Sollbruchstellen im grünen Mehrgenerationenprojekt

Frank Schirr­ma­chers Abge­sang auf die »konservativ«-neoliberale Frak­ti­on der Baby­boo­mer-Genera­ti­on ist ein schö­ner Anlass, um über poli­ti­sche Genera­tio­nen im grü­nen, links-alter­na­ti­ven Spek­trum nach­zu­den­ken. Denn auch wir haben unse­re Babyboomer. 

Deut­lich sicht­bar wird das z.B. an der Alters­glie­de­rung der der­zei­ti­gen Abge­ord­ne­ten im Deut­schen Bundestag:

Bun­des­tag CDU/​CSU SPD FDP DIE LINKE. BÜNDNIS 90/​DIE GRÜNEN gesamt
1932–1935 1 - - - - 1
1936–1940 1 3 2 1 1 8
1941–1945 14 4 7 2 1 28
1946–1950 37 34 13 7 4 95
1951–1955 42 31 12 12 17 114
1956–1960 39 20 11 18 9 97
1961–1965 45 23 14 15 8 105
1966–1970 24 19 7 5 11 66
1971–1975 23 9 16 10 5 63
1976–1980 10 3 8 4 6 31
1981–1985 1 - 2 2 6 11
1986 - - 1 - - 1
gesamt 237 146 93 76 68 620

Wie pas­sen die­se Zah­len jetzt zu poli­ti­schen Genera­ti­ons­be­grif­fen? Die 68er-Genera­ti­on kann sche­ma­tisch den Geburts­jahr­gän­gen 1940–1950 zuge­ord­net wer­den; in der Tabel­le oben gibt es in der grü­nen Spal­te noch einen Aus­rei­ßer nach oben, das ist Hans-Chris­ti­an Strö­be­le (*1939), der ganz defi­ni­tiv zu die­ser poli­ti­schen Genera­ti­on gehört. Das wären dann sechs Abgeordnete.

Demo­gra­phisch sind die Baby­boo­mer in Deutsch­land die gebur­ten­star­ke Kohor­te 1955 bis 1965, Schirr­ma­cher run­det groß­zü­gig auf und nimmt noch die bis 1970 Gebo­re­nen mit hin­ein. Neh­men wir die enge Defi­ni­ti­on (1956–1965), sind es unter den grü­nen Abge­ord­ne­ten 17 Per­so­nen, in der wei­te­ren sogar 28 Personen.

Zwi­schen 68er-Bewe­gung und Baby­boo­mern steht – hier also von 1951 bis 1955 – die klas­si­sche grü­ne Genera­ti­on der­je­ni­gen, die in den neu­en sozia­len Bewe­gun­gen (NSB) aktiv waren. Die­ser Grup­pe gehö­ren in der grü­nen Frak­ti­on im deut­schen Bun­des­tag wie­der­um 17 Per­so­nen an, wenn wir jetzt mal nur die Geburts­jahr­gän­ge betrachten.

Und nach den Baby­boo­mern? Von 1966 bis 1975 sind es 16 Ange­hö­ri­ge der Florian-Illies-»Generation Golf«, und dann fol­gen noch ein­mal zwölf zwi­schen 1976 und 1985 Gebo­re­ne. Wie­der­um sind die Genera­ti­ons­gren­zen schwam­mig – die »Genera­ti­on X« wür­de – gefühlt trifft das für mei­ne eige­ne Genera­ti­on eher zu – bis 1980 rei­chen, die »Genera­ti­on Y« bezeich­net die nach 1980 Gebo­re­nen. Mit den weit gefaß­ten Schirr­ma­cher-Baby­boo­mer fängt das Danach erst 1971 an – auch das trifft eher mein Gefühl poli­ti­scher Schei­de­li­ni­en. Dann wären in der so defi­nier­ten Genera­ti­on X (gebo­ren 1971 bis 1980) elf Abgeordnete.

Noch­mal gra­fisch zusam­men­ge­fasst: die Ver­tei­lung der Genera­tio­nen (die nicht immer glei­che Zeit­räu­me umfas­sen!) in der grü­nen Bun­des­tags­frak­ti­on im Ver­gleich zum Bun­des­tag insgesamt.

