Die Sache mit Facebook

Phone

Face­book ändert mal wie­der die Geschäfts­be­din­gun­gen – dies­mal nicht still und heim­lich, son­dern im »Dia­log mit der Com­mu­ni­ty«. Im Kern geht es dabei dar­um, an wen Face­book Daten unge­fragt wei­ter­ge­ben darf. Als Daten­schutz­zu­cker­le gibt es dann »Opt-out«-Möglichkeiten – wie auch heu­te schon bei den soge­nann­ten Pri­va­cy-Ein­stel­lun­gen. Anders gesagt: die Vor­ein­stel­lung ist die, dass die bei Face­book gespei­cher­ten Nut­zer­da­ten mehr oder weni­ger öffent­lich sicht­bar sind, und dass sie an – aus­ge­wähl­te – Drit­te wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Wer das nicht will, muss sei­ne oder ihre Ein­stel­lun­gen ändern (wie das Schritt für Schritt geht, steht hier).

Das kommt in Deutsch­land nicht gut an (sie­he auch die­ses Inter­view mit Falk Lüke, Ver­brau­cher­zen­tra­le). Die Stif­tung Waren­test bewer­tet Face­book hin­sicht­lich des Daten­schut­zes jetzt schon mit schlech­ten Noten. Die Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin – die, wenn ich mich recht erin­ne­re, auf­grund einer der letz­ten grü­nen Amts­hand­lun­gen in der vor­letz­ten Legis­la­tur­pe­ri­ode im Ver­brau­cher­schutz­be­reich auch für Ver­brau­cher­schutz im Netz zustän­dig ist – die Minis­te­rin Aigner also schreibt des­we­gen einen offe­nen Brief und droht mit Ausdruck^wAustritt, soll­te sich nichts ändern. Das ist in der soge­nann­ten Com­mu­ni­ty gleich mal auf brei­ten Anklang gesto­ßen. Poli­ti­ke­rIn­nen der Grü­nen, der Lin­ken und der SPD rufen dage­gen inner­halb von Face­book zu Face­book Pri­va­cy Con­trol Now! auf, recht sty­lish und mit Akti­ons­ideen. Also das Grund­prin­zip der sym­bo­li­schen direk­ten Akti­on. Was ist davon zu halten?

Wäh­rend ich es durch­aus sinn­voll fin­de, durch schlech­te Noten, offe­ne Brie­fe und Aktio­nen wie Pri­va­cy Now auf das Pro­blem auf­merk­sam zu machen – und es natür­lich nicht aus­reicht, son­dern letzt­lich poli­ti­sche Schrit­te statt­fin­den müs­sen, aber dazu wie zu der Fra­ge, was eigent­lich das Pro­blem ist, gleich mehr – bezieht der CCC hier eine Posi­ti­on der Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on. Zumin­dest, wenn die bei Spie­gel Online zusam­men­ge­fass­ten Aus­sa­gen so stim­men – noch wei­ter kom­pri­miert und auf den Punkt gebracht: wer sei­ne oder ihre Daten einer Daten­kra­ke in die Hand gibt, ist doch eh selbst schuld.

Damit wären wir beim Pro­blem. Denn natür­lich hat der CCC recht. Trotz­dem sind sozia­le Netz­wer­ke in kür­zes­ter Zeit zu einer sehr belieb­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form gewor­den. Das betrifft jetzt nicht nur Face­book, son­dern alles von Wer-kennt-wen über die Vz-Grup­pe bis hin zu XING & Co. All die­se Platt­for­men haben gemein­sam, dass sie pri­vat orga­ni­sier­te und markt­wirt­schaft­lich finan­zier­te Netz­werk­räu­me bereit­stel­len, die jedoch fak­tisch als zumin­dest semi-öffent­li­che Infra­struk­tur wahr­ge­nom­men werden. 

Was es bedeutet, bei Facebook zu sein

Bei Face­book zu sein, heißt eben nicht, einem Klub bei­zu­tre­ten (auch wenn das den fak­ti­schen Geschäfts­be­zie­hun­gen eigent­lich eher ent­spricht), son­dern ver­mit­telt ein Gefühl irgend­wo zwi­schen Markt­platz, Pau­sen­hof und inter­ak­ti­vem Tele­fon­buch. Und das sind alles öffent­li­che Orte. Dies gilt ins­be­son­de­re für die gro­ßen, nicht spe­zia­li­sier­ten Netzwerke. 

