Datenbefreiung, oder: staatsmonopolistischer Netzkapitalismus

Goog­le räumt auf, und räumt dabei – zum Juli – auch den Goog­le Rea­der ab. Wer das nicht kennt: das ist ein Tool, um Blogs und ande­re Nach­rich­ten­quel­len, sofern sie RSS-Feeds haben, syn­chro­ni­siert zwi­schen meh­re­ren Gerä­ten zu lesen. Oder etwas weni­ger tech­nisch: ein Tool, mit dem ich auf einen Blick sehe, wel­che Arti­kel in mei­nen Lieb­lings­blogs und wel­che Nach­rich­ten von tagesschau.de ich noch nicht gele­sen habe, und zwar egal, ob ich auf dem PC, auf dem Smart­pho­ne oder auf dem Tablet nach­schaue. Zudem sehe ich auf einen Blick, ob mei­ne Lieb­lings­blogs neue Ein­trä­ge haben, muss also nicht der Rei­he nach durch­blät­tern, was es wo gibt.

Der Goog­le Rea­der war mal mehr (das habe ich aber nie genutzt), und er ist nicht uner­setz­bar. Tat­säch­lich set­ze ich ihn erst aktiv ein, seit ich ein Smart­pho­ne benut­ze. Auf dem PC war das fire­fox-inte­re Hand­ling durch­aus aus­rei­chend für mich, um die­se gera­de beschrie­be­ne Funk­tio­na­li­tät zu erfüllen.

Trotz­dem ärgert mich das Aus für den Goog­le Rea­der, und da bin ich nicht allei­ne, auch wenn man­che dem auch Gutes in Sachen Mono­pol­ver­mei­dung abge­win­nen können. 

Was ich kon­kret mache, mit wel­chem Tool ich mei­ne Lieb­lings­blog-Feeds in Zukunft lesen wer­de, das weiß ich noch nicht. Irgend­et­was wird sich finden. 

Aber ich muss­te doch wie­der an die Eisen­bahn denken. 

Also, erst­mal an die Tat­sa­che, dass netz­ba­sier­te, irgend­wie »sozia­le« Diens­te, die wer­be­fi­nan­ziert sind, so ein komi­sches Dop­pel­ding aus öffent­li­cher Infra­struk­tur und pri­va­ter Dienst­leis­tung dar­stel­len. Fak­tisch jeden­falls. Ich hat­te da anläss­lich diver­ses Ände­run­gen der Poli­cy mal was über den Fall Flickr – Wech­sel nicht mög­lich geschrie­ben. Web 2.0 als Abhängigkeits-Internet. 

Und weil das so ist, gibt es Men­schen wie Alex­an­der Sches­tag, die es ein­fach prin­zi­pi­ell für eine Dumm­heit hal­ten, sei­ne eige­nen Daten bei irgend­ei­nem mehr oder weni­ger kos­ten­frei­en Dienst­leis­ter lie­gen zu haben, statt alles selbst zu hos­ten. Er schreibt:

Die Abschal­tung des Goog­le Rea­ders wäre der rich­ti­ge Anlass, um ein­mal über die­se Din­ge nach­zu­den­ken und viel­leicht sogar einen Para­dig­men­wech­sel bezüg­lich der Orga­ni­sa­ti­on digi­ta­len Lebens ein­zu­läu­ten, die allen Usern viel­leicht etwas weni­ger Kom­fort, dafür aber wesent­lich mehr Sicher­heit und Zuver­läs­sig­keit bei eben die­ser Orga­ni­sa­ti­on geben wür­de. Aber offen­sicht­lich ist das nicht gewollt. Scha­de drum. Hier wird gera­de eine gro­ße Chan­ce verpasst. 

