Die drei Ebenen des Falls Johannes Ponader

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Paint job II

Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher ist ja sowas wie ein Piratenfan. Auch deswegen ist dem politischen Geschäftsführer der Piraten, Johannes Ponader, ein kleiner medialer Coup gelungen: Er hat – um die Pointe vorwegzunehmen – öffentlich erklärt, auf seinen Arbeitslosengeld-II-Anspruch zu verzichten. Das hat eine ganze Menge unterschiedlicher Reaktionen ausgelöst, vor allem von denen, die Ponaders Überschrift »Abschied vom Amt« falsch verstanden haben. Parteiübergreifend, versteht sich (schön analysiert dies das Blog der digitalen LINKEN). Und es war auch eine Reaktion – darauf, dass versucht wurde, ihn öffentlich in eine Reihe mit Florida-Rolf etc. zu stellen, also als einen, der Sozialleistungen missbraucht.

Ich finde Ponaders Reaktion nach wie vor respektabel.

Bei einem freiberuflichen Theatermenschen ist die Idee, dass es sich hierbei durchaus auch um eine Inszenierung handelt, nicht so weit hergeholt – aber: die ist gelungen, und sie erfüllt meines Erachtens sowohl den Zweck, ihn selbst politisch zu präsentieren (das ist etwas, für das PolitikerInnen gerne auch einmal bezahlt werden, jedenfalls durchaus ihre Aufgabe) als auch den Zweck, eine ganze Reihe von Missständen im Zusammenhang mit der Agentur für Arbeit und den Hartz-Gesetzen einem damit sonst eher nicht in Berührung kommenden Publikum vor Augen zu führen. Auch wenn’s in diesem Fall die politische Konkurrenz macht, finde ich das Vorgehen hier gut und richtig.

Ebenso wichtig ist es, dabei zwischen den unterschiedlichen Ebenen zu unterscheiden, die der »Fall Ponader« inzwischen angenommen hat. Ein Argumentationsstrang – zuletzt ist mir hier vor allem Bodo Ramelow aufgefallen – bezieht sich auf die Ehrenamtlichkeit politischer Ämter. Ein zweiter Diskursstrang betrifft die Frage, ob die von Ponader beschrieben Missstände im Jobcenter Einzelfallcharakter haben oder nicht. Und drittens geht es um die große Frage nach der Zukunft der Erwerbsarbeit und um das bedingungslose Grundeinkommen. All das vermischt sich in der Diskussion.

I. Die Ebene der Ehrenamtlichkeit

Johannes Ponader ist politischer Geschäftsführer der Piraten. Das ist in der Piratenpartei wie alle Vorstandsposten ein Ehrenamt. Er selbst legt Wert darauf, zwischen seinem Amt des politischen Geschäftsführers und dem Amt eines oder einer BundesgeschäftsführerIn zu unterscheiden; letzteres eher als Verwaltungsfunktion verstanden. Auf grüne Verhältnisse übertragen: Ponader ist die Steffi Lemke der Piraten, nicht deren Dorothea Staiger.

Die Linie der Piraten, zunächst einmal die Angestellten der Partei zu entlohnen (PressesprecherIn, Buchhaltung, oder eben auch Bundesgeschäftsführung), und den Vorstand bis auf weiteres ehrenamtlich auszugestalten, finde ich für eine junge, finanziell und politisch noch nicht so ganz etablierte Partei nicht so ungewöhnlich. Ohne das im Detail recherchiert zu haben, würde es mich nicht wundern, wenn beispielsweise die Landesvorsitzenden, SchatzmeisterInnen etc. grüner Landesverbände auch heute nicht in allen Bundesländern hauptamtliche Posten sind. Aus Baden-Württemberg (vergleichbar viele zahlende Mitglieder wie bei den Piraten auf Bundesebene) weiß ich, dass wir unsere beiden Vorsitzenden und den Schatzmeister bezahlen, dass das aber von der Ausgestaltung her eher 3/4-Stellen sind.

Natürlich hat es Schattenseiten, wenn eine Partei ihr politisches Personal nicht bezahlen kann. Die 20, 30, 40 Stunden Engagement pro Woche neben einen Beruf zu packen, dass ist es etwas, das vermutlich ziemlich viel mit Burnout und hoher Fluktuation zu tun hat. Besonders professionell ist es nicht.

Aber, um zum Punkt zu kommen: Wenn der Bundesvorsitzende der Piraten, Bernd Schlömer, im Hauptberuf Beamter im Verteidigungsministerium ist, und sich nebenbei ehrenamtlich politisch engagiert, dann mag das zu Debatten über die politische Zurückhaltungspflicht von BeamtInnen führen. Es stellt aber niemand in Frage, dass das prinzipiell möglich ist. Sonst wäre es – wenn die Piratenpartei nicht das Geld oder den Willen hat, ihr politisches Personal zu bezahlen – letztlich ein Job, der nur den Ehemännern reicher Frauen, FabrikbesitzerInnen oder von MäzenatInnen geförderten Menschen möglich wäre.

Ponader hat einen Hauptberuf – er ist freiberuflicher Theaterpädagoge und Regisseur. Das ist nun nicht unbedingt eine Tätigkeit, die mit hohen Einnahmen verbunden ist. Aufgrund der Freiberuflichkeit mag diese Tätigkeit manchen suspekter erscheinen, als sie es wäre, wenn Ponader in, sagen wir, einem Jugendzentrum fest angestellt wäre. So sieht unsere Berufswelt heute aber eben schon längst nicht mehr aus.

Bevor ich zu den anderen beiden Ebenen komme, muss ich doch noch eine spitze Bemerkung zu LINKEN und anderen SozialdemokratInnen loswerden. In der Debatte um Ponaders Text in der FAZ waren die es, die sich meinem Gefühl nach am meisten dadurch hervorgetan haben, dass sie forderten, er solle sich doch einen ordentlichen Job suchen. Und das ist leider kein Einzelfall: Sozialdemokratie steht nach wie vor Fest zu Bebel und der Bibel: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Im Kern der Arbeitspartei steht nach wie vor eine Arbeitsreligion, der alles als höchst seltsam und fragwürdig erscheint, was sich nicht in ein reguläres Nine-to-Five-Arbeitsverhältnis mit Wochenendzulagen packen lässt.

Das führt dann auf der anderen Seite – beispielsweise in den Gewerkschaften – nicht nur zu einem schwierigen Verhältnis zu Alleinselbstständigkeit und Freiberuflichkeit, sondern auch dazu, dass eine Hierarchie bezahlter Funktionärsposten als völlig selbstverständlich erscheint. Und was – wie in autonomeren Bewegungen üblich – ohne Geldleistung freiwillig gemacht wird, kann ja nichts wert sein. Hier prallen immer noch Welten aufeinander.

