Drei Komponenten grüner Hochschul- und Forschungspolitik

Concrete meets light

Seit eini­gen Jah­ren beschäf­ti­ge ich mich ehren­amt­lich und inzwi­schen auch beruf­lich mit grü­ner Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik. Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik ist dabei eines die­ser mit­tel­gro­ßen Poli­tik­fel­der, das oft als weni­ger wich­tig ange­se­hen wird. Wer etwas auf sich hält, macht Außen­po­li­tik, oder Wirt­schafts­po­li­tik, oder doch zumin­dest Innen­po­li­tik. Oder eben Öko­lo­gie. Aber Hoch­schul­po­li­tik? For­schungs­po­li­tik gar? Was soll denn dar­an grün sein?

Das jeden­falls ist eine Hal­tung, die einem manch­mal ent­ge­gen­schlägt, bei ent­spre­chen­den Anträ­gen, auf der Suche nach Zeit­fens­ter oder Res­sour­cen in der Par­tei. Hoch­schu­le? Klar sind Stu­die­ren­de eine wich­ti­ge Wäh­le­rIn­nen-Grup­pe, aber die zwei Mil­lio­nen allei­ne machen den Kohl auch nicht fett. Und der Mit­tel­bau wählt uns doch sowie­so wegen der gro­ßen Poli­tik­fel­der. So oder ähn­lich wird dann ger­ne mal argumentiert.

Und dann bleibt es zunächst ein­mal eine offe­ne Fra­ge, ob es den tat­säch­lich sowas wie eine grü­ne Hoch­schul- oder For­schungs­po­li­tik sui gene­ris gibt. Oder ob es sich dabei nicht ein­fach um eine Mischung aus den gera­de übli­chen Mode­trends und All­ge­mein­plät­zen und aus Kli­en­tel­po­li­tik für Stu­die­ren­de bzw. Aka­de­mi­ke­rIn­nen han­delt. Oder um ein doch stark tech­no­kra­ti­sches Feld, in dem Poli­tik eigent­lich gar nicht stattfindet.

Ich bin über­zeugt davon, dass das nicht so ist, dass es in der Tat einen grü­nen Faden gibt, der sich durch die Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik der Par­tei durch­zieht, auch wenn er viel­leicht gar nicht so bewusst ist. Wer den Faden auf­drös­selt, fin­det – so mei­ne ers­ten, ger­ne ergänz­ba­ren Über­le­gun­gen dazu – drei Kom­po­nen­ten, aus denen grü­ne Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik zusam­men­ge­dreht ist. Und ich schrei­be das jetzt ein­fach mal auf, ohne Pro­gramm­tex­te etc. her­an­zu­zie­hen, um mei­ne Ein­drü­cke zu bele­gen. Inso­fern ist auch Wider­spruch gern gesehen.

1. Was für eine Hoch­schu­le wol­len wir?

In der Hoch­schul­po­li­tik gibt es eine Rei­he grund­le­gen­der Vor­stel­lun­gen davon, was eine Hoch­schu­le über­haupt ist, was sie also für Auf­ga­ben hat – und wie sie dafür idea­ler­wei­se orga­ni­siert sein soll. 

Vor den 1960er Jah­ren wur­de Hoch­schu­le, ins­be­son­de­re Uni­ver­si­tät, vor allem als Pro­fes­so­ren­hoch­schu­le ver­stan­den, als ein höchst hier­ar­chi­sches Gebil­de. Ide­al­ty­pisch ver­ein­ten sich hier humboldt’sch For­schung und Leh­re, eine an der Zahl klei­ne Grup­pe von Stu­die­ren­den erhielt die Mög­lich­keit, im Stu­di­um die eige­ne Per­sön­lich­keit zu ent­fal­ten. (Real dien­te die Uni­ver­si­tät lan­ge Zeit vor allem dazu, den Nach­wuchs an Pries­tern, Medi­zi­nern und juris­tisch aus­ge­bil­de­ten Beam­ten hervorzubringen).

Mit den Umbrü­chen und der Bil­dungs­ex­pan­si­on der 1960er Jah­re ff. tauch­te die Idee der demo­kra­ti­schen Hoch­schu­le auf, die zum einen nicht mehr nur einer Eli­te offen­stand, son­dern sich geöff­net hat­te, und die zum ande­ren nach innen ent­lang demo­kra­ti­scher Prin­zi­pi­en kri­tisch, dis­kur­siv und selbst­or­ga­ni­siert sein soll­te, mög­lichst auf Augen­hö­he zwi­schen Stu­den­tIn und Hoch­schul­leh­re­rIn. (Fak­tisch aber doch schön nach den Grup­pen getrennt). 

Unge­fähr mit den 1980er oder 1990er Jah­ren betra­ten dann zwei neue Vor­stel­lun­gen die hoch­schul­po­li­ti­sche Büh­ne, oft zusam­men­ge­dacht. Ein Schlag­wort ist hier das der »unter­neh­me­ri­schen Hoch­schu­le«, die nicht mehr unter dem Leit­ge­dan­ken der pro­fes­so­ra­len Wis­sen­schaft­lich­keit oder unter dem Leit­ge­dan­ken der Demo­kra­tie orga­ni­siert sein soll­te, son­dern ihre Pro­zes­se und Abläu­fe bit­te­schön effi­zi­ent und strom­li­ni­en­för­mig zu ord­nen habe, um mit einem mög­lichst gerin­gen Res­sour­cen-Input einen maxi­ma­len Out­put in der Stand­ort­kon­kur­renz zu errei­chen, mess­bar anhand von Ran­king­po­si­tio­nen für For­schung bzw. für Leh­re, anhand von Indi­ka­to­ren wie der Zahl der Absol­ven­tIn­nen pro Jahr, der Zitier­häu­fig­keit der Publi­ka­tio­nen oder der ein­ge­wor­be­nen Forschungsgelder. 

