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Das Blog von Till Westermayer – seit 2002

2009 16 Jun

Kommunikationsprobleme

Abgelegt unter: Politik & Gesellschaft | Tags: , , , , , , | 21 Aufrufe seit 25.02.2010.

Yellow communication

Heute gab es eine Probeabstimmung zur Netzzensur in der SPD-Fraktion. Jörg Tauss schrieb darüber bei Twitter:

entaeuscht: In der SPD-Fraktion nur zwei Gegenstimmen zu #zensursula. Schade. War es dann wohl. Petenten haben alles falsch verstanden :-(

Ich bin über das »Petenten haben alles falsch verstanden« gestolpert. Dachte erst, er meint das selbst so. Habe dann nochmal nachgefragt. Die richtige Interpretation: die übergroße Mehrheit der SPD-Fraktion glaubt, dass die 131919 UnterstützerInnen der Petition gegen Internetsperren gar nicht wirklich böse auf die SPD und ihre Politik sind, sondern den Gesetzentwurf nur falsch verstanden haben. Alles also ein Kommunikationsproblem (die Nachwahlvariante davon: ein Mobilisierungsproblem). Gemeint ist damit: wir wissen, was gut ist, wir haben es nur nicht geschafft, das den Leuten auch nahezubringen.

Diese Argumentation mag ich gar nicht. Leider kommt sie in der Politik oft vor. Wenn eine politische Maßnahme auf Widerstand stößt, wenn eine Partei nicht gewählt wird: Kommunikationsproblem. Einfach und blöd. Und zwar aus drei Gründen.

  1. Wer von Kommunikationsproblemen redet, um politische Differenzen zu erklären, kann nur davon ausgehen, selbst und einzig und allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Wenn der andere es bloss verstanden hätte, hätte er’s schon richtig verstanden. Die Argumentationsfigur Kommunikationsproblem impliziert also Überheblichkeit und negiert – möglicherweise ja berechtigte! – unterschiedliche Wahrnehmungen. Sie ignoriert, dass andere als die Mitglieder und Abgeordneten der eigenen Partei vielleicht mehr wissen könnten.
  2. Wer von Kommunikationsproblemen redet, hat ein Kommunikationsproblem, weil die Partei dann nämlich nicht kommuniziert. Sondern meint damit ja, dass die Marketing-Botschaft nicht angekommen ist. Kommunikationsproblem impliziert also auch: Einweg statt Dialog. Folgerichtig also, dass diverse Internet-AktivistInnen-Gruppen heute weitere Gespräche mit der SPD abgelehnt haben.
  3. Schließlich: Wer von Kommunikationsproblemen redet, versteht sein eigentliches Geschäft nicht. Selbst Einweg-Marketing-Parteien sollten in der Lage sein, ihre Politik auch zu »verkaufen«. Wer sich am Ende, wenn das falsche beschlossen wird, auf Kommunikationsprobleme zurückzieht, hat auch vorher nicht versucht, zu überzeugen, die politische Position der Partei zu verbreiten. Hat das vielleicht gar nicht für notwendig angesehen, weil im Inneren der Raumschiff-Blase alles so schön selbstevident aussah.

Also, liebe Parteien (auch: liebe eigene Partei!) – bitte keine Kommunikationsprobleme. Wer WählerInnen und BürgerInnen nicht für dumm hält, sondern für mündig, muss erstens versuchen, mit diesen in einen zweiseitigen Dialog zu treten, statt auf Beschallung zu setzen, muss zweitens Argumente dann auch ernstnehmen – und, wenn große Protestwellen gerade jenseits der registrierten Lobby-Gespräche auftauchen, mal überlegen, wo die herkommen, und muss drittens einsehen, dass manche politische Ideen gesellschaftlich nicht akzeptiert werden. Nicht, weil die falschen Werbespots geschaltet wurden, sondern weil eine Mehrheit sie falsch findet.