II. Die Missstände im Jobcenter

In seinem Text beschreibt Ponader sehr plastisch, dass die Arbeitsagentur trotz aller Kunden-Rhetorik nach wie vor eine auf ganz bestimmte Ziele hin ausgerichtete Behörde ist. Ich will gar nicht in Frage stellen, dass es auch dort MitarbeiterInnen gibt, die sich engagiert und aktiv darum kümmern, passende Jobs für ganz unterschiedliche Menschen zu finden. Generell betrachtet halte ich das von Ponader beschriebene System für höchst plausibel. Und er ist ja auch nicht der erste, der sich darüber beklagt – aber vielleicht der erste, der das so unerwartet sichtbar und offensiv tut.

Auch die Arbeitsagentur hängt, meine ich jedenfalls sagen zu können, sehr stark an herkömmlichen Vorstellungen von Arbeit und Beruf. Freiberuflichkeit mit Phasen der Arbeitslosigkeit dazwischen – das passt nicht ins Vermitlungsschema. Und brotlose Künste erst recht nicht – wollen Sie nicht was vernünftiges machen, junger Mann?

Vor inzwischen auch schon wieder zwölf Jahren war ich stellvertretender Vorsitzender des AStA/u-asta der Universität Freiburg. Ein Ehrenamt, neben dem weiter studiert wurde. Und was tat die damals noch Arbeitsamt heißende Behörde, als zufällig mein Name in der Zeitung stand? Bei meinem Vater anrufen, ob den das Kindergeld, das meine Eltern damals für mich bekamen, korrekt abgerechnet sei. Schließlich sei ich ja als AStA-Vorstand tätig, und das sei ja sicher bezahlt, insofern der Anspruch auf Kindergeld vermutlich nichtig. Was es natürlich nicht war. So dachte das Arbeitsamt vor zwölf Jahren, und mit mindestens dem selben Misstrauen agiert die Agentur für Arbeit heute.

Ich selbst hatte mir der Agentur für Arbeit bisher einmal zu tun. Nicht als Hartz-IV-Empfänger, sondern in der recht komfortablen Situation, als Akademiker mit Anspruch auf ALG-I nach dem Auslaufen einer Drittmittelstelle diesen Anspruch für ein paar Monate überbrückend einlösen zu können.

Akademiker: Wichtig, weil da im Jobcenter durchaus sortiert wird, und die Behandlung eine andere ist. Meine Betreuerin versuchte, hilfreich zu sein – aber den spezialisierten, zu einem großen Teil auf Kontakte und »mitkriegen, dass was frei wird« beruhenden Jobmarkt für Soziologen mit meinen Spezialisierungen hatte ich trotzdem deutlich besser im Blick als sie, die für alles von Zahnmedizinerinnen bis zu Altägyptologen zuständig war. Dass das Amt Termine festsetzte, statt sie zu vereinbaren nervte mich ebenso wie die abgeschlossene Zielvereinbarung, die vor allem aus »aktiv selbst nach Angeboten suchen und Profil im Internetangebot der Agentur für Arbeit anlegen« bestand. Den Fragebogen, den ich ausfüllen musste, fand ich auf meine Situation hin wenig passend (An welchen Wochentagen stehen Sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung? – wegen Kinderbetreuung, aber die hing bei mir nicht an Wochentagen …). Und Angebote, die tatsächlich für akademische Karrieren zielführend wären, gab es eh nicht (eine Beratung zum Jobmarkt in der Schweiz, bei der die Fragen, die ich hatte, nicht wirklich beantwortet werden konnten). Wenn ich mir die Situation auf dem akademischen Arbeitsmarkt generell so anschaue, dann wäre, um nur ein Beispiel zu nennen, sowas wie ein staatliches Stipendium zur Beendigung eines Promotionsvorhabens deutlich sinnvoller als der Versuch, Menschen auf Teufel komm raus in Werbeagenturen und Callcenter downzugraden.

Aber das ist eben nur ein Teilbereich des Arbeitsmarkts neben vielen anderen. In denen jeweils unterschiedliche Regeln und Erwartungen gelten, die letztlich alle in ein Raster gepresst werden müssen – nur als Beispiel: Zuverdienstmöglichkeiten! Dass das auch unter Androhung von Sanktionen nicht wirklich gut funktionieren kann, verwundert mich jetzt nicht.

Meine eigene Erfahrung ist aber nicht nur die eines speziellen Teilmarktes des Arbeitsmarkts, sondern auch eine ALG-I-Erfahrung. Nach allem, was ich darüber weiß, kippt die Balance von Fördern und Fordern bei ALG-II noch einmal deutlich weiter ins Ungleichgewicht, fällt auch die »Betreuung« anders aus, geraten »Vermittlungsfälle« noch viel stärker in den Vordergrund gegenüber Persönlichkeiten und Kompetenzen. Auch insofern kann ich Ponaders Kritik gut nachvollziehen, und finde es wichtig, dass er diese gut inszeniert öffentlich gemacht hat.

Für mich heißt das auch: Gerade Grünen (und eigentlich auch der SPD …) steht es gut an, sehr deutlich zu sagen, zu welchen Fehlentwicklungen die Hartz-Gesetze geführt haben, und hier politisch klare Botschaften auszusenden. Dabei geht es nicht nur darum, Arbeitsplätze zu schaffen und einen Mindestlohn einzuführen, sondern eben auch darum, ALG-II zu der menschenfreundlichen Sozialleistung umzugestalten, als die sie vielleicht einst gedacht war. Im Vordergrund steht dabei für mich Sanktionsfreiheit und ein Recht auf eine den ganz unterschiedlichen Lebenssituationen angemessene differenzierte Behandlung. Das heißt dann aber auch, dass die Arbeitsagentur in ihrer Organisation so gestaltet werden muss, dass sie dieser Differenziertheit gerecht werden kann. Eine Steuerung anhand von Vermittlungsquoten ist dafür – angesichts der Nebenwirkungen, die so ein Instrument hat – definitiv nicht das richtige Mittel.

III. Arbeit heute, oder: die Frage nach dem Grundeinkommen

Manche werfen Ponader vor, nur Mitleid für sich selbst schüren zu wollen, statt Hartz IV insgesamt verbessern zu wollen. Oder sie sagen, er wolle sich quasi selbst ein staatliches Grundeinkommen organisieren, ganz individuell. Den ersten Vorwurf halte ich für ein Missverständnis. Der öffentliche, ausführlich begründete Verzicht auf Hartz IV ist eine symbolische Handlung, die nicht um Mitleid heischt, sondern Öffentlichkeit herstellen will. Das ist Ponader gelungen.