Oft eng damit ver­knüpft mate­ria­li­sier­te sich zudem die Idee der Hoch­schul­au­to­no­mie: Ein erfolg­rei­ches Bestehen im Wett­be­werb ist dem­zu­fol­ge ein­fa­cher mög­lich, wenn Ent­schei­dun­gen in der Hoch­schu­le fal­len statt im fer­nen Stutt­gart oder Ber­lin. Die auto­no­me Hoch­schu­le ist nicht nur nach innen fast wie ein Unter­neh­men geführt, son­dern rich­tet sich auch selbst stra­te­gisch opti­mal aus. In die­ser neo­li­be­ra­len Vari­an­te von Hoch­schul­au­to­no­mie (bei der Auto­no­mie vor allem als Instru­ment zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung gese­hen wird, nicht als Ele­ment der Sub­si­dia­ri­tät oder demo­kra­ti­scher Nähe) wird dann Wert auf zen­tra­le Füh­rung in der Hoch­schu­le gelegt und das Rek­to­rat (par­don, die Vor­stands­vor­sit­zen­de) ent­spre­chend gestärkt. Gesteu­ert wird über Kon­text­set­zun­gen – und über Ziel­ver­ein­ba­run­gen und Leis­tungs­in­di­ka­to­ren, nicht mehr direkt.

Stu­die­ren­de tau­chen in die­ser Denk­wei­se zuför­derst als (zah­len­de) Kun­dIn­nen der Hoch­schu­le auf, die von die­ser eine bestimm­te Leis­tung (Erwerb von Kom­pe­ten­zen im Fach A) ein­kau­fen, und sich ansons­ten nicht wei­ter dafür inter­es­sie­ren, wie die Hoch­schu­le arbeitet. 

Mei­ne ers­te The­se ist nun, dass die Idee der auto­no­men Hoch­schu­le zwar auch in grü­nen Krei­sen auf frucht­ba­ren Boden gefal­len ist, hier aber nicht (nur) neo­li­be­ral inter­pre­tiert wird, son­dern Auto­no­mie tat­säch­lich als Selbst­ver­wal­tung ver­stan­den wird. Eine im grü­nen Sin­ne auto­no­me Hoch­schu­le wird nicht aus der gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung ent­las­sen, und ver­liert auch nicht die Auf­ga­ben der Grund­la­gen­for­schung und der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung, die bei­de his­to­risch weit zurück­rei­chen. Zudem wird Auto­no­mie als demo­kra­ti­sches Prin­zip und nicht als BWL-Instru­ment inter­pre­tiert, d.h. Stu­die­ren­de und die unter­schied­li­chen Beschäf­tig­ten der Hoch­schu­le wer­den tat­säch­lich als Hoch­schul­mit­glie­der wahr­ge­nom­men, die gemein­sam dar­über mit­ent­schei­den sol­len, wie sich die Hoch­schu­le aus­rich­tet, wel­che Schwer­punk­te sie setzt, wie sie sich vor Ort orga­ni­siert, und was für ein Ange­bot sie macht. 

In die­ser Per­spek­ti­ve sind Stu­die­ren­de erwach­se­ne Men­schen, an die mit einer Ent­schei­dung für ein Hoch­schul­stu­di­um auch Ver­ant­wor­tung über­tra­gen wird – ohne per se vor­aus­zu­set­zen, dass Stu­die­ren­de einer »ver­ant­wor­tungs­tra­gen­den« Schicht ange­hö­ren. Hoch­schu­le soll des­halb Stu­die­ren­de schnell dazu befä­hi­gen, dass die­se neben dem Stu­di­um auch »Bür­ge­rIn­nen« der Hoch­schu­le werden.

Auch in der grü­nen Vari­an­te der auto­no­men Hoch­schu­le bleibt der Ein­fluss »der Poli­tik« redu­ziert. Aber an ers­ter Stel­le steht als Ersatz dafür nicht die Kon­text­steue­rung über Ziel­vor­ga­ben, son­dern die Vor­stel­lung des poli­ti­schen Dis­kur­ses. Die Hoch­schu­le wird als Ein­rich­tung ver­stan­den, die gesell­schaft­li­che Auf­ga­ben hat, die über Inno­va­ti­on im enge­ren Sin­ne und über die Aus­bil­dung von Fach­kräf­ten hin­aus­ge­hen. Um die­sen über­grei­fen­den gesell­schaft­li­chen Auf­ga­ben gerecht zu wer­den, muss die Hoch­schu­le mit der Gesell­schaft in Dia­log tre­ten, und sich für ihre inne­ren poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen rechtfertigen. 

Mit die­sem Modell von Hoch­schu­le ver­bin­det sich also ein Drei­klang aus weit­ge­hen­der Auto­no­mie, zu der im Gegen­zug – und im Unter­schied zur unter­neh­me­ri­schen Hoch­schu­le – jedoch ein star­kes Ele­ment der Demo­kra­ti­sie­rung nach innen tritt. Die Orga­ne und Mit­glie­der der Hoch­schu­le sol­len tat­säch­lich etwas zu ent­schei­den haben (das heißt dann auch, dass es ein begrenz­tes und intern umkämpf­tes Bud­get gibt). Als drit­tes Ele­ment kommt die Ver­ant­wor­tung und Rechen­schaft nach außen dazu, die sich bei­spiels­wei­se zeigt in weit­ge­hen­den Trans­pa­renz- und Offen­le­gungs­re­ge­lun­gen, aber auch in einer engen Koope­ra­ti­on zwi­schen Hoch­schu­le und Region.

