Zivilgesellschaft, transformative Wissenschaft, und was die Netzgemeinde damit zu tun hat

WrasenbildungDas Bild, dass ich von der re:publica 14 habe, ist sicher­lich ver­zerrt, neh­me ich sie doch nur durch den Fil­ter der sozia­len Medi­en wahr, in denen Men­schen aus mei­nem wei­te­ren Umfeld das eine oder ande­re dar­über schrei­ben. Aus die­ser ver­zerr­ten, ver­mit­tel­ten Wahr­neh­mung her­aus gewin­ne ich den Ein­druck, dass doch vie­les ähn­lich ist wie 2013, und dass mei­ne Ent­schei­dung, die­ses Jahr nicht zum »Klas­sen­tref­fen des Inter­nets« – zum Tref­fen der digi­ta­len Klas­se? – zu fah­ren, daher so falsch nicht war.

Ich war den­noch heu­te in Ber­lin, aller­dings ganz woan­ders, näm­lich bei einer Tagung der For­schungs­Wen­de, bei der es um mög­li­che neue Alli­an­zen zwi­schen Wis­sen­schaft, Poli­tik und Zivil­ge­sell­schaft ging. Ich will jetzt gar kei­nen Tagungs­be­richt ablie­fern, aber viel­leicht sind ein paar Wor­te zum Kon­text notwendig: 

Ins­be­son­de­re aus der sozi­al­wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ten Umwelt- und Nach­hal­tig­keits­for­schung her­aus gibt es bereits seit ca. zwan­zig bis drei­ßig Jah­ren immer wie­der ein Plä­doy­er für trans­dis­zi­pli­nä­re For­schung. Was das genau ist, wird unter­schied­lich stark aus­ge­legt. Knapp zusam­men­ge­fasst wür­de ich sagen: Es geht um For­schung, die ver­sucht, nicht nur dis­zi­plin­über­grei­fend zu arbei­ten, son­dern auch das Wis­sen der »beforsch­ten« Pra­xis als eben­bür­ti­ges Wis­sen in den For­schungs­pro­zess ein­zu­be­zie­hen. Kom­ple­xe Pro­ble­me der rea­len Welt – etwa die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen der Nach­hal­tig­keit und der glo­ba­len Ent­wick­lung – sol­len damit eher gelöst wer­den kön­nen als durch wis­sen­schaft­li­che Ent­wür­fe vom grü­nen Tisch, die dann spä­tes­tens in der Umset­zungs­pha­se auf Akzep­tanz­pro­ble­me und Wider­stän­de stoßen.

Wer die wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Debat­ten dahin­ter ken­nen­ler­nen will, darf sich mit Modus 1 und Modus 2 der Wis­sens­ge­ne­rie­rung ver­traut machen. Ins­be­son­de­re die frei­en, aus der Umwelt­sze­ne her­aus gegrün­de­ten For­schungs­in­sti­tu­te haben über die Jah­re hin­weg Model­le und Metho­den trans­di­zi­pli­nä­rer For­schung ent­wi­ckelt, die deut­lich mehr sind als eine Ali­bi-Ein­be­zie­hung von Pra­xis­part­nern. Gleich­zei­tig ist Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät aber auch ein gewis­ser Mode­be­griff, der nicht von allen, die ihn für sich bean­spru­chen, wirk­lich mit Leben gefüllt wird.

Ein Erfolg die­ser aus der Umwelt­for­schung stam­men­den Sze­ne ist die Eta­blie­rung des För­der­pro­gramms für Sozi­al-öko­lo­gi­sche For­schung (SÖF), dass es bis heu­te – wenn auch in im Ver­gleich zu ande­ren Pro­gram­men gerin­gem Umfang – im For­schungs­för­de­rungs­port­fo­lio des BMBF gibt, und aus dem her­aus vie­le span­nen­de Pro­jek­te ent­stan­den sind. Gera­de in die­sem Feld der Pro­gramm­for­schung spielt Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät eine gro­ße Rol­le. Aber auch die in Baden-Würt­tem­berg der­zeit in der Umset­zung befind­li­che För­de­rung von Real­la­bo­ren als einem neu­em For­mat der For­schung auf Augen­hö­he zwi­schen Wis­sen­schaft, Wirt­schaft und Zivil­ge­sell­schaft greift der­ar­ti­ge Über­le­gun­gen auf. 