Der zweite Vorwurf ist einer, der differenzierter zu betrachten ist. Ich glaube, es geht eher darum, zu zeigen, dass ein ausgefülltes, tätiges Leben mit einem Grundeinkommen prinzipiell auch heute schon möglich wäre. Das ist natürlich eine Provokation – vor allem denen gegenüber, die der Arbeitsreligion anhängen.

Gerade im Kunstbereich klappt das klassische Erwerbsarbeitsmodell doch heute schon überhaupt nicht mehr – auch deswegen sind die aktuellen Urheberrechtsdebatte ja so heftig, weil die Kunstschaffenden, die sich vom Netz bedroht fühlen, oft gerade mal so über die Runden kommen, und Existenzängste haben. Ähnliches gilt für Kleinselbstständigkeiten unterhalt der Wirtschaftlichkeitsschwelle (nicht nur Modedesigner oder Lifestyle-Bloggerinnen in Berlin, sondern auch Subunternehmer in der Forstwirtschaft, um den Horizont etwas zu weiten). Zum Teil auch für akademische Tätigkeiten »unterhalb« der Professur – Lehrbeauftragte, beispielsweise.

Die wohlfeil-sozialdemokratische Antwort auf all diese lebenskünstlerischen Nischen ist es, diese zuzubetonieren und statt dessen tariflich gesicherte abhängige Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen. Den Rest darf der Markt erledigen – was sich nicht trägt, ist unabhängig vom individuellen und gesellschaftlichen Wert, der in einer solchen Tätigkeit geschaffen wird, nicht länger tragbar. Als wertvoll gilt nur, was sich auszahlt und bezahlt wird. Oder es ist halt Ehrenamt, Hobby, steuerlich nicht absetzbare Liebhaberei, die dann eben bitte neben dem Brothauptjob erledigt werden soll, danke. Oder zwischen den beiden Brothauptjobs. Und der Kindererziehung und Familienarbeit. 21.30 bis 22.59 sind die besten Zeiten dafür – danach dann aber bitte ab ins Bett, um dem Arbeitgeber wieder ausgeschlafen zur Verfügung zu stehen.

Ich bin überzeugt davon, dass eine lebendige Gesellschaft schlecht bezahlte, experimentelle und selbstbestimmte Nischen braucht. Diese sind risikoreich, und befristete Arbeitsverhältnisse, ungewollte Teilzeit, eher schein- als selbstständige Werkverträge sind beides zugleich: Ausbeutungsinstrument und das Seil, an dem die, die in der Nische sind, sich weiterhangeln können. Auch das Arbeitlosengeld II kann so ein Tau für die Nische sein. Und es ist genauso multifunktional wie die anderen Seile – zum Hangeln und Hochziehen, aber auch zum Hängen (Hängematte, nicht Galgen) geeignet.

Bisher ist hier eine Mischung aus sozialdemokratischer Politik vorherrschend: Nischen werden planiert oder aufgefüllt, Risiken verboten, und Seile konfisziert (wegen der Galgen).

Ich bin weiterhin nicht davon überzeugt, dass das der richtige Weg ist. Auch eine Hochlohngesellschaft wie die unsere braucht individuell riskante Nischen, um innovativ und lebendig zu bleiben. Berlin war dafür lange das Musterbeispiel. Ein Grundeinkommen kann – je nach Ausgestaltung! – das richtige Werkzeug dafür sein, um Ehrenamt und Familienarbeit, Kleinselbstständigkeit und Kunst zu unterstützen.

Diese Denkweise mag als neoliberal gescholten werden, aber sie ist es nicht – aus meiner Sicht ist sie liberal und emanzipatorisch. Auch ein Grundeinkommen ist ein riskantes Instrument. Es kann in der falschen Ausgestaltung dazu führen, dass klassische Familienbilder eine lebensverlängernde Infusion erhalten, und Frauen vom Arbeitsmarkt verdrängt werden. Es kann zum Instrument werden, das in der Wirtschaft eine Lohnspirale nach unten auslöst.

Auch deswegen meine ich, dass ein Grundeinkommen zwar sanktionsfrei (und keinesfall bedarfsprüfend) ausgestaltet sein müsste und eine ausreichende Höhe haben müsste, dass es aber nicht zu bequem sein darf, von Grundeinkommen zu leben. Es muss durch Mindestlöhne flankiert sein, um Abwärtsspiralen zu verhindern. Es muss für alle offen sein, um Neiddebatten zu verhinden. Und es darf nicht allzu bequem sein, um tatsächlich Kreativität, Engagement und Innovation herzubringen. Aber dafür würde im Fall des Falles unsere Gesellschaft schon sorgen. In unserer im Kern immer noch arbeitsreligiösen Gesellschaft hinterlässt staatlich finanzierte Nichterwerbsarbeit nach wie vor tiefe, blutende Stigmata. Und daran würde, befürchte ich, selbst ein Grundeinkommen nichts ändern.

Warum blogge ich das? Weil ich die Reaktionen auf Ponander parteiensoziologisch ebenso spannend fand wie hinsichtlich des Stellenwerts von Arbeit in der deutschen Sozialdemokratie.

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47 Antworten auf Die drei Ebenen des Falls Johannes Ponader

  1. korbinian sagt:

    ich liebe dich! genau so sehe ich das auch. danke für den text, ich hoffe du hast in deiner partei mitstreiter die irgendwann mal mehrheiten hervorbringen werden. <3

  2. »Gerade im Kunstbereich klappt das klassische Erwerbsarbeitsmodell doch heute schon überhaupt nicht mehr«

    Nach Eigenaussage von Ponader, der als Theatermacher über anderthalb Jahre im Münchner Norden an einer Schule arbeitete, hätte er den sicheren Job bis zu seiner Pensionierung machen können, ist dann aber nach Berlin gegangen, einerseits wegen einer neuen Liebe, andererseits, um in Zusammenarbeit mit den Aktionen von Ralph Boes seinen Kampf für das BGE zu führen. Um Geld mache er sich einfach keine Gedanken. Das war zumindest die Münchner Version.

    In Berlin sagte er dann den Medien, er hätte seinen Münchner Job aufgegeben, um sich voll Occuypy Berlin als Pressesprecher widmen zu können. Und erst an dieser Stelle kommt die Bedürftigkeit ins Spiel – bezeichnenderweise nachdem Boes mit ohm darüber gesprochen hat, wie man das Amt und ALGII (hier besonders in Berlin) als BGE benutzen und sich gegen die Leute dort wehren kann.

    Will sagen: Es mag viele geben, auf die die Opferrolle passt. Aber Ponader wollte in die Politik, und brauchte dafür Zeit und Geld und Gelegenheiten. Und da kam ihm das Amt gerade recht. 2013 will er in den Bundestag. Aber davor sollte man aufhören, die Mär vom armen, gebeutelten Künstler zu verbreiten.