Im Ver­gleich zur Altes­ver­tei­lung im Bun­des­tag ins­ge­samt ist die grü­ne Grün­dungs­ge­nera­ti­on, die hin­ter dem Label NSB steckt, über­re­prä­sen­tiert, eben­so ist die jüngs­te Alters­grup­pe bes­ser ver­tre­ten. Poli­tisch domi­nant erscheint in der Tat auch hier – wie im Bun­des­tag ins­ge­samt, mit dort etwa 43 Pro­zent aller Abge­ord­ne­ter – die lang­ge­streck­te Genera­ti­on der Baby­boo­mer mit einem Alter zwi­schen Anfang 40 und Mit­te 50. Das dürf­te eini­ger­ma­ßen bevöl­ke­rungs­re­prä­sen­ta­tiv sein. 

Wenn wir mal die Frak­ti­ons­spit­ze anschau­en, dann ergibt sich fol­gen­des Bild: Sechs Per­so­nen (50%) gehö­ren der hier »NSB« genann­ten Genera­tio­nen­ko­hor­te an (Rena­te Kün­ast, Undi­ne Kurth, Bär­bel Höhn, Frit­jof Schmidt, Jür­gen Trit­tin und Fritz Kuhn), vier zu den Baby­boo­mern (ein Drit­tel, näm­lich Vol­ker Beck, Brit­ta Haßel­mann, Kat­ja Keul und Kat­rin Göring-Eckard), und zwei zur Genera­ti­on X (Josef Wink­ler, Ekin Deli­göz). Soll­te Kers­tin And­reae (* 1968) Fritz Kuhn ablö­sen, ändert sich das Ver­hält­nis zuguns­ten der Babyboomer.

Poli­tisch sich­bar ist dabei vor allem die – im Ver­hält­nis zur Gesamt­frak­ti­on über­re­prä­sen­tier­te – klas­si­che grü­ne NSB-Genera­ti­on, die zwi­schen 1951 und 1955 gebo­ren ist. Bestä­tigt sich damit, zumin­dest in der Außen­wir­kung, also doch das alte Wort von der grü­nen Eingenerationenpartei?

Ohne das jetzt zah­len­mä­ßig bele­gen zu kön­nen, habe ich doch den Ein­druck, dass die poli­ti­sche Nach­fol­ge die­ser Grün­dungs­ge­nera­ti­on nicht von den Baby­boo­mern ange­tre­ten wird, son­dern dass es eher die Mitt­drei­ßi­ger sind, die jetzt nach vor­ne stre­ben. Das wür­de die The­se Schirr­ma­chers, dass die Baby­boo­mer bis auf die Hin­wen­dung zum Neo­li­be­ra­lis­mus kein blei­ben­des poli­ti­sches Ver­mächt­nis hin­ter­las­sen, bestä­ti­gen. Ande­rer­seits glau­be ich nicht, dass die­se Genera­ti­on sich damit zufrie­den gibt, von den Hin­ter­bän­ken in den Vor­ru­he­stand über­zu­tre­ten. Es erscheint mir durch­aus denk­bar, dass der in der nächs­ten Deka­de zu erwar­ten­de Schritt der Grün­dungs­ge­nera­ti­on in den Ruhe­stand neue poli­ti­sche Kon­flikt­li­ni­en in der Par­tei auf­lo­dern lässt, die sich zu einem gewis­sen Grad auch an der poli­ti­schen Sozia­li­sa­ti­on und damit an den Genera­ti­ons­ko­hor­ten fest­ma­chen las­sen werden.