Nicht uner­wähnt las­sen möch­te ich zum Schluss noch die Tat­sa­che, dass Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät auch ein Pro­blem dar­stellt. Dies betrifft ers­tens die Orga­ni­sa­ti­on des Wis­sen­schafts­sys­tems, die an vie­len Stel­len auf Dis­zi­pli­na­ri­tät setzt, und Kar­rie­ren, Mit­tel­ver­ga­ben und ähn­li­ches mehr an den jeweils unter­schied­li­chen Kri­te­ri­en einer dis­zi­pli­nä­ren sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty aus­rich­tet. Zwei­tens gehört zu trans­dis­zi­pli­nä­ren Pro­jek­ten immer auch ein zusätz­li­cher Auf­wand, um Über­set­zungs­pro­zes­se und die Ein­be­zie­hung von Pra­xis­part­nern zu mana­gen (und die­se idea­ler­wei­se auch für ihre Arbeit zu ent­loh­nen). Die­ser Zusatz­auf­wand wird oft igno­riert. Und drit­tens sind die Ergeb­nis­se nicht immer pas­sungs- und anschluß­fä­hig, wer­den skep­tisch beäugt und ger­ne mal als unwis­sen­schaft­lich dar­ge­stellt. Oder sie lie­gen in der kon­kre­ten, ört­lich ange­pass­ten Pro­blem­lö­sung, also im Pro­zess, und nicht in Papie­ren, Kon­fe­renz­vor­trä­gen und Mono­gra­phien. Anders­her­um heißt das: Trans­dis­zi­pli­nä­ri­tät als neu­er Modus der wis­sen­schaft­li­chen Pro­blem­be­ar­bei­tung ver­än­dert auch die Struk­tu­ren und Rele­van­zen des Wis­sen­schafts­sys­tem selbst.

Das alles betrifft das Pro­jekt For­schungs­Wen­de nur teil­wei­se. Dort geht es vor allem dar­um, wie zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteu­re in die Erar­bei­tung von For­schungs­pro­gram­men, also ins Agen­da-Set­ting (»Co-Design«), aber – da wird es dann wie­der trans­dis­zi­pli­när – auch in die For­schung selbst ein­be­zo­gen wer­den kön­nen (»Co-Pro­duc­tion«). In die­sem Kon­text sind etwa ein wis­sen­schafts­po­li­ti­scher For­de­rungs­ka­ta­log des Deut­schen Natur­schutz­rin­ges, ein Posi­ti­ons­pa­pier des BUND, kom­mu­ni­ka­ti­ve Akti­vi­tä­ten von Brot für die Welt und vie­les mehr entstanden. 

Bei der Tagung der For­schungs­Wen­de ging es dem­entspre­chend bei­spiels­wei­se dar­um, wie der­ar­ti­ge Akti­vi­tä­ten ver­ste­tigt wer­den kön­nen, wie eine Betei­li­gung zivil­ge­sell­schaft­li­cher Akteu­re auch über Pro­gram­me wie SÖF hin­aus – etwa in Bezug auf die gro­ßen BMBF-För­der­pro­gram­me »High-Tech-Stra­te­gie« und »Bio­öko­no­mie« – erreicht wer­den kann, wie ein Auf­bau von Kom­pe­ten­zen bei den zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteu­ren erfol­gen kann, um For­schungs­po­li­tik nicht der Wirt­schaft zu über­las­sen usw.

Ein Begriff, der dabei immer wie­der auf­tauch­te, und der mich nun end­lich zum Punkt bringt, ist der der Zivil­ge­sell­schaft. Klingt gut, als »Bür­ger­ge­sell­schaft« füh­ren wir ihn auch in der baden-würt­tem­ber­gi­schen Poli­tik immer wie­der im Mun­de. Es kann sich ver­mut­lich auch jede und jeder so in etwa vor­stel­len, wer die Zivil­ge­sell­schaft ist. Nicht Staat, nicht Markt, son­dern eben die enga­gier­ten und akti­ven Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. (Und natür­lich erst recht nicht das Mili­tär). Auch in der Wiki­pe­dia wird über die­sen Begriff diskutiert.