Ich wider­spre­che ihm inso­fern, als ich – sagen wir mal, mit Blick auf die Psy­cho­lo­gie der Öko­no­mie und die Exis­tenz einer arbeits­tei­li­gen Gesell­schaft – kaum glau­be, dass die Do-it-yourself-Lösung für mehr als eine win­zi­ge Min­der­heit einer nerdi­gen Rand­grup­pe über­haupt eine Lösung ist. Klar, es gibt sicher­lich wun­der­vol­le Tools, um mit wenig Auf­wand auf dem eige­nen Ser­ver all die­ses clou­di­ge Zeug zu machen – aber die Ver­ant­wor­tung, das zu admi­nis­trie­ren, muss dann eben auch das eige­ne Hob­by sein. Ja, Kom­fort ist wich­tig im Kon­sum, und nein, es ist nicht nicht gewollt, son­dern schlicht­weg inkom­pa­ti­bel zum Leben im 21. Jahr­hun­dert. Fast alle sind wir abhän­gig von irgend­wel­chen Netz­an­bie­tern. Die weni­gen, die das nicht – in dem Maße – sind, sind die, die viel Geld dafür zah­len, ande­re für sich eine siche­re Infra­struk­tur betrei­ben zu las­sen, oder es sind die, die es lie­ben, ihre Näch­te in Linux-Shells zu ver­brin­gen. Der Rest hat de fac­to kei­ne Wahl.

Für den Goog­le Rea­der trifft das mit der Anbie­ter­ab­hän­gig­keit übri­gens nur bedingt zu, inso­fern Goog­le Take­out die Mög­lich­keit bie­tet, die bei Goog­le-Diens­ten lie­gen­den per­sön­li­chen Daten gebün­delt zuge­stellt zu bekom­men und sie gege­be­nen­falls in ein ande­res Tool ein­zu­le­sen. Also z.B. die Lis­te mei­ner Lieb­lings­blogs. Soweit, so gut. 

Aber die Eisen­bah­nen. Ich fin­de ja schon seit län­ge­rem, dass es wich­tig ist, nicht nur das Netz selbst (da geht es um Breit­band­zu­gang, Netz­neu­tra­li­tät und Deep Packet Inspec­tion) als De-fac­to-Infra­struk­tur der Daseins­vor­sor­ge zu betrach­ten, son­dern auch Social Media als Infra­struk­tur zu ver­ste­hen. Wenn ich Twit­ter, Face­book, mei­nen Mail­ser­ver oder die Suche von Goog­le benut­ze, dann tue ich das nicht, um zu »twit­tern«, zu »face­boo­ken«, zu »mai­len« oder zu »goo­geln«, son­dern um zu kom­mu­ni­zie­ren oder um mich zu infor­mie­ren. Oder etwas, das irgend­wo dazwi­schen steht – das osmo­ti­sche Auf­schnap­pen zeit­geis­ti­ger Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wel­len auf den Flu­ren des Net­zes, um es mal etwas blu­mig aus­zu­drü­cken. Wel­ches Tool-Medi­um dahin­ter steht, ist mir eigent­lich erst­mal egal. Abge­se­hen davon, dass ich mög­lichst wenig davon mit­krie­gen will, dass ich also idea­ler­wei­se ein­fach nur kommuniziere. 

Ganz so ein­fach ist es nicht, die media­len Tools machen sich bemark­bar, und die damit ver­bun­de­nen Ein­bin­dun­gen in Netz­wer­ke natür­lich auch. Aber wenn mor­gen irgend­wer dastün­de und mir mit­tei­len wür­de, dass Face­book zumacht, ich aber mein gan­zes sozia­les Netz 1:1 über­tra­gen kann auf Bub­bleb­lab, dann wäre es über­haupt kein Pro­blem, mei­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis­sen dort nach­zu­ge­hen. Denn mei­ne Nach­ba­rIn­nen, Bekann­te, Par­tei­freun­dIn­nen und so wei­ter wären auch schon alle da. 

