Sexismus schadet allen

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A Wooden Person

Ich habe, das muss ich zugeben, gezögert. Weil die Debatte um den ganz alltäglichen Sexismus eine ist, in der jede Äußerung eines Mannes schnell seltsam erscheinen kann, irgendwo zwischen Anbiederung und Besserwisserei. Aber dann ist mir aufgefallen, dass das, diese Verunfähigung der Debatte, letztlich genau ein Teil meines Punktes ist: Sexismus schadet allen!

Annett Meiritz hat über die Frauenfeindlichkeit der Piraten geschrieben. Im Stern wird von Laura Himmelreich, Franziska Reich und Andreas Hoidn-Borchers das sexistische Verhalten von FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle thematisiert. Beide Artikel zusammen haben eine veritable öffentliche Debatte über Sexismus ausgelöst. Und das ist gut so.

Es wäre jetzt einfach, Dreck auf die Piraten bzw. die FDP zu werfen. Vielleicht sind beides Parteien, in denen alltäglicher Sexismus sichtbarer wird. Ich bin mir sicher – und diverse Äußerungen etwa auf Twitter belegen das – dass in anderen Parteien (ja, auch bei uns Grünen!), in der Wirtschaft und in den Medien ähnliche Vorfälle genauso so oft vorkommen. Denn das ist es ja gerade: ein Verhalten, das allgegenwärtig ist, muss »normal« sein, muss als etwas erscheinen, das hingenommen werden muss, das halt irgendwie zur Ordnung der Dinge gehört. Und wenn dazu noch eine Asymmetrie zwischen Mächtigen und weniger Mächtigen kommt, wird erst recht nicht darüber geredet. »So ist es halt.« Eben nicht!

Ich möchte nicht, dass meine Tochter in einer solchen Welt aufwächst. Und ich möchte nicht, dass mein Sohn lernt, dass es selbstverständlich ist, Frauen als sexualisierte Dinge zu behandeln. Ich selbst möchte nicht ständig auf mein Geschlecht zurückgeworfen sein, nur weil das Hintergrundrauschen der allgemein geteilten Erwartungen das eben so verlangt. Und ich möchte erst recht nicht, dass die Hälfte der Menschheit in Angst vor Übergriffen durch die andere Hälfte lebt!

Solange der Brüderle-Sexismus eine Selbstverständlichkeit ist – und ja, das ist er – gehört zu den vielen Elementen des »doing gender« eben auch die geteilte Erwartung, dass Männer potenziell übergriffig sind. Für Frauen heißt das, dass sie lernen, Männer als gefährlich zu betrachten – und zwar qua Geschlecht, bevor noch irgendwelche individuellen Elemente dazu kommen. Für Männer heißt das, dass sie entweder in einer antiquierte Welt leben, in der sie sich verwundert am Kopf kratzen, warum diese netten kuscheligen Wesen plötzlich aufbegehren – oder aber, dass sie sich ständig in einen Topf geworfen fühlen mit denen, die sich so verhalten. Was dann in dunklen Unterführungen dazu führt, dass eine Frau fürchtet, der Mann, der ebenfalls diese Unterführung benutzt, könne sie belästigen – und der Mann, wenn ihm denn diese Problematik bewusst ist, eigentlich keine Möglichkeit hat, sich harmlos zu verhalten. Denn alles könnte falsch verstanden werden. »Ich bin keiner von denen« steht eben niemand auf der Stirn geschrieben. Auch hier gilt: Sexismus schadet allen!

Einige Piraten haben ja diese Post-Gender-Vorstellung. Als konstruktivistische Utopie finde ich das gar nicht mal so falsch. Als Handlungsanweisung dagegen ist es katastrophal, die existierenden Geschlechterverhältnisse mit all ihren geschlechtsbezogenen Benachteiligungen, strukturellen Diskriminierungen und Machtasymmetrien zu ignorieren. Ich möchte in einer Welt leben, in der Menschen nicht damit aufwachsen, qua Geschlecht in eine Hierarchie gepresst zu werden. Alltäglichen Sexismus sichtbar zu machen, ist ein kleiner Schritt dazu.

Dazu gehört, an die eigene männliche Nase gefasst, eben auch, es nicht einfach hinzunehmen, wenn andere sich so verhalten. Wenn ich darüber nachdenke, ist meine Reaktion dann bisher oft, mich innerlich ablehnend zurückzuziehen, aber eben selten, auch nach außen deutlich zu machen, dass ich ein Verhalten, eine Redeweise, ein Über-andere-Reden nicht akzeptabel finde. Ich nehme mir vor, hier mutiger zu sein.