Die Logik, die hin­ter For­de­run­gen wie den heu­te dis­ku­tier­ten steht, ist in etwa die, dass die enga­gier­te Zivil­ge­sell­schaft, wenn sie denn nur ihr Wis­sen in die Wis­sen­schaft (oder, in ande­ren Kon­tex­ten, in die Poli­tik) ein­spei­sen kön­nen wür­de, dazu bei­tra­gen wür­de, dass Wis­sen­schaft (oder Poli­tik) sich stär­ker als heu­te an der Lösung der glo­ba­len Pro­ble­me und gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen ori­en­tie­ren wür­de. So lässt sich die impli­zi­te Hoff­nung, die hin­ter die­sem Begriff steht, viel­leicht zugepitzt benen­nen. Zivil­ge­sell­schaft, das sind jeden­falls die Guten. Und für trans­for­ma­ti­ve Wis­sen­schaft, für eine Poli­tik, die wirk­lich etwas ver­än­dert, da ist die Zivil­ge­sell­schaft gefragt.

Oder? Die For­de­rung, trotz der jeweils unter­schied­li­chen Eigen­lo­gi­ken den Aus­tausch zwi­schen Wis­sen­schaft und Gesell­schaft (und Poli­tik) zu stär­ken, fin­de ich rich­tig (vgl. auch das Dis­kus­si­ons­pa­pier der BAG WHT). Eine »gesell­schaft­li­che Per­spek­ti­ven­viel­falt« – so die For­mu­lie­rung, die wir im baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­hoch­schul­ge­setz gefun­den haben – als Ori­en­tie­rungs­punkt ist für plu­ra­le und krea­ti­ve Wis­sen­schaft alle­mal bes­ser als eine rei­ne Wirt­schafts­do­mi­nanz. Ent­spre­chend fin­de ich es durch­aus auch rich­tig, wenn Akteu­re wie der BUND, der DNR oder Orga­ni­sa­tio­nen der Ent­wick­lungs­po­li­tik dar­auf drän­gen, in die for­schungs­po­li­ti­schen Prio­ri­tä­ten­set­zun­gen, wie sie im BMBF oder auf EU-Ebe­ne statt­fin­den, ein­be­zo­gen zu werden.

Und, neben­bei gesagt, sicher­lich ist auch nicht jede Dis­zi­plin und jedes wis­sen­schaft­li­che Feld eines, dass nun unbe­dingt zivi­li­siert und mit trans­dis­zi­pli­nä­ren Pro­jek­ten ange­rei­chert wer­den müss­te. Aber da, wo es um die gro­ßen Pro­ble­me, gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se und letzt­lich um die mit­tel­ba­re Anwend­bar­keit von Wis­sen geht, scha­det Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät nicht, son­dern hilft, Per­spek­ti­ven­viel­falt zu sichern und ist ein Gegen­mit­tel zum Elfenbeinturm. 

Aber ich glau­be, dass es falsch wäre, dabei die Viel­falt von Zivil­ge­sell­schaft zu igno­rie­ren. Bür­ger­schaft­li­ches Enga­ge­ment gibt es – eben­so wie den bür­ger­schaft­li­chen Pro­test – eben nicht nur in der Farb­schat­tie­rung grün-rot. Wer sich die aktu­el­len »bür­ger­schaft­li­chen« Pro­test­stür­me in Baden-Würt­tem­berg anschaut, egal ob es jetzt Natio­nal­park­geg­ne­rIn­nen oder die unsäg­li­chen Demons­tra­tio­nen gegen den Bil­dungs­plan sind, fin­det da durch­aus auch ganz ande­re Farb­tö­ne. Aber auch das ist Bür­ger­schaft. Und selbst wenn Zivil­ge­sell­schaft auf die orga­ni­sier­te Form des Enga­ge­ments von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern begrenzt wird, dann gibt es eben auch da rüh­ri­ge Akteu­re für ein christ­li­ches Fami­li­en­bild, frei­wil­li­ge Bür­ger­weh­ren als Poli­zei­er­satz oder Inno­va­ti­ons­ver­zö­ge­rer (der sto­cken­de Bau der Rhein­tal­bahn hängt unter ande­rem auch mit einer sehr akti­ven Zivil­ge­sell­schaft zusammen).

Oder, um es noch ein­mal zuge­spitzt zu sagen: Eine Aus­sa­ge zur Zivil­ge­sell­schaft muss auch dann noch ste­hen, wenn statt BUND und »Brot für die Welt« dabei an den ADAC gedacht wird.

Und damit bin ich end­lich wie­der bei der Netz­ge­mein­de. Die, bzw. deren feh­len­des par­tei­po­li­ti­sches Enga­ge­ment, bzw. deren Rat­lo­sig­keit, ein The­ma der re:publica 14 war, wenn ich das rich­tig mit­ge­kriegt habe. 

