In einem Vorgarten in Esslingen, an dem ich regelmäßig vorbeikomme, wachsen diese Passionsblumen, die ich dann jedesmal bewundern muss, wenn ich dran vorbeikomme.
Das C‑Wort – Chaos-Tage bei der CDU
Erst stürzt Jens Spahn. Nicht über Maskenverkäufe, nicht über Immobiliendeals, nicht über eine in den Sand gesetzte Wahl einer Verfassungsrichterin – nein, darüber, dass sein Mann ein Kind in den USA hat austragen lassen, aka „Leihmutterschaft“. Die Spahn politisch ablehnt, die die CDU/CSU politisch ablehnt, und die in Deutschland verboten ist. Das war dann selbst für die Union zu viel, oder, etwas weniger freundlich: das war der erste Jens-Spahn-Skandal, der mit dem christdemokratischen Wertegerüst unvereinbar war.
Spahns trat also als Fraktionsvorsitzender der Union zurück. Er bleibt Bundestagsabgeordneter, und es wird jetzt schon gemunkelt, dass er eigentlich nur Anlauf nimmt, um dann vielleicht 2029 für eine Koalition mit der AfD zur Verfügung zu stehen. Sein Rücktritt löste dann eine Kettenreaktion aus: Merz und Söder einigten sich darauf, dass Thorsten Frei neuer Fraktionschef wird. (Aus grüner Sicht bemerkenswert: wieso liegt das bei Merz und Söder – und nicht bei den Abgeordneten der CDU/CSU im Deutschen Bundestag?)
Der glücklose Kanzleramtsminister machte dort einen Platz frei, ihm folgt seine baden-württembergische Kollegin Nina Warken, nachdem sie als Gesundheitsministerin erfolgreich – gegen die Proteste unter anderem der Länder und Kommunen – eine GKV-Reform durchgesetzt hat, über die es bei uns im Land heißt, dass sie das Krankenhaussterben massiv beschleunigen wird. Gesundheitsminister wird nicht Jens Spahn, sondern Carsten Linnemann, der bisher eher nicht durch gesundheitspolitische Ambitionen aufgefallen ist. Entsprechend unterstricht Merz bei der Pressekonferenz die wirtschaftliche Bedeutung des Gesundheitssektors.
Bei der Pressekonferenz ebenfalls vorgestellt wurde der Wechsel von Philipp Amthor als Staatsminister für die Bund-Länder-Beziehungen ins Kanzleramt. Möglicherweise eine gute Nachricht aus Digitalisierungssicht/IFG-Sicht, möglicherweise auch nicht.
Das erstaunlichste an der Vorstellung war allerdings, was nicht gesagt wurde. Auch Verkehrsminister Patrick Schnieder soll wohl entlassen werden. Merz‘ neuer Ministerkandidat sprang aber kurzfristig ab, wohl, weil dieser dann doch realisierte, dass er eigentlich mit Verkehrspolitik nichts am Hut hat. Entsprechend verkündete der Kanzler nur, dass es weitere Umbesetzungen geben wird. Möglicherweise folgt Schnieder – bei dem nicht so ganz klar ist, warum er eigentlich gehen muss – mit Steffen Bilger ein weiterer baden-württembergischer Christdemokrat.
Ob das für Baden-Württemberg gut ist? Bisher ist von den angeblich so engen Drähten von Hagel zu Warken (und Frei) in dem, was politisch umgesetzt wird, wenig zu spüren. Siehe GKV-Reform.
In Berlin hat, das ist vielleicht noch relevant, schon die politische Sommerpause begonnen. Der Bundestag tagt erst wieder im September. Das heißt aber auch: aktuell ist unklar, ob die rochierten Minister*innen eigentlich überhaupt ihr Amt antreten können, oder ob dies erst nach der Vereidigung im September geschehen kann. Oder ob der Bundestag aufgrund des Spahn-Rücktritts aus der Sommerpause zurückgeholt wird.
Nicht ersetzt wird im Übrigen die Energiewende-Brems-Ministerin Reiche.
