Darf Politik das? Konstruktive Technologiepolitik am Beispiel 3D-Druck

Sand cake

Vor ein paar Tagen hat Rein­hard Büti­ko­fer eine Stu­die des Öko-Insti­tuts (20-Sei­ten-Fas­sung der Stu­die, pdf) vor­ge­stellt, die im Auf­trag der Frak­ti­on »Die Grünen/​Europäische Freie Alli­anz« im euro­päi­sche Par­la­ment die (öko­lo­gi­schen) Risi­ken und Chan­cen der Tech­no­lo­gie des 3D-Drucks bewer­tet hat. Auch Hei­se hat dar­über berich­tet; dort heißt es u.a., dass die grü­ne Frak­ti­on aus der Stu­die die For­de­rung ablei­tet, eine Arbeits­grup­pe ein­zu­set­zen, die sich Gedan­ken dazu macht, ob und wenn ja wie der 3D-Druck euro­pa­weit regu­liert wer­den soll.

Das hat – erwar­tungs­ge­mäß? – zu einem klei­nen Netz-Auf­schrei geführt. Der Ver­gleich mit dem Inter­net liegt nahe – was, eine neue Tech­no­lo­gie, die sich gera­de aus der Babykrip­pe erhebt, soll sofort tot­re­gu­liert wer­den?! Wie soll denn da eine Gold­grä­ber­stim­mung auf­kom­men! Und über­haupt! Technikfeinde!

Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob »3D-Druck regu­lie­ren« das zen­tra­le Wahl­kampf­the­ma im Euro­pa­wahl­kampf sein soll­te. Aber ganz so empö­rend fin­de ich den Vor­schlag nicht. Nein, ich fin­de es durch­aus sinn­voll, bereits in den Kin­der­ta­gen neu­er Tech­no­lo­gien zwei Din­ge zu tun: beglei­ten­de Tech­nik­fol­gen­for­schung und auch so etwas wie eine »Poli­tik­be­darfs­ab­schät­zung« durch­zu­füh­ren. Wenn ich den Vor­schlag rich­tig ver­ste­he, geht es nicht um viel mehr als das. Inso­fern hal­te ich von der Auf­re­gung wenig.

Gegen eine zu frü­he Regu­lie­rung dis­rup­ti­ver Tech­no­lo­gien spre­chen zwei Din­ge. Zum einen besteht tat­säch­lich ein gewis­ses Risi­ko, dass »Büro­kra­tie« – poli­ti­sche Regu­lie­rung äußert sich im Kon­kre­ten ja letzt­lich oft so – Inno­va­ti­on ver­hin­dert, zum ande­ren sehe ich durch­aus die Gefahr, dass eine Regu­lie­rung einer sich rapi­de ent­wi­ckeln­den Tech­no­lo­gie zu früh greift und dann einen tech­ni­schen Sta­tus quo als Bezugs­punkt für poli­ti­sche Regeln fest­schreibt, der ver­al­tet ist, wenn die ent­spre­chen­den Richt­li­ni­en und Geset­ze in Kraft tre­ten. Auf Twit­ter sprach jemand davon, dass Büti­ko­fer beim 3D-Druck das Äqui­va­lent zum Bun­des­post­mo­dem vor­schrei­ben wol­le. Das ist so etwa die­ses zwei­te Argu­ment – und es ist so ver­kürzt natür­lich falsch.

Ich hal­te es für sinn­voll, die­se bei­den Punk­ten im Kopf zu behal­ten, wenn es dar­um geht, ob und wie 3D-Druck regu­liert wer­den soll. Wenn aber die bei­den Annah­men stim­men, dass 3D-Druck (ein Ober­be­griff, unter dem sich eine Viel­zahl ganz unter­schied­li­cher Tech­no­lo­gien ver­sam­meln) vor dem Sprung in den Mas­sen­markt bzw. in kom­mer­zi­el­le Anwen­dun­gen steht, und dass 3D-Druck das Poten­zi­al hat, die exis­tie­ren­den indus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons- und Ver­triebs­ket­ten durch­ein­an­der zu wir­beln, dann hal­te ich es auch für rich­tig, dass die Poli­tik genau hin­sieht, was hier pas­siert – und gege­ben­falls ein­greift, bevor sich eine Tech­nik durch­ge­setzt hat. 

Das soll jetzt nicht falsch ver­stan­den wer­den als ein Plä­doy­er für eine Geneh­mi­gungs­pflicht für 3D-Dru­cker oder schlim­me­res. Es geht um Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, nicht um Holz­ham­mer. Die Idee, die Tech­no­lo­gie­ent­wick­lung poli­tisch zu beglei­ten, und zu schau­en, wo Hand­lungs­be­darf besteht, und wo nicht, erscheint mir durch­aus als angemessen. 