    • Till sagt:

      An der Stelle geht’s mir aber gar nicht um Ponader (auch Politik ist so ein riskant-prekärer Arbeitsmarkt), sondern um Erwerbsarbeit 2012 insgesamt.

      • Nun, mir geht es da insofern um Ponader, als ich nicht den Eindruck habe, dass man mit so einer Vorgeschichte unter BGE-Leuten wie Ralph Boes (Stichwort »Geistesschulung«), deren Agenda die gezielte Diskreditierung des Systems ist, noch irgendwie als halbwegs verlässliches Beispiel wirken kann. Anders gesagt, der Beitrag von Ponader passt genau zur Agenda von Boes. Das Amt ist nicht für diese Leute dazu da, um Not zu lindern, sondern um Teil davon zu werden, und es von innen heraus als Betroffener zu bekämpfen und Sand im Getriebe zu sein. Sagen sie selbst.

        Ich persönlich finde H4 auch nicht gut, aber wenn Ponader dann aus dem Fundus der Horrorgeschichten seiner Gruppe nicht abschaltbare Motivationsvideos nimmt, und sich dann sagen lassen muss, er habe sie erfunden, ist das ein Problem für die Glaubwürdigkeit. Mit Ponader steht man nicht auf Seiten der Opfer, sondern auf Seiten eines Propagandisten, der die Opfer für seine eigenen Zwecke missbraucht.

        • Till sagt:

          Einigen wir uns auf: auf der Seite eines Propagandisten, der eine persönliche Situation politisch inszeniert, um damit persönliche und politische Ziele zu erreichen?

          • Ich finde »Missbrauch« durchaus treffend, denn die Lage von Ponader und die Illusion, die er erzeugt, werden dafür sorgen, dass es am Ende bei den Betroffenen hängen bleibt. Was? H4 und Orchideenfach? So einer wie dieser Pirat, der gekündigt hat, um in Berlin Revoluzzer zu machen und sich das von den Steuerzahlern finanzieren zu lassen?

            Je nachdem, wie gut und wie tief gegraben wird, wird das das Ergebnis sein. Und diese Zeche zahlt nicht Herr Ponader, den das parteiinterne Mitleid auf Platz 1 der Berliner Landesliste gespült haben wird. Die Zeche zahlen die, die sowieso schon unter Generalverdacht als faule Spinner sind, die das System ausnutzen.

            (Nur damit wir uns verstehen: Die FAZ wurde mir auch nicht in die Wiege gelegt. Vor- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und historische Hilfswissenschaften, dazu KG und auch Patristik. Ich weiss, was einem da entgegenschlägt, aus eigener Erfahrung.)

          • Till sagt:

            Ok, dass kann ein Effekt der Aktion sein. Ob es definitiv so kommen muss, finde ich nicht so sicher. Bisher habe ich eher den Eindruck, dass da ein Raum geöffnet wird, der politisch zur Zeit eher tabuisiert ist. Aber das mag eine sehr subjektive Wahrnehmung sein.

  3. korbinian sagt:

    grundeinkommen ohne einen hohen mindestlohn wäre in vielen fällen eine staatliche querfinanzierung von prekärer arbeitstätigkeit. auf jeden fall müssen daher dafür auch arbeitgeber an der finanzierung beteiligt werden.

  4. Tim sagt:

    ich gebe dir ja vollkommen recht, till, dass es nischen braucht. ich verstehe aber nicht, warum die staatlich alimentiert werden sollten.
    und man sollte die nischen (wie generell die künste und das kulturleben) auch nicht zu idealisierend sehen. es ist dann doch vergleichsweise lange her, dass ich tatsächlich innovatives/kreatives aus nischen vernommen hätte.

    • Till sagt:

      Mir geht’s ja zum Teil erstmal darum, Nischen überhaupt zuzulassen. Gerade im Bereich Befristung und Kleinselbstständigkeit betrifft das gar nicht staatliche Alimentierung, sondern die Frage, welche Risiken der Staats »verbieten« will, weil nicht sein darf, was sich nicht lohnt, und wie viel Selbstausbeutung möglich gemacht werden soll. Und dann stellt sich im nächsten Schritt, wenn ich bestimmte Risiken nicht verbieten möchte, sondern Menschen ermöglichen möchte, diese einzugehen, was notwendig ist, um trotzdem noch ein Netz einzuziehen.

      Ein BGE wäre eine staatliche Alimentierung, bzw. genauer gesagt eine Umverteilung aller auf alle. Ich halte die, wie oben ausgeführt, als eine Art staatliches Basis-Risikokapital (und nebenher als Sozialleistung) für sinnvoll. Das mag aber auch damit zu tun haben, dass ich die Nischen (und damit meine ich jetzt nicht unbedingt die Spechtpassage), in denen Neues entsteht, was nur bedingt marktfähig ist, eben sehe. Und gerade Städte in ihren urbanen Qualitäten, aber auch sich endogen entwickelnde Regionen mit einer Prise »Nische« deutlich besser schmecken, als wenn Stromlinienförmigkeit alleine staatlich gefördert wird (z.B. über Subventionen für starke KMU).

  5. Günter sagt:

    Eine Aspekt fehlt noch: Wer hat die Hoheit über Deutung und Definition des Begriffes Ehrenamt. Herr Ponader und Piraten definieren es als alle Tätigkeiten in der Freizeit, die Agenturen für Arbeit ihrerseits über die vom Bundesarbeitsministerium erlassene »Verordnung über die ehrenamtliche Betätigung von Arbeitslosen« in der die Vermittlung in Arbeit immer Vorrang hat. Den Jobcentern hat man mit § 7 (4a) SGB II ähnliche Regelungen gegeben.
    Dass da mit unterschiedlichen Auffassungen und Zielen/Zielsetzungen ein Konflikt programmiert ist, ist verständlich.
    Und leider ist ALG II kein BGE. Noch nicht. Zeit das zu ändern.

