Das letzte heimische Netz

Gestern fand das sehr gelungene erste Netzkulturfestival von Freiburg gestalten statt (umsonst und drinnen, nämlich in der wunderbaren Lokhalle). Kathrin Passig war auch da, und hat erbaulich über die seit 1982 nachweisbare Idee vorgetragen, dass das Netz kaputt sei und früher doch alles besser, schöner, utopischer war – bevor ungewaschene Barbaren und pubertierende Jungs Einzug in das jeweilige Kommunikationsmittel gehalten haben.

BBS-Mailbox-Systeme aus den 1980ern, das Usenet vor dem »eternal september«, Twitter, als es noch ein Geheimtipp war – die Erzählung ist strukturell immer die gleiche.

Passig erklärt die Permanenz dieses Bildes nicht nur mit Wellenbewegungen der Öffnung und Schließung netzkommunikativer Angebote, sondern auch mit biografischen Lebensphasen. Das nostalgisch verklärte »früher« war nicht nur elitär geschlossen, sondern ihm wohnte auch der Zauber des Anfangs inne. Der Rückblick rückt das Besondere, das neu zu entdeckende in den Vordergrund.

Aber dieser Moment hat keine Dauer. Der Reiz des Neuen verblasst, Normalität und Gewöhnlichkeit überschreiben dieses Gefühl. Wie überall, wo Menschen miteinander interagieren, kommt es zu Konflikten. Manches ist mühsam. Und dann liegt es nahe, den Blick zurück auf den verklärten Anfang zu werfen, als die Plattform noch neu und spannend, der Umgang angenehm und der Geist gemeinsam waren. So jedenfalls die Erinnerung, die Hürden ausblendet, etwa die Suche nach Kommunikationspartnern.

Im Fazit ihres Vortrags lieferte Passig dann eine ganze Liste von Strategien, um der nostalgischen Verklärung zu entkommen.

  • Neuen Leuten folgen.
  • An neue »Orte« weiterziehen.
  • Strategisches Entfolgen.
  • Nicht mit dem Krückstock fuchteln.
  • Vorsichtig mit ausschließenden Strategien.
  • An der Gegenwart erfreuen – heute ist das früher von morgen!

Die ersten zwei Punkte zielen novophil darauf, den Zauber des Anfangs wieder und wieder erlebbar zu machen. In gewisser Weise kann ich das nachvollziehen – Wikipedia-Beiträge zu schreiben verliert den Reiz? Dann eben Flickr und Facebook ausprobieren. Und wenn das langweilig wird – was ist eigentlich mit Instagram? (Wobei Kathrin Passig, nebenbei gesagt, auch keine so rechte Antwort darauf wusste, was denn die neuen Orte des Jahres 2019 sein mögen …)

Mit den übrigen Punkten kann ich allerdings deutlich mehr anfangen. Das hat pragmatische Gründe: jeder Wechsel von einer Plattform zur nächsten ist mit Arbeit verbunden – neue (informelle) Regeln kennenlernen, sich seine Kontakte (wieder) suchen … ich finde das anstrengend, auch wenn ich eine prinzipielle Offenheit – prinzipiell gesehen – richtig finde. Aber vielleicht bin ich schlicht gar nicht so novophil.

Vielleicht geht es auch anderen so. Was dann erklären könnte, warum ello, mastodon und so weiter alle nicht so richtig abheben. Hier ließe sich jetzt ein wunderbarer Exkurs zu lock-in-Effekten, Interoperabilität und der bisher nicht vorhandenen Möglichkeit, Kontakte über Plattformen hinweg zu teilen/mitzunehmen, einfügen.

Vielleicht lassen sich die übrigen Punkte aber auch als »renovieren/reparieren statt abreißen/wegwerfen« zusammenfassen (Ursula K. Le Guins Bücher beispielsweise atmen diese Philosophie).

Damit meine ich nicht, dass es seitens der Plattformanbieter ständig Updates der Designs und Algorithmen gibt. Das nervt eher. Weil es – siehe oben – anstrengend sein kann, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Statt dessen geht es darum, sich einzurichten, sich mit Leuten zu umgeben, sich anständig zu verhalten. Auch das ist Arbeit, aber das Ergebnis ist aus meiner Sicht viel nachhaltiger als der Reiz des Neuen – es ist nämlich eine Art, im Netz, auf einer bestimmten Plattform heimisch zu werden.

Warum blogge ich das? Weil das eines der Dinge ist, die ich von dem Netzkulturfestival mitnehme – das andere ist die erstaunte Feststellung, wie diszipliniert, undogmatisch und selbstverständlich eine mit einem medial begleiteten WhatsApp-Kettenbrief gestartete Bewegung wie Fridays for Future Onlinewerkzeuge nutzt, um sich politisch zu organisieren. Da geht es dann um Telefonkonferenzen, um Slack, um Etherpads. Das Netz als Politik-Tool, als große demokratische Bewegung – das ist eine der immer wieder utopisch darauf projizierten Vorstellungen. Jenseits des Pathos und jenseits des überhöhten Hypes findet das 2019 tatsächlich statt.

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