So geht’s auch

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Balance, too

Weil ich das ab und zu gefragt werde, wie wir das machen, wollte ich mal was dazu aufschreiben. Was machen? Die Verantwortung für zwei Kinder zwischen zwei Erwachsenen, die kein Paar mehr sind, so aufteilen, dass es allen dabei gut geht. Nicht als Patentrezept, und ohne jede Garantie – wer weiß, wie das irgendwann bei uns aussieht –, aber vielleicht als Anregung.

Kurz zum Hintergrund: Vor etwa einem Jahr haben A. und ich uns nach einigen Jahren Zusammensein getrennt (wer etwas sucht, findet auf meinem Blog auch einen längeren Eintrag dazu). Wir haben das gemeinsame Sorgerecht für unsere beiden Kinder, und waren uns dann schnell einig, dass wir das auch weiterhin gemeinsam ausüben wollen, und dass wir kein Lebensmodell wollen, bei dem eine Person sich um die Kinder kümmert und die andere dafür Geld und Wochenenden gibt/kriegt.

Faktisch sieht das so aus, dass die beiden Kinder unter der Woche vormittags im Kindergarten sind (und demnächst dann in der Schule bzw. im Hort bzw. auch nachmittags im Kindergarten). Die Woche ist in Mama- und Papa-Tage aufgeteilt. Einige davon sind fix (weil ich z.B. Dienstags und Donnerstags meistens in Stuttgart sein muss und nicht in Freiburg sein kann), andere wechseln. Auch die Kinderzuständigkeit am Wochenende wechselt.

Unsere beiden Wohnungen liegen ziemlich nah beieinander, so dass es keinen Transportaufwand gibt, um von A nach B zu kommen. Mehrmals in der Woche ziehen die Kinder also um (manchmal auch so, dass eine/r sie zum Kindergarten bringt und der/die andere sie abholt) – mal für drei Tage am Stück, mal nur für einen halben Tag.

Einmal in der Woche treffen wir uns beim Kinderübergeben zum gemeinsamen Abendessen, um zu besprechen, was alles ansteht. Und ab und zu – etwa zu den Kindergeburtstagen – gibt es gemeinsame Aktivitäten.

Insgesamt versuchen wir, die Kinderzuständigkeit zeitlich einigermaßen gleichmäßig aufzuteilen. In der Praxis hat sich dafür Google Calendar als das zentrale Werkzeug herausgestellt (ohne damit jetzt Werbung für genau diesen Online-Kalender machen zu wollen). Wir haben schon vor der Trennung einen gemeinsamen Kalender genutzt. Jetzt ist der Kalender extrem hilfreich, um die eigene Zeit zu planen, vor allem aber auch, um immer im Bilde zu sein, wer wann zuständig ist. Eigentlich haben wir einen festen Rhythmus gefunden, aber fast keine Woche bleibt dann genau so – vielmehr tauschen wir ziemlich munter Tage hin und her – es gibt ja noch eine Reihe anderer Ansprüche an die Zeit von mir bzw. von A.

Neben dem gemeinsamen Abendessen und dem Telefon hat sich der Facebook-Chat als guter Kommunikationskanal für uns etabliert, um eben zum Beispiel Wechsel von Zuständigkeitstagen zu vereinbaren, oder auch, um Erlebnisse der Kinder, Verabredungen etc. mitzuteilen. Der Chat (E-Mail würde ähnlich funktionieren) hat den Vorteil, dass er nebenbei stattfindet, nicht stört, aber auf dem Smartphone sichtbar wird, und keine Ko-Präsenz erfordert.

Aber diese Werkzeuge (lang lebe das Internet!) sind nur eine Seite – es gibt noch mindestens zwei weitere Voraussetzungen dafür, dass dieses Modell klappt.

Dazu gehört die Flexibilität, die von uns beiden nicht nur eingefordert wird, sondern die wir auch haben. Das heißt zum Beispiel auch, dass ich bewusst nur in Teilzeit – derzeit siebzig Prozent – arbeite, und mich glücklich schätze, einen Teil meiner Arbeit von zu Hause aus erledigen zu können. (Auch die Teilzeit ist übrigens etwas, was auch schon vor der Trennung so war, und das mir nach wie vor auch aus anderen Gründen wichtig ist). Ohne diese Flexibilität bei uns beiden (und ohne Kinderbetreuungseinrichtungen und manchmal auch mal einspringende Großeltern) wäre das gemeinsame Kümmern um die Kinder nicht möglich. Ich weiß, dass das eine eher privilegierte Position ist – und würde mich freuen, wenn Politik dazu beitragen könnte, entsprechende Arbeitsmodelle für alle normaler zu machen (und sie auch außerhalb akademischer Berufe so zu bezahlen, dass Teilzeit faktisch möglich ist).

