Wie der Wahl-O-Mat das Parteienspektrum abbildet

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Die Bundeszentrale für politische Bildung hat auch dieses Jahr wieder einen Wahl-O-Maten am Start. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Angebote, die alle gemeinsam haben, dass sie versuchen, über Fragen und ein Matching mit den Antworten von Parteien und/oder KandidatInnen darzustellen, welche Partei und welche politische KandidatIn zu den eigenen Vorstellungen passen.

Als Angebot politischer Bildung und als Ermunterung, zur Wahl zu gehen, finde ich den Wahl-O-Mat und verwandte Angebote durchaus sinnvoll. Es wäre blöd, blind nach dem Ergebnis zu wählen. Schließlich gibt es immer auch Themen (und taktische Erwägungen), die im jeweiligen Algorithmus nicht abgebildet sind. Und ein Wahlprogramm mit – in unserem Fall über 300 Seiten – auf 38 Fragen herabzubrechen, ist auch ein gewagte Unterfangen.

Jedenfalls liefert der Wahl-O-Mat auch dieses Jahr wieder reichlich Gesprächsanlass, und das ist auch gut so. Und er bietet – etwas versteckt (pdf) – auch einen tabellarischen Überblick über die Antworten der Parteien. Mit diesem tabellarischen Überblick lässt sich noch etwas mehr machen, als nur die eine mit der anderen Partei zu vergleichen. Und dann kommt das Barbapapa-Diagramm oben heraus.

Der Reihe nach: Ich habe die jeweilige Bewertung der Parteien – hier CDU/CSU, SPD, FDP, LINKE, GRÜNE, Piraten und AfD – der einzelnen Thesen in eine Excel-Tabelle gepackt und dann jeweils verglichen, wo zwei Parteien entweder beide ablehnen oder beide zustimmen. »Neutrale« Positionierungen habe ich weggelassen. Das ergibt dann folgende Tabelle der Anzahl der »starken Übereinstimmungen« (die Vergleiche der Parteien mit sich selbst ergeben immer weniger als die theoretisch möglichen 38, da auch hier neutrale Antworten nicht mitzählen):

Union SPD FDP Linke Grüne Pir. AfD
Union 33
SPD 15 32
FDP 21 17 32
Linke 6 23 13 35
Grüne 9 22 14 29 32
Pir. 8 19 14 27 26 31
AfD 25 14 22 9 12 11 35

Lesebeispiel: GRÜNE und CDU/CSU stimmen in 9 der 38 Bewertungen entweder beide positiv oder beide negativ überein. CDU/CSU und AfD stimmen in 25 der 38 Bewertungen der Wahl-O-Mat-Thesen überein. Und so weiter.

Daraus lässt sich eine Distanz zwischen den Parteien berechnen (die sich hier nur auf die im Wahl-o-Mat abgefragten Thesen, insofern sich Parteien dazu entweder klar ablehnend oder klar befürwortend positioniert haben, bezieht). Aus diesen Distanzen lässt sich wiederum ein Graph darstellen, der versucht, die Abstände möglichst alle genau darzustellen. Dafür gibt es Tools – ich habe einfach per Hand so lange herumgeschoben, bis es einigermaßen gepasst hat. Auch die Dicke der Linien in der Skizze oben gibt diese Distanz bzw. Nähe wieder – je dicker, desto mehr übereinstimmende Bewertungen der Wahl-O-Mat-Thesen.

An dem Bild lässt sich schön sehen, dass Grüne, Linke und Piraten relativ nahe beieinnander liegen. Auch die SPD ist noch recht nah an diesem Cluster, sie liegt allerdings näher an der CDU, als sich im 2D-Bild darstellen lässt. Auf der anderen Seite stehen sich CDU/CSU, FDP und auch die AfD sehr nahe, was die Wahl-O-Mat-Thesen betrifft.

Etwas zugespitzt: Wenn es nur nach dem Wahl-O-Mat gehen würde, würden eine linksliberale Partei, eine sozialdemokratische Volkspartei und eine rechtskonservativ-liberale Partei ausreichen, um das Parteienspektrum ohne große Verluste abzubilden. Interessant, sich vorzustellen, wie dann Koalitionsdebatten aussehen würden.

Warum blogge ich das? Letztlich deswegen, weil bei mir Linke, Grüne und Piraten um +/- 1 Prozent Übereinstimmung – alle nahe 90% – variierten, als ich den Wahl-O-Mat heute ausprobierte. Die SPD lag bei etwa 66%, der Rest weit abgeschlagen. Mit den Daten hier wundert das nicht.

