Ein Besuch in Augsburg

Augsburg Hbf Augsburg: Fuggerei Augsburg: Hans Jakob FuggerAugsburg

Mit rund 300.000 Einwohner*innen ist Augs­burg ver­mut­lich eine der weni­gen gro­ßen deut­schen Städ­te, die ich bis­her nicht besucht habe – ein Vor­teil poli­ti­schen Enga­ge­ments besteht dar­in, zu Jugend­kon­gres­sen, Par­tei­ta­gen, Bun­des­ar­beits­ge­mein­schafts­sit­zun­gen und der­glei­chen mehr doch ziem­lich im Land her­um­zu­kom­men. War­um aller­dings der nächs­te Län­der­rat auf Rügen statt­fin­den soll – egal, ich schwei­fe ab. Zurück zu Augs­burg. Wenn ich jetzt nichts über­se­he, dann war ich Mit­te April tat­säch­lich zum ers­ten Mal in der Stadt. Eine spon­ta­ne Ent­schei­dung, von Stutt­gart aus ist es mit dem ICE ein Kat­zen­sprung. Ein paar Stun­den Mit­te April bei Nie­sel­re­gen waren jetzt nicht unbe­dingt die opti­ma­len Bedin­gun­gen, um Augs­burg ken­nen zu ler­nen, trotz­dem hal­te ich für mich schon mal fest, dass ein wei­te­rer Besuch mit mehr Zeit und bei bes­se­rem Wet­ter kei­nes­falls aus­ge­schlos­sen ist. Da scheint es eini­ges zu ent­de­cken zu geben (Fotos hier).

Aus­lö­ser für den Besuch in der schwä­bi­schen Reichs­stadt war neben all­ge­mei­ner Neu­gier­de der Wunsch, ein Gefühl dafür zu bekom­men, was in die­ser Stadt im 15. Jahr­hun­dert pas­siert ist. Des­we­gen bin ich nicht auf Brechts Spu­ren gewan­delt, son­dern habe mir das Maxi­mi­lian­mu­se­um ange­schaut und bin dann eher zufäl­lig noch auf die Fug­ge­rei gesto­ßen – eine seit 1521 bestehen­de katho­li­sche Sozi­al­sied­lung in Stadt­teils­grö­ße, und eine inter­es­san­te Vari­an­te heu­ti­ger „inten­tio­nal com­mu­ni­ties“ und Wohn­pro­jek­te. Ver­wal­tet wird die Fug­ge­rei von einer Stif­tungs­ad­mi­nis­tra­ti­on; fak­tisch gehört sie den drei Adels­li­ni­en Fug­ger von Glött, Fug­ger-Baben­hau­sen und Fug­ger-Kirch­berg mit Schlös­sern, Land­be­sitz und 3200 ha „Stif­tungs­wald“, aus des­sen Erträ­gen die Fug­ge­rei „in Ewig­keit“ finan­ziert wird.

Gegrün­det wur­de das Pro­jekt Fug­ge­rei 1521 durch den Augs­bur­ger Kauf­mann Jakob Fug­ger (1459–1525); der Sohn von Jakob Fug­ger dem Älte­ren war sei­ner­zeit der bedeu­tends­te Ban­kier Euro­pas. Wirt­schaft­lich erfolg­reich wur­de er ins­be­son­de­re durch den Abbau von Kup­fer, Sil­ber, Zin­no­ber und Queck­sil­ber in Minen vom heu­ti­gen Tsche­chi­en bis nach Spa­ni­en. Er finan­zier­te den Auf­stieg des Habs­bur­gers Maxi­mi­li­an I. zum Kai­ser eben­so wie diver­se Krie­ge und Mili­tär­zü­ge. Zudem gab es wohl Betei­li­gun­gen an See-Expe­di­tio­nen nach Indi­en. 1511 wur­de der Kauf­mann in den Adels­stand erho­ben, 1514 zum Reichs­gra­fen erho­ben. Zum Zeit­punkt sei­nes Todes war der kin­der­lo­se Fug­ger der reichs­te Unter­neh­mer Europas.