Und ganz wichtig ist natürlich, dass es eine gemeinsame Verständigung gibt. Wir können (vielleicht sogar besser als vorher …) miteinander reden, Bedürfnisse äußern und akzeptieren. Meistens jedenfalls ;-) Dazu gehört sicherlich auch, dass es nach wie vor sowas wie relativ ähnliche Werte gibt – die sind und waren nicht identisch, aber sie sind nicht so unterschiedlich, dass das – gerade auf die Frage, wie wir mit unseren Kindern umgehen – ständig ein Thema wäre. Wir versuchen, bestimmte Entscheidungen gemeinsam zu treffen, sie auszuhandeln, uns gegenseitig zu überzeugen. Das kann manchmal auch ganz schön zäh sein. Ich bin froh, dass es nach wie vor möglich ist und meistens gut klappt. (Das heißt auch, bei bestimmten eigenen Entscheidungen – zum Beispiel beruflichen – eben nicht ganz unabhängig zu sein. Für mich gehört das dazu, Kinder zu haben.)

Und die Kinder? Die scheinen mir ganz gut damit klar zu kommen, dass es ein Kinderzimmer da und eines dort gibt, dass es Tage gibt, an denen ich für sie zuständig bin, und dass es Tage gibt, an denen A. für sie zuständig ist. Und selbstverständlich ist beim anderen Elternteil immer alles erlaubt bzw. wäre da alles besser, je nachdem.

Warum blogge ich das? Wie eingangs gesagt, nicht als Patentrezept – auch bei uns läuft nicht immer alles glatt –, sondern als Anregung dafür, dass es möglich ist, neuartige Familienmodelle zu institutionalisieren, auch wenn’s etwas Mut braucht. Wir sind da sicher nicht die ersten oder die einzigen – aber ein wenig mehr Sichtbarkeit dafür, dass auch das Familie ist (a propos Ehegattensplitting etc.), kann nicht schaden.

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6 Antworten auf So geht’s auch

  1. Cornelius sagt:

    Danke, das war spannend zu erfahren :) (weil ich mich das beim Lesen deiner Tweets/Blogeinträge auch schon gefragt hatte)

  2. antje kuessner sagt:

    schöner blog. eine freche, aber durchaus ernst gemeinte frage: sieht a. das auch so? vielleicht mag sie ihren teil auch bloggen – fände ich sehr spannend.
    lieben gruss an euch 4

  3. A. sagt:

    Hallo Antje Kuessner,

    bloggen ist nicht meins. Aber ich sehe die Sache im Großen und Ganzen genauso wie Till. Ich schätze mich glücklich, dass der Vater meiner Kinder sich vor wie nach der Trennung zu gleichen Teilen an der Kindererziehung beteiligt. (Hätte er mir das nicht hoch und heilig zugesichert, hätte ich allerdings auch keine Kinder mit ihm bekommen. ;)) Ich finde auch, dass wir es ziemlich gut schaffen, uns zu koordinieren und die gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten, vernünftig zu lösen. Selbstverständlich spielen die günstigen Bedingungen, die wir haben (beide flexible Jobs, Wohnungen nah beieinander) eine Rolle, aber wir geben uns auch Mühe. Soviel zur intersubjektiven Validierung. :)

  4. daniela sagt:

    Interessanter Beitrag, danke!
    Vor kurzem habe ich zufällig eine Reportage gesehen, in der Eltern berichteten, dass sie nach der Trennung die Kinder in einer festen Wohnung beliessen und sich als Eltern beim Wohnen dort abwechselten – auch ein interessanter Ansatz, ich kenne aber niemand persönlich der/die das praktisch praktiziert.
    Schöne Grüße nach Freiburg aus dem Urlaub

  5. Pingback: In eigener Sache: Leistungsschau 2012 | till we *)

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