University at night

2. Die nach­hal­ti­ge Hochschule

Was ich gra­de eben mit gesell­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung umschrie­ben habe, bezieht sich etwa auf die volks­wirt­schaft­li­che Bedeu­tung von Wis­sen und Inno­va­ti­on in einer Wis­sens­ge­sell­schaft. Aber die­ser Punkt kann auch noch stär­ker kon­kre­ti­siert wer­den. Hoch­schu­len und For­schungs­ein­rich­tun­gen kommt dann die Auf­ga­be zu, Lösun­gen gro­ßer gesell­schaft­li­cher Pro­ble­me zu fin­den (das EU-For­schungs­rah­men­pro­gramm wird inzwi­schen zum Teil anhand die­ser Idee aus­ge­rich­tet). Hoch­schu­len wer­den, auf die Spit­ze getrie­ben, als Maschi­nen betrach­tet, die gesell­schaft­li­che Pro­ble­me lösen, indem sie a. Ideen, Inno­va­tio­nen und Inven­tio­nen aus­spu­cken, und b. jun­gen Men­schen das rich­ti­ge Mind­set ver­mit­teln, um die­se Pro­ble­me zu lösen.

Am stärks­ten zuge­spitzt fin­det sich die Idee einer an gesell­schaft­li­chen Pro­blem­lö­sung ori­en­tier­ten Hoch­schu­le im Dis­kurs um die Nach­hal­ti­ge Hoch­schu­le wie­der, etwa bei Uwe Schnei­de­wind. Ziel einer nach­hal­ti­gen Hoch­schu­le ist es nicht nur, im Betrieb und in den For­schungs­zie­len das The­ma Nach­hal­tig­keit auf­zu­neh­men. Dar­über hin­aus­ge­hend soll sich auch die gan­ze Struk­tur der Stu­di­en­gän­ge und der For­schungs­pro­jek­te ändern – Stich­wor­te sind hier Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät, ins­be­son­de­re auch eine brei­te, inter­dis­zi­pli­nä­re Grund­aus­bil­dung in den ers­ten Semes­tern des Bache­lor-Stu­di­en­gan­ges; eine Ori­en­tie­rung an Pro­blem­fel­dern, nicht an Dis­zi­pli­nen; Pra­xis­nä­he und Ler­nen durch Anwen­dung (auch im Sin­ne von Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät) sowie – last but not least – damit ver­bun­den eine Abkehr vom Prin­zip der Wert­ur­teils­frei­heit der Wis­sen­schaft. Wenn die­ses Sze­na­rio zu Ende gedacht wird, ist die Fra­ge, ob For­schung bzw. Leh­re dazu bei­trägt, die Mensch­heit zu befä­hi­gen, sich nach­hal­tig zu ent­wi­ckeln (oder eben nicht), ein har­tes Kri­te­ri­um dafür, ob eine bestimm­te For­schungs­aus­rich­tung »gut« oder »schlecht« ist. 

Nach­hal­tig­keit ist nicht das ein­zi­ge inhalt­li­che The­ma, das – um das ein­fach mal fest­zu­stel­len – grü­ne Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik moti­viert. Gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt, Diver­si­tät, auch Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit – alles das sind von grü­ner Sei­te an Hoch­schu­len und For­schungs­ein­rich­tun­gen her­an­ge­tra­ge­ne Kernthemen.

Bücher I

3. Die Fra­ge nach der Forschungsfreiheit

Damit bin ich bei der viel­leicht schwie­rigs­ten Fra­ge, wenn es dar­um geht, was spe­zi­fisch grü­ne Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik aus­macht – bei einer höchst wider­sprüch­li­chen Hal­tung zur For­schungs­frei­heit und zur Rol­le von Ratio­na­li­tät und Wis­sen­schaft. Auf der einen Sei­te sind grü­ne Anhän­ge­rIn­nen über­durch­schnitt­lich oft selbst Aka­de­mi­ke­rIn­nen. Zum Selbst­bild vie­ler Grü­ner und mei­ner Mei­nung nach auch der grü­nen Par­tei gehört eine Ori­en­tie­rung an Ver­nunft, an der Kraft des bes­se­ren Argu­ments – das aller­dings einer kri­ti­schen Hin­ter­fra­gung stand hal­ten muss. Die Geschich­te der Umwelt­be­we­gung ist auch eine Geschich­te des Infra­ge­stel­lens des offi­zi­el­len Stands von Wis­sen­schaft und Tech­nik mit Hil­fe von Gegen­gut­ach­ten und alter­na­ti­ven Exper­tIn­nen – die aber selbst wie­der­um wis­sen­schaft­li­che Denk­sche­ma­ta her­an­ge­zo­gen haben. Inso­fern sind Bünd­nis 90/​Die Grü­nen eine Par­tei, die Wis­sen­schaft und For­schung nahe­steht, und bei der zu ver­mu­ten ist, dass sie sich in der Fra­ge Grund­la­gen­for­schung oder (indus­trie­na­he) Zweck­for­schung sofort auf die Sei­te der Grund­la­gen­for­schung stel­len wird. Wis­sen­schaf­li­che Neu­gier­de und For­schungs­frei­heit, der Blick über den Tel­ler­rand, die Krea­ti­vi­tät auch im Stu­di­um – das müss­te doch grün sein.