Inter­es­sant – und auch da fällt mein Blick eher auf die »NSB-Genera­ti­on« als auf die Baby­boo­mer – ist im wei­te­ren Blick­win­kel schließ­lich noch ein bis­her nicht betrach­te­tes The­ma: Die in den 1970er Jah­ren poli­tisch Aktiv gewor­de­nen konn­ten den dama­li­gen Zeit­geist nut­zen, um sich erfolg­reich zu insti­tu­tio­na­li­sie­ren – nicht nur im Par­tei­pro­jekt DIE GRÜNEN, son­dern auch in sozio­kul­tu­rel­len Zen­tren, Kin­der­lä­den, Frei­en Radi­os, Haus­pro­jek­ten, Alter­na­tiv-Insti­tu­ten und was die dama­li­gen Bewe­gun­gen noch an »Gegen­kul­tur« aus­ge­spukt haben (die taz wäre auch so ein Pro­jekt, und eini­ge Lehr­stüh­le und Insti­tu­te sicher­lich auch …). Der Erfolg ist dabei im Ein­zel­fall sicher unter­schied­lich; den­noch ist es vie­len die­ser Pro­jek­te – und die­ser Per­so­nen – gelun­gen, gegen den herr­schen­den Kul­tur­be­griff neue Insti­tu­tio­nen auf­zu­bau­en und sie nach und nach auch in öffent­li­chen För­der­töp­fen zu verankern. 

Die­se Insti­tu­tio­nen der Alter­na­tiv­kul­tur haben über eine lan­ge Zeit den Gegen­ent­wurf zum Main­stream geprägt. Heu­te macht sich selbst die CDU für die bes­se­re För­de­rung sozio­kul­tu­rel­ler Zen­tren stark. Gleich­zei­tig neh­men – das Ver­mächt­nis der Baby­boo­mer, wenn es denn eines gibt – die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um »nach­hal­ti­ge Finanz­po­li­tik« und Spar­not­wen­dig­kei­ten öffent­li­cher Haus­hal­te zu. Was bleibt, sind Pro­jekt­mit­tel – und die bestehen­den Insti­tu­tio­nen eines Genera­tio­nen­pro­jekts. Auch hier fra­ge ich mich, wie es damit wei­ter­geht, und ob und wie mei­ne Genera­ti­on sich hier wiederfindet.

War­um blog­ge ich das? Um das grü­ne Mehr­ge­nera­tio­nen­pro­jekt voranzubringen.

P.S.: Ach ja, und die Kin­der der digi­ta­len Revo­lu­ti­on gibt es natür­lich auch noch … 

7 Antworten auf „Sollbruchstellen im grünen Mehrgenerationenprojekt“

  1. Lie­ber Till,

    ich schi­cke dir bei Gele­gen­heit einen Auf­satz von Wolf­gang Rüdig, der eben in Envi­ron­men­tal Poli­tics erschie­nen ist, da findst du die Ver­län­ge­rung dei­ner Fra­ge­stel­lung in die Wäh­ler­schaft der Grünen.

    Herz­lich
    Christoph

  2. Lie­ber Till, schö­ner Text. Aller­dings wür­de ich die Domi­nanz der NSB (gefällt mir nicht) nicht über­be­wer­ten – das ist in allen Frak­tio­nen so. Eher fällt die Schwä­che der Baby­boo­mer auf – ver­mut­lich die Fol­ge exzes­si­ven Beissverhaltens… :)
    Ps: Chris­toph, der Text wür­de mich auch interessieren!

    1. Lie­ber Her­mann, ich fand’s halt auf­fal­lend, wie vie­le der bekann­te­ren »grü­nen Köp­fe« aus dem schma­len Zeit­fens­ter der Geburts­jahr­gän­ge 1950–1955 stam­men. Ich gebe dir aller­dings recht, dass sich das in der Par­tei wohl irgend­wie sor­tie­ren und zurech­trüt­teln wird in den nächs­ten Jah­ren – her­aus­for­dern­der fin­de ich da das, was ich ganz am Schluss des Tex­tes geschrie­ben habe, näm­lich die Fra­ge, wie mit den sedi­men­tier­ten Insti­tu­tio­nen der Bewe­gungs­ge­nera­ti­on mit­tel- bis lang­fris­tig umge­gan­gen wer­den soll.

  3. Lie­ber Till,

    dan­ke für den infor­ma­ti­ven Über­blick. Der Schirr­ma­cher-Arti­kel deck­te sich weit­ge­hend mit der von mir »gefühl­ten Wirk­lich­keit« in der Par­tei – da hilft es, wenn man die kon­kre­ten Zah­len vor Augen hat.
    Grüße,
    Jörg

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