Kurz: Moral sorgt für Ärger

Einen Gedan­ken, den Peter Unfried von der taz beim grü­nen Frei­heits­kon­gress auf­ge­wor­fen hat, möch­te ich hier doch noch ein­mal auf­grei­fen: Die feh­len­de Über­zeu­gungs­kraft des grü­nen Pro­jekts sei auf einen Über­schuss an Moral zurück­zu­füh­ren, und zwar extern uns Grü­nen zuge­spro­che­ner Moral. Statt auf Moral sei auf Kul­tur­wan­del zu set­zen, wenn es drum gehe, öko­lo­gi­sche Gedan­ken poli­tisch anschluss­fä­hig zu machen. Solan­ge dage­gen – so wür­de ich das aus­drü­cken – im Code von Moral/​Unmoral kom­mu­ni­ziert wer­de, wer­den fal­sche Rah­mun­gen auf­ge­ru­fen und fal­sche Erwar­tun­gen geweckt. Solan­ge wir den Ein­druck erwe­cken, Men­schen bekeh­ren zu wol­len, pro­du­zie­ren wir Wider­stän­de. Gleich­zei­tig kann dann ganz ein­fach jedes »grü­ne Fehl­ver­hal­ten« zum Siehs­te-Bei­spiel umge­wid­met wer­den. Da muss gar nicht auf das Bei­spiel Veg­gi­e­day zurück­ge­grif­fen wer­den; auch das all­täg­li­che Ver­kehrs­ver­hal­ten ist für die­sen bewuss­ten mora­li­schen Fehl­schluss anfäl­lig: Ha, der Minis­ter ist gar nicht Rad gefah­ren? Oho, die grü­ne Abge­ord­ne­te ist geflo­gen – dabei wollt ihr doch …!

Jetzt lie­ße sich leicht argu­men­tie­ren, dass das ja gar nicht so sei. Wir wol­len ja nie­mand umer­zie­hen. Jeden­falls beteu­ern wir das stän­dig. Das fie­se hier ist aber gera­de, dass es über­haupt nicht dar­um geht, was wir Grü­ne sagen (wol­len), son­dern dar­um, wie ande­re das, was wir sagen, deu­ten und wahr­neh­men. Der Text von spek­tral­li­nie dazu, dass wir’s bes­ser wis­sen, passt an die­ser Stel­le ganz gut … und ver­mut­lich wür­de sich auch eine Re-Lek­tü­re von Luh­manns Öko­lo­gi­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on aus den 1980er Jah­ren loh­nen, auch da ging es, wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, schon um die­ses Problem.

Tja, und was ler­nen wir jetzt dar­aus, was ist die Moral von der Geschich­te? Kön­nen wir für ein gutes Leben strei­ten, ohne dass das mora­lisch gele­sen wird? Ist grü­ne Poli­tik, die auf »du sollst«-Aussagen ver­zich­tet, über­haupt noch glaub­wür­dig? Oder wer­den wir gera­de dann stark, wenn wir uns von den immer wie­der ange­führ­ten per­sön­li­chen Kon­sum­mus­tern und Lebens­sti­len lösen, und statt des­sen bewusst poli­tisch argu­men­tie­ren? Soll hei­ßen: Wir haben das Ziel, die CO2-Emis­sio­nen deut­lich zu redu­zie­ren. Ob Men­schen sich indi­vi­du­ell dafür ent­schei­den, Fleisch zu essen oder nicht, ist uns egal – das ist kei­ne poli­ti­sche Fra­ge. Poli­tisch wären dage­gen die Fra­gen, ob Mas­sen­tier­hal­tung unter­stützt wird oder nicht (also im Sin­ne von Sub­ven­tio­nen und auch von Ord­nungs­po­li­tik), ob Rad­ex­press­we­ge gebaut wer­den oder nicht, und wel­che Grenz­wer­te für Auto­mo­bi­le gel­ten sol­len. Ob eine sol­che Her­an­ge­hens­wei­se gelin­gen kann (die ja durch­aus auch den grü­nen »Mar­ken­kern« berührt), erscheint mir der­zeit noch offen zu sein. Böse aus­ge­legt wer­den kann alles. Aber zumin­dest da, wo wir selbst das Heft der Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Hand haben, scheint es mir sehr sinn­voll zu sein, immer wie­der zu tes­ten, ob wir – als Par­tei! – gera­de über Poli­tik oder über Moral sprechen.

Eine Antwort auf „Kurz: Moral sorgt für Ärger“

  1. Was hat­te der Veg­gie Day eigent­lich in der Bun­des­po­li­tik zu suchen? Wäre das nicht eher ein The­ma für den Eltern­abend im Hort oder für die Grü­ne Jugend im Betrieb, die eine Alter­na­ti­ve zum Fleisch in der Kan­ti­ne wünscht? 

    Mein Ein­druck von den Grü­nen ist tat­säch­lich, dass es dort zu sehr um Selbst­ge­rech­tig­keit und mora­li­sches Getue geht (Moral gin­ge ja noch). Der Veg­gie-Kram dient letz­ten Endes dem Green­wa­shing für die vie­len Flug­rei­sen, die die grü­ne Mit­tel­schichts-Basis sich stän­dig leistet. 

    Dass Fleisch­kon­sum mehr CO2 erzeugt als der Ver­kehr, das stimmt näm­lich nur, wenn man es welt­weit bilan­ziert. In die­se Bilanz gehen aber Mil­li­ar­den Men­schen ein, die noch nie geflo­gen sind und wahr­schein­lich auch nie ein Auto haben wer­den. Und auch nicht die Grü­nen wäh­len, weil es die­ses Mit­tel­schichts-Fea­ture in ihrem Land womög­lich gar nicht gibt.

    Wenn man so vie­le Nah­rungs­mit­tel-Into­le­ran­zen hat, dass man schon gar nicht mehr weiß, was man essen soll, braucht man jeden­falls kei­ne grü­nen Viel­flie­ger, die einem das Fleisch vom Tel­ler labern wol­len, um selbst bes­ser dazu­ste­hen. Wer sei­nen öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck ver­klei­nern will, soll doch bit­te das eige­ne Leben auf­räu­men und mich in Ruhe lassen.

    Eine Flug­ben­zin­steu­er wäre ein gutes poli­ti­sches Ziel, aber Dosen­pfand und Bal­kan­krieg waren den Grü­nen damals wichtiger.

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