Mit die­sem Infra­struk­tur­ver­ständ­nis von Web-(2.0)-Dienstleistungen im Kopf fiel mir dann die Eisen­bahn an. Und – zumin­dest wenn Wiki­pe­dia nicht lügt – gibt es da ein paar inter­es­san­te his­to­ri­sche Parallelen.

So schreibt die Wikipedia:

In der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts wur­den die ent­ste­hen­den Eisen­bah­nen in Deutsch­land von den Men­schen unter­schied­lich auf­ge­nom­men. Wäh­rend unter­neh­me­risch den­ken­de Men­schen wie Fried­rich Harkort und Fried­rich List in der Eisen­bahn eine Mög­lich­keit zur Bele­bung der Wirt­schaft und zur Über­win­dung klein­staat­li­cher Bevor­mun­dung, spe­zi­ell in Deutsch­land, sahen und sich des­halb bereits in den 1820er und frü­hen 1830er Jah­ren für den Bau von Eisen­bah­nen ein­setz­ten, fürch­te­ten sich ande­re vor Qualm und Rauch der Loko­mo­ti­ven oder sahen durch sie ihr eige­nes Ein­kom­men gefährdet. 

Wir sehen eine hef­ti­ge tech­nik­kri­ti­sche Debat­te über die­ses gro­ße neue Ding Eisen­bahn, und stel­len fest, dass das Eisen­bahn­netz aus ein­zel­nen expe­ri­men­tel­len – inno­va­ti­ven, unter­neh­me­ri­schen – Akti­vi­tä­ten her­aus erwach­sen ist.

Die ers­ten Stre­cken wur­den von pri­va­ten Kon­sor­ti­en errichtet:

Mehr­heit­lich und offi­zi­ell wird jedoch die 1835 von der pri­va­ten Lud­wigs-Eisen­bahn-Gesell­schaft in Nürn­berg durch den Inge­nieur Paul Camil­le von Denis erbau­te Baye­ri­sche Lud­wigs­bahn als ers­te Eisen­bahn in Deutsch­land ange­se­hen, weil sie neu­ar­ti­ge Dampf­lo­ko­mo­ti­ven einsetzte. 

Die von die­ser pri­va­ten Gesell­schaft gesetz­ten Stan­dards hat­ten Bestand:

Die Ent­schei­dung der Lud­wigs-Eisen­bahn-Gesell­schaft für das eng­li­sche Sys­tem mit deren Schie­nen­art und Spur­wei­te, den Spur­krän­zen, Fahr­zeu­gen und ande­rem hat­te zudem nor­ma­ti­ve Wir­kung, da auch spä­te­re deut­sche Bah­nen das offen­sicht­lich betriebs­taug­li­che Sys­tem übernahmen 

Im Rhein­land bau­te ab 1844 die Rhei­ni­sche Eisen­bahn-Gesell­schaft die Netz­in­fra­struk­tur und betrieb eini­ge Eisen­bahn­li­ni­en. In ande­ren Lan­des­tei­len waren es teil­wei­se auch Staats­bah­nen ein­zel­ner Her­zog­tü­mer etc. Kurz: Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ist das Eisen­bahn­netz eine bun­te Mischung gro­ßer pri­vat­wirt­schaft­li­cher Betrie­be und eini­ge (halb-)staatlicher Insti­tu­tio­nen. Gemein­sa­me Stan­dards erge­ben sich durch die nor­ma­ti­ve Kraft des Fak­ti­schen – oder eben auch nicht.

Die obrig­keit­li­chen Orga­ne der deut­schen Staa­ten stan­den dem neu auf­kom­men­den Eisen­bahn­we­sen mit unter­schied­li­cher Hal­tung gegen­über. Teils wur­de die Initia­ti­ve den Unter­neh­mern über­las­sen, teils wur­de ver­sucht, eine staat­lich getra­ge­ne Eisen­bahn zu för­dern, dies am aus­ge­präg­tes­ten in den süd­deut­schen Mon­ar­chien Baden, Bay­ern und Würt­tem­berg. Preu­ßen setz­te dage­gen zunächst auf pri­va­te Bah­nen, über­nahm aber schon früh eini­ge die­ser Bah­nen auf­grund wirt­schaft­li­cher Schwie­rig­kei­ten in staat­li­che Ver­wal­tung, so etwa die Ber­gisch-Mär­ki­sche Eisenbahn-Gesellschaft. 

