Neun Sätze zu Guttenbergs Rücktritt

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Meet the stapler II
Höchststapler, angeschlagen

Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg ist jetzt endlich, endlich als Verteidigungsminister* zurückgetreten.

Ich hoffe jetzt erstens, dass seine selbst in der Rücktrittsrede zu findenden Versuche, das ganze als eine Art mediales Mobbing darzustellen, nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Guttenberg hat sein Amt nicht deswegen verloren, weil konservative und linke Zeitungen und ein paar verrückte WissenschaftlerInnen ihm eine kleine studentische Betrügerei übel genommen haben, sondern weil er sich in Lügen und den immer stärker zu Tage tretenden Unaufrichtigkeiten in seinem Lebenslauf verfangen hat.

Und zweitens finde ich es wichtig, festzuhalten, dass das Netz großen Anteil an diesem Rücktritt hatte. Dass die Plagiatsprobleme, die vor einigen Wochen von Prof. Fischer-Lescano öffentlich gemacht wurden, auf diese Resonanz gestoßen sind, und sehr schnell deutlich wurde, dass es um weit mehr geht als um acht »raubkopierte« Textstellen ist ein Phänomen, dass in dieser Weise nur in einer weitgehend vernetzten Gesellschaft möglich war. Ähnliches gilt für die rasant anwachsende Zahl an Unterschriften unter dem »Offenen Brief« an Merkel (gestern waren es schon über 33000). Und nicht zuletzt meine ich, dass Twitter und Facebook und ein paar Blogs ein starkes Gegengewicht zum Versuch der BILD dargestellt haben, Guttenberg zu halten. Ob es auch zu diesem Rücktritt gekommen wäre, wenn FAZ und NZZ nicht sichtlich verärgert gewesen wären, weiss ich nicht. Ohne Internet – und ohne eine inzwischen sehr politische Netzszene – wäre Guttenberg aber, da bin ich mir sicher, weiterhin Minister.

* Bzw. genauer, das war anfangs ein bisschen unklar: er ist von allen politischen Ämtern zurückgetreten.

P.S.: Wer es noch nicht kennt – mein vor zwei Wochen geschriebener langer Text zur Causa Guttenberg.

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10 Antworten auf Neun Sätze zu Guttenbergs Rücktritt

  1. Hulalena sagt:

    Word! Klasse gesagt.

  2. willibald sagt:

    Wenn er wirkliche Größe gehabt hätte, hätte er nicht die Medien bezichtigt, sondern sich an erster Stelle für die Bagatellisierung von Lügen, Rechtsbrüchen und Hochstapelei einsichtig gezeigt und dafür beim deutschen Volk entschuldigt. Er ist ein Mann mit Ecken und Kanten, hat natürlich einen Glanz, auch durch die Medien aller Couleur, erlangt, nur wurde er seinen immer wieder erklärten Ansprüchen nicht gerecht. Ein sofortiges klares Bekenntnis aller im Zusammenhang mit seiner Doktorarbeit stehenden Vergehen hätte ihn vielleicht retten können, aber die Verhöhnung der Wissenschaften war einfach zuviel des Guten. Das wird Frau Merkel auch noch erfahren.

  3. Pingback: F!XMBR

  4. Claudia sagt:

    und heißt das, dass seine ganze Ministertätigkeit ein einziger Schwindel war? ist er nur deswegen ein schlechter Politiker, weil er Fußnoten vergessen hat!? bin gespannt, wer der nächste ist, Rücktritte sind ja zur Zeit in Mode…

  5. nina sagt:

    @Der Fall von Guttenberg zeigt wieder einmal, um was es in einer
    hypersozialen Welt von höheren Primaten wirklich geht: nicht um Wissenschaft oder Bücher, sondern um Führung, Führung,
    Führung, Führer (“Machiavellische hypersoziale Intelligenz”).
    Guttenberg als geborener “Führer” hat ein perfektes
    hypersoziales Hirn — was “das geBILDete Volk” ja auch spürt.

    Wissenschaft ist letztlich eh nur blosse Technik und Technologie (s. CEBIT) — der
    Rest ist Rhetorik (siehe Giambattista Vico, 1710).

    Gaddafis Sturz zeigt auch wieder einmal, dass alle Bücher letztlich
    nie funktionieren können (Gaddafis grünes Buch, Guttenbergs Buch, etc.) — bis auf Facebook und Fuckbook, natürlich.
    Darum hat Guttenberg recht.