Warum blogge ich das? Weil das, was ich direkt mitkriege, mich immer wieder aufregt. Und weil mir einige Tweets und Aussagen von Frauen dazu – ausgelöst durch die Artikel – doch noch mal die Augen geöffnet haben, dass die 1950er Jahre noch viel weniger vorbei sind, als ich das dachte. So sieht das 21. Jahrhundert, in dem ich leben möchte, nicht aus. Ich möchte dazu beitragen, hier etwas zu verändern. Und schließlich: sicherlich verhalte auch ich mich nicht immer und überall 100% perfekt. Ich möchte aber, dass ganz direkt thematisierbar wird, was zum Beispiel als übergriffiges Verhalten erscheint – denn nur so sind Veränderungen möglich. Und das geht nicht, solange alltäglicher Sexismus »normal« ist, und so die Machtasymmetrie der Geschlechter aufrechterhält, die diese scheinbare Normalität erst ermöglicht.

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22 Antworten auf Sexismus schadet allen

  1. @machtoption sagt:

    „Dazu gehört, es nicht einfach hinzunehmen, wenn andere sich so verhalten.[…]Ich nehme mir vor, hier mutiger zu sein.“ http://t.co/OoF8rdYK

  2. Guter Text von Till. Sexismus schadet allen. http://t.co/8QJW8pSR

  3. Gut gebloggt von @_tillwe_: Zur Sexismus-Debatte: http://t.co/Eia6bct9

  4. Lesenswerter Blog-Artikel von @_tillwe_: Zur Sexismus-Debatte: http://t.co/qxdUYrr3

  5. Der @_tillwe_ hat seine durch #aufschrei ausgelösten Gedanken notiert und ziemlich genau meine Gedanken wiedergegeben. http://t.co/selSySGi

  6. @FanTasMo_42 sagt:

    Sexismus schadet allen http://t.co/axwRhnVi … Hat’s die @antiprodukt schon gelesen?

  7. Pingback: Sexismus im Alltag – Das Private ist politisch? Der #Aufschrei gilt nicht Brüderle - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach – http://gruene.wettach.org

  8. Pingback: Re: Aufschrei « Zivilschein

  9. Pingback: Froschs Blog » Blog Archive » Im Netz aufgefischt #95

  10. Mario sagt:

    Lese mich seit gestern durch die Bloglandschaft auf der Suche nach einem aus männlicher Perspektive verfassten Beitrag zur »Welle des Aufschreis«, der meinem eigenen, durch die Vielfalt der von mir inzwischen aufgenommenen Meinungen, etwas verwischten Empfinden eine Form oder Richtung geben kann. Hier ist er. »Sexismus schadet allen« So einfach, so logisch, so wahr…also weiterüben.

  11. Pingback: Neues aus dem Abfall, 28. Januar 2013 | Hendryk Schäfer

  12. @Petra_Engel sagt:

    Der bester Beitrag zu diesem Thema: Sexismus schadet allen http://t.co/ckviTjRU

  13. Pingback: Das Kreuz mit dem ismus | aebby LOG

  14. Pingback: Photo of the week: Viola-in-the-snow | till we *)

  15. m sagt:

    Brüderle? Sexistisch?

    Eliminieren wir einfach alles, was anzüglich ist, zweideutig, dreideutig. Verbieten wir Humor, den derben und alles, was das Leben sonst noch irgendwie so lebenswert machen könnte. Am Ende stehen wir dann da, mit einem weißen Stück Papier. Und selbst das wird einige natürlich empören. Es diskriminiert ja schwarze Blätter. Und gelbe. Und rote. Und, und, und.

    Und schieben wir alles, aber auch ALLES den Männern in die Schuhe. Wir, nur WIR sollen uns an die Nase fassen. Ich fasse mich an keine Nase, das ist mal klar.

    Ach ja: Brüderle muss sich öffentlich und wiederholt von den Weibern als „alter Sack“ beschimpfen lassen. Er muss sich das bieten lassen. Beschweren darf er sich nicht weil … Penis!!!1

    Soziologe, Grüner. Was sonst.

  16. Guido sagt:

    Warum fühle ich mich ständig sexuell diskriminiert? Irgendwas mache ich falsch. Als Mann sollte ich doch Täter sein und nicht Opfer.

  17. Manfred aus dem tiefem Schwarzwald sagt:

    Nun, in der grünen Partei sind diese Zeiten glücklicherweise überwunden. Ich kenne keine Zusammenkunft der Partei, wo ich beobachtet hätte, daß irgendein Hauch von Sexismus vorgekommen wäre. Grüne Männer sind endlich domestiziert, und das ist auch gut so. Da wir Männer aber je nach Alter mehr oder weniger aus einer Zeit stammen und sozialisiert wurden, wo das männliiche Geschlecht auch über sexistisches Verhalten definiert wurde (als Mann galt, wer Brüderle Sprüche hersagen konnte), bleibt uns die Anstrengung nicht erspart, unser Verhalten ständig zu kontrollieren, ob sich nicht doch durch eine Hintertür im Kopf Sexistisches wieder einschleicht. Das ist aber nicht so schwierig, weil antisexistisch/feministisch eingestellte Menschen schon genau aufpassen, daß sich dergleichen nirgendwo in der Partei wahrnehmbar zu Wort meldet.

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