Aller­dings ist das nur die eine Sei­te der Medail­le. Wir Grü­ne sind auch eine Par­tei mit spi­ri­tu­el­len, anthro­po­so­phi­schen und manch­mal dog­ma­ti­schen Wur­zeln. Das führt zu Wider­sprü­chen und Para­do­xien, die vom har­ten Kern der wis­sen­schaft­li­chen Gemein­de ger­ne auf­ge­spitzt wer­den. Oder anders gesagt: zur Offen­heit gehört oft auch die Offen­heit für lebens­prak­ti­sche Unwissenschaftlichkeit.

Und mehr noch: Wenn die Fra­ge Grund­la­gen­for­schung vs. Lösung kon­kre­ter Pro­ble­me heißt, dann dürf­te auch hier die Prä­fe­renz klar sein – dies­mal aller­dings liegt sie, ver­mu­te ich, bei der pro­blem­lö­sungs­ori­en­tier­ten For­schung. Zumin­dest dann, wenn die damit ver­bun­de­nen Risi­ken ein­schätz­bar erschei­nen, und wenn hohe ethi­sche Stan­dards ein­ge­hal­ten werden. 

Die­se Kon­flikt­la­ge äußert sich, wenn es um (grü­ne) Gen­tech­nik geht, um Tier­ver­su­che, um Mili­tär­for­schung oder auch um Nukle­ar­for­schung. In all die­sen Fäl­len wird For­schungs­frei­heit nicht unhin­ter­fragt hin­ge­nom­men, son­dern als begrün­dungs­be­dürf­tig und mög­li­cher­wei­se im gesell­schaft­li­chen Kon­sens ver­biet­bar angesehen.

Oder anders­her­um: For­schungs­frei­heit wird aus grü­ner Per­spek­ti­ve viel­fach als ein mit gro­ßer Ver­ant­wor­tung ver­bun­de­nes Recht ange­se­hen, des­sen Aus­übung zum Teil mit – manch­mal ja durch­aus begrün­de­tem – Arg­wohn betrach­tet wird. Dabei wird ein­ge­for­dert, dass die Argu­men­te Drit­ter von For­sche­rIn­nen ange­hört und berück­sich­tigt wer­den müs­sen, und dass ins­be­son­de­re öffent­lich bezahl­te For­sche­rIn­nen der Öffent­lich­keit rechen­schafts­pflich­tig über ihr Tun sind. 

Aus Sicht vie­ler Wis­sen­schaft­le­rIn­nen ist die­se Hal­tung unbe­quem, falsch, viel­leicht sogar völ­lig dane­ben. Es wäre aber unehr­lich, die­se inter­ne Wider­sprüch­lich­keit inner­halb grü­ner Pro­gram­ma­tik zu igno­rie­ren. Dass heißt nicht, dass grü­ne For­schungs­po­li­ti­ke­rIn­nen sich nicht für For­schungs­frei­heit und ent­spre­chen­de Rah­men­be­din­gun­gen an Hoch­schu­len und For­schungs­ein­rich­tun­gen stark machen wür­den. Aber ob das in jedem Fall Mehr­heit­po­si­ti­on in der Par­tei ist, hängt vom ein­zel­nen Fall und von den jewei­li­gen bes­se­ren Argu­men­ten ab, die dabei nicht allei­ne einer wis­sen­schaft­li­chen Logik folgen. 

Zusam­men­ge­zwir­belt

Mei­ner Wahr­neh­mung nach beschrei­ben die­se drei Kom­po­nen­ten so etwas wie die grund­sätz­li­che Matrix, in der grü­ne Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik der­zeit statt­fin­det: Hoch­schu­len und For­schungs­ein­rich­tun­gen wer­den als weit­ge­hend auto­no­me – d.h. selbst­ver­wal­te­te -, dabei nach innen demo­kra­tisch orga­ni­sier­te und zur Gesell­schaft geöff­ne­te Insti­tu­tio­nen ver­stan­den. Offen­heit heißt auch, dass eine hohe Stu­dier­quo­te ange­strebt wird. Zu den Auf­ga­ben die­ser Ein­rich­tun­gen gehört die Lösung gesell­schaft­li­cher Pro­ble­me wie der Fra­ge nach­hal­ti­ger Ent­wick­lung (wobei auch Grund­la­gen­for­schung als For­schung zur Lösung gesell­schaft­li­cher Pro­ble­me ver­stan­den wer­den kann), sie sind nicht völ­lig zweck­frei. Ins­be­son­de­re sind sie der Gesell­schaft gegen­über rechen­schafts­pflich­tig. Von For­sche­rIn­nen ver­langt grü­ne Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik, dass die­se ihr Han­deln reflek­tie­ren, begrün­den kön­nen und dass sie die damit ver­bun­de­nen Risi­ken abwägen. 

Deut­lich wird dabei auch, dass grü­ne Hoch­schul- und For­schungs­po­li­tik nicht wider­spruchs­frei ist. Jeder der drei Punk­te kann auch als Kon­flikt­feld ver­stan­den wer­den: poli­ti­sche Steue­rung vs. Eigen­ver­ant­wor­tung, Zweck­frei­heit vs. Ori­en­tie­rung an nach­hal­ti­ger Ent­wick­lung, For­schungs­frei­heit vs. ethisch-mora­li­sche Bin­dung. Die Rele­vanz die­ser Kon­flikt­fel­der erscheint mir typisch grün, die Posi­tio­nie­rung inner­halb die­ser Kon­flikt­fel­der ist dage­gen eine, die einer gewis­sen Dyna­mik unter­wor­fen ist, und nicht auf alle Zei­ten gleich blei­ben muss. 