Kon­kret for­dert Rein­hard Büti­ko­fer Fol­gen­des – ich zitie­re die bei­den rele­van­ten Absät­ze aus der Pres­se­mit­tei­lung ein­fach mal komplett:

Neue gene­ra­ti­ve Fer­ti­gungs­ver­fah­ren wie 3D-Dru­cker mischen die Kar­ten im pro­du­zie­ren­den Gewer­be neu auf. Die Stu­die des Öko-Insti­tuts zeigt, dass die­se neu­en indus­tri­el­len Ent­wick­lun­gen eine Rei­he von Chan­cen aber auch Risi­ken ber­gen. Neue Fra­gen wer­den auf­ge­wor­fen von Eigen­tums­rech­ten und recht­li­cher Haf­tung bis hin zur Stan­dar­di­sie­rung und der Pro­duk­ti­on von 3D-gedruck­ten Waf­fen. Die Stu­die weist auf wesent­li­che Män­gel in die­sen Berei­chen hin und zeigt, dass die EU das The­ma stief­müt­ter­lich behan­delt. Sie setzt sich mit die­sen Ent­wick­lun­gen nicht struk­tu­riert und in einer koor­di­nier­ten Vor­ge­hens­wei­se auseinander.

Um Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen zu fin­den, einen ange­mes­se­nen ord­nungs­po­li­ti­schen Rah­men zu schaf­fen, und die inter­na­tio­na­le Tech­no­lo­gie­füh­rer­schaft in die­sem Bereich zu gewin­nen, soll­te die Euro­päi­sche Uni­on eine breit auf­ge­stell­te Task For­ce erstel­len. Auf­trag der Task For­ce wäre es den euro­päi­schen Regu­lie­rungs­rah­men auf 3D Dru­cken zu über­prü­fen, natio­na­le und euro­päi­sche For­schungs­an­stren­gun­gen zu koor­di­nie­ren und eine Stra­te­gie mit Maß­nah­men zur För­de­rung der Inno­va­ti­on sowie der Sicher­heit in die­sem Bereich vorzuschlagen. 

Der ers­te Absatz ist vor allem eine Zusam­men­fas­sung der kur­zen Stu­die. Das The­ma der 3D-Waf­fen ist viel­leicht über­schätzt; ein Aspekt, der in der Pres­se­mit­tei­lung des Öko-Insti­tuts deut­li­cher wird (dort lie­gen ja auch des­sen Kern­kom­pe­ten­zen) als in die­ser Pres­se­mit­tei­lung, sind die Unsi­cher­hei­ten über den öko­lo­gi­schen Impact des 3D-Drucks. Dabei ste­hen auf der einen Sei­te Mate­ri­al­ein­spa­run­gen, auf der ande­ren die Fra­ge, wel­che Pro­duk­te und Mate­ria­li­en durch den 3D-Druck sub­sti­tu­tiert wer­den (könn­ten), und wie der Ener­gie­ein­satz dabei aus­sieht. Hier scheint mir aus Sicht einer an Nach­hal­tig­keit und Ver­brau­cher­schutz inter­es­sier­ten Par­tei durch­aus For­schungs­be­darf zu bestehen – auch, um 3D-Druck von vor­ne­her­ein zu einer grü­nen Tech­no­lo­gie wer­den zu las­sen, und nicht im Nach­hin­ein, end of pipe, Pro­ble­me festzustellen. 

Braucht es zum jet­zi­gen Zeit­punkt eine Stan­dar­di­sie­rung? Sind recht­li­che Klä­run­gen not­wen­dig, was bei­spiels­wei­se die Urhe­ber­rech­te an Designs betrifft? Das sind wei­te­re Fra­gen, die in der Stu­die ange­spro­chen wer­den. Ob hier zum jet­zi­gen Zeit­punkt poli­ti­sches Ein­grei­fen not­wen­dig ist, ist tat­säch­lich zwei­fel­haf­ter. Aber auch das könn­te ja durch­aus das Ergeb­nis einer »Task For­ce« sein. Und dass es Sinn macht, auch im Blick auf die For­schungs- und Inno­va­ti­ons­för­der­me­cha­nis­men der EU zu schau­en, ob, wie und in wel­cher Wei­se inno­va­ti­ve Vor­ha­ben beim 3D-Druck am bes­ten unter­stützt wer­den soll­ten, klingt jetzt nicht abwegig.