    Und: nach 2 Jahren ist in der Wissenschaft eh schon alles verjährt (und die Gedächtnisse
    von heute sind SEHR kurz).

    Leider gibt es ja immer noch keine “Gesellschaft” und Zivilisation OHNE Politiker,
    Juristen, Hausärzte, (etc.)…

    Übrigens (auch an Oliver Lepsius): Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Affe vor der Tastatur per Zufall gerade einen Text von Shakespeare eintippt, ist ja auch grösser als Null… (p > 0).

    Allein schon aus diesem Grund wird Guttenberg (als hypersozial perfekter höherer
    Primat) juristisch freigesprochen werden müssen (denn per Zufall hat er gerade unbewusst plagiiert, p > 0) — selbst dann, wenn er den “Dr.”-Titel aus hypersozialen Gründen
    einfach nur als Sprungbrett hypersozialerweise gebraucht (“missbraucht”) hat

    Höhere Primaten brauchen charismatische Führer!

    Guttenberg for Kanzler 2013!!!!!!!!!!!!!!

    Guttenberg will be back!!!!!!!!!!

  6. Funatiker sagt:

    Kurz gesagt:
    Er boxt eine Bundexwehrreform durch, ohne eine nennenswerte Debatte zu entfachen. Das ist nicht „Führungsqualität“ sondern „Führerqualität“. Er wurde so vergöttert, dass diese Innocent-in-Danger-Affäre seiner Frau BEIDEN als gute Tat angerechnet wird. Das Hetzblatt Bild hat positiv für ihn berichtet, er hat eine Exklusiv-Kampagne der Bundeswehr in diesem Hetzblatt geschaltet. Jetzt produziert er sich als Märtyrer und Opfer einer Hetzkampagne. Das ist doch alles nur noch widerlich.

  7. Ulf Dunkel sagt:

    Ich habe KT Googlebergs Rücktrittsrede vorhin bei Phoenix angehört. Seine Worte haben mich so sehr bewegt, dass ich Tränen in den Augen hatte. Dieser arme, arme, arme, arme, arme, arme Mann, so völlig am Ende seiner Kräfte.

    Dann musste ich rasch zum Bad laufen, mich übergeben und*) mir den medialen Mitleidsschleim aus dem Gesicht wischen, den KT abgesondert hatte und der mich in voller Breitseite erwischt hatte.

    In Schland ist nur auf eines Verlass: Auf den Wankelmut der BILD. Gestern noch lobten sie ihn in den höchsten Tönen und nahmen seinen Kampagne-Etat, morgen werden sie ihn in der Luft zerreißen, und den nächsten Spacko aufbauen. Amen.

    *) Das Wort »und« ist ein Zitat aus der taz vom letzten Dienstag.

  8. blumentopf sagt:

    Was ich wirklich kurios finde: Dass der Mann oft als »Macher« bezeichnet wird, in der Realität aber so gut wie nichts hinbekommen hat.

    Erst stand er als Opel-Retter da, wollte die Firma an Magna verkaufen. Aus dem Deal wurde nichts, Opel gehört weiterhin zu GM. Dann wurde im Auftrag seines Ministeriums das Zugangserschwerungsgesetz von einer privaten Kanzlei angefertigt. Direkt nach Inkrafttreten wurde es ausgesetzt. Zuguterletzt wollte er die Bundeswehrreform, seine »Meisterprüfung« durchziehen. Jetzt lässt er das Ganze halbfertig liegen.

    Unter einem »Macher« stell ich mir was anderes vor.

  9. Philipp sagt:

    Guter Kommentar. Hinzufügen würde ich noch den Druck aus der (Offline-)Wissenschaft, nicht zuletzt auch Prof. Lepsius von der Uni Bayreuth. Damit kann ich nun mit Guttenberg abschließen, denn mehr ist zu dem Thema jetzt wirklich nicht mehr zu sagen.

  10. Till sagt:

    BTW: Der Tagesspiegel hat eine ganz interessante Exegese der Rücktrittsrede.

    Und die CSU verliert durch den Rücktritt ein Überhangmandat.

    Und jetzt stellt sich natürlich noch nachdrücklicher als vorher die Frage: hat Guttenberg die Diss. selbst verpfuscht – oder war’s doch ein Ghostwriter, wie inzwischen doch recht lautstark gemunkelt wird?

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