Hommage an Ursula K. Le Guin zu verstehen sind. Wenn ich in den Biografien nichts übersehen habe, kommen alle Autor*innen aus dem FLINTA-Spektrum; darunter große Namen wie Charlie Jane Anders, Kelly Link, Ann Leckie und Darcie Little Badger. Die Geschichten sind ganz unterschiedlich – manche beziehen sich thematisch auf Le Guin und könnten in z.B. ihr Hainish-Universum eingefügt werden, manche zitieren sie direkt, wieder andere nähern sich ihr über den Stil und die Atmosphäre an. Wenn ich versuchen würde, ein gemeinsames Fazit zu ziehen, dann das, dass es hier um humanistische spekulative Fiktion geht, und um die großen Fragen, die sich aus dem Umgang mit Unterdrückung und Aufbegehren ergeben.
Damit zu Tanya Huff und Staff Sergeant Torin Kerr, auf die ich zufällig gestoßen bin; irgendjemand hatte sich auf einem Social-Media-Kanal abfällig darüber geäußert, dass hier Gesellschaften existieren sollen, die nicht wissen, was eine Pistole ist, wenn ich es richtig zusammenbringe. In den insgesamt sieben Romanen (und einer Kurzgeschichtensammlung) ist Torin Kerr Fokuspunkt der Geschichte, die sich über ein oder zwei Jahrzehnte hinzieht. Das Setting: es gibt eine interstellare Konföderation der „elder races“, die sich im Krieg mit „the Others“ befindet, auch das, wie wir später erfahren, ein Zusammenschluss ganz unterschiedlicher Spezies. Diese „elder races“ sind friedliebend und haben längst Abschied von kriegerischen Auseinandersetzungen genommen – deswegen haben sie die Menschheit und zwei andere Spezies in die Konföderation eingeladen. Der Deal: diese bekommen Raumfahrtkapazitäten, tolle Technologien und Planeten, die sie besiedeln können, etwa Kerrs Heimatplanet „Paradise“ – dafür kämpfen Menschen, Di’Taykan und Krai für die Konföderation. Dass Di’Taykan gewisse Ähnlichkeiten mit Elfen haben (wenn diese knallbunte Haarfühler und Augen hätten, und in ihrer „Di“-Phase Sexualität in etwa so einsetzen, wie dies von Bonobonos berichtet wird), und die Krai auch für Trolle oder Kobolde gehalten werden könnten (jedenfalls haben sie fast unzerbrechliche Knochen und können so gut wie alles essen), macht die Sache nochmal interessanter. Die „middle races“ (die H’san als eigentliche „elder race“ tauchen so gut wie gar nicht auf, ziehen aber alle Fäden) haben dagegen Katzen oder Warane zum Vorbild; da oder dort wirkte das dann ein bisschen wie Urmel aus dem Eis mit sprechenden Tieren. Huff macht aber klar, dass z.B. die katzenartigen Aliens eben keine Katzen sind, auch wenn sie entsprechende Reflexe bei Menschen auslösen. Neben (Militäreinsätzen auf) Planeten nehmen Raumstationen und Raumschiffe – und ein big dumb object – eine wichtige Rolle ein, große Teile der Geschichte spielen dort.
Zur Zeit des ersten Romans zieht sich dieser Krieg schon einige Generationen hin, es gibt immer wieder harte Gefechte, neue Waffen, umstrittene Planetensysteme in den äußeren Welten etc. etc. – ein Ende oder ein Sieg der einen oder anderen Seite ist jedoch nicht in Sicht. Was diese Reihe besonders macht, ist Huffs genauer Blick – auf das Innenleben der aus den genannten drei Spezies zusammengesetzten militärischen Einheiten, aber auch auf das Verhältnis zwischen kämpfender Truppe einerseits und Offizier*innen andererseits; und den Mitteln, mit denen Kerr ihre Vorgesetzten führt und dazu bringt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Stellenweise ist das dichte Beschreibung militärischer Organisationspraktiken im etwas verfremdeten Setting. Dass ist die Bücher in meinem Urlaub in Belgien gelesen habe, der mich auch zu einem Teil des „Atlantikwalls“ führte, samt Rekonstruktion der Lebensbedingungen der damaligen Truppen, verlieh der Lektüre dann nochmals eine Besonderheit. Manchmal schreibt Huff arg formalistisch, etwa wenn sie die Besonderheiten der Di’Taykan oder Krai immer wieder mit fast wortgleichen Formulierungen einfließen lässt. Das tut der Unterhaltung – unter deren Oberfläche moralische Fragen verhandelt werden – aber keinen Abbruch.
- Valor’s Choice (2000) – Kerr ist Staff Sergeant und soll mit ihrem Marines-Platoon aus Menschen, Di’Taykan und Krai eine diplomatische Mission unterstützen, die dazu beitragen soll, Beziehungen zwischen der Konföderation und den Silsviss – brutalen Dinosaurieren – aufzubauen.
- The Better Part of Valor (2002) – Das bereits erwähnte „big dumb object“, ein großes Raumschiff, das von unbekannten Aliens zu stammen scheint, wird erforscht. Gefunden hat es ein Schrottsammler Craig Ryder (kleiner Spoiler: er wird auch in den folgenden Bänden auftauchen). Kerrs Platoon soll Wissenschaftler*innen und eine Reporterin schützen – und natürlich kommt alles anders, als man erst mal denken würde.
- The Heart of Valor (2007) – Zum Gunnery Sergeant befördert, begleitet Kerr neue Rekrut*innen zu einem Trainingsplaneten – der sich als gefährlicher als gedacht erweist.
- Valor’s Trial (2008) – Mit Blick auf die Zahl der Toten (und die Auflösung eines Rätsels, dass in den letzten drei Bänden langsam aufgebaut wurde) sicherlich der düsterste Band der Serie. Die Wikipedia beschreibt ihn als „Gunnery Sergeant Kerr fights her way out of an underground POW camp.“ – das stimmt zwar irgendwie, trifft aber den Kern nur so halb. Allerdings wäre es auch arg spoilernd, mehr dazu zu sagen.
- The Truth of Valor (2010) – Die Ereignisse des letzten Bandes haben bei Kerr ihre Spuren hinterlassen. Sie versucht, sich ein neues Leben jenseits der Marines aufzubauen – Pirat*innen machen ihr einen Strich durch die Rechnung.
- An Ancient Peace (2015) – Ex-Gunnery Sergeant Kerr leitet jetzt eine neu aufgebaute Polizeitruppe (die „Warden“), die dem Justizministerium unterstellt ist. Einer ihrer ersten Fälle: uralte Artefakte aus H’san-Gräbern – von deren Grabplanet – tauchen auf dem Schwarzmarkt auf.
- A Peace Divided (2017) – Wissenschaftler*innen, die auf einem restriktiv unter Quarantäne stehenden Planeten Ausgrabungen vornehmen, werden gekidnappt. Kerr und ihre Warden sollen sie befreien – möglichst, ohne dass Geiseln umkommen. Zugleich spinnt Huff hier mehrere Fäden zusammen, die aus den ersten Bänden bzw. aus An Ancient Peace noch offen sind.
- The Privilege of Peace (2018) – das „big dumb object“ ist wieder da – Kerr wollte damit nichts mehr zu tun haben, das Universum hat andere Pläne.
- The Shorter Parts of Valor (2022) – Kurzgeschichtensammlung; die letzte Geschichte gibt einen krassen Blick in eine mögliche Zukunft des von Huff aufgebauten Universums.
Angeguckt habe ich die dritte Staffel von Silo (Apple TV), und kann diese sehr empfehlen. Anfangs war ich skeptisch bezüglich der beiden parallel geführten Handlungsstränge. Silo spielt ja in einem unterirdischen Bunker. In dieser Staffel wird klar, dass es mehrere solche Bunker gibt, in denen jeweils 10.000 Menschen leben. In einem Strang geht es um Revolution innerhalb des Silos, und um moralische Ambivalenz, Revolten und den Kampf gegen die Silo-IT, die mit Auslöschung und Gedächtnisverlust droht, sollten die Regeln nicht eingehalten werden. Der andere Strang spielt im Amerika der nahen Zukunft, samt einer Liebesgeschichte zwischen einem jungen Abgeordneten und einer Journalistin. Erst in den letzten Folgen wird klar, wie beide Stränge zusammengehören – bitter und herzzerreißend. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung, die im nächsten Sommer laufen soll.
Ebenfalls zu Ende gegangen ist die vierte Staffel von Star Trek: Strange New Worlds (Paramount +). Ich hatte erst überlegt, dazu ausführlicher etwas zu schreiben, aber eigentlich trifft diese Kritik ganz gut meine Meinung. Tolle Charaktere, großartige Schauspieler*innen (gerade in den Herausforderungen der Quatsch-Folgen), ein spannendes und für den Anschluss an TOS klug ausgedachtes Set(ting) – aber eine sehr durchwachsene Staffel mit einigen Folgen, die einfach nicht ernst genommen werden konnten („alles nur ein Traum“), einigen Folgen, die auf seltsame Gimmicks setzen (Noir, Soap, …), um die persönliche Entwicklung von Spock, Laan, Scotty etc. plausibel zu machen – und einige richtig, richtig gute Folgen (insbesondere Orders of Magnitude, Off-Hour und Tomorrow’s Enterprise). Was ich tatsächlich auch positiv fand: dass es keinen Staffel-Bösewicht mit Bossfight am Schluss gab. Auch hier bin ich gespannt auf die fünfte und letzte Staffel, die wohl kürzer ausfällt und sich auf den Anschluss von SNW zu TOS konzentrieren wird.
















