Bürgerliche Werte – oder wie wir uns unsere WählerInnen vorstellen (Teil III)

Little prairie

III. Vom Bürgerschreck zur Bürgerregierung

Im ers­ten Teil die­ses Tex­tes hat­te ich noch ein­mal auf die grü­nen Anfän­ge zurück­ge­blickt. Aus ganz unter­schied­li­chen Beweg­grün­den kamen Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jah­re ganz unter­schied­li­che Men­schen zusam­men, um DIE GRÜNEN auf­zu­bau­en und zu grün­den. Aus die­ser Viel­falt wur­den grü­ne Grund­wer­te zusam­men­ge­tra­gen, ein­ge­bet­tet in den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hän­gen und Lebens­sti­len eines alter­na­ti­ven Milieus. 

Das Stich­wort Milieu lie­fer­te dann die Grund­la­ge für den zwei­ten Teil, in dem ich meh­re­re Fest­stel­lun­gen getrof­fen habe:

  1. Sozio­de­mo­gra­phi­sche Fak­to­ren (Bil­dung, Ver­mö­gen, sozia­les Kapi­tal), in ihrem Zusam­men­wir­ken auch als Schicht oder – poli­tisch auf­ge­la­den – Klas­se bezeich­net, sind nur eine Dimen­si­on gesell­schaft­li­cher »Clus­te­run­gen«, es gibt min­des­tens eine wei­te­re Ach­se, die sich mit unter­schied­li­chen »Wert­hal­tun­gen« oder »Grund­ori­en­tie­run­gen« bezeich­nen lässt. 
  2. In dem von die­sen bei­den Ach­sen (sozia­ler Sta­tus, Grund­ori­en­tie­rung) auf­ge­spann­ten Raum lässt sich, von Lebens­sti­len und Kon­sum her kom­mend, durch­aus auch ein »grü­nes« Milieu ver­or­ten. Dabei ist zu beach­ten, dass gesell­schaft­li­che Milieus in meh­re­rer Hin­sicht dyna­misch sind. Das »alter­na­ti­ve Milieu« Anfang der 1990er Jah­re, das Milieu der »Post­ma­te­ria­lis­ten« um 2000 oder etwa ein »sozi­al-öko­lo­gi­sches Milieu« heu­te sind kei­ne fes­ten Kon­stan­ten, son­dern ver­schie­ben und ver­än­dern sich mit Bio­gra­phien und Lebens­er­eig­nis­sen, mit gesell­schaft­li­chen Trends und den Wel­len­be­we­gun­gen des Zeitgeists. 
  3. Lebens­stil­be­zo­ge­ne Milieus sind kei­ne poli­ti­schen Milieus. Es gibt zwar gewis­se Kor­re­la­tio­nen und Ver­bin­dun­gen, aber weder wäh­len alle »Post­ma­te­ria­lis­ten« grün, noch kom­men sämt­li­che Anhän­ge­rIn­nen der Grü­nen aus die­sem Milieu. Pro­gres­si­ve­re Wer­te, eher höhe­re Bil­dung und eher höhe­res Ein­kom­men sind Fak­to­ren, die es wahr­schein­li­cher machen, dass jemand grün wählt – und die­se streu­en über meh­re­re Milieus.

Um vom Exkurs über Milieus zu bür­ger­li­chen Wer­ten zurück­zu­kom­men, zeigt sich, dass mit »Bür­ger­tum« ganz unter­schied­li­che Din­ge gemeint sein kön­nen, nämlich:

  • a. gesell­schaft­li­che Leit­mi­lieus unab­hän­gig von der Wert­hal­tung (dann wäre ein Teil des Bür­ger­tums schon lan­ge all­tägs­äs­the­tisch wie poli­tisch grün),
  • b. sozi­al »oben« ange­sie­del­te Milieus mit einer kon­ser­va­ti­ven oder leis­tungs­be­zo­ge­nen Grund­ori­en­tie­rung, also, platt gesagt, die Res­te des Adels und tra­di­ti­ons­rei­che Bür­ger­fa­mi­li­en einer­seits und das »Unter­neh­mer­tum« (Mana­ge­rIn­nen, Füh­rungs­kräf­te, Inha­be­rIn­nen) ande­rer­seits (in bei­den Milieus dürf­te rela­tiv wenig grün gewählt werden),
  • c. das von vie­len Sei­ten umkämpf­te Milieu der »bür­ger­li­chen Mit­te«, also die eini­ger­ma­ßen pro­gres­si­ve, auf­stiegs­ori­en­tier­te und auf Sicher­heit und Bil­dung bedach­te mitt­le­re Mit­tel­schicht, die sich nach unten gegen­über »Kon­sum­ma­te­ria­lis­ten« oder dem »Pre­ka­ri­at« abgrenzt.