War­um blog­ge ich das? Lau­tes Nach­den­ken dar­über, was an tat­säch­li­cher grü­ner Hoch­schul- und For­schung­po­li­tik grün ist. Viel­leicht ist dabei noch ein Nach­satz wich­tig: Das hier ist tat­säch­lich ein Nach­den­ken, eine Beschrei­bung eines von mir wahr­ge­nom­me­nen Zustands, den ande­re mög­li­cher­wei­se anders – auch dif­fe­ren­zier­ter – sehen und wahr­neh­men, und nur begrenzt ein poli­ti­sches Mani­fest oder ein nor­ma­tiv-pro­gram­ma­ti­scher Text. Und einen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit hat’s auch nicht ;-)

9 Antworten auf „Drei Komponenten grüner Hochschul- und Forschungspolitik“

  1. Du greifst da einen wich­ti­gen Punkt auf. Mein Ein­druck von grü­ner Hoch­schul­po­li­tik lässt sich am Bes­ten als »Unbe­ha­gen an ihrer Nicht­exis­tenz« jen­seits von Nach­hal­tig­keits- und Gen­der­for­de­run­gen beschrei­ben. Über Fehl­wahr­neh­mun­gen las­se ich mich natür­lich ger­ne aufklären.

    Wir haben der neo­li­be­ra­len Auto­no­mie bis­her kon­zep­tio­nell nichts ent­ge­gen­zu­set­zen außer den Schlag­wor­ten der 70er (VS, Pari­tät in den Gre­mi­en). Wir soll­ten dar­über nach­den­ken, ob die Grup­pen­hoch­schu­le über­haupt noch sinn­voll ist oder, ob die Grup­pen nicht Kon­struk­te sind, die Kon­flikt­li­ni­en zemen­tie­ren, die heu­te eigent­lich ganz woan­ders ver­lau­fen? Was ist unser Weg zwi­schen Fakul­täts­klün­gel und Rektoratsdominanz?

    Das sel­be gilt für die unter­nehm. Hoch­schu­le. Nur das wir hier m.E. de fac­to dem kon­ser­va­ti­ven Wis­sen­schafts­ma­na­ger­main­stream hin­ter­her­lau­fen und eben jen­seits der Rhe­to­rik kei­ne eigen­stän­di­ge Posi­ti­on haben, wie die Wis­sen­schafts­land­schaft aus­se­hen soll. Wie ste­hen wir zum Ver­hält­nis von Unis und FHen, zum Ver­hält­nis Hoch­schu­len und außer­uni­ver­si­tä­re For­schung, zum Ver­hält­nis Dritt­mit­teln, Grund­fi­nan­zie­rung und LoM? The­re­sia Bau­er fin­det die Exzel­lenzi­ni toll und unter­stützt das Dif­fe­ren­zie­rungs­pa­ra­dig­ma des Wis­sen­schafts­ra­tes. Die Fra­ge, nach der sozia­len Kon­struk­ti­on von Exzel­lenz und ob so ein Pseu­do­wett­be­werb der Wis­sen­schaft nützt oder sogar lang­fris­ti­ge struk­tu­rel­le Schä­den her­vor­ruft, wird über­haupt nicht gestellt.

    Was mir eben­falls fehlt, ist eine grund­sätz­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit den Per­so­nal­struk­tu­ren: Qua­li­fi­ka­ti­ons­sys­tem (mit/​ohne Habil), Lehr­stuhl­fürs­ten­tü­mer und die Abhän­gig­kei­ten des Mit­tel­baus, Lehr­knech­te mit 12–18 SWS Depu­tat, dau­er­haf­te aka­de­mi­sche Juni­or­po­si­tio­nen unter­halb der Pro­fes­su­ren, … Eine demo­kra­ti­sche Reform der Hoch­schu­le setzt eine Reform der Per­so­nal­struk­tu­ren vor­aus. Das wird ger­ne vergessen.

    Soweit erst­mal. Mir wür­den noch mehr Sachen einfallen.

    1. Nur zu.

      Ich habe ein biss­chen den Ein­druck, dass die Ant­wor­ten auf all die­se Fra­gen leich­ter fal­len, wenn eine (oder, diff. Sys­tem meh­re­re) grund­sätz­li­che Vor­stel­lung von Hoch­schu­le geklärt ist.

      Wobei ich mei­ne, in Punkt 1 ein mög­li­ches grü­nes Modell von Hoch­schu­le skiz­ziert zu haben. Ob das trägt, ist eine ande­re Frage.

  2. Dei­ne Skiz­ze grü­ner Hoch­schul­po­li­tik gefällt mir ins­ge­samt gut und ich tei­le das aller­meis­te von dem was du sagst, ich fra­ge mich tat­säch­lich nur, ob eine sol­che Hoch­schul­po­li­tik nicht zu wenig radi­kal ist. Ist sie nicht in ers­ter Linie eine Abwehr von ande­ren Din­gen (unter­neh­me­ri­sche Hoch­schu­le, kon­ser­va­ti­ve Zen­tra­li­sie­rungs­for­de­run­gen …), die dann mit den von dir in den Punk­ten 2 und 3 erho­be­nen – und völ­lig rich­ti­gen For­de­run­gen – gar­niert wird.