Von 1871 bis 1920 waren Eisen­bah­nen Län­der­an­ge­le­gen­heit. Eine reichs­wei­te Regu­la­ti­on gab es nur behelfs­wei­se. »In den 1870er Jah­ren wur­de den­noch das viel­fäl­ti­ge Neben­ein­an­der pri­va­ter und staat­li­cher Bah­nen ein immer gra­vie­ren­de­res Pro­blem, wobei unter­schied­li­che Tari­fe die Abwick­lung über­re­gio­na­ler Trans­por­te erheb­lich behin­der­ten. Öffent­lich wur­de immer häu­fi­ger eine Ver­ein­heit­li­chung eingefordert.«

Ende des 19. Jahr­hun­derts ent­stan­den par­al­lel klei­ne pri­va­te Eisen­bahn­ge­sell­schaf­ten, und es wur­den die gro­ßen Net­ze ver­staat­licht. Aber alles wei­ter­hin in Län­der­ho­heit, mit Grenz­bahn­hö­fen etc. (Nach wir vor ver­las­se ich mich hier auf die Wiki­pe­dia). Ein Effekt der Zusam­men­füh­rung der gro­ßen Net­ze in einer staat­li­chen Gesell­schaft (in Preu­ßen) war es, dass der Eisen­bahn­be­trieb ratio­na­li­siert wer­den konn­te. Wer bis­her eine Eisen­bahn betrieb, ver­such­te, die Kon­kur­renz zu umge­hen, um kei­ne Tras­sen­ge­büh­ren an die­se Zah­len zu müs­sen. Jetzt konn­te über­grei­fend geplant werden.

Eine umfas­sen­de, ein­heit­li­che Eisen­bahn­or­ga­ni­sa­ti­on wur­de dage­gen erst nach dem ers­ten Welt­krieg geschaf­fen. Die Län­der­bah­nen wur­den zur Deut­schen Reichs­bahn zusam­men­ge­fasst, 1924 in ein Staats­un­ter­neh­men ein­ge­bracht (und als Repa­ra­ti­ons­leis­tung bis 1932 ver­pfän­det). Diver­se pri­va­te Eisen­bahn­ge­sell­schaf­ten wur­den erst im Drit­ten Reich in den Mono­li­then Reichs­bahn über­nom­men. Nach 1945 wur­de die­se in der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne und dann in der DDR als Deut­sche Reichs­bahn wei­ter­ge­führt. In der fran­zö­si­schen Besat­zungs­zo­ne gab es die Süd­west­deut­schen Eisen­bah­nen, in der bri­ti­schen und ame­ri­ka­ni­schen die »Deut­sche Reichs­bahn im Ver­ei­nig­ten Wirt­schafts­ge­biet«. Aus die­sen drei­en ent­stand nach Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik die Deut­sche Bun­des­bahn, ein Son­der­ver­mö­gen des Bun­des. 1994 wur­den Reichs­bahn und Bun­des­bahn schließ­lich zur heu­ti­gen, staats­ei­ge­nen Deut­sche Bahn AG zusam­men­ge­führt – mit immer wie­der auf­flam­men­den Wün­schen nach wei­te­ren Libe­ra­li­sie­run­gen und mehr Kon­kur­renz auf der Strecke.