Da trifft das Wort Chaos-Tage dann vielleicht doch ganz gut auf den Zustand der C‑Partei zu – so richtig einen Plan sehe ich jedenfalls nicht. Im Hintergrund die Wahl Anfang September in Sachsen-Anhalt und die bisher ganz und gar nicht halbierte AfD. Danach die Wahl in Berlin mit einem eilig ernannten Ersatz-Spitzenkandidaten der CDU, nachdem Wegener über angebliche Telefongespräche und Tennisspiele stürzte. Die Pressekonferenz endete mit der Ankündigung – nach einem Herbst und einem Frühjahr der Reformen -, dass nach der Sommerpause dann aber wirklich geliefert wird. Wobei: wenn damit die Umsetzung des zwischen den beiden Regierungsparteien vereinbarten Reformpakets gemeint ist, dass das IFG massiv einschränkt, unter dem Stichwort „Bürokratieabbau“ die Kettensäge rausholt, vorsieht, dass kranke Arbeitnehmer*innen bereits am ersten Tag eine Krankschreibung vorweisen müssen – und diese nicht mehr telefonisch erfolgen kann -, von den ganzen Kürzungen im Sozialbereich ganz zu schweigen … dann bin ich nicht so sicher, ob ich hier einen „Herbst der Reformen“ haben möchte.
Was mich schließlich zu der Frage bringt, ob Merz – der ja ganz anders als die Ampel regieren wollte – ein erfolgreicher Kanzler ist. Bisher gibt es wenig, was darauf hindeutet. Die Umfragewerte sind miserabel, die persönlichen Zustimmungswerte sind miserabel, die wirtschaftliche Lage ist weiter schlecht – und der Kanzler beschwert sich wie eh und je darüber, dass sein Volk nörgelt, zu wenig Arbeit und unzufrieden ist. Vermutlich hat er sich das mit dem Regieren auch anders vorgestellt. Und schuld ist diesmal nicht die SPD, sondern die CDU/CSU ganz alleine.
Photo of the week: Blue bee
Dieses Foto einer blau-schwarz gefärbten Großen Holzbiene ist im Garten meiner Schwester in Bonn (zwischen den kindheitsvertrauten Platterbsen) entstanden; ich meine, aber auch hier bei uns schon diese eindrucksvollen Bienen gesehen zu haben. Jedenfalls erstaunlich, was neben der ganz normalen Honigbiene und den circa drei Hummelarten noch alles so im Sommergarten herumschwirrt, wenn ein bisschen was an Blütenfutter angeboten wird.
In other news: eigentlich müsste ich etwas zur düsteren Bundespolitik, zum Jens-Spahn-Rücktritt aus dem falschen Anlass und zum wenig mutigen Umgang des ZDFs mit dem Thema Widerstand gegen den Faschismus schreiben. Aber … nee.
Aufschrieb zur Metropolcon 2026
|
![]() |
Das erste Mal bei einer „Con“ war ich vor zwei Jahren. Das war dann gleich die riesige WorldCon in Glasgow, also das weltweite Treffen der Science-Fiction- und Fantasy-Fans. Dort wurde dafür geworben, dass 2026 in Berlin die „EuroCon“ stattfinden werde. Das klang interessant und geografisch deutlich besser erreichbar als zum Beispiel Seattle (WorldCon 2025), so dass ich mich direkt mal anmeldete. Jetzt, im Juli 2026, manifestierte sich die Metropolcon/EuroCon dann tatsächlich in Berlin, und mit mehreren hundert, manche sagen auch: knapp tausend, anderen SF-Fans besuchte ich sie.
Heimliches Motto „Everything is running smoothly“ – die Organisator*innen hatten ein gut gefülltes Programm zusammengestellt, mit einem Mix aus deutschsprachigen und englischsprachigen Panels. Die beiden literarischen Ehrengäste, Aiki Mira und Becky Chambers, waren ebenfalls eine sehr gute Wahl. In gewisser Weise stehen beide für den Grundton dieser Metropolcon; vielleicht liegt’s aber auch nur an den Panels und Veranstaltungen, die ich besucht habe. Aiki Mira schreibt Romane und Kurzgeschichten, hat für mehrere davon Preise aus der deutschsprachigen Science-Fiction bekommen. In Neongrau entwickelt sie beispielsweise den Cyberpunk zeitgenössisch weiter und siedelt ihn in einem von Klimawandel, AI und sozialen Medien veränderten, aber wieder erkennbaren Hamburg an. Becky Chambers ist sowohl für ihre Wayfarer-Serie bekannt, in der es um ganz gewöhnliche Menschen am Rande eines galaktischen Gemeinwesens geht, als auch für die beiden Monk-and-Robot-Bücher, Meditationen über das Wesen des Menschen.