    Ich fra­ge mich viel­mehr, ob es aus grü­ner Sicht nicht wün­schens­wert wäre, Uni­ver­si­tät kom­plett neu zu den­ken, also ein radi­kal eigen­stän­di­ges Uni­ver­si­täts­mo­dell zu ent­wi­ckeln. Ob das dann 1:1 umge­setzt wer­den kann, mag – in Ana­lo­gie zu unse­ren Vor­stel­lun­gen in der Schul­po­li­tik – dann noch eine ganz ande­re Fra­ge sein.

    Ich fra­ge mich das, weil ich die von jk skiz­zier­te Kri­tik am deut­schen Hoch­schul­sys­tem abso­lut tei­le. Wol­len wir als Grü­ne wirk­lich wei­ter­hin eine »Lehr­stuhl­uni­ver­si­tät«? Wol­len wir wei­ter­hin eine auf den aka­de­mi­schen Haupt­ge­winn der Pro­fes­sur aus­ge­rich­te­te Uni­ver­si­tät? Wol­len wir wei­ter­hin der blin­den For­de­rung von »Ein­heit von For­schung und Leh­re« hin­ter­her­lau­fen, ohne zu berück­sich­ti­gen, dass die­se meist auf Kos­ten der Leh­re geht (bsw. in Beru­fungs­ver­fah­ren)? Wol­len wir wei­ter­hin, dass wis­sen­schaft­li­ches Fort­kom­men gleich­be­deu­tend mit einem Ver­ständ­nis von Wis­sen­schaft als Beru­fung denn von Wis­sen­schaft als Beruf ist?

    Aus mei­ner Sicht wäre es des­hab viel grund­le­gen­der not­wen­dig, Zie­le grü­ner Hoch­schul­po­li­tik zu for­mu­lie­ren und zu dis­ku­tie­ren, um dann zu über­le­gen, ob und wie die­se in unse­rem bestehen­den Hoch­schul­sys­tem umge­setzt wer­den kön­nen. Mit als wich­tigs­tes Ziel scheint mir dabei, das Feu­dal­sys­tem Uni­ver­si­tät grund­le­gend zu ent­mot­ten und neue aka­de­mi­sche Kar­rie­ren zu ermög­li­chen (mag im Übri­gen sein, dass das in den Natur- und Inge­nieur­wis­sen­schaf­ten längst bes­ser ist als in den Geis­tes- und Sozialwissenschaften).

    Viel­leicht noch ein ceter­um cen­seo zur Auto­no­mie der Hoch­schu­len. Ich bin eigent­lich kein Freund von grund­sätz­li­cher zen­tra­ler Kon­trol­le und Pla­nung, aber ich fra­ge mich, wie man in einem von Dritt­mit­tel­sehn­süch­ten genähr­ten Uni­ver­si­täts­sys­tem ver­hin­dern kann, dass Auto­no­mie der Hoch­schu­le zu einem Hin­ter­her­lau­fen von For­schungs­trends führt und vor allem wie man ver­hin­dern kann, dass soge­nann­te Orchi­deen­fä­cher dabei unter die Räder kommen.

    1. Solan­ge die »Orchi­deen­fä­cher« ein Hoch­schul­pro­fil schmü­cken, sind sie glau­be ich weni­ger stark gefähr­det, als vie­le das ver­mu­ten. Aber der dahin­ter ste­hen­de Punkt ist natür­lich trotz­dem rich­tig: Wenn alle Ent­schei­dun­gen über die stra­te­gi­sche Ent­wick­lung von Hoch­schu­len lokal getrof­fen wer­den, und höchs­tens noch durch finan­zi­el­le Anrei­ze gesteu­ert wer­den, gibt es kei­ne Garan­tien dafür, dass nicht plötz­lich alle »Life Sci­en­ces« machen wol­len und fünf Jah­re spä­ter MINT-Sicher­heits­for­schung (oder was auch immer). Ich per­sön­lich glau­be, dass gute Hoch­schu­len sich dadurch aus­zei­chen, sich von sol­chen Trends nur wenig beein­flus­sen zu las­sen und ihr Ding machen. Dabei bleibt offen, wie vie­le »gute Hoch­schu­len« es gibt ;-)

      Ich ver­ste­he eine nach außen ver­ant­wort­li­che, nach innen demo­kra­ti­sche Hoch­schu­le mit ech­ten Ent­schei­dungs­spiel­räu­men durch­aus als ein radi­kal grü­nes Modell, und nicht als Abwehr­kampf. Aber viel­leicht bin ich da auch nicht Fun­di genug, um das noch radi­ka­ler zu denken.

      Ein Punkt, den du und jk ange­spro­chen habt, ist die Per­so­nal­struk­tur (und auch das Ver­ständ­nis, was Stu­die­ren­de sind, was For­schung ist, was Leh­re ist, …). Die kann unter den skiz­zier­ten Vor­zei­chen tat­säch­lich so pro­fes­so­ral zen­triert sein wie bis­her, oder sie kann, und das wäre viel­leicht in der Tat ein Punkt vier, durch, hmm, schlan­ke Hier­ar­chien und einen pro­jekt- bzw. auf­ga­ben­ori­en­tier­ten Fokus abge­löst wer­den. Soll hei­ßen: mehr Pro­blem­fo­kus, weni­ger Dis­zi­plin­fo­kus, mehr aka­de­mi­sche Gemein­schaft, weni­ger Lehr­stuhl­in­ha­ber, mehr Mit­tel­bau, auch als län­ger­fris­ti­ge Kar­rie­re­op­ti­on – und mei­ner Mei­nung nach mehr Ein­heit von For­schung und Leh­re, wenn Stu­die­ren­de tat­säch­lich in For­schungs­pro­jek­te invol­viert sind. 