Was hat das jetzt mit der ange­kün­dig­ten Ein­stel­lung des Goog­le Rea­ders zu tun? Direkt nicht wirk­lich viel – aber viel­leicht mag die his­to­ri­sche Par­al­le­le nicht all­zu­weit her­ge­holt sein, dass wir heu­te eine aus diver­sen pri­vat finan­zier­ten, tüft­le­ri­sche Inno­va­tio­nen her­aus ent­stan­de­ne, weit­ge­hend pri­vat­recht­li­che Web‑2.0‑Netzinfrastruktur haben. Prin­zi­pi­ell ist das auch eine funk­tio­nie­ren­de Orga­ni­sa­ti­ons­form. Kri­tisch wird es da, wo pri­vat­wirt­schaft­li­che Ent­schei­dun­gen über die­se Infra­struk­tur (z.B. die Ein­stel­lung bestimm­ter Diens­te, der Ver­zicht auf bestimm­te Stan­dards) zu Umwe­gen und Kos­ten für die Nut­ze­rIn­nen füh­ren. Wäre da nicht eine gro­ße, mono­li­thi­sche staat­li­che Struk­tur bes­ser, um effi­zi­ent die­se unnö­ti­gen Kos­ten zu vermeiden? 

Also so wie die Reichs­bahn? Oder wie die Deut­sche Netz­in­fra­struk­tur­an­stalt?

Das hal­te ich nach wie vor für falsch. Es geht nicht dar­um, Goog­le zu ver­staat­li­chen – auch wenn der Blick auf Goog­le etc. als Infra­struk­tur die­sen Gedan­ken für einen Moment nahe­lie­gend erschei­nen lässt. Nein, es geht mir dar­um, noch ein­mal sehr genau hin­zu­schau­en, wel­che Stan­dards so lebens­not­wen­dig für eine funk­tio­nie­ren­de, effi­zi­en­te Netz­in­fra­struk­tur sind, dass sie staat­lich regu­liert wer­den müssen. 

Das ist – und auch das zeigt das Eisen­bahn­bei­spiel – in einem hei­ßen, alle paar Jah­re durch neue Basis­in­no­va­tio­nen neu auf­ge­wühl­tem Markt wie dem Netz schwie­rig. Eine vor eini­gen Jah­ren gesetz­lich fest­ge­schrie­be­ne HTML‑3.0‑Kompatibilität wäre etwas Grau­en­haf­tes. Den­noch glau­be ich, dass es (neben dem gan­zen Feld des Schut­zes per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten und was alles sonst noch so unter »Ver­brau­cher­schutz 2.0« fällt) mög­li­cher­wei­se eine gute Idee sein könn­te, bestimm­te Inter­ope­ra­bi­li­täts­stan­dards regu­la­to­risch zu unter­stüt­zen. Sowas wie eine Ver­pflich­tung von Social-Media-Anbie­te­rIn­nen, den Stand der Tech­nik, was Aus­tausch­for­ma­te betrifft, in ihren Platt­for­men einzusetzen. 

Dass es »Goog­le Take­out« gibt, und dass RSS ein akzep­tier­ter Stan­dard ist, erleich­tert es Kon­kur­renz­pro­duk­ten zum Goog­le Rea­der, etwas auf­zu­bau­en und sich bei Nut­ze­rIn­nen durch­zu­set­zen. Goog­le Take­out gibt es, wenn ich das rich­tig nach­voll­zie­he, weil es inner­halb von Goog­le die Data Libe­ra­ti­on Front gibt. Das Mis­si­on State­ment die­ser halb­wegs revo­lu­tio­nä­ren Inge­nieurszel­le (gegrün­det 2007, vor dem Hin­ter­grund einer ent­spre­chen­den Aus­sa­ge des CEO Eric Schmidt im Jahr 2004) ist es:

Users should be able to con­trol the data they store in any of Google’s pro­ducts. Our team’s goal is to make it easier to move data in and out. 

Wun­der­bar. Aber allein schon die Tat­sa­che, dass die spie­le­ri­schen Revo­lu­ti­ons­an­lei­hen funk­tio­nie­ren, zei­gen, was für ein gro­ßer Schritt es wäre, wenn die­se Grund­satz – dass Nut­ze­rIn­nen die Kon­trol­le über alle Daten behal­ten, die sie in irgend­ei­nem Pro­dukt von Goog­le (oder einer ande­ren Fir­ma) able­gen – zu einem Indus­trie­stan­dard würde. 