Je nach­dem sind bür­ger­li­che Wer­te etwas ganz ver­schie­de­nes, und je nach­dem pas­sen sie bes­ser oder schlech­ter zu den Grund­hal­tun­gen und Grund­wer­ten der Par­tei Bünd­nis 90/​Die Grü­nen. Und je nach­dem ergibt die Aus­sa­ge, dass Grü­ne ver­su­chen, das Bür­ger­tum für sich poli­tisch zu gewin­nen, mehr oder weni­ger Sinn. 

Mit Blick auf die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on wür­de es aller­dings selt­sam erschei­nen, jemand wie bei­spiels­wei­se den Frei­herr von Gut­ten­berg als ide­al­ty­pi­schen Bür­ger ein­zu­sor­tie­ren. Da passt »irgend­was« in der Mit­te der Gesell­schaft schon bes­ser – nur: was sind da die bür­ger­li­chen Werte?

Oder, um das gan­ze noch ein­mal um 90° zu kip­pen: Beim dies­jäh­ri­gen Land­tags­fest der Frak­ti­on GRÜNE Baden-Würt­tem­berg äußer­te sich Minis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann auch kurz zum The­ma »Grü­ne und Bür­ger«. Sinn­ge­mäß sag­te er: 

»Grün ist der Far­be des Früh­jahrs, jetzt aber wird es Herbst, die Blät­ter fär­ben sich bunt. Bunt und viel­fäl­tig ist auch unse­re Gesell­schaft, denn wir sind alle Bürger.«

Über­haupt fällt es auf, dass die ein­zi­ge vom eins­ti­gen Bür­ger­schreck GRÜNE geführ­te Lan­des­re­gie­rung gro­ßen Wert auf den Begriffs­be­stand­teil des Bür­gers legt. Von der Bür­ger­ge­sell­schaft und von derem Enga­ge­ment ist die Rede, die Regie­rung bezeich­net sich selbst als Bür­ger­re­gie­rung, und Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wer­den emp­fan­gen und sol­len sich in der Bür­ger­be­tei­li­gung aktiv ein­brin­gen. Ja: Wir hal­ten Bür­ger­rech­te hoch, tra­gen mit »Bünd­nis 90« ja sogar den Teil einer Bür­ger­rechts­be­we­gung im Namen.

In die­ser ver­fas­sungs­pa­trio­ti­schen Wen­dung des Begriffs wird ein ganz ande­res Set bür­ger­li­cher Wer­te sicht­bar. Es geht nicht um die Netz­wer­ke und den Prunk der Bour­geoi­se, wenn das Bür­ger­tum in Betracht gezo­gen wird, son­dern um den Citoy­en, die akti­ve Staats­bür­ge­rin. Die ist es, die sich der Minis­ter­prä­si­dent vor­stellt, wenn er von den Bür­gern redet. Mit die­ser Vor­stel­lung des Bür­gers, der Bür­ge­rin ver­bin­den sich die Wer­te der fran­zö­si­sches Revo­lu­ti­on: Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit (Geschwis­ter­lich­keit?) – und eben das akti­ve Ein­brin­gen in den Staat.

Und die­se Wer­te, um bei­de Begrif­fe jetzt wie­der zusam­men­zu­brin­gen, fin­den sich eben nicht unbe­dingt beim »Groß­bür­ger­tum«, son­dern soll­ten eigent­lich alle Mit­glie­der der Gesell­schaft, alle Bür­ge­rIn­nen des Staa­tes glei­cher­ma­ßen betreffen. 

Flea market I

Fak­tisch ist das nicht so: Die­je­ni­gen, die sich an Wah­len und Bür­ger­ent­schei­den betei­li­gen, die sich in Par­tei­en ein­brin­gen, und die ihre Mei­nung nicht nur auf dem Sofa zu Hau­se äußern, sind nicht gleich­ver­teilt über die Gesell­schaft. Pes­si­mis­tisch gese­hen, steu­ern wir auf die »Demo­kra­tie der gut aus­ge­bil­de­ten Mit­tel­schich­ten zu.

Dass demo­kra­ti­sche Betei­li­gungs­be­reit­schaft ungleich ver­teilt ist, ist kein Wun­der, inso­fern Res­sour­cen wie Bil­dung, Selbst­ver­trau­en, Zeit – oder die Mög­lich­keit, sich Zeit durch den Erwerb von Dienst­leis­tun­gen – ein­zu­kau­fen, eben nicht gleich ver­teilt sind. Und auch die Wert­hal­tun­gen spie­len eine Rol­le: Wie wich­tig ist mir das Gan­ze (und sei es auch nur mei­ne Nach­bar­schaft)? Füh­le ich mich dafür ver­ant­wort­lich? Füh­le ich mich berech­tigt, poli­tisch zu spre­chen? Sehe ich ande­re als zustän­dig an, oder möch­te ich mei­ne Sache selbst in die Hand nehmen?

