Der jetzt – je nach Standort – blühenden oder schon verblühten – Holunder umfasst, wenn man mal genau hinsieht, erstaunliche Details. Lauter kleine Sterne? Jedenfalls: kein Wunder, dass der Busch bzw. Baum umfangreich in die Mythologie Eingang gefunden hat.
Blog ins Buch, die Dritte, oder: biografische Wühlarbeiten
Eine gewisse Faszination für bedrucktes Papier kann ich nicht verhehlen. Weswegen ich auch in regelmäßigen Abständen auf die Idee komme, dass so ein Blog sich doch wunderbar eignen müsste, in Buchform gebracht zu werden. Also nicht, dass ich glaube, dass das außer mir irgendwen interessiert. Aber trotzdem, hätte ich halt gerne.
Im März 2010 bin ich das erste Mal auf „BlogBooker“ gestoßen, habe dieses Tool nach einigen Experimenten dann aber wieder vergessen, um es im Februar 2022 erneut zu entdecken. Neben grafischen Häßlichkeiten ergeben sich bei diesem Weg vom Blog aufs Papier allerdings zwei Probleme. Erstens wäre es ziemlich viel Papier (ein paar tausend Seiten), und zweitens, verbunden damit, gibt es auch ziemlich viel Schrott, der sich seit 2002 hier angesammelt hat. In einem PDF lässt sich das noch ignorieren, auch wenn dabei dann recht große Dateien entstehen. Auf Papier: nee.
Wozu ein Tool nutzen, wenn’s auch handgemacht geht? Nach diesem Motto habe ich in den letzten Tagen die Textempfehlungen aus der Seitenspalte und dann ausgewählte und auch aus heutiger Sicht zumindest historisch interessante Beiträge aus den Jahren 2006 bis 2011 in Word gepackt – ich hatte gewisse Bedenken, ob LibreOffice mit dieser Datenmenge klarkommt, und fand den Weg über Scribus zu aufwendig – und im Buchformat layoutet. Um dann festzustellen, dass Print On Demand inzwischen vergleichsweise spottbillig geworden ist. Ich bin insofern gespannt darauf, „mein Blog“ (bzw. die genannten Auszüge) demnächst dann tatsächlich mal auf Papier in der Hand zu halten. (Apropos: ich habe das Gefühl, das Word zwar besser darin geworden ist, mit großen Textmengen und Bildern klarzukommen, aber bei Rechtschreibprüfung, diversen Automatismen und der Zwischenablage deutlich nachgelassen hat …).
Blogtexte, Band I. Ausgewählte Texte 2008 bis 2025
Die Texte aus der Randspalte habe ich für das Buch (→ hier als PDF) in vier Rubriken einsortiert. Unter Politische Fragen geht es v.a. um Bündnis 90/Die Grünen – und das Ringen darum, die verschiedenen Neuerfindungen meiner Partei nachzuvollziehen – mit Parteien im Allgemeinen, mit Baden-Württemberg und der Klimapolitik im Speziellen. Zudem findet sich hier ein Text zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik ebenso wie einer zum Heimatbegriff. Die Kategorie Sozialwissenschaft enthält eine Skizze zum Verhältnis von Umweltsoziologie und Praxistheorie – einen Pfad, den ich wohl weiter verfolgt hätte, wäre ich nicht „in die Politik“ gewechselt. Unter der Rubrik Netz, Medien und digitales Leben geht es um den technologischen Fortschritt des letzten Vierteljahrhunderts – der Aufstieg und Niedergang von Twitter spiegelt sich hier ebenso wider wie die in den 2020er Jahren plötzlich auf den Bildschirmen auftauchende KI (und die Frage, wie damit eigentlich umzugehen ist). Und schließlich: Unter Science Fiction und Fantasy finden sich Texte, die sich übergeordnet – jenseits meiner inzwischen recht regelmäßigen monatlichen Rezensionen der aktuellen Lektüre – mit Science Fiction auseinandersetzen.