Gleich­zei­tig – und das ist eine struk­tu­rel­le Beson­der­heit sozia­ler Medi­en – sind die­se weit­ge­hend netz­werk­för­mig orga­ni­siert; mög­li­cher­wei­se als homo­lo­ge Ent­wick­lung zur Netz­werk­struk­tur spät­mo­der­ner Gesell­schaf­ten im Sin­ne Cas­tells. Jeden­falls bil­den die »friends« und »friends of friends« sich über­lap­pen­de Schein­wer­fer­ke­gel der ver­netz­ten Sicht­bar­keit, die – je nach Akti­vi­tät und Ver­netzt­heit – im direk­ten Fall ein paar hun­dert Per­so­nen umfas­sen, im Fall der »friends of friends« eini­ge tau­send oder gar zehn­tau­send Per­so­nen (XING schreibt die­se Zah­len immer so schön dazu – dort habe ich bei­spiels­wei­se 217 direk­te Kon­tak­te, 24759 Kon­tak­te von Kon­tak­ten, und 1,2 Mio. Kon­tak­te von Kon­tak­ten von Kon­tak­ten). Je mehr »Hubs« (stark ver­netz­te Kno­ten) im Sin­ne von Bar­a­bá­si bei den Kon­tak­ten dabei sind, des­to schnel­ler wach­sen die Zah­len der Freun­des­freun­de. Ein Bei­spiel für sol­che Netz­werk­kno­ten sind, um bei Face­book zu blei­ben, pro­mi­nen­te grü­ne Poli­ti­ke­rIn­nen mit, die den Kreis der »Freun­des­freun­de« schnell erwei­tern. Bei­spiels­wei­se hat Vol­ker Beck bei Face­book 2973 »Freun­de«.

War­um die­ser klei­ne Exkurs in die Small-World-Theo­rie? Mei­ne Sta­tus­up­dates bei Face­books sind nicht welt­weit sicht­bar, son­dern nur für »friends of friends«. Mit eini­gen stark ver­netz­ten Kno­ten in mei­nem »Freun­des­kreis« heißt das, dass poten­zi­ell meh­re­re zehn­tau­send Men­schen sehen, was ich z.B. über den Kauf von Blu­men­er­de, Kin­der­an­ek­do­ten oder poli­ti­sche Mei­nun­gen schrei­be. Gleich­zei­tig sind die­se gro­ßen netz­werk­för­mi­gen Tei­löf­fent­lich­kei­ten nur ein Bruch­teil der 400 Mil­lio­nen akti­ven Nut­ze­rIn­nen von Facebook. 

Als Zwi­schen­fa­zit möch­te ich erst­mal fest­hal­ten, dass es sich bei Face­book (und bei ähn­li­chen gro­ßen sozia­len Netz­wer­ken) um sich über­lap­pen­de sozia­le Räu­me han­delt. Bei durch­schnitt­lich 130 »friends« pro Nut­ze­rIn, und der Annah­me, dass sich die direk­ten Nut­zer­krei­se zu fünf­zig Pro­zent über­lap­pen, wären dies also über den Dau­men gepeilt 9000 »friends of friends« je Nut­ze­rIn. Als »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum« wahr­ge­nom­men wer­den davon ver­mut­lich vor allem die direk­ten Kon­tak­te. Wer bei Face­book sei­nen Sta­tus updatet, hat also das Gefühl, mit durch­schnitt­lich 130 Per­so­nen aus dem eher enge­ren Freun­des­kreis zu kom­mu­ni­zie­ren, ist – selbst bei der Frei­ga­be »friends of friends« – bereits für ein paar tau­send Per­so­nen sicht­bar und – um zur Poli­tik und dem CCC zurück­zu­kom­men – macht eigent­lich etwas ganz ande­res, näm­lich eine gro­ße Data-Mini­nig-Machi­ne mit per­sön­li­chen Vor­lie­ben und Eigen­hei­ten zu füttern. 

Ich hat­te bei Twit­ter (und damit auto­ma­tisch auch bei Face­book) gefragt, war­um Men­schen Face­book nut­zen. Dar­auf haben mir drei Leu­te geant­wor­tet, und die Ant­wor­ten fin­de ich durch­aus auf­schluss­reich. Sie erset­zen natür­lich kei­ne Netz­eth­no­gra­phie, wie sie ja durch­aus auch betrie­ben wird, aber sie sagen etwas dar­aus aus, wozu Face­book eigent­lich da ist, und war­um es genutzt wird, obwohl es Daten­schutz­be­den­ken, das Gefühl, sich einer Kra­ke aus­zu­lie­fern und all so was gibt.