Die dama­li­ge Fug­ger-Wirt­schafts­eli­te fir­mier­te unter „Fug­ger von der Lilie“, begrün­det durch Jakobs Vater, Jakob der Älte­re; ein zwei­ter, spä­ter weni­ger erfolg­rei­che Zweig der Fami­lie wur­de „Fug­ger zum Reh“ genannt, aus­ge­hend von Andre­as Fug­ger (dem Bru­der von Jakob dem Älte­ren). Jakob der Rei­che war dem­nach also ein Nef­fe von Andre­as. [Und der, Andre­as, ist wie­der­um, ein Ur-ur-ur-…-Großvater von mir (18 Gene­ra­ti­on, also 16 mal „ur“, wer’s genau wis­sen will). Daher rührt dann auch eine gewis­se per­sön­li­che Neu­gier­de, mir Augs­burg mal anzu­se­hen.] Aller­dings starb Andre­as, bevor sein Nef­fe gebo­ren wur­de – je nach Quel­le ein paar Tage vor­her, wenn die Wiki­pe­dia stimmt, zwei Jah­re zuvor an der Pest, das wäre dann 1457. Wäh­rend Andre­as Fug­ger geschäft­lich erfolg­reich war, in die Patri­zi­er­schicht der Stadt Augs­burg ein­hei­ra­te­te (sei­ne Frau war Bar­ba­ra Stamm­ler vom Ast) und eben­falls als „der Rei­che“ bekannt wur­de, begann wohl schon in der fol­gen­den Gene­ra­ti­on – mit Lukas I. Fug­ger vom Reh – der wirt­schaft­li­che Nie­der­gang sei­ner Unter­neh­mun­gen. Genau­er gesagt: ein Dar­le­hen von 10.000 Gul­den für Kai­ser Maxi­mi­li­an (Garan­tie: die Stadt Leu­wen) platz­te und führ­te Lukas Fug­ger in die Insol­venz. Mög­li­cher­wei­se ist die­se Geschich­te von Auf­stieg und Fall in der fami­liä­ren Nach­bar­schaft Jakob Fug­gers ein Anlass für die Grün­dung der Fuggerei.

Bis Mit­te des 17. Jahr­hun­derts sind mei­ner Vorfahr*innen die­ser Linie – über Andre­as Toch­ter Ursu­la, die in die Fami­lie Haug ein­hei­ra­te­te – noch in Augs­burg zu fin­den, danach geht es über Nörd­lin­gen nach Leut­kirch. Inter­es­sant beim Besuch in der Stadt und im Maxi­mi­lian­mu­se­um war ent­spre­chend nicht nur der Blick auf die all­ge­gen­wär­ti­gen Fug­ger, son­dern auch auf wei­te­re Namen aus der Stadt­ge­schich­te, die mir aus dem Stamm­baum bekannt vorkamen. 

Wer die Linie von mei­nem Groß­va­ter Otto Wes­ter­may­er bis zu den Augsburger*innen nach­voll­zie­hen will, kann das hier tun:

Photo of the week: Gundelfingen sunset

Gundelfingen sunset

 
Im Hin­ter­grund: der Son­nen­un­ter­gang. Davor: Voge­sen und Kai­ser­stuhl, dann die Sil­hou­et­te der Gemein­de Gun­del­fin­gen mit dem Turm der katho­li­schen Kir­che, und im Vor­der­grund im Schat­ten der Litz­fürst mit sei­nen Obst­bäu­men, der vor vie­len Jah­ren in eine Schul­sport­an­la­ge umge­baut wer­den soll­te, was u.a. durch ein Bür­ger­be­geh­ren ver­hin­dert wur­de. Auf­ge­nom­men vom Reb­berg zwi­schen Gun­del­fin­gen und Wildtal. 

Kurz: Habemus Koalitionsvertrag

Am Mitt­woch wur­de der grün-schwar­ze Koali­ti­ons­ver­trag 2026–2031 vor­ge­stellt. Lay­outet sind’s rund 160 Sei­ten, die hier nach­ge­le­sen wer­den kön­nen. Einer wei­ter­ge­hen­den inhalt­li­chen Bewer­tung ent­hal­te ich mich mal; in der Vor­stel­lung durch Cem Özd­emir und Manu­el Hagel ist deut­lich gewor­den, dass Wirt­schaft, Büro­kra­tie­ab­bau (teils: dras­ti­scher Büro­kra­tie­ab­bau) und die Idee gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halts im Vor­der­grund ste­hen. Nach ers­tem Durch­le­sen fin­det sich viel grün, viel CDU (Augen­hö­he, lei­der …) und eini­ges an gemein­sa­men Pro­jek­ten. Eben­falls mit­zu­le­sen: das, was im Wahl­kampf von der einen oder von der ande­ren Sei­te gefor­dert wur­de und jetzt nicht kommt – kei­ne Lan­des­wohn­bau­ge­sell­schaft, aber auch kei­ne KI-Uni, kei­ne Abschaf­fung des Lan­des­in­for­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zes und kei­ne Rück­kehr zum drei­glied­ri­gen Schulsystem. 