Blogtexte, Band II. Weitere Texte 2006 bis 2011
Während die Sammlung der mir wichtigen Texte organisch gewachsen ist und eine Tendenz zu neueren Beiträgen aufweist (ursprünglich war es mal ein „Fünf Empfehlungen“, zu denen immer mal wieder eine dazu kam, und eine andere entfernt wurde), und in dieser Auswahl schon bisher und auch weiterhin über die Randspalte des Blogs aufrufbar ist, ist das Ergebnis der „Wühlarbeiten“ für die Texte aus den Jahren 2006 bis 2011 (→ hier als PDF) zumindest für mich – und möglicherweise die eine oder andere Zeitgenoss*in – noch spannender. Vieles, was heute relevant ist, deutete sich damals schon an. Manche Debatten werden immer wieder geführt. In anderen Texten schimmert ein gewisser Optimismus durch, der der Realität nicht standgehalten hat.
Bei den politischen Fragen verschiebt sich mein Fokus: am Anfang steht die innergrüne Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen. Dann geht es um Listenaufstellungen und Koalitionsbildungen, um die große netzpolitische Frage des Jahres 2009 (Netzsperren einführen oder rechtswidrige Beiträge löschen? – verbunden mit dem Aufkommen der als potenziell starker Konkurrenz empfundenen Piratenpartei) und einige hochschulpolitische Feinschmeckerthemen (Nachhaltige Entwicklung an Hochschulen, die Frage der Akkreditierung im Bologna-System sowie anhand des Falls Guttenberg die Plagiatsdebatte). Mit dem Jahr 2010 taucht die Trias aus grünem Boom, Fukushima und Stuttgart 21 im Blog auf. Der Wahlkampf wird begleitet, genau beobachtet, die Haltung der SPD und die Kampagne der FDP kritisch beäugt. Am Schluss des politischen Bogens steht 2011 die Wahl von Winfried Kretschmann zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten an – samt der etwas bangen Frage, ob er habituell so bleibt „wie er ist“, und ob das mit der „Politik des Gehörtwerdens“ etwas werden kann. Beide Fragen hat die Geschichte – aus meiner Sicht positiv – beantwortet. Und Stuttgart 21 ist immer noch nicht fertig gebaut, während der Atomausstieg in Deutschland (fast) unumkehrbar scheint.
Im Themenfeld Sozialwissenschaft finden sich Nebenprodukte meines später abgebrochenen Promotionsvorhabens. Techniksoziologie und Praxistheorie, Wissens- und Wissenschaftssoziologie geben sich hier die Hand, in dem Versuch, eine Theorie zu basteln, um nachhaltigen Konsum und ökologische Lebensstile erklären und erforschen zu können. Aus heutiger Sicht interessant: ein wissenssoziologisches Plädoyer dafür, sich beim Thema Homöopathie nicht zu verkämpfen. Hier habe ich dann andere Pfade eingeschlagen, während eine praxistheoretische und wissenssoziologische Fundierung meine angewandt-politische Wahrnehmung, würde ich jedenfalls behaupten, heute noch prägt.
Fast schon historisch interessant dann die Beiträge im netzpolitischen Teil. Den Anfang macht eine Dokumentation eines heute vermutlich weitgehend vergessenen politischen Streits: die – von mir nach wie vor genutzte – Fotoplattform Flickr, damals zu Yahoo! gehörig, führte 2007 eine als übergriffig empfundene Regelung ein: als „unsafe“ oder „restricted“ gekennzeichnete Fotos durften aufgrund einer harten Interpretation landestypischer Gesetze von Nutzer*innen, die in Singapur, Hongkong oder Deutschland registriert waren, nicht mehr geöffnet werden. Als Reaktion gab es koordinierte Protestaktionen, die in der Netzöffentlichkeit eine gewisse Aufmerksamkeit erregten. Für mich der Ausgangspunkt, mich mit Plattformen, Abhängigkeiten und social graphs zu befassen.
