Ein Nebeneffekt der Koalitionsverhandlungen (die in der Sparkassenakademie am Pariser Platz stattfanden): ich konnte den einen oder anderen Blick auf das „Europaviertel“ hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof werfen – sonst komme ich da nicht so oft vorbei. Viel moderne Architektur, viel verbaute Fläche, und beim Blick von der Sparkassenakademie auf das Genohaus mal wieder das Gefühl, dass Stuttgart aus diversen übereinander liegenden Schichten besteht, jedenfalls zweidimensional nicht zu verstehen ist.
Ein Besuch in Augsburg
Mit rund 300.000 Einwohner*innen ist Augsburg vermutlich eine der wenigen großen deutschen Städte, die ich bisher nicht besucht habe – ein Vorteil politischen Engagements besteht darin, zu Jugendkongressen, Parteitagen, Bundesarbeitsgemeinschaftssitzungen und dergleichen mehr doch ziemlich im Land herumzukommen. Warum allerdings der nächste Länderrat auf Rügen stattfinden soll – egal, ich schweife ab. Zurück zu Augsburg. Wenn ich jetzt nichts übersehe, dann war ich Mitte April tatsächlich zum ersten Mal in der Stadt. Eine spontane Entscheidung, von Stuttgart aus ist es mit dem ICE ein Katzensprung. Ein paar Stunden Mitte April bei Nieselregen waren jetzt nicht unbedingt die optimalen Bedingungen, um Augsburg kennen zu lernen, trotzdem halte ich für mich schon mal fest, dass ein weiterer Besuch mit mehr Zeit und bei besserem Wetter keinesfalls ausgeschlossen ist. Da scheint es einiges zu entdecken zu geben (Fotos hier).
Auslöser für den Besuch in der schwäbischen Reichsstadt war neben allgemeiner Neugierde der Wunsch, ein Gefühl dafür zu bekommen, was in dieser Stadt im 15. Jahrhundert passiert ist. Deswegen bin ich nicht auf Brechts Spuren gewandelt, sondern habe mir das Maximilianmuseum angeschaut und bin dann eher zufällig noch auf die Fuggerei gestoßen – eine seit 1521 bestehende katholische Sozialsiedlung in Stadtteilsgröße, und eine interessante Variante heutiger „intentional communities“ und Wohnprojekte. Verwaltet wird die Fuggerei von einer Stiftungsadministration; faktisch gehört sie den drei Adelslinien Fugger von Glött, Fugger-Babenhausen und Fugger-Kirchberg mit Schlössern, Landbesitz und 3200 ha „Stiftungswald“, aus dessen Erträgen die Fuggerei „in Ewigkeit“ finanziert wird.
Gegründet wurde das Projekt Fuggerei 1521 durch den Augsburger Kaufmann Jakob Fugger (1459–1525); der Sohn von Jakob Fugger dem Älteren war seinerzeit der bedeutendste Bankier Europas. Wirtschaftlich erfolgreich wurde er insbesondere durch den Abbau von Kupfer, Silber, Zinnober und Quecksilber in Minen vom heutigen Tschechien bis nach Spanien. Er finanzierte den Aufstieg des Habsburgers Maximilian I. zum Kaiser ebenso wie diverse Kriege und Militärzüge. Zudem gab es wohl Beteiligungen an See-Expeditionen nach Indien. 1511 wurde der Kaufmann in den Adelsstand erhoben, 1514 zum Reichsgrafen erhoben. Zum Zeitpunkt seines Todes war der kinderlose Fugger der reichste Unternehmer Europas.