Über allem schwebt der Ver­weis auf die schwie­ri­ge Finanz­la­ge. Der Grund­ton fin­det sich in der dun­kel­grün-schwarz chan­gie­ren­den Über­schrift: „Aus Ver­ant­wor­tung fürs Land. Gemein­sam stark in stür­mi­schen Zeiten“

Am Sams­tag kom­men die Par­tei­ta­ge zusam­men, am Mon­tag danach soll – wenn es nicht noch Über­ra­schun­gen gibt – der Ver­trag unter­zeich­net wer­den. Dann dürf­te auch bekannt wer­den, wer Minister*in und wer Staatssekretär*in wird. Die Wahl zum Minis­ter­prä­si­den­ten steht schließ­lich für Mitt­woch, den 13. Mai an. „MP“ meint dann nicht mehr Kret­sch­mann – auch das etwas, an das ich mich erst gewöh­nen muss.

Mei­nun­gen?

Science Fiction und Fantasy im April 2026

Rebberg, Wildtal - II

Im April habe ich tat­säch­lich nur zwei Bücher gele­sen (und auf dem Bild­schirm nur ermat­tet das ZDF-Maga­zin Roya­le kon­su­miert) – gab einer­seits ande­res, und ande­rer­seits nach 10–12-Stunden-Tagen dann auch kei­ne Muße, zu lesen. Bei­de Bücher kann ich dafür wärms­tens empfehlen.

Zum einen war dies der Nach­fol­ge­band zu Ken Lius The Grace of Kings, den ich vor neun Jah­ren gele­sen habe. Damals befürch­te­te ich, dass der zwei­te Band, The Wall of Storms (2021) die Far­ce nur als Tra­gö­die wie­der­ho­len kön­ne. In gewis­ser Wei­se tut er das auch – wir sind im „hap­py ever after“ ange­kom­men, die Dan­de­l­ion Dynasty im Insel­reich Dara ist eta­bliert, und die ers­te Hälf­te des Buchs wid­met sich vor allem den inter­nen Macht­kämp­fen am Hof – Kuni Garu ist jetzt Kai­ser Ragin, sei­ne Gefähr­tin Risa­na und Kai­se­rin Jia kämp­fen am Hof um Ein­fluss, es ist noch nicht klar, wel­cher der bei­den Prin­zen – Temu oder Phy­ro – Thron­fol­ger wird. Poli­tisch und auch sonst schlau­er als bei­de zusam­men ist Prin­zes­sin The­ra. Refor­men gehen lang­sam und schwer­fäl­lig vor­an, neue Sys­te­me wie der Ver­such, höfi­sche Vor­rech­te durch ein auf Leis­tung aus­ge­rich­te­tes Sys­tem der Beför­de­rung zu erset­zen, haben ihre ganz eige­nen Schwä­chen (und die bril­li­an­te Zomi Kido­su – aus ein­fa­cher Her­kunft, Schü­le­rin von Luan Zya – wird nur mit Tricks zur Prü­fung über­haupt zuge­las­sen). Und der eine oder ande­re abge­setz­te Ade­li­ge plant schon die Revol­te. So könn­te es wei­ter­ge­hen – wenn nicht im das Insel­reich Dara umge­ben­den „Wall of Storms“ alle paar Jah­re ein Fens­ter auf­ge­hen wür­de. Die zwei­te Hälf­te des Buchs befasst sich mit der Inva­si­on der Lyu­cu (wenn Dara für Chi­na steht, dann haben wir es hier mit Mongol*innen zu tun, nur dass die­se statt Pfer­den die bis­her glaub­wür­digs­ten Dra­chen – die Gari­na­fin – mit­brin­gen, die man sich so aus­den­ken kann). 

