Eine Zahl, zwei Deutungen

Dandelion with bee

Dem aktu­el­len Deutsch­land­trend der ARD las­sen sich ein paar inter­es­san­te Zah­len ent­neh­men. Als da wären:

  • Schulz schwä­chelt, Mer­kel schon wie­der vor­ne. Gro­ße Koali­ti­on am ehes­ten als Regie­rungs­ko­ali­ti­on gewünscht
  • Grü­ne bei acht Pro­zent in der Sonn­tags­fra­ge, Mehr­hei­ten jen­seits der Gro­ßen Koali­ti­on nicht in Sicht
  • Macht die Regie­rung eine gute Arbeit? 73 Pro­zent der CDU-Anhänger*innen, 60 Pro­zent der GRÜNEN-Anhänger*innen und 51 Pro­zent der SPD-Anhänger*innen sagen: ja. Wider­spruch gibt’s vor allem von den Freund*innen der AfD (nur 2 Pro­zent sind zufrieden).
  • 47 Pro­zent der GRÜNEN-Anhänger*innen wol­len Mer­kel, 37 Pro­zent wol­len Schulz

Dazu lie­ße sich jetzt eini­ges sagen. Ich picke mal die Aus­sa­ge her­aus, dass die GRÜNEN-Anhänger*innen der Gro­ßen Koali­ti­on doch recht deut­lich eine gute Arbeit unter­stel­len. Dass 60 Pro­zent mit der Arbeit der Bun­des­re­gie­rung zufrie­den sind (vor einem Monat waren es erst 44 Pro­zent) ist, wenn sich das so bestä­ti­gen soll­te – noch ist es eine Moment­auf­nah­me -, durch­aus eine dra­ma­ti­sche Aus­sa­ge. Denn war­um soll­te jemand zur Wahl gehen und grün wäh­len, wenn ins­ge­samt doch alles ganz gut läuft?

Inter­pre­ta­ti­ons­schwie­rig­kei­ten löst dabei der Begriff »Par­tei­an­hän­ger« aus. Ich gehe davon aus, dass damit die­je­ni­gen gemeint sind, die in der Umfra­ge ange­ge­ben haben, bei der Bun­des­tags­wahl die jewei­li­ge Par­tei wäh­len zu wol­len. Das wären dann hier, opti­mis­tisch gerech­net, maxi­mal 120 Per­so­nen (für die Sonn­tags­fra­ge wur­den 1502 Per­so­nen befragt; wie hoch der Anteil der­je­ni­gen ist, die die Ant­wort auf die­se Fra­ge ver­wei­ger­ten, erschließt sich mir nicht). Ent­spre­chend ist der »Mess­feh­ler« recht hoch. 

Aber gehen wir mal davon aus, dass die 60 Pro­zent, die ange­ben, mit der Regie­rung zufrie­den zu sein, real sind. Dann sind aus mei­ner Sicht zwei Inter­pre­ta­tio­nen mög­lich, die davon abhän­gen, was über das Del­ta zwi­schen den hier erziel­ten acht Pro­zent in der Sonn­tags­fra­ge und dem Wäh­ler­po­ten­zi­al ver­mu­tet wird.

Die eine Inter­pre­ta­ti­on wür­de etwa so lau­ten: Klar, dass die nur noch acht Pro­zent Grün-Wähler*innen sich zufrie­den mit Mer­kel und ihrer Regie­rung zei­gen – das sind näm­lich über­wie­gend die, die Schwarz-Grün gut fin­den, die Cem Özde­mir und Kat­rin Göring-Eckardt gut fin­den, die sich ein­ge­rich­tet haben und ange­kom­men sind. Weg­ge­fal­len sind alle poten­zi­el­len Wähler*innen, die stär­ker auf pro­gres­si­ve Refor­men set­zen, die grund­le­gend unzu­frie­den sind, und die eben kein Wei­ter so wol­len, son­dern sich als Unbe­que­me sehen. Und wenn mal auf die Feh­ler der Regie­rung rich­tig drauf­ge­hau­en wür­de, wenn kla­re Alter­na­ti­ven auf­ge­zeigt wür­den, dann wür­den auch die­se Wähler*innen wie­der davon über­zeugt sein, Grün zu wählen.

Die ande­re Inter­pre­ta­ti­on kommt zu ganz ande­ren Ergeb­nis­sen, und wür­de etwa so aus­se­hen: Grü­ne Parteianhänger*innen sind ange­kom­men und wol­len gar kei­ne gro­ße Ver­än­de­rung. Viel­mehr sind sie im Gro­ßen und Gan­zen damit zufrie­den, wie es läuft. Es soll nicht alles anders wer­den, aber wenn man­ches bes­ser wird, wäre das doch ganz ok. Damit die­se auch wirk­lich zu Wahl gehen, und damit auch die­je­ni­gen zur Wahl gehen, die jetzt noch nicht ange­ge­ben haben, Grün zu wäh­len – die aber genau­so ticken -, muss der Wahl­kampf deut­lich machen, wo Grün etwas Posi­ti­ves ver­än­dern kann, etwa in der Kli­ma­schutz­po­li­tik, ohne jedoch Nega­tiv­kam­pa­gnen zu fah­ren und Deutsch­land und die Bun­des­re­gie­rung schlecht zu reden.