Ers­te Ant­wort: um Kon­takt mit mei­ner rie­si­gen Fami­lie zu hal­ten, der sonst eher schwie­rig her­zu­stel­len wäre. 

Zwei­te Ant­wort: um »ele­gant« mit­zu­krie­gen, was so abgeht – näm­lich bei Freun­den und Kol­le­gIn­nen aus dem Stu­di­um. Gleich­zei­tig »lei­der« aber auch, um mit­zu­krie­gen, was Poli­ti­ke­rIn­nen äußern, die über ande­re Kanä­le nicht kommunizieren.

Drit­te Ant­wort: Face­book ist wie Knei­pe, ohne den Hin­tern hoch­krie­gen zu müssen. 

In allen drei Fäl­len geht es um ech­te sozia­le Kom­mu­ni­ka­ti­on, um sozia­le Zusam­men­hän­ge, die heu­te nicht mehr an einem Ort fest­ge­macht sind, son­dern über Räu­me und Zeit­zo­nen ver­streut sind. Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist Face­book ein Reso­nanz­raum, in dem Tratsch und Neu­ig­kei­ten aus mehr oder weni­ger bestehen­den sozia­len Zusam­men­hän­gen ihr Echo fin­den. Auch Poli­tik lebt von sol­chen Reso­nanz­räu­men – nur dass es nicht not­wen­dig ist, das Par­tei­tags­foy­ers oder die Stamm­knei­pe auf­zu­su­chen, son­dern dass das Echo jetzt direkt an den Bild­schirm gelie­fert wird. Es geht also um die Auf­recht­erhal­tung von Kon­tak­ten in (dies­mal sozio­lo­gisch gespro­chen) den sozia­len Netz­wer­ken, um das Auf-dem-Lau­fen­den-Blei­ben in der eige­nen sozia­len Sphä­re, und nicht zuletzt um einen gewis­sen Unter­hal­tungs­wert (Stamm­tisch).

Was für die Pflege von weak ties in Kauf genommen wird

Der Mehr­wert, den Face­book (und ähn­li­che Netz­wer­ke, so sie nur für die jewei­li­ge sozia­le Sphä­re genü­gend groß sind), lie­fert, ist also die tri­via­le Neben­bei­kom­mu­ni­ka­ti­on, die aber ganz ent­schei­dend zur Fort­füh­rung der sozia­len Kon­struk­ti­on bei­trägt, in Net­ze, Grup­pen und ima­gi­nä­re Gemein­schaf­ten ein­ge­bun­den zu sein. Oder anders gesagt: Face­book ist ein Tool zur com­pu­ter­un­ter­stüt­zen Pfle­ge von »weak ties« (was den einen oder ande­ren ganz engen Kon­takt nicht aus­schließt). Dass es bei Face­book eher um ent­fern­te­re Kon­tak­te geht, lässt sich anek­do­tisch z.B. dar­an fest­ma­chen, dass ich es als amü­sant emp­fin­de, wenn Face­book mir emp­fiehlt, doch wie­der stär­ke­ren Kon­takt zu mei­ner Part­ne­rin zu suchen – den haben wir tag­täg­lich, aber eben gera­de nicht per »com­pu­ter-media­ted weak-tie care« (CMWC).

Damit sind wir schluss­end­lich beim Pro­blem ange­langt. Men­schen nut­zen Face­book pri­mär nicht als Unter­hal­tungs­me­di­um (auch wenn es gewis­se Ähn­lich­kei­ten zur para-sozia­len Inter­ak­ti­on mit Soap-Cha­rak­te­ren geben mag, und der eine oder die ande­re ger­ne ein­mal Bau­ern­hof­ma­fia spielt), son­dern als Infra­struk­tur zur Pfle­ge raum­zeit­lich aus­ein­an­der­ge­zerr­ter sozia­ler Netz­wer­ke. Der Mehr­wert, die­ses ganz grund­le­gen­de mensch­li­che Bedürf­nis zu erfül­len, näm­lich das Gefühl ver­mit­telt zu bekom­men, Teil der als sol­che erleb­ten eige­nen Grup­pe zu sein, an deren Tri­vi­al­kom­mu­ni­ka­ti­on teil­zu­ha­ben, auf dem lau­fen­den zu sein und bei Bedarf sozia­le Kon­tak­te akti­vie­ren zu kön­nen – der Mehr­wert, die­ses Bedürf­nis in einer his­to­risch neu­en Situa­ti­on durch Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung zu erlei­chern (asyn­chron, unauf­dring­lich, mul­ti­me­di­al), ist so hoch, dass dafür so ziem­lich alles in Kauf genom­men wird. Ver­mut­lich wäre es ehr­li­cher, wenn die­ser Mehr­wert nicht durch Daten­wei­ter­ga­be, son­dern durch ein Bezahl­mo­dell erkauft wür­de (wobei ich nicht das Gefühl habe, dass z.B. das XING-Pre­mi­um-Ange­bot so wahn­sin­nig gut läuft …). 