      Mit einem sol­chen Ver­ständ­nis ver­än­dert sich aller­dings auch – ein Punkt, auf den Schnei­de­wind in »Nach­hal­ti­ge Wis­sen­schaft« wie­der­holt hin­weist – die Idee, was Wis­sen­schaft bzw. wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis eigent­lich ist. Der genia­le Pro­fes­sor, der unge­stört forscht, um dann zu blitz­ar­ti­gen, ein­sa­men Ein­sich­ten zu kom­men, ist eine ande­re wis­sen­schafts­lo­gi­sche Figur als ein Team aus Leh­ren­den und Ler­nen­den, das anhand kon­kre­ter Anwen­dungs­fäl­le wis­sen­schaft­li­che Prak­ti­ken einübt.

  3. Bei der Kri­tik an den Per­so­nal­struk­tu­ren kann ich mich den bei­den Vor­red­nern nur anschlie­ßen. Ange­sichts der Ver­fasst­heit der Hoch­schu­len und der Abhän­gig­keit des wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuch­ses von eben den Pro­fes­so­ren, die zu ent­mach­ten wären, ist das aber eine sehr lang­fris­ti­ge Ange­le­gen­heit. Pro­fes­so­ren haben de fac­to eine Veto-Macht an den Hoch­schu­len, und die haben sie bei bei der Bolo­gna­re­form auch kräf­tig genutzt. Ich den­ke aber auch an die Wider­stän­de gegen die Juni­or­pro­fes­sur oder gegen eine stär­ke­re Ent­per­so­na­li­sie­rung der Promotion.
    Ich will daher lie­ber den Fokus noch ein­mal auf die For­schungs- und Wis­sen­schafts­po­li­tik len­ken. For­schungs- und Wis­sen­schafts­po­li­tik ist ein Poli­tik­feld, das mei­nes Erach­tens ins­ge­samt wenig poli­ti­siert ist. Hoch­schul­po­li­tik wird wenigs­tens noch in den Gre­mi­en dis­ku­tiert und in den Medi­en. Es gibt wohl in jeder Tages­zei­tung zumin­dest eine Per­son, die sich auch für kom­pe­tent hält und zur Hoch­schul­po­li­tik eine Mei­nung hat. Mit der For­schungs- und Wis­sen­schafts­po­li­tik sieht das anders aus. Wer hat zum letz­ten Mal einen Arti­kel zu KMU-inno­va­tiv, Spit­zen­clus­ter oder Inno­va­ti­ons­al­li­an­zen gele­sen – und zwar nicht nur einen, in dem die Finan­zie­rungs­quel­le eines Pro­jekts genannt wird? Wo fin­det die Debat­te über die Steue­rung der dt. For­schungs­för­de­rung über Pro­jekt­trä­ger­schaf­ten statt? Wer ist in der Lage, in einem Satz zu for­mu­lie­ren, was die High­tech-Stra­te­gie ist? Dazu gehört natür­lich, dass die For­schungs­steue­rung in ers­ter Linie das Geschäft der Exe­ku­ti­ve ist. Das Par­la­ment als Haus­halts­ge­setz­ge­ber ist mit all­ge­mein for­mu­lier­ten Rah­men­pro­gram­men und Haus­halts­ti­teln kon­fron­tiert, unter denen sich alles Mög­li­che fas­sen lässt. Die Pro­jekt­aus­wahl wird dage­gen von der staat­li­chen bzw. wis­sen­schafts­in­ter­nen Ver­wal­tung getrof­fen. Hand­greif­lich für brei­te­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten wird For­schungs­po­li­tik erst durch Skan­da­li­sie­run­gen, wie den Nackt­scan­ner, die Kern­fu­si­on oder die Affen­ver­su­che in Bre­men – dann ist man aber auf der Ebe­ne ein­zel­ner Beispiele.
    Mei­nes Erach­tens gibt es aber den­noch einen expli­zit grü­nen Ansatz in der For­schungs- und Wis­sen­schafts­po­li­tik, der durch die Matrix von Till schon ansatz­wei­se beschrie­ben wur­de und der des­halb nicht unbe­dingt als grü­ner iden­ti­fi­ziert wird, weil er auch in ande­ren Par­tei­en reüs­siert. Ich mei­ne die Kri­tik am Fort­schritts­op­ti­mis­mus der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Strö­mun­gen und den Glau­ben an eine (linea­re) tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung. Im Gegen­satz zu den Kon­ser­va­ti­ven (alter Prä­gung) ging die­se Kri­tik aber nicht mit einer schlich­ten Ableh­nung neu­er Tech­no­lo­gien daher (auch wenn sich sol­che Antei­le bei den Grü­nen fin­den). Gefragt waren wis­sen­schaft­li­che Kri­ti­ken, Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung, ande­re Tech­no­lo­gien und der Umgang mit Nicht­wis­sen. Die Poin­te scheint mir zu sein, dass Tech­nik und Wis­sen nicht län­ger als gege­ben, son­dern als sozi­al kon­stru­iert wahr­ge­nom­men wur­de. Damit öff­ne­te sich frei­lich auch die Spann­brei­te mög­li­cher tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lun­gen, und Wis­sen­schaft und For­schung gerät unter Recht­fer­ti­gungs­druck gegen­über der Gesell­schaft. Wel­che Orga­ni­sa­ti­ons­for­men für die Wis­sens­pro­duk­ti­on dar­aus fol­gen, ist frei­lich eine Fra­ge, die erst ansatz­wei­se zu beant­wor­ten ist. Ich wür­de aber die The­se wagen, dass unser aus­dif­fe­ren­zier­tes Wis­sen­schafts­sys­tem – neben der Hoch­schul­for­schung: außer­uni­ver­si­tä­re For­schungs­ein­rich­tun­gen, Res­sort­for­schung, Pro­jekt­för­de­rung – bereits eine Reak­ti­on auf die­se gesell­schaft­li­che Wie­der­ein­bet­tung von For­schung und Wis­sen­schaft ist Auch soll­te nicht ver­ges­sen wer­den, dass sich der Sta­tus von Wis­sen­schaft ver­än­dert, wenn bald mehr als die Hälf­te eines Jahr­gangs eine Hoch­schu­le besu­chen und sich mit wis­sen­schaft­li­chen Metho­den ver­traut machen kön­nen. Die wahr­haft explo­si­ons­ar­ti­ge Aus­brei­tung wis­sen­schaft­li­chen Wis­sens schafft frei­lich wie­der­um ganz eige­ne neue Organisationsanforderungen.
    Eine Anmer­kung noch zur For­schungs­frei­heit: For­schungs­frei­heit bezog sich im tra­di­tio­nel­len Sin­ne ja stets auf den Lehr­stuhl­in­ha­ber, die Wis­sen­schaft­ler an den außer­uni­ver­si­tä­ren For­schungs­ein­rich­tun­gen jam­mer­ten schon seit den sech­zi­ger Jah­ren, dass sie nicht frei sei­en. Inso­fern wür­de ich dafür plä­die­ren, For­schungs­frei­heit weni­ger per­sön­lich als viel­mehr gesell­schaft­lich zu den­ken: Aus der Unmög­lich­keit, For­schung zu pla­nen, folgt so die Not­wen­dig­keit zu einem aus­rei­chen­den Maß an For­schungs­frei­heit. Je hete­ro­ge­ner die Ansät­ze sind, des­to wahr­schein­li­cher sind gang­ba­re Lösun­gen. Anders aus­ge­drückt: Zum Glück gab es in den sech­zi­ger Jah­ren For­schungs­frei­heit, sonst wäre ange­sichts der dama­li­gen Mehr­heits­ver­hält­nis­se die Ener­gie­for­schung kom­plett auf Atom­for­schung umge­stellt worden.

  4. @ Till – ich woll­te Dir, um Got­tes Wil­len nicht abspre­chen Fun­di genug zu sein und viel­leicht habe ich in der Hin­sicht dann auch end­lich mei­ne »Fun­diecke« gefun­den, die laut Edith Sitz­mann jeder Grü­ne irgend­wo hat. Ich bin nur mitt­ler­wei­le irgend­wie zur Ein­sicht gelangt, dass es – trotz aller Wider­stän­de – sich loh­nen wür­de, eine radi­kal ande­re Per­so­nal­struk­tur der Uni­ver­si­tät zu denken!

    1. Fun­di zu sein darfst du mir ger­ne abspre­chen, wir nen­nen uns Linke ;-)

      Aber werd‹ mal kon­kre­ter: Wie wür­de eine sol­che radi­kal ande­re Per­so­nal­struk­tur an einer Uni­ver­si­tät aussehen?

  5. Hal­lo zusammen,
    da spre­chen ja Leu­te über Forschung.
    Viel­leicht über Kern­for­schung ? Nein
    Mito­chon­dri­en­re­pli­ka­ti­ons­me­cha­nis­men? Nein
    Nach­weis­gren­zen­nie­der­set­zung der aus­ge­spül­ten Plas­tik­weich­ma­cher? Nein !!
    Fern­erkun­dungs­pro­gram­me zur Über­wa­chung von sowohl Ern­te­er­fol­gen, wie aber auch der Pro­ble­ma­tik des Glet­scher­rück­zugs? Nein !!!!
    Die hoch­wich­ti­ge Pro­ble­ma­tik der zuneh­men­den Demenz­fäl­le über­all in der Gesell­schaft? Nein !!!!!!!!!!!
    Die Beein­flus­sung des all­ge­mei­nen ›Volks­wil­lens´ so, daß er nicht mehr in der Lage ist, sei­ne Rech­te aber auch Mög­lich­kei­ten zu erken­nen? Nein !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Der Tat­sa­che, daß die Kli­ma­zie­le Maku­la­tur sind und nur mehr Kos­ten­sen­kun­gen die Grund­la­ge all´des Han­delns sind? Nein !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Ja – über was wird gespro­chen, wenn nicht über Elek­tro­au­tos, Was­ser­stoff­ba­sier­te Infra­struk­tur­sys­te­me, bar­rie­ren­frei­es Leben(aller), Schlei­chen­de Ver­gif­tung durch den Gebrauch ›all­ge­mei­ner´ Nah­rungs­mit­tel, Ver­gif­tung unse­rer Kin­der und Kin­des­kin­der, die Beein­flus­sung des Nor­mal­men­schen durch Wer­bung und die Zunah­me der Volks­krank­hei­ten etc. usf ?
    Par­don – aber mir kommt es so vor, als wür­de über die Art und Wei­se gestrit­ten, wie zu dis­ku­tie­ren sei. Mit einem Hut auf – oder ein Bein ange­win­kelt. Oder nur mit Schlipps, oder zumin­dest mit einem Jackett? Und auf alle Fäl­le – nicht ins Detail gehen. Oder gar die Rea­li­tät bemü­hen, wie For­schung wirk­lich auf unser Leben Ein­fluß nimmt …
    Scha­de – eine ver­pass­te Chance.
    MfG
    Reinhold

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