Es kann ja sogar Fälle geben, in denen es sinnvoll ist, irgendeine politische Maßnahme trotz geringer Akzeptanz durchzusetzen – dann bitte ich aber darum, auch dazu zu stehen, und sich nicht hinter Kommunikationsproblemen zu verstecken. Es mag tatsächlich Missverständnisse geben. Aber wenn ein großer Teil aller ExpertInnen in einem Thema einer Meinung sind – dann liegt vermutlich kein Missverständnis vor. Und ja, Politik kann sehr komplex sein, und Politik ist schwierig zu kommunizieren: aber es macht doch mehr Sinn, es zu versuchen – und dank elektronischer Medien ist genau das immer einfacher geworden, als selbst daran zu glauben, dass nur allereinfachste Botschaften verstanden werden.

Denn wer seine WählerInnen wie unmündige Kinder behandelt (und selbst die sollten nicht so behandelt werden), muss sich – letzter Satz – nicht wundern, wenn denen die Lust an der Politik vergeht. Oder an bestimmten Parteien.

Warum ich das blogge? Weil mein latenter Ärger über dieses Scheinargument hier mal einen konkreten Anlass gefunden hat.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 16. Juni 2009 und wurde abgelegt unter "Politik & Gesellschaft". Du kannst die Kommentare verfolgen mit dem Kommentarfeed. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

6 Kommentare

  1. 1SG (Politik erklärt)No Gravatar am Dienstag, 16. Juni 2009 um 18:45 – Permalink

    Stimmt, »Kommunikationsprobleme« ist wirklich allzu häufig ein Wischiwaschiargument, um inhaltliche Differenzen zu überdecken. Aber der Umkehrschluss ist natürlich ebenso falsch, denn es gibt durchaus gute und weniger gute innerparteiliche Kommunikation und Führung. Bei der Agenda 2010 z. B. war es bei weitem nicht nur ein politisch-inhaltlicher Unterschied zwischen SPD-Rechten und SPD-Linken, sondern eben auch ein Kommunikationsproblem. Schröder und Clement haben es nur mit »Basta« probiert – einer der zentralen Geburtsfehler der ganzen Agenda-Politik.

  2. 2JörgNo Gravatar am Dienstag, 16. Juni 2009 um 19:20 – Permalink

    Ich bin immer wieder überrascht, wie sich die SPD ihr offensichtliches Politikversagen schönredet – vergleiche hierzu auch den tweet-dialog von @zeitrafferin und @Ralf_Stegner

  3. 3TillNo Gravatar am Dienstag, 16. Juni 2009 um 20:56 – Permalink

    Mir ging’s hier allerdings in erster Linie um die Kommunikation zwischen Partei und Wählerschaft!

  4. 4SoWhy Not? am Dienstag, 16. Juni 2009 um 23:40 – Permalink

    Wie man eine Generation Wähler verprellt…

    Meine SPD, meine heißgeliebte Partei, die ich sonst gegen jede Kritik verteidige (gegen unberechtigte zumindest) rennt mit Vollgas und blind in die falsche Richtung: Wie bereits erwähnt, wollten einige Genossen, die ein wenig mehr am Puls der Zeit un…

  5. 5Jan-H. PassothNo Gravatar am Mittwoch, 17. Juni 2009 um 08:15 – Permalink

    Ja, in der Tat. Gestern bekam ich eine Einladung zur nächsten Sitzung des Ortsvereins West der Bielefelder SPD geschickt und ich musste mit dem Kopf schütteln: haben die beim Till abgeschrieben? Zitat: »…dass es bei einer Mobilisierung unserer eigenen Wählerschaft auch möglich ist, ein deutlich besseres Ergebnis zu erzielen«. Mobilisierung? Das klingt nach »Sold erhöhen« oder »Befehlskette straffen« – nicht nach Beteiligung und Überzeugung.

  6. 6Gibt es eigentlich Piraten in der SPD? : orderfromnoise.org am Montag, 22. Juni 2009 um 09:16 – Permalink

    […] bekannten, und einem älteren Genossen im KuSchu zusammen, der uns damals schon die Leier von den Kommunikationsproblemen sang. Ich war genervt und mit Faktizität und Geltung im Rücken meinte ich zynisch, dass man zu […]

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