Aus einem etwas ande­ren Blick­win­kel: die gro­ßen sozia­len Netz­wer­ke sind gera­de auch des­we­gen inter­es­sant sind, weil sie groß sind – weil sie zwar gut dazu geeig­net sind, Tei­löf­fent­lich­kei­ten in einer sozia­len Sphä­re her­zu­stel­len, aber eben nicht, wie z.B. die Par­tei­com­mu­nities oder »Stay friends«, auf eine Sphä­re beschränkt sind, son­dern über­grei­fen­de weak ties unter­stüt­zen. Inso­fern gibt es eine natür­li­che Ten­denz hin zum Oli­go­pol – auf­zu­hal­ten wohl nur durch tech­ni­sche Ver­net­zun­gen über ein­zel­ne, kon­kur­rie­ren­de sozia­le Netz­werk­an­ge­bo­te hinweg. 

Und die Alternative?

Hier lie­gen ver­mut­lich auch die Visio­nen des CCC – wer den Mehr­wert der weit­räu­mi­gen Kon­takt­pfle­ge haben will, soll doch bit­te dezen­tra­le und echt freie Lösun­gen nut­zen, statt sich in die Fän­ge einer Fir­ma zu bege­ben. Auf dem Papier klingt die Stra­te­gie, kom­mer­zi­el­le lock-ins zu ver­mei­den, gut. Fak­tisch funk­tio­niert sie aber nicht, oder jeden­falls nur als Nischen­lö­sung. Dann liegt aber nicht nur der Kom­fort­vor­teil, son­dern auch der Grö­ßen­vor­teil auf der ande­ren Sei­te. Selbst wenn immer wie­der dar­über geschimpft wird, dass Face­book lahmt – das Wur­zel­werk ist noch viel schlim­mer, und wer kei­nen eige­nen Ser­ver betrei­ben möch­te, um Kon­takt zu sei­ner Fami­lie zu hal­ten oder den Stamm­tisch an den Schreib­tisch zu holen, steht in der Tech­nou­to­pie einer frei­en Gesell­schaft schnell blöd da. 

Es wird also, so bit­ter das ist, ver­mut­lich dabei blei­ben, dass die Infra­struk­tur zur weit­räu­mi­gen Kon­takt­pfle­ge kom­mer­zi­ell bereit­ge­stellt wird. Auch die Vari­an­te, sozia­le Netz­wer­ke als ech­te öffent­li­che Räu­me anzu­bie­ten – der Pau­sen­hof der Inter­net­au­to­bahn, qua­si – ist ver­mut­lich zum Schei­tern ver­ur­teilt, inso­fern die algo­rith­mi­sche Kom­pe­tenz anders­wo sitzt. Oder erin­nert sich noch jemand an die durch die EU orga­ni­sier­te und finan­zier­te öffent­lich-recht­li­che Kon­kur­renz zu Google? 

Die­se Situa­ti­on heißt aber nun nicht, dass die Anbie­ter machen und las­sen kön­nen, was sie wol­len. Hier ist viel­mehr Netz­po­li­tik in einem ernst gemein­ten Sinn gefragt: näm­lich als Not­wen­dig­keit, die pri­vat ange­bo­te­ne Infra­struk­tur sozia­ler Netz­wer­ke poli­tisch zu regu­lie­ren – ohne sie dabei kaputt zu machen. Stich­wor­te sind hier die Durch­set­zung von Daten­schutz, Ver­brau­cher­rech­te, aber auch die Garan­tie gewis­ser offe­ner Stan­dards. Viel­leicht auch sowas wie ein Recht, die eige­nen Daten mit­neh­men zu kön­nen – oder sie umzu­zie­hen -, wenn eine Platt­form ver­las­sen wird. Gleich­zei­tig stößt Netz­po­li­tik damit auf das Dilem­ma, auf das sie fasst immer stößt – das Netz ist glo­bal, der Natio­nal­staat lokal. Es geht also auch dar­um, Lösun­gen zu fin­den, die unter­schied­li­che recht­li­che und kul­tu­rel­le Stan­dards erlau­ben, aber trotz­dem trans­na­tio­na­le Kon­tak­te und Kom­mu­ni­ka­tio­nen ermög­li­chen und för­dern. Letzt­lich liegt hier der Kern der Sache. Dass der poli­ti­sche Lösungs­ap­pa­rat in Gang gesetzt ist – Stich­wort Enquete – ist hier nur gut. 