Ich mag den Begriff Netz­ge­mein­de ja. Das mag damit zu tun haben, dass mir die kirch­li­che Sozia­li­sa­ti­on fehlt, die mit »Gemein­de« viel­leicht sonst ger­ne die Kir­chen­ge­mein­de asso­ziert. Wenn über­haupt, fal­len mir dazu eher kom­mu­na­le Gemein­we­sen ein. Oder Gemein­schaf­ten wie die sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty. Zudem hat die Meta­pher etwas selbst­iro­ni­sches. Wer von Netz­ge­mein­de spricht, muss wis­sen, dass es die­se – so – nicht gibt. Wenn über­haupt, dann sind da ein paar Clubs und Ver­ei­ne, die behaup­ten, für die Netz­ge­mein­de zu spre­chen. Und dabei ja ins­ge­samt gese­hen durch­aus auch gute Arbeit leisten. 

Ich mag den Begriff auch des­we­gen, weil er – so wür­de ich ihn jeden­falls ver­wen­den – eine Dif­fe­ren­zie­rung ein­zieht. Zwi­schen denen, die sich selbst als Teil der Netz­ge­mein­de sehen wür­den, wenn sie gefragt wer­den wür­den, und denen, die damit nichts anfan­gen kön­nen, weil sie das Netz bloß nut­zen. Und natür­lich behaup­tet die Netz­ge­mein­de, für alle Netz­nut­ze­rIn­nen zu spre­chen, also für 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung. Und eben nicht nur für die 10 Pro­zent oder so, die das Netz aktiv nut­zen, die selbst Inhal­te pro­du­zie­ren, die sich poli­ti­sche Gedan­ken machen usw. Also, um die Meta­pher völ­lig zu über­zie­hen, die digi­ta­le Zivil­ge­sell­schaft, die im Netz bür­ger­schaft­lich enga­giert ist.

Um jetzt bei­de Strän­ge zusam­men­zu­brin­gen: Nach wie vor taucht die Netz­ge­mein­de (und dar­an ändern auch ein­mal jähr­lich statt­fin­den­de Events wie die re:publica nichts) weder als vages Kol­lek­tiv noch in Form ihrer Clubs und Ver­ei­ne dort auf, wo der Rest der Zivil­ge­sell­schaft der Gesell­schaft statt­fin­det. Kaum jemand wür­de auf die Idee kom­men, den CCC oder die Digi­ta­le Gesell­schaft in einer Rei­he mit dem BUND oder Brot für die Welt zu nen­nen. War­um eigent­lich nicht?

Und es ist nicht nur ein Pro­blem der feh­len­den Orga­ni­siert­heit. Auch ein gro­ßer Teil der »Tran­si­ti­ti­ons­be­we­gung« in Städ­ten und Gemein­den fin­det in »unor­ga­ni­sier­ten« Pro­jek­ten und losen Zusam­men­schlüs­sen statt. Start-ups und Hacker­spaces aus der digi­ta­len Welt schei­nen dage­gen ganz wo anders zu exis­tie­ren. Bei­des zusam­men­zu­brin­gen, fän­de ich einen span­nen­den Ansatz. Wiki­pe­dia, Open Street Maps oder Crea­ti­ve Com­mons sind da schö­ne Bei­spie­le für zivil­ge­sell­schaft­li­che Netz­be­we­gun­gen, die tat­säch­lich etwas ver­än­dert haben, und die in der gro­ßen Trans­for­ma­ti­on eine Rol­le spie­len könn­ten, die aber nach wie vor nur von weni­gen mit­ge­dacht wer­den, wenn es um die Ein­be­zie­hung der Zivil­ge­sell­schaft in Pro­jek­te trans­for­ma­ti­ver Wis­sen­schaft geht. Was sich ändern soll­te, auch drau­ßen, wo es wild ist.

War­um blog­ge ich das? Kommt davon, wenn ich mit einem Ohr Vor­trä­gen zuhö­re und mit dem ande­ren Auge Twit­ter­de­bat­ten ansto­ße. Viel­leicht mag’s ja jemand wei­ter­dis­ku­tie­ren – und viel­leicht sehe ich auch nur Gespenster.

P.S.: Und manch­mal macht auch die Netz­ge­mein­de zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­test­for­schung. Na also!

P.P.S. Die­ser Text auf netzpolitik.org zur digi­ta­len Zivil­ge­sell­schaft (aus dem April) soll nicht uner­wähnt bleiben.

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