Die damalige Fugger-Wirtschaftselite firmierte unter „Fugger von der Lilie“, begründet durch Jakobs Vater, Jakob der Ältere; ein zweiter, später weniger erfolgreiche Zweig der Familie wurde „Fugger zum Reh“ genannt, ausgehend von Andreas Fugger (dem Bruder von Jakob dem Älteren). Jakob der Reiche war demnach also ein Neffe von Andreas. [Und der, Andreas, ist wiederum, ein Ur-ur-ur-…-Großvater von mir (18 Generation, also 16 mal „ur“, wer’s genau wissen will). Daher rührt dann auch eine gewisse persönliche Neugierde, mir Augsburg mal anzusehen.] Allerdings starb Andreas, bevor sein Neffe geboren wurde – je nach Quelle ein paar Tage vorher, wenn die Wikipedia stimmt, zwei Jahre zuvor an der Pest, das wäre dann 1457. Während Andreas Fugger geschäftlich erfolgreich war, in die Patrizierschicht der Stadt Augsburg einheiratete (seine Frau war Barbara Stammler vom Ast) und ebenfalls als „der Reiche“ bekannt wurde, begann wohl schon in der folgenden Generation – mit Lukas I. Fugger vom Reh – der wirtschaftliche Niedergang seiner Unternehmungen. Genauer gesagt: ein Darlehen von 10.000 Gulden für Kaiser Maximilian (Garantie: die Stadt Leuwen) platzte und führte Lukas Fugger in die Insolvenz. Möglicherweise ist diese Geschichte von Aufstieg und Fall in der familiären Nachbarschaft Jakob Fuggers ein Anlass für die Gründung der Fuggerei.
Bis Mitte des 17. Jahrhunderts sind meiner Vorfahr*innen dieser Linie – über Andreas Tochter Ursula, die in die Familie Haug einheiratete – noch in Augsburg zu finden, danach geht es über Nördlingen nach Leutkirch. Interessant beim Besuch in der Stadt und im Maximilianmuseum war entsprechend nicht nur der Blick auf die allgegenwärtigen Fugger, sondern auch auf weitere Namen aus der Stadtgeschichte, die mir aus dem Stammbaum bekannt vorkamen.
Wer die Linie von meinem Großvater Otto Westermayer bis zu den Augsburger*innen nachvollziehen will, kann das hier tun:
Photo of the week: Gundelfingen sunset
Im Hintergrund: der Sonnenuntergang. Davor: Vogesen und Kaiserstuhl, dann die Silhouette der Gemeinde Gundelfingen mit dem Turm der katholischen Kirche, und im Vordergrund im Schatten der Litzfürst mit seinen Obstbäumen, der vor vielen Jahren in eine Schulsportanlage umgebaut werden sollte, was u.a. durch ein Bürgerbegehren verhindert wurde. Aufgenommen vom Rebberg zwischen Gundelfingen und Wildtal.
Kurz: Habemus Koalitionsvertrag
Am Mittwoch wurde der grün-schwarze Koalitionsvertrag 2026–2031 vorgestellt. Layoutet sind’s rund 160 Seiten, die hier nachgelesen werden können. Einer weitergehenden inhaltlichen Bewertung enthalte ich mich mal; in der Vorstellung durch Cem Özdemir und Manuel Hagel ist deutlich geworden, dass Wirtschaft, Bürokratieabbau (teils: drastischer Bürokratieabbau) und die Idee gesellschaftlichen Zusammenhalts im Vordergrund stehen. Nach erstem Durchlesen findet sich viel grün, viel CDU (Augenhöhe, leider …) und einiges an gemeinsamen Projekten. Ebenfalls mitzulesen: das, was im Wahlkampf von der einen oder von der anderen Seite gefordert wurde und jetzt nicht kommt – keine Landeswohnbaugesellschaft, aber auch keine KI-Uni, keine Abschaffung des Landesinformationsfreiheitsgesetzes und keine Rückkehr zum dreigliedrigen Schulsystem.
Über allem schwebt der Verweis auf die schwierige Finanzlage. Der Grundton findet sich in der dunkelgrün-schwarz changierenden Überschrift: „Aus Verantwortung fürs Land. Gemeinsam stark in stürmischen Zeiten“
Am Samstag kommen die Parteitage zusammen, am Montag danach soll – wenn es nicht noch Überraschungen gibt – der Vertrag unterzeichnet werden. Dann dürfte auch bekannt werden, wer Minister*in und wer Staatssekretär*in wird. Die Wahl zum Ministerpräsidenten steht schließlich für Mittwoch, den 13. Mai an. „MP“ meint dann nicht mehr Kretschmann – auch das etwas, an das ich mich erst gewöhnen muss.
Meinungen?