Ich ver­ste­he – das wäre dann der zwei­te zitier­te Absatz – Rein­hard Büti­ko­fer so, dass es ihm dar­um geht, hier von Anfang an eine euro­päi­sche Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln. Das hal­te ich – wie gesagt, mit Augen­maß, und unter Berück­sich­ti­gung der Zart­heit inno­va­ti­ver Kei­me – für den rich­ti­gen Ansatz. (Und, um hier Klar­heit zu schaf­fen: »ange­mes­se­ner ord­nungs­po­li­ti­scher Rah­men« und »euro­päi­scher Regu­lie­rungs­rah­men« klingt erst ein­mal grau­en­haft – aber dahin­ter ver­birgt sich eben nicht das Bun­des­post­mo­dem mit Staats­mo­no­pol­auf­kle­ber oder gar das Damo­kles­schwert eines Tech­no­lo­gie­ver­bo­tes, son­dern die poli­ti­sche Auf­ga­be, zu über­prü­fen, ob die bestehen­den euro­päi­schen Richt­li­ni­en, die etwa den Che­mi­ka­li­en­ein­satz in der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on regeln, oder Qua­li­täts­stan­dards für Roh­ma­te­ria­li­en und Maschi­nen vor­schrei­ben, zum Feld 3D-Druck pas­sen, bzw. ob sie gege­be­nen­falls nach­jus­tiert wer­den müssen.)

War­um blog­ge ich das? Weil mich die Auf­re­gung um die­se Stu­die irritiert.

4 Antworten auf „Darf Politik das? Konstruktive Technologiepolitik am Beispiel 3D-Druck“

  1. was man ger­ne regu­lie­ren kann, sind die ver­wen­de­ten Roh­ma­te­ria­li­en, mit denen der Dru­cker arbei­tet, um gesund­heits­schäd­li­che Pro­duk­te zu ver­hin­dern. Ansons­ten könn­te der 3‑D-Druck eine Revo­lu­ti­on aus­lö­sen – wäh­rend derer und an deren Ende man sich über Haben und Ver­die­nen neue Gedan­ken wird machen müssen.

  2. Mei­ner Mei­nung nach, ist es viel zu früh für eine sol­che Rege­lung. Statt Geld für eine Stu­die aus­zu­ge­ben, soll­te erst die Mas­sen­pro­duk­ti­on anrol­len. Ich habe mich zufäl­lig mit Selec­ti­ve laser mel­ting (SLM) beschäf­tigt. Das zuge­hö­ri­ge Pul­ver ist hoch­gif­tig (weil lun­gen­gän­gig). Daher wird es fast aus­schließ­lich in Chi­na pro­du­ziert, wo es auch ange­wandt wird. Die Chi­ne­sen sind gera­de dabei, uns tech­no­lo­gisch zu über­ho­len. Evtl gelingt es EU-Regeln zu ver­ab­schie­den. Doch dann wird Asi­en den Markt domi­nie­ren. Mög­lich sind tech­no­lo­gisch über­le­ge­ne Pro­duk­te. So kön­nen Alu­mi­ni­um-Tei­le mit einer höhe­re Fes­tig­keit als mit ande­ren Ver­fah­ren pro­du­ziert wer­den. Mög­li­cher­wei­se wer­den (weni­ger pro­ble­ma­ti­sche) Kera­mik-Pro­duk­te die Schlüs­sel­an­wen­dung. Schon heu­te kön­nen damit Mir­ko-Maschi­nen desi­gnend werden.

  3. Das Pro­blem, Till, ist Dein wahr­schein­lich berufs­be­ding­ter Glau­be an die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Poli­tik. Die ist bei der nor­ma­len Bevöl­ke­rung so nicht vor­han­den, und bei den Leu­ten, die sich für sowas wie 3D-Druck inter­es­sie­ren, schon gar nicht. Das hat sich die Poli­tik auch selbst zuzu­schrei­ben, denn im Umgang mit dem Inter­net hat sie ja einen ganz mise­ra­blen track record – so gut wie alles, was da gesetz­ge­be­risch pas­siert ist, ist ent­we­der lächer­lich wir­kungs­los oder völ­lig über­zo­gen gewe­sen, ganz so, als wür­den da Leu­te agie­ren, die die Tech­nik nicht im Gerings­ten verstehen.

    Was dar­an lie­gen mag, dass da tat­säch­lich Leu­te agie­ren, die die Tech­nik nicht im Gerings­ten ver­ste­hen. Das liegt ange­sichts der Geron­to­kra­tie, in der wir demo­gra­phie­be­dingt inzwi­schen leben, fast in der Natur der Sache. Und da kann ich gut ver­ste­hen, wenn jemand auf freund­lich gemein­te Regu­lie­rungs­be­mü­hun­gen die­ser alten Igno­ran­ten ver­zich­ten kann. Ich kann auch drauf verzichten.

    1. Hmm, guter Punkt: Wenn ich nicht über­zeugt davon wäre, das Wah­len etwas ändern, und das Minis­te­ri­en zu – naja, sagen wir mal, 70–80% – sach­ori­en­tiert arbei­ten, wäre ich defi­ni­tiv weder Par­tei­mit­glied noch Mit­ar­bei­ter einer Landtagsfraktion.

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