  6. IrR3lev4nt sagt:

    Immer sind alle gegen die »Faulen« die nicht für einen Hungerlohn (ähnlich Wasser&Brot) arbeiten wollen!
    Warum sind faule Menschen= schlechte Menschen?
    Ich selber habe in meinem Leben nichts auf die reihe bekommen, außer früh mein Leben in eurem System wertlos zu machen.
    Wenn du keinen Halt und keine Vorbilder hast, unter Mobbing aufwächst und Straffällig wirst, sieht es mit der Zukunft nicht mehr so rosig aus, weil man es gar nicht gelernt hat sich in ein Team ein zu fügen, sich nach einer Uhr zu richten oder einen Text nach den Regel zu verfassen.
    Und wohin jetzt mit mir und huderten wie mir, die durch ihr Leben traumatisiert und einfach nicht in der Lage sind sich durch eigenes Einkommen zu finanzieren, weil sie es nicht ertragen können nur für Wasser und Brot zu arbeiten?
    Wasser und Brot bekomme ich vom Amt, ohne mich acht bis zwölf Stunden am Tag versklaven zu lassen, für alles Weitere muss ich das Gesetz beugen.
    Ich hasse dieses Leben, aber solange ich von Arbeit nicht alle meine Rechnungen bezahlen kann und mir ab und an mal was nettes kaufen, arbeite ich bei Harz4 lieber an meiner Bräune und nehme alles mit was ich kriegen kann.
    Ich bin also nur faul weil ich mich nicht zu eurem Sklaven machen lasse, reinige eure Klos allein oder zahlt mir genug damit ich es gern mach, sonst klaue ich euch dabei die Kupferrohre, und wer will das schon?
    Mit einer faire Bezahlung in allen Bereichen und dem BGE für die, die schon kaputt sind, ermöglicht man allen Menschen ein würdiges Leben, was langfristig zu einer sichereren Gesellschaft führt und damit auch das Leben der immer an den faulen „Harz4lern“ nörgelnden „S- Klasse Fahrern“ verbessern.
    Es muss doch echt jedem klar sein das Geld Probleme zu Kriminalität führen, ohne diese Probleme würde man sicher, eine Menge Geld sparen können weil die Kleinkriminalität so gut wie verschwinden wird, wenn man dann noch steuern auf Drogen erheben könnte und Dealer keine kriminellen sondern Händler sind, gäbe es wohl nur noch schwärst kriminelle Banker etc. also könnte man auch 80% der Gefängnisse streichen.
    Ich nenne das Menschheit 2.0 :)

  7. Die ganze Diskussion scheint mir an einem Hauptproblem vorbei zu gehen. Jene, die den Weg zum »Amt« finden und Hilfe beantragen sind doch eigentlich von sich aus schon privilegiert. Und ob ein nicht ausreichendes Grundeinkommen, das KEIN würdiges Leben ermöglicht kommt oder nicht: Wir werden immer ein Problem haben. Das der Ausbeutung von Schwachen, schlecht Informierten oder Ängstlichen. Sie werden immer weiter Opfer bleiben, egal ob Mindestlohn oder nicht. Da werden dann eben Sonderkonstruktionen erfunden wie Praktika, um an billige Arbeitskraft heran zu kommen. So lange es diese Denke „ich bin doch nicht blöd“ gibt, und es „schlau“ ist, andere über den Tisch zu ziehen, wird es Ausgebeutete und Ausbeuter geben. Und oft sind sogar Ausgebeutete selbst Ausbeuter.

    Einige Beispiele aus dieser Woche: Eine Ausländerin in einem Altenheim macht 66 Überstunden und erhält dafür … einen Benzingutschein über 44 Euro. „Sonst müssen Sie ja noch mehr Steuern bezahlen“. Ein Praktikant erhält das Angebot, ein Jahr als Vorbereitung für die Ausbildung für 230 Euro im Monat (38 Wochenstunden) zu arbeiten, bevor sich die Firma entschließt einen Ausbildungsvertrag abzuschließen. Eine Mitarbeiterin muss 14 Tage am Stück im Schichtdienst arbeiten, ohne Ausgleich, obwohl max. 11 Tage zulässig sind. …

    Gestern Abend im DLF berichtete eine lange Reportage über die Abschiebung von Roma in den Kosovo . (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/dossier/1775792/vorschau/) Und den damit verbundenen vermutlichen Menschenrechtsverletzungen Deutschlands. Da werden Jugendliche mit Lehrstellenzusage zwei Monate vor Schulabschluss in ein Land abgeschoben, zu dem sie keinerlei Bezug haben, dessen Sprache sie nicht sprechen, abgeschoben, um nur ein Beispiel zu nennen.

    Noch mal: Wer überhaupt den Weg zum „Amt“ schafft und überhaupt eine Unterstützung erhält, gehört zu den Privilegierten.

    Wir sollten unseren Fokus auf diejenigen richten, die erst gar nicht den Weg finden oder das Recht haben, sich an das „Amt“ zu wenden.

  8. Torsten sagt:

    Schöne Aufschlüsselung.

    Einen Widerspruch habe ich aber zum letzten Punkt. Im Bereich Grundeinkommen ist die Arbeitsreligion noch viel ausgeprägter. Denn die Modelle, die vorgelegt werden, gehen davon aus, dass die Menschen das Grundeinkommen schon nicht überstrapazieren, weil sie schon von sich aus Erwerbsarbeit genug organisieren, die gut genug bezahlt wird, damit ohne Wimpernzucken den paar, die es aus irgendwelchen Gründen nicht schaffen oder wollen, der Lebensunterhalt finanziert werden kann. Selbst das von Ponader selbst vorgestellte Konzept der Sozialpiraten geht von dieser Prämisse aus – und schafft es doch nicht, auch nur das Existenzminimum zu finanzieren.

    Die Diskussion um ein Grundeinkommen ist ein Verdecken von Symptomen. Statt Arbeit zu verteilen und Produktivitätsfortschritte in bessere Lebensbedingungen für die Menschen zu investieren, versuchen hier viele, das Problem mit Geld zuzukleistern. Doch die Mittel, die sie vorschlagen, vergrößern die darunter liegende Kluft sogar noch.

  9. Andreas sagt:

    Sorry, aber ich glaub ich steh im Wald! Der Staat hat Schulden ohne Ende und Ihr denkt darüber nach Geld zu verteilen, was überhaupt nicht da ist. Selbst wenn der Haushalt umgekrempelt wird, dann müssen erst einmal Schulden gezahlt werden. Ich dafür, dass es ein Grundeinkommen gibt, aber dafür muss man auch was leisten, dieses muss erarbeitet werden. Das heist aber, dass Hartz IV keine Grundeinkommen sein darf, man muss von seiner Arbeit leben können. Außerdem würde es nicht für Subkultur, Nischen und Kreativität sorgen.
    Zum Verständnis, wie will man ein Ehrenamt für eine aufstrebende junge und zu teil chaotische Partei und die intensive Jobsuche unter einen Hut bringen? Nur eines erreicht Herr Ponater mit seiner demonstrativen Selbstdarstellung, dass andere für sein selbstherrliches Verhalten die Zeche zahlen müssen. Hartz IV Empfänger die eine ehrenamtliche Tätigkeit im Jungend- und Sportbereich ausüben, werden sich in Zukunft dafür auf dem »Amt« rechtfertigen müssen.
    Es reicht nicht nur sein Schicksal plakativ in der FAZ zu demonstrieren. Hier könnten die Piraten mal konkrete Aktionen bringen…

    • IrR3lev4nt sagt:

      Ich hab immer gelehrt: wenn dich jemand frag wie das Geschäft läuft… sag immer »nicht so gut, könnt besser sein« der staat verschlammt das Geld lieber für lächerliche Gesetze die durchgesetzt und aufrecht erhalten werden müssen!
      Ohne einen Strich erreichen wir nie Utopia.
      So wie es jetzt aussieht würde ich mich jeder anarchistische Gruppe anschließen, weil ich es nicht einsehe das ich nichts zum fressen hab und »du« n ganzes Haus für dich.
      Und ich bin viele! ich bin irRe

      • Andreas sagt:

        Habe ich geschrieben, dass der Staat verantwortungsbewusst mit Geld umgeht und unverschuldet in Schulden steckt? Aber nur kurz zur Information, die Idee des Kommunismus alles gehört allen, ist mit dem TYP Mensch der derzeit auf diesem Planeten haust, nicht umzusetzen.