Facebook taucht 2007 als neue Plattform auf, die damals noch Möglichkeiten bietet, per API Drittanbieter-Anwendungen laufen zu lassen – und findet sich 2010 mal wieder im Mittelpunkt politischer Aufmerksamkeit, weil die AGBs heimlich geändert werden. Twitter kommt 2008 als Teil des amerikanischen Wahlkampfs in der deutschen politischen Öffentlichkeit an – das findet ebenso Widerhall in meinem Blog wie die Social-Media-Kampagne von Barack Obama und heiß diskutierte Fragen, was diese neuen „Web 2.0“-Möglichkeiten für Wahlkämpfe und innerparteiliche Organisation bedeuten. Ob das „Wurzelwerk“ (so der Name der grünen parteiinternen Plattform bei Einführung) eine Lösung darstellt? Erstaunlich, wie scheinbar fest die sich in den Jahren zwischen 2006 und 2011 etablierende Web 2.0‑Infrastruktur auch heute noch ist: die Strategie von Google (damals noch eher auf der Seite von not evil, trotz absehbarer Weltherrschaftsstrategie) und die Strukturierung der Wikipedia sind weiterhin Themen.
Der Abschnitt endet mit zwei Texten aus dem Jahr 2011, die aus heutiger Sicht auf Epochenmarker hinweisen. Das eine ist eine wissenssoziologisch begründete Auseinandersetzung mit Sascha Lobos Kritik am Expertentum als Breitensport, die in einem Plädoyer für Medienkompetenz endet. Spätestens seit der Corona-Pandemie leben wir in einer Welt, in der die verschwörungsorientierte Verbreitung von Falschinformationen noch einem eine ganz andere Bedeutung erreicht hat.
Und der zweite, den Band schließende Text hält das seltsame Gefühl fest, wie es ist, in derselben Twitter-Timeline zeitgleich irrelevante Banalitäten und Live-Tweets aus Utøya (dem rechtsextremen Anschlag auf ein norwegisches Sommerlager) wahrzunehmen. „Die moderne Gesellschaft kennt keine Pausentaste“, schreibe ich da, und frage mich, wie ein Umgang mit dem Einbruch des fassungslos machenden Schreckens in den Alltag aussehen könnte.
Um den Bogen von damals nach heute zu schlagen: Eine Pausentaste für den stetigen Kommunikationsstrom haben wir noch immer nicht, bräuchten diese aber dringender denn je. Und nein, damit meine ich keine Internetsperren, wie wir sie heute in autokratischen Ländern erleben, sondern eine Umgangsform mit Terror, die nicht zu dessen Wirkungssteigerung und auch nicht zu dessen Normalisierung beiträgt.
Photo of the week: Neckar, Esslingen
Photo of the week: Pariser Platz, Stuttgart
Ein Nebeneffekt der Koalitionsverhandlungen (die in der Sparkassenakademie am Pariser Platz stattfanden): ich konnte den einen oder anderen Blick auf das „Europaviertel“ hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof werfen – sonst komme ich da nicht so oft vorbei. Viel moderne Architektur, viel verbaute Fläche, und beim Blick von der Sparkassenakademie auf das Genohaus mal wieder das Gefühl, dass Stuttgart aus diversen übereinander liegenden Schichten besteht, jedenfalls zweidimensional nicht zu verstehen ist.
Ein Besuch in Augsburg
Mit rund 300.000 Einwohner*innen ist Augsburg vermutlich eine der wenigen großen deutschen Städte, die ich bisher nicht besucht habe – ein Vorteil politischen Engagements besteht darin, zu Jugendkongressen, Parteitagen, Bundesarbeitsgemeinschaftssitzungen und dergleichen mehr doch ziemlich im Land herumzukommen. Warum allerdings der nächste Länderrat auf Rügen stattfinden soll – egal, ich schweife ab. Zurück zu Augsburg. Wenn ich jetzt nichts übersehe, dann war ich Mitte April tatsächlich zum ersten Mal in der Stadt. Eine spontane Entscheidung, von Stuttgart aus ist es mit dem ICE ein Katzensprung. Ein paar Stunden Mitte April bei Nieselregen waren jetzt nicht unbedingt die optimalen Bedingungen, um Augsburg kennen zu lernen, trotzdem halte ich für mich schon mal fest, dass ein weiterer Besuch mit mehr Zeit und bei besserem Wetter keinesfalls ausgeschlossen ist. Da scheint es einiges zu entdecken zu geben (Fotos hier).