P.S.: Christoph Schwerdtfeger hat was ähnliches für alle 28 Parteien gemacht (d.h. er hat mittels Hauptkomponentenanalyse den 38-dimensionalen Raum auf zwei Dimensionenen reduziert; in etwa eine Links-Rechts-Achse und eine staatliche Eingriffe ja/nein-Achse, würde ich sagen) und kommt zu einer interessanten Grafik – die bezüglich der Lage von CDU/CSU, FDP, AfD einerseits, SPD und dann Grüne, Linke, Piraten andererseits – recht ähnlich ausfällt, wenn meine Grafik oben gedreht und gekippt würde.

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8 Antworten auf Wie der Wahl-O-Mat das Parteienspektrum abbildet

  1. Marcel sagt:

    Ich denke, die Argumentation hat einen gewissen Reiz, hat aber Probleme in den Details:
    Nimmt man an, dass die Gemeinsamkeit beim Wahl-O-Mat ein gutes Maß dafür darstellt, ob zwei Parteien sich ohne große Verluste für das Parteienspektrum vereinen könnten, dann scheint zunächsteinmal die Gemeinsamkeit zwischen diesen als sinnvolles Maß.

    Die Parteigruppierungen nenne ich im folgenden KL (kons.-lib), S (soz.-dem), L (links-lib), K (KL ohne FDP)

    1) Betrachtet man zunächst die Minima der vorgeschlagenen Parteigruppierungen, so ergibt sich: KL (21), S (32), L (26). Dementsprechend müsste der entscheidende Grenzwert bei 21 liegen, was aber im Widerspruch dazu steht, dass die SPD eine Gemeinsamkeit von 22 bzw. 23 mit Grünen bzw. Linken hat. Es hakt hier also ein bisschen.

    2) Viel wichtiger als das Minimum der Gemeinsamkeiten zwischen je zwei der beteiligten Partner in einer Dreier-Gruppierung, ist die Gemeinsamkeit all dieser drei Parteien. Hier ergibt sich KL (17), S (32), L (24), S+L (16), K (25). Geht man nun von der Grenze 24 aus, so braucht man aber genau vier Parteien (S, K, FDP, L). Würde man die Grenze tiefer setzen, wäre die Situation nicht mehr eindeutig und es wäre auch die Gruppierung SPD-Linke möglich. Ab 24 sind aber eindeutige Verbindungen möglich.

    Bemerkenswert: Jede dieser vier Gruppierungen erfüllt folgende Bedingung: Von den N beteiligten Parteien sind N-1 nach der Wende entstanden. Es zeigt sich, dass unter den gemachten Annahmen (!) alle Parteineugründungen seit 1990 nicht notwendig waren, die Gründung der Grünen aber sehr wohl.

  2. Marcel sagt:

    Ich habe nochmal schnell betrachtet, welche Änderung sich ergibt, wenn man auch Neutral als gemeinsame Antwort mitzählt. Dann ergibt sich KL (17), S (32), L (24), S+L (16), K (26). Also nur K (+1). An den Folgerungen oben ändert sich also nichts.

  3. Ich hab ja selbst schon an ALLEN Entscheidungshilfen kritisiert, dass sie entscheidende Masterfragen einfach weglassen, bei mir »ernsthafter Regierungswille«, »Kompromissbereitschaft« und »Finanzierbarkeit der Forderungen«. Das würde den Abstand Grüne/SPD stark verkürzen und den Cluster Grüne/Linke/Piraten sprengen.
    Ich könnte es noch deutlicher formulieren: Die Macher_innen der Wahlomaten gehen davon aus, dass eine seriöse Haushaltspolitik völlig unbedeutend sind. Irgendwie disqualifiziert sie das in meinen Augen. Es wäre natürlich erforderlich, die Programme alle mal durchzurechnen, aber man hätte es gerne plakativ. Mein aktueller Eindruck ist auch, dass sich viele vernünftige Menschen so durch diesen Wahlkampf quälen, weil sie diese Form kurzfristigen Denkens (also im Grunde Dummheit) nicht mehr ertragen wollen.

    • flxt sagt:

      Und wie sollten die Dimensionen

      * „ernsthafter Regierungswille“,
      * „Kompromissbereitschaft“ und
      * „Finanzierbarkeit der Forderungen“

      sinnvoll erfasst werden? Die Entscheidungshilfen basieren i.d.R. auf Aussagen der Parteien. Die meisten Parteien (die überhaupt eine gewisse Chance haben, ins Parlament zu kommen) wären natürlich nach eigener Aussage bereit (mit) zu regieren, würden aussagen, im richtigen Maße kompromissbereit zu sein und sind selbstverständlich davon überzeugt, dass ihre Ziele finanzierbar sind.

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