        • IrR3lev4nt sagt:

          ich will sagen das Geld genug da ist, nur rausrücken will es keiner!
          warum auch, keine rückt heutzutage Geld raus wenn er nicht gezwungen wird.
          Arbeitslose gehen ja angeblich auch nicht arbeiten wenn sie nicht gezwungen werden ;)
          Ich denke das jedem ein Stück vom Kuchen zusteht und zu stehen muss. Wenn die Leute weiter wie Sklaven an Firmen »vermittelt« werden, geht das auf dauer nicht gut.
          Ich hoffe das mehr einfach zuhause bleiben und sich dieser scheisse wiedersetzen, wir sind das Volk!

  10. Pingback: Gelesen und gemerkt am 7.7.2012 | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin' since 2001

  11. Oliver sagt:

    Sehr schöner Kommentar, danke. Ich würde gerne noch auf einen Punkt weiter eingehen, nämlich den der Innovationskraft.

    Sobald das Grundeinkommen in Deutschland angesprochen wird, redet man fast reflexartig nur über Menschen, die Not leiden und (meist) ALG II (»Hartz IV«) beziehen. Dabei sollte es auch darum gehen – wenn Deutschland das »Land der Ideen« sein möchte (und in Zukunft bleiben will, denn das ist das »Kapital Deutschlands«), so braucht es meiner Ansicht nach gerade für gewagte / experimentelle Ideen eine Grundfinanzierung – man könnte auch von einem Innovationsgrundstock sprechen (und nicht vom BGE als reiner Alimentierungsmaßnahme). Vom Grundeinkommen allein dürften die meisten Leute nicht leben wollen – die meisten haben Bedürfnisse, wie ein Eigenhaus, Kinder, Auto, Urlaub, etc. Aber für Leute, die sich z.B. auf die Umsetzung einer eigenen Geschäftsidee konzentrieren möchten, aber keine Zeit dafür haben (schöne Bemerkung im Text oben: »21.30 bis 22.59 sind die besten Zeiten dafür – danach dann aber bitte ab ins Bett, um dem Arbeitgeber wieder ausgeschlafen zur Verfügung zu stehen«), könnte das Grundeinkommen die nötige Zeit dafür verschaffen.

    In dem Zusammenhang (der Innovationskraft) möchte ich auch auf einen anderen Aspekt hinweisen, nämlich den der »Automatisierungsdividende« (der Begriff wurde übrigens auch in der FAZ gebracht – von Frank Rieger, einem Sprecher des Chaos Computer Clubs) : http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/automatisierungsdividende-fuer-alle-roboter-muessen-unsere-rente-sichern-11754772.html Die Kernaussage ist, dass eine »Revolution« im Gange ist, bei der Maschinen/Algorithmen unsere Arbeitskraft nach und nach ersetzen und sie daher auch unseren Platz als Steuerzahler einnehmen sollten. Momentan fliesst das Geld aber, welches durch Produktivitätsfortschritte über Generationen erwirtschaftet wurde und wird, grösstenteils in die Taschen der Firmenbetreiber/Aktienbesitzer, anstatt in die Taschen der (arbeitenden) Bevölkerung. Im Gegenteil wird die menschliche Arbeitskraft als Kostenfaktor nach und nach wegrationalisiert (oder »outgesourced«), wo das nur möglich ist.

    Ich stimme der Aussage von Till zu: »Ich bin überzeugt davon, dass eine lebendige Gesellschaft schlecht bezahlte, experimentelle und selbstbestimmte Nischen braucht.« Und ich würde mich freuen, wenn mehr über solch positive, konstruktive Möglichkeiten öffentlich nachgedacht würde.

  12. Klaus sagt:

    Danke lieber Till, für dieses Blog, das ich über Twitter entdeckt habe!

    Es ist wichtig, dass wir ein Bewußtsein für die (Spiel)regeln unseres Zusammenlebens entwickeln. Die Zeiten, in denen einer mit einer Steintafel auf einen Berg steigen musste, um vernünftige Regeln zu verbreiten, sind zum Glück vorbei. Eine 100%ige Gerechtigkeit wird es wahrscheinlich nie geben. Aber gerade die Ungerechtigkeiten, die während des Spielverlaufs entstehen, machen es ja auch spannend.

    Dennoch ist es wichtig, die Regeln immer wieder in Frage zu stellen. Diese Diskussion fördert das. Alle sollten mitspielen dürfen. Es sollten einfache Regeln gelten, die jeder versteht. Alle sollten mit gleichen Chancen ins Spiel eintreten. Gewinner und Verlierer müssen von Zeit zu Zeit resettet werden, um wieder am Spiel teilzunehmen. Ja, genau, richtig gelesen, auch die Gewinner müssen resettet werden, nur so sind gewaltsame Ausschreitungen durch benachteilgte Mitspieler zu vermeiden.

    Die Realitiät entspricht leider auch nicht nur annähernd einem der genannten Punkte. Es liegt an uns, uns friedlich auf vernünftige Regeln für alle zu einigen oder uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Letzteres ist eine unsausweichliche Folge ungerechter Regeln. Allerdings ist dafür auch ein Parlament nötig, dass demokratisch handelt, was ich derzeit nicht erkennen kann.

    Das Beispiel Johannes Ponader kann man bewerten wie man will, auf jeden Fall ist diese Diskussion ein großer Schritt in die richtige Richtung. Die Inszenierung ist eine hervorragende künstlerische Leistung, zu der ich Herrn Ponader beglückwünsche und die hoffentlich noch lange ein breites Puplikum haben wird.

    Die Einführung eines BGE halte ich übrigens für eine sehr gute Chance, das Regelwerk, um einiges gerechter zu machen.

