Wie ich Zeitungen wiederentdeckte

Merry lettuce snails II

Vor sieben Jahren schrieb ich darüber, wie ich verlernt habe, Zeitung zu lesen, und warum die Wochenend-taz das nicht änderte. In diesem erstaunlich ausführlichen Blogbeitrag – irgendwie hatte ich früher mehr Zeit und Muße? – nenne ich dafür drei Gründe: (1) die virtuelle Patchworkzeitung, (2) den Pressespiegel, und (3) sowas wie Feuilleton-Fatigue.

Daran hat sich eigentlich nicht so viel geändert. Ich stoße immer noch auf sehr viele Zeitungsartikel via Twitter, Feedly etc. statt, systematisch eine Zeitung von vorne bis hinten durchzulesen. Meine Arbeitstage beginnen damit, den Pressespiegel zumindest zu überfliegen, vieles auch zu lesen. Und durch Lebensalter sich wiederholende News-Zyklen nicht mehr so spannend zu finden, das gehört auch dazu – ebenso wie nach wie vor das lange Sonntagsfrühstück mit Zeitung eher Idyll als Realität ist.

Trotzdem hat sich mein Zeitungsalltag geändert.

Zum einen habe ich vor einiger Zeit (ich meine, im Zuge der Kommunalwahl) dann doch die Digitalausgabe der Badischen Zeitung als meiner Lokalzeitung abonniert, und lese sie tatsächlich fast jeden Tag im Zusammenhang. Ausschlaggebend dafür waren verschiedene Gründe – mir fehlte ein Blick auf die Lokalpolitik, und die Aufbereitung von Artikeln und Kommentaren im Pressespiegel ist nochmal etwas anderes als die Zusammenstellung im Zeitungskontext. Dazu kommt die schlichte Tatsache, dass ich inzwischen über mehr Geld verfügen kann und nicht auf jeden Euro achten muss. Nicht zuletzt nutze ich regelmäßig – auch das ist anders als vor sieben Jahren – größerformatige Tablets (10″), auf denen sich eine Zeitung ganz passabel lesen lässt. Am Esstisch zum schnellen Frühstückskaffee, oder – vor Corona – beim Pendeln im Zug.

Gestern habe ich dann meine Timeline gefragt, ob sie mir eine Empfehlung bezüglich eines weiteren Abos geben mag.

Vorweg geschickt: mit Abos in Papier ist das bei mir so eine Sache. Ich habe die Jungle World und den MERKUR abonniert, als zwei Eckpunkte eines breiten Meinungsspektrums, und so gern ich beide lese, so muss ich doch feststellen, dass sie wöchentlich bzw. monatlich vor allem zur Stapelbildung beitragen.

Anders sieht es mit der virtuellen Patchworkzeitung aus, die mein RSS-Reader (u.a. mit taz, Guardian und FAZ) sowie die Empfehlungen auf Twitter mir zubereitet. Hier lese ich sehr viel und sehr breit.

Ich stoße allerdings – gefühlt – viel häufiger als vor sieben Jahren auf Artikel, die ich nicht lesen kann, weil sie (zunächst oder generell) hinter einer Paywall verborgen sind. taz und Guardian sind hier die Ausnahmen, die alle Artikel ohne Hürde (aber mit Spendenaufruf) ins Netz stellen. Bei ZEIT, SZ, SPIEGEL, FAZ etc. passiert ist mir dagegen immer wieder, dass ich irgendwas interessant klingendes anklicke, nur um dann festzustellen, dass ich ein Abo abschließen müsste, um den Rest des Artikels lesen zu können. Das wiederum will ich dann nicht – jedenfalls nicht für alle Zeitungen und Zeitschriften, neben den genannten kommen noch ein paar englischsprachige hinzu, auf die ich ab und zu mal stoße. Und Blendle und ähnliche Modelle scheinen mir nicht so richtig zu funktionieren – ich brauche keinen Aggregator, die Artikel finde ich selbst. Der Einzelartikelzugriff für 50 Cent, den ich mir in solchen Situationen manchmal wünsche würde, existiert bis heute nicht.

Die Umfrage macht jedenfalls deutlich, dass die Süddeutsche Zeitung doch eine klare relative Mehrheit der Empfehlungen bekommt (Digitalzugriff ab 10 € bzw. nach einem Jahr 15 € pro Monat). Vielleicht probiere ich das mal aus. Oder doch lieber die ZEIT?

Bei den englischsprachigen Blättern sieht es weniger klar aus, dazu kommt der New Yorker, den ich in meiner Umfrage vergessen hatte. The Atlantic scheint ein bisschen ein Feinschmeckerding zu sein.

Spannender noch als diese mit einem hohen Grad an Zufälligkeit verbundene Umfrage sind die Kommentare, die dazu gepostet wurden. Oder anders gesagt: ich finde es durchaus interessant, einen Einblick in den Mediennutzungsalltag oder Zeitungsalltag anderer Menschen zu bekommen. Insofern freue ich mich auch über weitere Kommentare dazu. (Und noch mehr würde ich mich über ein Pay-per-Article-System für den kompletten deutschsprachigen Zeitungsmarkt freuen …).

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