Auslöser für den Besuch in der schwäbischen Reichsstadt war neben allgemeiner Neugierde der Wunsch, ein Gefühl dafür zu bekommen, was in dieser Stadt im 15. Jahrhundert passiert ist. Deswegen bin ich nicht auf Brechts Spuren gewandelt, sondern habe mir das Maximilianmuseum angeschaut und bin dann eher zufällig noch auf die Fuggerei gestoßen – eine seit 1521 bestehende katholische Sozialsiedlung in Stadtteilsgröße, und eine interessante Variante heutiger „intentional communities“ und Wohnprojekte. Verwaltet wird die Fuggerei von einer Stiftungsadministration; faktisch gehört sie den drei Adelslinien Fugger von Glött, Fugger-Babenhausen und Fugger-Kirchberg mit Schlössern, Landbesitz und 3200 ha „Stiftungswald“, aus dessen Erträgen die Fuggerei „in Ewigkeit“ finanziert wird.
Gegründet wurde das Projekt Fuggerei 1521 durch den Augsburger Kaufmann Jakob Fugger (1459–1525); der Sohn von Jakob Fugger dem Älteren war seinerzeit der bedeutendste Bankier Europas. Wirtschaftlich erfolgreich wurde er insbesondere durch den Abbau von Kupfer, Silber, Zinnober und Quecksilber in Minen vom heutigen Tschechien bis nach Spanien. Er finanzierte den Aufstieg des Habsburgers Maximilian I. zum Kaiser ebenso wie diverse Kriege und Militärzüge. Zudem gab es wohl Beteiligungen an See-Expeditionen nach Indien. 1511 wurde der Kaufmann in den Adelsstand erhoben, 1514 zum Reichsgrafen erhoben. Zum Zeitpunkt seines Todes war der kinderlose Fugger der reichste Unternehmer Europas.
Die damalige Fugger-Wirtschaftselite firmierte unter „Fugger von der Lilie“, begründet durch Jakobs Vater, Jakob der Ältere; ein zweiter, später weniger erfolgreiche Zweig der Familie wurde „Fugger zum Reh“ genannt, ausgehend von Andreas Fugger (dem Bruder von Jakob dem Älteren). Jakob der Reiche war demnach also ein Neffe von Andreas. [Und der, Andreas, ist wiederum, ein Ur-ur-ur-…-Großvater von mir (18 Generation, also 16 mal „ur“, wer’s genau wissen will). Daher rührt dann auch eine gewisse persönliche Neugierde, mir Augsburg mal anzusehen.] Allerdings starb Andreas, bevor sein Neffe geboren wurde – je nach Quelle ein paar Tage vorher, wenn die Wikipedia stimmt, zwei Jahre zuvor an der Pest, das wäre dann 1457. Während Andreas Fugger geschäftlich erfolgreich war, in die Patrizierschicht der Stadt Augsburg einheiratete (seine Frau war Barbara Stammler vom Ast) und ebenfalls als „der Reiche“ bekannt wurde, begann wohl schon in der folgenden Generation – mit Lukas I. Fugger vom Reh – der wirtschaftliche Niedergang seiner Unternehmungen. Genauer gesagt: ein Darlehen von 10.000 Gulden für Kaiser Maximilian (Garantie: die Stadt Leuwen) platzte und führte Lukas Fugger in die Insolvenz. Möglicherweise ist diese Geschichte von Aufstieg und Fall in der familiären Nachbarschaft Jakob Fuggers ein Anlass für die Gründung der Fuggerei.
Bis Mitte des 17. Jahrhunderts sind meiner Vorfahr*innen dieser Linie – über Andreas Tochter Ursula, die in die Familie Haug einheiratete – noch in Augsburg zu finden, danach geht es über Nördlingen nach Leutkirch. Interessant beim Besuch in der Stadt und im Maximilianmuseum war entsprechend nicht nur der Blick auf die allgegenwärtigen Fugger, sondern auch auf weitere Namen aus der Stadtgeschichte, die mir aus dem Stammbaum bekannt vorkamen.
Wer die Linie von meinem Großvater Otto Westermayer bis zu den Augsburger*innen nachvollziehen will, kann das hier tun:











