Ohne Titel?

Up and down

Per­son und Gewis­sen: Stu­di­en zu Vor­aus­set­zun­gen, Not­wen­dig­keit und Erfor­der­nis­sen heu­ti­ger Gewis­sens­bil­dung – das ist der Titel der 1980 an der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf ange­nom­me­nen Dok­tor­ar­beit der For­schungs­mi­nis­te­rin Annet­te Scha­van. Und es könn­te der Punkt sein, an dem ihre poli­ti­sche Kar­rie­re ein Ende findet.

Ich bin mir noch nicht hun­dert­pro­zen­tig sicher, was ich davon hal­ten soll. Auf der einen Sei­te ist es völ­lig klar: Eine Bun­des­mi­nis­te­rin, die – soll­te sich der Ver­dacht bewahr­hei­ten – in ihrer Pro­mo­ti­ons­ar­beit wis­sent­lich und wil­lent­lich getäuscht hat, und der des­we­gen der Titel ent­zo­gen wird, hat ein Pro­blem. Das gilt erst recht, wenn die­se Minis­te­rin sich – wie hier gesche­hen – in der Gut­ten­berg-Affä­re schon sehr deut­lich zum The­ma der Qua­li­tät wis­sen­schaft­li­cher Abschlüs­se geäu­ßert hat, und wenn sie qua Amt sozu­sa­gen der obers­te Garant dafür sein soll, dass das Hoch­schul- und Wis­sen­schafts­sys­tem in Deutsch­land höchs­ten wis­sen­schaft­li­chen Ansprü­chen gerecht wird. Inso­fern gehe ich davon aus, dass eine Aberken­nung des Dok­tor­ti­tels Kon­se­quen­zen für Annet­te Scha­van haben wird.

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Neun Sätze zu Guttenbergs Rücktritt

Meet the stapler II
Höchst­stap­ler, ange­schla­gen

Karl Theo­dor Maria Niko­laus Johann Jacob Phil­ipp Franz Joseph Syl­ves­ter Frei­herr von und zu Gut­ten­berg ist jetzt end­lich, end­lich als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter* zurück­ge­tre­ten.

Ich hof­fe jetzt ers­tens, dass sei­ne selbst in der Rück­tritts­re­de zu fin­den­den Ver­su­che, das gan­ze als eine Art media­les Mob­bing dar­zu­stel­len, nicht auf frucht­ba­ren Boden fal­len. Gut­ten­berg hat sein Amt nicht des­we­gen ver­lo­ren, weil kon­ser­va­ti­ve und lin­ke Zei­tun­gen und ein paar ver­rück­te Wis­sen­schaft­le­rIn­nen ihm eine klei­ne stu­den­ti­sche Betrü­ge­rei übel genom­men haben, son­dern weil er sich in Lügen und den immer stär­ker zu Tage tre­ten­den Unauf­rich­tig­kei­ten in sei­nem Lebens­lauf ver­fan­gen hat. 

Und zwei­tens fin­de ich es wich­tig, fest­zu­hal­ten, dass das Netz gro­ßen Anteil an die­sem Rück­tritt hat­te. Dass die Pla­gi­ats­pro­ble­me, die vor eini­gen Wochen von Prof. Fischer-Lesca­no öffent­lich gemacht wur­den, auf die­se Reso­nanz gesto­ßen sind, und sehr schnell deut­lich wur­de, dass es um weit mehr geht als um acht »raub­ko­pier­te« Text­stel­len ist ein Phä­no­men, dass in die­ser Wei­se nur in einer weit­ge­hend ver­netz­ten Gesell­schaft mög­lich war. Ähn­li­ches gilt für die rasant anwach­sen­de Zahl an Unter­schrif­ten unter dem »Offe­nen Brief« an Mer­kel (ges­tern waren es schon über 33000). Und nicht zuletzt mei­ne ich, dass Twit­ter und Face­book und ein paar Blogs ein star­kes Gegen­ge­wicht zum Ver­such der BILD dar­ge­stellt haben, Gut­ten­berg zu hal­ten. Ob es auch zu die­sem Rück­tritt gekom­men wäre, wenn FAZ und NZZ nicht sicht­lich ver­är­gert gewe­sen wären, weiss ich nicht. Ohne Inter­net – und ohne eine inzwi­schen sehr poli­ti­sche Netz­sze­ne – wäre Gut­ten­berg aber, da bin ich mir sicher, wei­ter­hin Minister.

* Bzw. genau­er, das war anfangs ein biss­chen unklar: er ist von allen poli­ti­schen Ämtern zurückgetreten.

P.S.: Wer es noch nicht kennt – mein vor zwei Wochen geschrie­be­ner lan­ger Text zur Cau­sa Guttenberg.