Ich bin mir nicht sicher, ob Eric Schmidts State­ment von 2004 – »He wrap­ped up his talk to employees by clear­ly sta­ting that Goog­le did­n’t lock its users in. He stres­sed that we did­n’t want peop­le to use our pro­ducts sole­ly becau­se they can’t get their data out to switch to a com­pe­ting ser­vice.« – für die Fir­ma, die Goog­le heu­te ist, noch gilt. Es wäre schön, wenn das so ist. Weil es Goog­le die Frei­heit gibt, unpro­fi­ta­ble Diens­te zu schlie­ßen, und weil es uns allen die tat­säch­li­che Frei­heit gibt, mit unse­ren Daten zur Kon­kur­renz zu gehen, eine Blog-Rea­der-Genos­sen­schaft zu grün­den, oder letzt­lich doch auf die DIY-Vari­an­te mit dem eige­nen Ser­ver zurück­zu­grei­fen. Nur reicht es da nicht aus, wenn Goog­le die Data Libe­ra­ti­on Front dul­det – das müss­ten alle machen. Not­falls eben doch als regu­la­to­ri­scher Ein­griff, um Kon­kur­renz und damit eine funk­tio­nie­ren­de markt­li­che Orga­ni­sa­ti­on zu ermöglichen. 

War­um blog­ge ich das? Weil ich auch noch kurz was zur Schlie­ßung des Goog­le Rea­ders sagen wollte.

8 Antworten auf „Datenbefreiung, oder: staatsmonopolistischer Netzkapitalismus“

  1. Hmmm, mei­ne Argu­men­ta­ti­on sagt aber auch, dass es für vie­le aus­rei­chend sein dürf­te, loka­le Rea­der auf dem Smart­pho­ne und auf dem Desk­top und/​oder Lap­top zu haben. Klar, die Syn­chro­ni­sie­rung ist dann meist nicht gege­ben – aber auch da gibt es Tools, bei­spiels­wei­se für Leu­te, die aus­schließ­lich Apple-Gerä­te ver­wen­den, s. z. B. https://itunes.apple.com/us/app/shrook/id411227658?mt=12. Und bei sol­chen Lösun­gen kann man schlecht von nerdig reden. 

    Zudem: Wie­vie­le Leu­te betrei­ben heu­te bei­spiels­wei­se eine Web­site oder ein Blog mit Wor­d­Press? Das wird ja schon fast zum Mas­sen­phä­no­men. Und Wor­d­Press ist – wenn man es sicher betrei­ben will – sehr war­tungs­in­ten­siv. Die Soft­ware gehört mitt­ler­wei­le zu den am meis­ten unter Beschuss ste­hen­den CMS. Ich sehe bei mei­nen Kun­den täg­lich zig Angrif­fe. Das Ziel ist meist, Spam dar­über zu ver­schi­cken, Schad­soft­ware auf dem kom­pro­mit­tier­ten Webs­pace zu hos­ten oder Phis­hing-Sites hoch­zu­la­den. Man muss zumin­dest bei umfang­rei­che­ren Instal­la­tio­nen mit meh­re­ren Plugins nahe­zu täg­lich Updates machen. Und ich ken­ne vie­le noch nicht mal all­zu netz-affi­ne Leu­te, die das sehr gut selbst hin­krie­gen. Daher kann mir ehr­lich gesagt nie­mand erzäh­len, dass es nur einer nerdi­gen Rand­grup­pe vor­be­hal­ten wäre, zusätz­lich noch ein klei­nes selbst­ge­hos­te­tes Syn­chro­ni­sie­rungs­tool auf dem eige­nen Webs­pace zu betrei­ben. Dass die gro­ße Mas­se »de fac­to kei­ne Wahl« hat, ist also ein­fach ange­sichts des­sen, was die gro­ße Mas­se halb­wegs netz-affi­ner Leu­te schon macht, ein­fach de fac­to falsch. Dazu braucht es nicht mal teu­re Infra­struk­tur oder Rum­ha­cken auf der Linux­s­hell. Es braucht ein­fach nur etwas Webs­pace, eine Daten­bank – und das ent­spre­chen­de Tool. Ein­zig dar­an man­gelt es der­zeit wohl. Und das liegt eben auch an der feh­len­den Nachfrage.