Neben­bei: Das heißt auch, das unter­schied­li­che Milieus unter­schied­lich ange­spro­chen wer­den kön­nen (pdf), wenn es dar­um geht, sich zu beteiligen.

Aber zurück zu den ungleich ver­teil­ten Ori­en­tie­run­gen. Die­se fin­den mehr oder weni­ger Reso­nanz in unter­schied­li­chen Milieus – und eben auch bei den Wäh­le­rIn­nen unter­schied­li­cher Parteien. 

Eine Stu­die (pdf) der Abtei­lung Medi­zi­ni­sche Psychologie/​Medizinische Sozio­lo­gie der Uni­kli­nik Leip­zig zeigt hier nicht nur die oben schon erwähn­ten posi­ti­ven Kor­re­la­tio­nen zwi­schen einer grü­nen Par­tei­prä­fe­renz und dem Abitur sowie einem höhe­ren Ein­kom­men (und kei­ne mit Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­kei­ten), son­dern weist auch dar­auf hin, dass sich sub­jek­ti­ver Gesund­heits­zu­stand, Ängst­lich­keit und Depres­si­vi­tät je nach Par­tei­prä­fe­renz ganz unter­schied­lich ver­tei­len (oder: dass sich die Par­tei­prä­fe­renz je nach Sor­ge um die Zukunft, den Arbeits­platz und die emo­tio­na­le Grund­stim­mung des eige­nen Lebens unter­schied­lich verteilt):

Bei bei­den Merk­ma­len [Ängst­lich­keit, Depres­si­vi­tät, T.W.] sticht die Spit­zen­po­si­ti­on der Nicht­wäh­ler und der Rech­ten her­aus. Nicht­wäh­ler und Rech­te zei­gen eine sehr hohe Ängst­lich­keit und Depres­si­vi­tät. Auch die Anhän­ger der Lin­ken fal­len hier auf mit höhe­ren Wer­ten. Die Pira­ten füh­len sich am wenigs­ten depres­siv und auch nicht beson­ders ängst­lich. Auch die FDP- und Grü­nen-Wäh­ler zei­gen hier gute Werte. 

Auch wenn die Maslow’sche Bedürf­nis­py­ra­mi­de empi­risch umstrit­ten ist, spricht doch eini­ges dafür, dass, wer sei­ne eige­nen mate­ri­el­len und sozia­len Bedürf­nis­se eini­ger­ma­ßen gesi­chert sieht, eher den Blick aufs Gan­ze ein­neh­men und sich ein­brin­gen kann. 

Aber obacht: Allei­ne erklä­ren eben, wie ein­gangs ange­führt, sozia­ler Sta­tus und Zufrie­den­heit wenig. Wer­den allei­ne der sozia­le Sta­tus und die gerin­ge Ängst­lich­keit betrach­tet, wir­ken Anhän­ge­rIn­nen von FDP und GRÜNEN nahe­zu iden­tisch. Unter­schie­de zwi­schen bei­den gibt es in der Leip­zi­ger Stu­die etwa in der Geschlech­ter­zu­sam­men­set­zung der jewei­li­gen Anhän­ge­rIn­nen. Reicht das aus, um unter­schied­li­che Wahl­prä­fe­ren­zen zu begründen?

Dass gene­ti­sche Prä­dis­po­si­tio­nen und Hor­mon­schwan­kun­gen poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen erklä­ren sol­len, wie es ein Über­blicks­ar­ti­kel in der Natu­re dar­legt, erscheint mir eben­falls stark hinterfragbar. 

Im nächs­ten Teil will ich mir noch­mal anschau­en, wer eigent­lich 2011 in Baden-Würt­tem­berg grün gewählt hat. Eine inter­es­san­te Grund­la­ge dafür bie­tet eine Stu­die des Göt­tin­ger Insti­tuts für Demo­kra­tie­for­schung im Auf­trag der Hein­rich-Böll-Stif­tung, in der der Fra­ge nach­ge­gan­gen wur­de, ob die neu­en grü­nen Wäh­le­rIn­nen in Baden-Würt­tem­berg für einen »Zeit­geistef­fekt« ste­hen, oder tat­säch­lich einen grü­nen Wer­te­wan­del versinnbildlichen.

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