Stich­wort glaub­wür­di­ge Dra­chen: neben jeder Men­ge mora­lisch frag­wür­di­ger Cha­rak­te­re, die aus guten Grün­den das fal­sche (oder aus fal­sche Grün­den das rich­ti­ge) tun, und einer natu­ra­lis­ti­schen Beschrei­bung poli­ti­scher Intri­gen und mili­tä­ri­scher Tak­ti­ken legt Liu gro­ßen Wert auf die wis­sen­schaft­li­che Fun­die­rung sei­ner Geschich­te. Vie­les, was wie Magie wirkt, könn­te auch ein­fach nur Natur und Tech­nik sein. Von sei­de­ner Elek­tro­sta­tik bis hin zu den genann­ten Dra­chen­we­sen, Pflan­zen­fres­sern, in deren Mägen brenn­ba­re Gase ent­ste­hen … auch das macht den Reiz die­ses Buches aus.

Wäh­rend ich nach dem ers­ten Band eher davor zurück­ge­scheut habe, wei­ter­zu­le­sen, bin ich jetzt auf den drit­ten Band gespannt. Vor­teil des lan­gen War­tens: der liegt schon vor und kann dann in Kür­ze begon­nen werden.

Auch das zwei­te Buch, das ich im April gele­sen habe, lag schon eine Wei­le her­um – in die­sem Fall ganz wört­lich, da ich V.E. Schwabs The Fra­gi­le Threads of Power (2023) nicht als e‑Book gekauft hat­te, son­dern als gedruck­tes Buch auf Papier, das mir beim Umräu­men eines kip­pen­den To-Read-Sta­pels in die Hän­de fiel. Threads of Power ist der vier­te Band von Schwabs Dar­ker-Sha­de-of-Magic-Rei­he, die in meh­re­ren magisch mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Vari­an­ten von Lon­don spielt – unser „Grey Lon­don“, ein „Red Lon­don“, in dem Magie all­ge­gen­wär­tig ist, das „White Lon­don“, das in den ers­ten drei Bän­den zur gro­ßen Bedro­hung wur­de, und das „Black Lon­don“, wüs­te Quel­le der Magie. Es gibt unter­schied­li­che Magie­sys­te­me, je nach­dem, wel­che Ele­men­te dazu her­an­ge­zo­gen wer­den, und eini­ge weni­ge „Ant­a­ri“, die Meistermagier*innen, die die­se ver­schie­de­nen Sys­te­me ver­bin­den können. 

Threads of Power setzt nun eini­ge Jah­re nach dem Ende der ers­ten Tri­lo­gie an. In der Welt des „Red Lon­don“ ist Deli­lah Bard Kapi­tä­nin eines Mehr-oder-weni­ger-Pira­ten­schiffs, Kell Maresh ihr Gefähr­te, der wei­ter mit dem Ver­lust sei­ner magi­schen Fähig­kei­ten kämpft; sein Bru­der Rhy Maresh sitzt als König auf dem Thron, ver­hei­ra­tet mit Nadi­ya – eine poli­ti­sche Hei­rat, um eine der Adels­fa­mi­li­en ein­zu­bin­den; sei­ne Lie­be gilt wei­ter Alu­card Eme­ry, einem der Hel­den der Tri­lo­gie. Wäh­rend im roten Lon­don eine Bewe­gung der „Hand“ den König Rhy Maresh stür­zen will – Lila und Kell sol­len dem nach­ge­hen -, erweckt im wei­ßen Lon­don eine jun­ge Köni­gin Kosi­ka die Magie zu neu­em blu­ti­gen Leben – und lernt, zwi­schen Wel­ten zu wech­seln. Für mich die zen­tra­le Per­son die­ses Buchs ist aber Tes, die mit der Fähig­keit aus­ge­stat­tet ist, Magie zu sehen und zu repa­rie­ren. Sie flieht in einen Slum des roten Lon­dons, um einer poli­ti­schen Hei­rat zu ent­ge­hen, und kämpft sich dort mit einem klei­nen Tin­ker­shop durch. Bis eines Tages ein kaput­tes Arte­fakt in ihre Hän­de fällt, das alles auf den Kopf stellt.

Anders als beim Wall of Storms ist hier der Fol­ge­band lei­der noch nicht geschrie­ben, Schwab ver­folgt aktu­ell ande­re Pro­jek­te. Sehr scha­de, weil sie es ver­steht, die Fäden der ver­schie­de­nen Cha­rak­te­re – und der ver­schie­de­nen Lon­dons – meis­ter­haft zusam­men­zu­brin­gen, und ich ger­ne wis­sen wür­de, wie es nach dem Ende die­ses Ban­des wei­ter­geht, denn trotz des dich­ten Netz­werks, das sie knüpft, bleibt am Schluss eini­ges offen und ruft nach Fortsetzung.