    1. Gegen­fra­ge: Wie vie­le Leu­te blog­gen bei wordpress.com, blog­ger oder ähn­li­chen Diens­ten, und war­um? Und wie vie­le Leu­te hal­ten jede/​n, der/​die ein Blog betreibt, für einen Nerd?

  2. Die Fra­ge kann ich dir ziem­lich genau beant­wor­ten, zumin­dest aus der Erfah­rung mit mei­nen Kun­den. Ich betreue sowohl Kun­den mit selbst­ge­hos­te­ten Wor­d­Press-Blogs wie auch mit Blogs auf wordpress.com. Mit Blog­ger hab ich bis auf ein klei­nes grü­nes Pro­jekt, das ich mal betreut habe, wenig am Hut, aber das scheint mir eh eine Min­der­heit zu sein. Bei wordpress.com sieht es ganz klar so aus, dass immer mehr Leu­te ob der indi­vi­du­el­le­ren Gestalt­bar­keit und grö­ße­ren Mög­lich­kei­ten auf eine selbst­ge­hos­te­tes Blog wech­seln. Dar­un­ter sind Men­schen jeden Alters und aller Bil­dungs­schich­ten, mit mehr oder mit sehr viel weni­ger Netz-Affi­ni­tät. Typi­sche Nerds sind das nicht. Und sie hal­ten sich auch nicht für wel­che. :-) Und dar­un­ter sind auch etli­che Leu­te, die nicht mal wis­sen, was ein RSS-Feed ist oder dass ihr Blog einen hat, geschwei­ge denn, dass es einen Goog­le Rea­der gibt. Ich sage nicht, dass mei­ne Stich­pro­be reprä­sen­ta­tiv ist, aber aus mei­ner täg­li­chen Arbeit zie­he ich den Schluss: Das selbst­ge­hos­te­te Wor­d­Press-Blog wird zum Massenphänomen.

    1. Hmm, jetzt weiß ich nicht ganz genau, was du an Dienst­leis­tung anbie­test – aber könn­te das nicht eine sys­te­ma­ti­sche Ver­zer­rung sein, die dadurch ent­steht, dass es Kun­den (von dir) sind?

      1. Ich bie­te Wor­d­Press-Dienst­leis­tun­gen an. Also Instal­la­ti­on, Design, Pro­gram­mie­rung, War­tung, Betreu­ung. Migra­tio­nen von wordpress.com zu selbst­ge­hos­te­ten hab ich recht häu­fig. Ich sag ja, mei­ne Stich­pro­be ist viel­leicht nicht reprä­sen­ta­tiv. Aber wer benutzt denn den Goog­le Rea­der? Leu­te, die ohne­hin recht netz-affin sind, meist im zumin­dest semi-pro­fes­sio­nel­len Kon­text, oft im Social-Media-Bereich, oft auch mit eige­nem Webs­pace und eige­nen Web­sites. Denen ist das zuzutrauen. 

        Übri­gens liegt die »Dumm­heit« m. E. nicht pri­mär im Ver­las­sen auf Dritt­an­bie­ter, son­dern in der Hal­tung, kos­ten­lo­se Ange­bo­te von Dritt­an­bie­tern müss­ten ewig bestehen. Die Hal­tung kommt ja in der Peti­ti­on zum Aus­druck. Und die fin­de ich nicht nachvollziehbar.

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