Wie lässt sich Cyberpunk ausbreiten, in einer Zeit, in der „Techbros“ sich als größte Fans und Agenten dieser Dystopie outen? Was hat es mit ambient queerness auf sich, oder, weitergedacht, mit ambient utopias, also mit dem Versuch, Utopien zu erzählen, ohne die (langweilige) Utopie in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen? Und wie passt – bei Chambers – eine gewaltfreie Sicht auf die Welt und eine Begeisterung für unsere biologische Mitwelt zu den Erfordernissen von Plot und Story?
Das sind nur einige der Fragen, die vertieft besprochen wurden, und die mir in abgewandelter Form auch in anderen Panels wieder begegneten, etwa bei den beiden Diskussionsrunden des Carcosa-Verlags zu Kim Stanley Robinson und zu Ursula K. Le Guin. Stanley Robinsons Green Earth kommt nach zehn Jahren in einer deutschen Übersetzung neu heraus. Er selbst war per Videoschalte aus Kalifornien zugeschaltet und beantwortete munter Fragen zum Stand des Klimaschutzes und der Liebe zu Landschaften, zu seiner Darstellung von Wissenschaftler*innen – hier berichtete er, dass er auf ganz nahe Beobachtungen zurückgreifen konnte, da seine Frau lange für eine nationale Einrichtung als Wissenschaftlerin gearbeitet hat – und zur deprimierenden politischen Lage in den USA. Im Panel zu Ursula K. Le Guin gab Karen Nölle Einblicke in die Praxis der Übersetzung und Hannes Riffel schilderte, wie er von The Dispossesed zur Science Fiction und letztlich zu Carcosa kam. Und auch hier: nicht die großen Held*innen, sondern die in der Reisetasche mitgeschleppten utopischen Versatzstücke, die zusammen dann eine Geschichte ergeben, die Möglichkeitsräume aufmacht.
Aus der deutschsprachigen Science Fiction bleibt mir Nils Westerboer in Erinnerung – nicht nur als diesjähriger Kurt-Laßwitz-Preisträger, sondern auch mit einer szenischen Lesung aus seinem Meisterwerk Lyneham (das nicht ganz geglückte Terraforming von Perm aus Perspektive a. der Kinder und b. der psychologisch wie zeitlich weit entfernten Mutter) und mit einem ersten Teaser zur Verfilmung von Athos 2643, die nächstes Jahr ins Kino kommen soll. Die ersten Bilder gaben die Atmosphäre des Buchs gut wieder, und auch Vergleiche mit dem Namen der Rose (nur im Weltraum) dürften nicht zu weit hergeholt sein.
Im Übrigen gab es meist zeitgleich mehr als ein Panel, das ich unbedingt sehen wollte. Auch das macht eine gute Con aus, denke ich. Und nicht alles war Podiumsdiskussion – Konzerte am Abend, die von Klassik (zu Ray Bradbuy) bis zu den „Gamma Rats“ mit cyberpunk-inspiriertem 8‑Bit-Rock reichten; die Disco, zu der nicht John Scalzi auflegte; rumänische SF-Kurzfilme samt der Wahrheit über die Mondlandung und Kaffeeklatsch ohne Kaffee, aber mit Autor*innen wie Charles Stross im direkten Austausch. Oder auch eine Runde „Turf“ rund um den Veranstaltungsort – all das rundete das Programm ab. Signiert wurde natürlich auch, und wer wollte, konnte sehr viele Bücher und diverses SF- und Fantasy-bezogene Krimskrams erwerben, tiefer in Schreibtechnik- und Veröffentlichungsfragen eintauchen oder sich in die mehrstündige, aber straff geleitete Mitgliederversammlung des SCFD setzen.
Apropos Veranstaltungsort: das silent green in Berlin passte ganze hervorragend zu dieser EuroCon. Ein Krematorium, Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnet, in den 1990er Jahren um eine unterirdische Leichenhalle erweitert, 2002 geschlossen und zum Kulturquartier umgebaut: das wirkt erst einmal irritierend. Aber sowohl der historische Kuppelsaal als auch die eher brutalistisch wirkenden unterirdischen Teile des Veranstaltungsortes harmonisierten mit den Themen der Con.