Wel­che die­ser Ver­mu­tun­gen dar­über stimmt, was die­je­ni­gen den­ken, die grün wäh­len könn­ten, der­zeit aber nicht grün wäh­len, lässt sich nicht aus dem Infra­test-Dimap-Deutsch­land­Trend able­sen. Die bei­den aus­ein­an­der­lau­fen­den Inter­pre­ta­tio­nen beschrei­ben aber ganz gut das Dilem­ma, in dem die­ser Wahl­kampf steckt: Sich auf eine die­ser Sei­ten schla­gen – oder ver­su­chen, einen Weg zu fin­den, der für poten­zi­el­le Wähler*innen, die Mer­kel und ihre Poli­tik gar nicht so schlecht fin­den, genau­so attrak­tiv ist wie für die­je­ni­gen, die mei­nen, dass es end­lich Zeit sei für eine Rot-Rot-Grü­ne Koali­ti­on? (Wobei die ein­zi­gen, die wirk­lich gar nichts mit der Bun­des­re­gie­rung anfan­gen kön­nen, in die­ser Umfra­ge die Anhänger*innen der AfD sind …)

War­um blog­ge ich das? Weil ich die­se Zah­len doch erstaun­lich – und für uns Grü­ne gefähr­lich – fin­de.

Eine Antwort auf „Eine Zahl, zwei Deutungen“

  1. Aus die­ser Umfra­ge nicht, aber der Ver­gleich zum Wahl­kampf von vor vier Jah­ren ist ein­deu­tig. Vor vier Jah­ren, zu die­sem Zeit­punkt stan­den die Grü­nen, mit einem deut­lich kan­ti­ge­ren Pro­fil, bei 15 Pro­zent*, unter der all­ge­mein schwie­ri­ge­ren Grund­be­din­gung eines Lager­wahl­kampfs (schwarz­gelb gegen rot­grün), und das bei brei­ter media­ler und gesell­schaft­li­cher Debat­te der grü­nen sozi­al- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen. Erst durch die elen­den Debat­ten über Veg­gi­e­day, Pädos in den 80ern und dem (destruk­ti­ven, weil nicht inner­halb der Par­tei, son­dern über Medi­en geführ­ten) Rea­lo-Stör­feu­er (v.a. aus dem Süd­wes­ten) sind die Grü­nen am Ende auf die Hälf­te die­ses Wer­tes abgesackt.

    In die­sem Jahr wären die Glo­bal­be­din­gun­gen für Grü­ne eigent­lich viel bes­ser – eine SPD, die in der Regie­rung vie­les nicht umge­setzt hat, was sie vor­her ver­spro­chen hat und eine Links­par­tei, die sich außen- (Russ­land, EU) und innen­po­li­tisch (Querfront/​Wagenknecht) ver­rannt hat. Hier könn­ten man sich mit einem grü­nen pro­gres­si­ven Pro­gramm klar posi­tio­nie­ren. Statt­des­sen ver­sucht man mit einem Rea­lo-Spit­zen­duo gege­ben, weil man sich an der Idee, Baden-Würt­tem­berg auf dem Bund zu über­tra­gen, besof­fen hat, und merkt nicht, dass man mit der Stra­te­gie, sich stän­dig rechts vom eige­nen Pro­gramm zu pro­fi­lie­ren, zwar Schlag­zei­len und auch mal eine Land­tags­wahl (bei einem im Ver­gleich zum Bund deut­lich kon­ser­va­ti­ve­ren Elek­to­rat) gewin­nen kann, aber sich auf bun­des­po­li­ti­scher Büh­ne völ­lig unglaub­wür­dig und damit über­flüs­sig macht. Und Grü­nen-Stamm­wäh­ler, die (mehr als Wäh­ler ande­rer Par­tei­en) vor allem Inhal­te statt Per­so­nen wäh­len wol­len, haben natür­lich kei­ne Lust, ihre Wer­te für die per­sön­li­che Pro­fi­lie­rung ein­zel­ner Spit­zen­grü­ner zu ver­ra­ten, deren Pro­fi­lie­rung dar­in besteht, 08/15-CDU-Posi­tio­nen allein durch den Kon­trast zum grü­nen Par­tei­buch »span­nend« zu machen. Als Spit­zen­duo kann man sich aber nicht mehr zum eige­nen Pro­gramm kon­tras­tie­ren – man ist das eige­ne Pro­gramm. Von daher sind die schlech­ten Umfra­ge­wer­te die logi­sche Fol­ge – eben­so, dass unter den ver­blei­ben­den Grü­nen­wäh­lern (für Grü­ne unty­pisch) die Mer­kel-Zustim­mung so hoch ist.

    * bei infra­test-dimap, um im Sys­tem zu blei­ben, sie­he http://www.wahlrecht.de/umfragen/dimap/2013.htm

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