Ein paar Nachträge zu Guttenberg

Noch scheint er ja nicht zurück­ge­tre­ten zu sein. Der »lei­den­de« (BILD) Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter. Ganz infor­ma­tiv fin­de ich des­we­gen ein paar der aktu­el­le­ren Reak­tio­nen und Ent­wick­lun­gen in Gut­ten­bergs Fall:

In Ber­lin gab es eine Spon­tan­de­mons­tra­ti­on mit ein paar hun­dert TeilnehmerInnen.

Mehr als 25.000 Men­schen (dar­un­ter wohl an die 20.000 Dok­to­ran­dIn­nen) for­dern Dr. Mer­kel dazu auf, Gut­ten­berg zu entlassen.

Der Vor­sit­zen­de des Wis­sen­schafts­rats nimmt mit zuneh­men­der Sor­ge zur Kennt­nis, »wie in Fol­ge der Dis­kus­sio­nen um die Dok­tor­ar­beit von Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg das gesell­schaft­li­che Anse­hen der Wis­sen­schaft Scha­den zu neh­men droht.« (pdf)

Auch die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) als größ­ter öffent­li­cher For­schungs­för­de­rer macht sich Sor­gen um das Anse­hen der Wis­sen­schaft in Deutschland.

Bun­des­for­schungs­mi­nis­te­rin Dr. Scha­van schämt sich inzwi­schen wegen Guttenberg.

Ähn­lich sieht das wohl der for­schungs­po­li­ti­sche Spre­cher der FDP, Neu­mann, der einen Rück­tritt ins Spiel bringt.

Die Süd­deut­sche berich­tet, dass der eme­ri­tier­te Dok­tor­va­ter Gut­ten­bergs, Prof. Dr. Häber­le, sich ver­zwei­felt zurück­ge­zo­gen habe.

Der baden-würt­tem­ber­gi­sche Minis­ter­prä­si­dent Map­pus hat wei­ter­hin kei­ne Pro­ble­me mit Gut­ten­bergs wis­sen­schaft­li­chem Betrug – das passt nicht so ganz zum baden-würt­tem­ber­gi­schen Image wis­sen­schaft­li­cher Exzel­lenz. Aber das scheint Map­pus nicht zu stören.

Nach­trä­ge hier zu

Logiken des Promovierens, oder: Senf zu Guttenberg

Benutzerausweis

Seit ges­tern huscht ein Sturm der – mas­sen­me­di­al abge­schwäch­ten – Ent­rüs­tung durchs Netz: der all­seits belieb­te Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter hat abge­schrie­ben. Da liegt aber eigent­lich schon das Pro­blem: der Skan­dal ist nicht die Tat­sa­che, dass von und zu Gut­ten­berg in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on auf frem­de Quel­len zurück­greift und die­se aus­führ­lich zitiert. Das ist – gera­de in eher geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten – durch­aus üblich. Der Skan­dal liegt dar­in, dass grö­ße­re Pas­sa­gen der Arbeit aus ande­ren Tex­ten – offen­sicht­lich Netz­fun­de – in sei­ne Arbeit hin­ein­ko­piert wur­den, dort sprach­lich teil­wei­se über­ar­bei­tet wur­den, aber eben weder kor­rekt als Zita­te gekenn­zeich­net sind noch in wis­sen­schafts­ad­äqua­ter Wei­se damit umge­gan­gen wird (also z.B. das Zitat zum Aus­gangs­punkt einer eige­nen Stand­punkt­su­che gemacht wird). Viel­mehr scheint es von und zu Gut­ten­berg hier ein­zig und allein dar­um gegan­gen zu sein, wohl­for­mu­lier­te Gedan­ken in schmü­cken­der Wei­se in sei­nen Text einzufügen. 

Visu­ell schön auf­be­rei­tet fin­den sich die­se Schmuck­über­nah­men bei der Süd­deut­schen Zei­tung (auf die ich hier aller­dings nur mit Bauch­schmer­zen ver­lin­ke, setzt sie sich selbst doch gera­de inten­siv für ein »Leis­tungs­schutz­recht« ein, das selbst kur­ze Zita­te aus Zei­tungs­tex­ten im Netz ille­gal machen wür­de – wäh­rend hier zu Doku­men­ta­ti­ons­zwe­cken umfang­reichst aus der Arbeit von und zu Gut­ten­bergs wie aus den Ori­gi­nal­quel­len zitiert wird). Und hin­ge­wie­sen wer­den muss natür­lich auch auf Andre­as Fischer-Lesca­no, der als Jura-Pro­fes­sor in Bre­men die gan­ze Sache über­haupt erst ins Rol­len gebracht hat. [Nach­trag: das Netz sucht nun auch kol­la­bo­ra­tiv nach undo­ku­men­tier­ten Zitaten …].

Wie ist das Copy’n’Paste von und zu Gut­ten­bergs nun zu werten?
„Logi­ken des Pro­mo­vie­rens, oder: Senf zu Gut­ten­berg“ weiterlesen