  13. Pingback: Die drei Ebenen des Falls Johannes Ponader — CARTA

  14. Andi sagt:

    Die ALG-I-Erfahrung als Akademiker kann ich genau so bestätigen, wobei der Punkt des »aktiv selbst nach Angeboten Suchens« bei mir noch eine verzögerte Pointe mitbrachte: Beim dritten Gesprächstermin durfte ich mir von der Sachbearbeiterin den Tadel anhören, dass ich mich offensichtlich nicht genug bemühen würde, denn sonst sässe ich ja nicht wieder vor ihr sondern hätte längst etwas gefunden. Insgesamt hatte ich etwa zwei Jahre mit der Arbeitsagentur zu tun; in dieser Zeit wurden mir fünf(!) Stellenangebote zugeleitet, von denen keines(!) meiner Ausbildung oder Berufserfahrung entsprach.

    Meine Erfahrung hat in einer vergleichsweise luxuriösen Situation stattgefunden – ich bekam zunächst ALG I und war danach noch zu »reich« für ALG II, von daher habe ich nie ein Jobcenter von innen gesehen. Gleichwohl habe ich den Umgang insgesamt bereits als demütigend empfunden und will daher lieber nie erleben, wie es ist, wenn man von der Behörde wirtschaftlich abhängig ist. Eine politische Erkenntnis war, dass ich erstmals verstanden habe, warum jemand Die Linke wählt: Aus dem Zustand der Demütigung heraus, wenn man nur irgendwelche Vorgaben erfüllen soll und sich darüber hinaus niemand für einen interessiert, ist jede Stimme willkommen, die diesen Zustand überhaupt einmal anprangert. (Ich wähle trotzdem eine andere Partei, der ich eine sinnvolle Lösung zutraue, wenn sie das Problem denn endlich mal erkennen würde. Erste Anzeichen dafür gibt es immerhin.)

  15. Franzie Ska sagt:

    Nur eine kleine Richtigstellung: Jobcenter ist nicht Agentur für Arbeit. In Ponaders Text ist ausschließlich vom Jobcenter die Rede – eben jene Institution, die sich um ALG II – Empfänger »kümmert«. Daran sind zu 50% die Kommunen beteiligt, in einigen Fällen betreiben die Kommunen die Jobcenter sogar ohne Beteiligung der Arbeitsagenturen. Die Agentur für Arbeit ist eine andere Institution, ihre Kunden sind die Bezieher des »normalen« Arbeitslosengeldes. Gerade was die Zuverdienstmöglichkeiten betrifft sind die beiden Bereiche nicht vergleichbar.

    • Till sagt:

      Ist das nicht z.T. faktisch identisch? Zumindest räumlich?

      • legga sagt:

        nein, meiner erfahrung nach ist das meistens räumlich getrennt. teils sogar in anderen stadtteilen.

        IrR3lev4nt hat einfach nur recht. aber wie menschenverachtend das system wirklich ist verstehen viele nicht weils ihnen zu gut geht. noch.

        es wär wirklich mal erforderlich das die millionen von sklaven die in deutschland für billigstlöhne rackern die arbeit auf dauer niederlegen.

  16. schwester rabiata sagt:

    vielen der im post gemachten anmerkungen mag man zustimmen. beispielsweise, dass das mehre interessante ebenen an dieser geschichte gibt, dass es hüben und drüben zu missverständnissen kam und dass nischen abseits einer gesellschaft eben dieser nützen können. aber wenn herr ponader meint, seinen unterhalt nicht selbst bestreiten zu müssen, dann soll er sich mäzene suchen, die seine projekte so gut finden, dass sie sie fördern. es braucht schon viel distanz zum realen leben, zu fordern, dass alle anderen zwar um 0600h aufstehen und den ganzen tag bügeln, damit andere, die es nicht bräuchten, das erwirtschaftete für ihre selbstverwirklichung verbraten können. die mehrheit in diesem land arbeitet nämlich nach wie vor nicht, um die schwarmintelligenz zu fördern, somdern, weil sie schlicht und einfach sonst abends nichts auf dem tisch hätte. man muss erschreckend satt sein, dieses kleine aber nicht unerhebliche detail zu unterschlagen. herr ponader hat kein anrecht auf staatsknete. nicht wg. seines politischen amtes, sondern weil er in seinem alter und mit seinen fähigkeiten in der lage wäre seinen unterhalt zu bestreiten. wenn er sich dazu zu fein ist oder meint er hätte anrecht auf ein bedingungsloses grundeinkommen, dann soll er dafür mehrheiten suchen und diese lebensweise politisch durchsetzen statt es sich auf diese weise zu erschleichen.

    • IrR3lev4nt sagt:

      sie verstehen nicht dass sie nur den ganzen tag bügeln müssen, weil sie denken dass sie müssen, wenn sie nicht wollen, müssen sie nicht… ergo muss der Job dann besser bezahlt werden ergo mach ich in dann auch.
      so einfach kann es sein……… unter 1500 netto mach ich auf jeden kein finger krum und dann dürfen es auch nicht zu viele stunden sein.
      Und alle die jetzt lachen… es kotzt euch nur an keinen mehr knechten zu können.

      Selbstverwirklichung mit 360 Euro + Butze…. kann nicht ihr ernst sein!?

      • schwester rabiata sagt:

        sehe ich genauso, wer nicht will, muss nicht. aber sicher nicht auf kosten der anderen.

        vergessen wird auch gern, dass mitnehmer wie ponader vor allen denen schaden, die das geld wirklich brauchen. sie selbst können ja anders, wenn die Kürzungen kommen, weil das sozialsystem durch kollektives ponadern vor dem Kollaps steht. die, die nicht anders können bleiben dann aber auf der strecke.

        die Piraten sind eine zu gute idee, als dass sie sich durch so einen Mist auf nebenschauplätzen angreifbar machen sollen.

        • IrR3lev4nt sagt:

          wenn jemand für einen Hungerlohn arbeitet, leben andere auf seine kosten und lassen es sich gut gehen.

          ich find das erste model besser, weil es auf kosten derer geht die sich an Sklavenarbeit bereichern.

          • schwester rabiata sagt:

            auf kosten derer, die sich bereichern? die ponaderer dieser welt leben auf kosten der krankenschwestern, bauarbeiter, verkäuferinnen, gerüstbauer und all den anderen, die abends müde ohne selbstverwirklichung ins bett fallen, damit sie am nächsten morgen in der früh wieder fit sind, für ihren beitrag zum lebensunterhalt des herrn ponader. und die bereichern sich?

          • IrR3lev4nt sagt:

            das liegt aber am merkwürdigen Steuersystem und nicht an herrn ponader, kein mensch müsste mehr ackern alle würden sich beschäftigen und leben, nicht mehr »an«ranschaffen. http://www.youtube.com/watch?v=XqJjWe1QeUY&feature=related

            mal gucken ;)

            man kann doch nicht auf dem mann rumhacken wegen den paar kröten und all jene die menschen ausbeuten unberührt lassen. lass uns alle die Kassen sprengen, nur so kann man Systeme stürzen!

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  19. legga sagt:

    wie vereinbart man es eigentlich mit seinem gewissen zu so einer kriegstreiber und lohndumping partei zu gehören?
    ich fand den artikel ziemlich gut, aber es bestürzt mich immer doppelt wenn ich sehe das intelligente menschen der »dunklen seite der macht« dienen.

    die grünen haben als helfershelfer der spd unsägliches leid über die menschen gebracht!
    und stehen immer noch dazu! bei der abstimmung gegen h4 sanktionen war nur ströbele dagegen!
    h4: lohndumping, enteignung, täglicher tausendfacher grundgesetzbruch!!

    an entscheidungen zu völkerrechtswidrigen kriegen waren die grünen auch beteiligt!
    siehe kosovo, wo schon längst raus is das der grund dafür ein fake war!
    (die bilder die damals scharping präsentierte von angeblichem gemetzel an zivilisten, waren aber keine zivilisten, es wurden einfach waffen und abzeichen etc entfernt)

    • Till sagt:

      Sehe ich jetzt nicht ein, hier diese Debatte anzufangen. Irgendwo in diesem Blog steht auch ein Text, in dem es darum geht, dass es besser ist, mit Distanz (ja, Piraten, mit Distanz!) in einer insgesamt vernünftigen Partei zu sein, und sich aber darüber im klaren zu sein, dass außerhalb von Parlamenten und Parteien Politik erst anfängt.

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  26. Benno Weiser sagt:

    Es ist interessant, die Diskussion zu verfolgen, welche die »Kausa Ponader« hervorrief. Ebenso, wie die Betrachtung der Ebenen von Till hier. Jedoch bleibt die Betrachtung der Ebenen m.M. nach unvollständig, was überwiegend an Person und Situation von J.Ponader, also dessen Einzelfall liegen mag. Soweit ich annehme (ich weiß darüber nichts) hat Ponader keine Kinder und keine Familie.

    Gerade deshalb verfängt die Inszenierung so gut, weil er den Typus des »alleinstehenden, ungebundenen, männlichen Subjektes« darstellt, der gut qualifiziert dennoch angeblich »mutwillig keiner Erwerbsarbeit« nachgeht, deren Wertschöpfung sich für andere und anderes abschöpfen ließe.

    Es fehlt die Ebene der Geschlechter-Perspektive und die der Familie. »Was fällt diesem (weißen) Mann ein – zahlt keine Steuern und ernährt keine Familie – Das muss wohl ein Taugenichts sein.«

    Gerade für die bebel- und bibelfesten Sozialdemokratianten aller Art ist das ein Affront – ebenso wie für strukturkonservative Leistungsbedenkenträger. Diese sind zwar in unterschiedlicher Weise bereit, sowohl »Legitimationstatbestände« für die Befreiung vom Arbeitszwang für Frauen und deren Familienarbeit zu schaffen als auch mit Staatsknete eine ganze Menge von (mehr oder minder) Selbstverwirklichungsprojekten für Frauen von Frauen zu finanzieren und zu dulden (und dazu die Wertschöpfung von überwiegend Männern umzuverteilen).
    Jedoch gibt es von denen beiden keinen Milimeter Spielraum für die Abweichung von Arbeitszwang und Arbeitsreligion für Männer – und schon gleich gar nicht für »alleinstehende, ungebundene Subjekte«. Wo kämen wir da hin?

    Eine ehrenamtliche, fast Vollzeit-Vorstandfrau eines Frauenhauses oder Frauentheaters (o.ä.), die abgesehen von einzelnen Honoraraufgaben von ALG2 tatsächlich lebt, hätte nicht diese Häme und abgrundtiefen Beschimpfungen erdulden müssen, die Ponader auf sich zog. Sie hätte wohl mit viel Verständnis und sogar Zuspruch rechnen können. Womöglich hätte kein Journalist/in darüber berichten mögen, weil a) niemand von der Agentur sich bemüßigt fühlen würde dort anzurufen und b) man es eigentlich für eine gute Lösung hält, das ehrenamtliche Engagement in dieser Art abzusichern und es c) daher wahrscheinlich »die breite Öffentlichkeit nicht interessiert« darüber zu berichten (oder einvernehmlich Stillschweigen gewahrt wird). Gut, das sind Mutmaßungen, aber nicht unwahrscheinlich.

    Der Kern der Aggression, die sich gegen Ponader richtete, ist auch eine, die sich gegen Männer, oder genauer, gegen die Abweichung von Männern vom Modell des (Steuer-, Beitrags-, Unterhalts-)Zahlers und Familienernährers gerichtet ist.

    So ist das »Hartz VI-System« auch in erster Linie ein Sanktionsmechnaismus, um Männer zur Wertschöpfung für die Gesellschaft zu bringen und sie darin zu halten. Es ist nicht verwunderlich, wenn das IAB erst kürzlich feststellte, dass Männer doppelt so häufig wie Frauen von den Jobcentern sanktioniert werden. Auch bei nichtarbeitenden Paaren, richtet sich der Arbeitsdruck, die »Vermittlungsbemühungen« und die ausgesprochenen Sanktionen zuerst gegen den Mann und in zweiter Linie an die (oft genausogut oder sogar besser ausgebildete) Frau. Keine Mutmaßung – Empirie im Dunstkreis der Arbeitsagentur.

    Ebenso wird einer Mutter mit Kindern ohne weiteres eine Wohnung mit Kinderzimmern als angemessen bewilligt bekommen – ein Vater mit Kindern wird sich ungleich schwerer tun. Und oft nur mit Hilfe des Gerichtes zum Ziel kommen, wenn er nicht vorher aufgibt. Es könnten weitere Sachverhalte angeführt werden für die Ungleichbehandlung bei Arbeitszwang und Sanktionsdruck.

    Da zeigt sich, dass die Arbeitsreligion auch den Rollenzwang und die überkommenen Rollenmuster zementiert und untrennbar mit Geschlechterfragen zusammenhängt. Freilich konnte dieser Zusammenhang beim »Künstler Ponader« nicht so leicht sichtbar werden, weil sich die Frage des Zusammenhanges von Familie und Arbeit hier nicht stellte.

    Ein wenig Geschlechter-Blick (auch zu vielen weiteren offenen Fragen) hätte dieser Debatte durchaus gut getan.

  27. Pingback: Der langsame Pendelschlag des Zeitgeists | till we *)

  28. Bernd Lauert sagt:

    Faz.net: Johannes Ponader ist zurückgetreten! http://bit.ly/UQiUIT

  29. Pingback: In eigener Sache: Leistungsschau 2012 | till we *)

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