War­um blog­ge ich das? Weil mir »Face­book ist böse« zu platt ist, und sich an der aktu­el­len Auf­re­gung um die Daten­schutz­fra­ge bei Face­book schön zei­gen lässt, dass Teil­ha­be an der digi­ta­len Gesell­schaft letzt­lich die Regu­la­ti­on von pri­vat orga­ni­sier­ten Infra­struk­tu­ren not­wen­dig macht, die es bis­her schlicht nicht gab.

13 Antworten auf „Die Sache mit Facebook“

  1. Sehr schö­ne und sehr tref­fen­de Ana­ly­se! Die Fra­ge, wie die demo­kra­ti­sche Mit­be­stim­mung über die ›Archi­tek­tur‹ der ver­netz­ten Öffent­lich­kei­ten geför­dert wer­den kann, ist in der Tat unge­heu­er wichtig.

  2. Mir gefal­len die sozio­lo­gi­schen Erklä­run­gen und Schluss­fol­ge­run­gen in dem Arti­kel recht gut, da ich selbst von der tech­ni­schen Sei­te kom­me und mir sol­che Betrach­tungs­wei­sen daher fremd und neu sind.

    In einem Punkt möch­te ich aller­dings wider­spre­chen: Im vor­letz­ten Absatz wird die The­se auf­ge­stellt, dass sich das Pro­blem nicht tech­nisch lösen lässt. Das den­ke ich aller­dings schon. Man müss­te sozia­le Netz­wer­ke auf peer-to-peer Basis auf­bau­en. D.h. der kom­plet­te Daten­be­stand ist red­un­dant auf einem rie­si­gen Kon­glo­me­rat von Teil­neh­mern gespei­chert, jeder spei­chert eine klei­ne Par­ti­ti­on der Daten. Ich den­ke dass es mach­bar ist dass man dann mit assy­m­e­tri­scher Kryp­to­gra­phie sei­ne Daten selek­tiv frei­ge­ben kann. D.h. ein Teil­neh­mer kann die ver­schlüs­sel­te Par­ti­ti­on der Daten, die er lokal vor­hält, nicht lesen, und auch sonst nie­mand, es sei denn er hat eine Frei­ga­be. Ich hab das nicht zu Ende gedacht, von peer-to-peer Tech­nik hab ich auch zu wenig Ahnung (anders als bei Kryp­to­gra­phie), aber mei­nem tech­ni­schen Gefühl nach kann man das so rea­li­sie­ren. Hat halt noch kei­ner gemacht, oder es hat schon mal jemand gemacht und ich weiß es nur nicht.

    Will damit nur sagen, das ist ein tem­po­rä­res Pro­blem, das irgend­wann gelöst wird. Heut­zu­ta­ge hat man eine hand­voll Anbie­ter, die zen­tra­li­siert ihren Daten­be­stand haben, mor­gen hat man statt sol­cher pro­prie­tä­rer Lösun­gen ein dezen­tra­li­sier­tes offe­nes Sys­tem, an dem jeder teil­neh­men und genau fest­le­gen kann, wer wel­che Daten sieht, so jeden­falls mein Bauchgefühl.

    Wenn man sich mal mög­li­che Ana­lo­gien in der His­to­rie anschaut, z.B. Ende der 90er gab es zwei pro­prie­tä­re Brow­ser, die den Markt domi­nier­ten. Heu­te ist der eine von der Bild­flä­che ver­schwun­den (Gecko hat mit der Net­scape-Engi­ne ja nicht mehr viel gemein) und der ande­re ver­liert stän­dig Markt­an­tei­le. Wenn einem 1997/​98 jemand gesagt hät­te, dass zehn Jah­re spä­ter zwei quell­of­fe­ne Brow­ser Engi­nes den Markt vor sich her­trei­ben, wer hät­te es geglaubt?

  3. @Jan: Dan­ke! Das als Ein­for­de­rung nach demo­kra­ti­scher Mit­be­stim­mung über die Archi­tek­tur sozia­ler Netz­wer­ke zu begrei­fen, ist eine ganz inter­es­san­te Ergän­zung – ganz so weit, dach­te ich eigent­lich, bin ich gar nicht gegan­gen (son­dern hat­te eher das Bild vor Augen, dass es bestimm­te recht­li­che Nor­men geben muss …)

    @Henning: Auch dir vie­len Dank! Mal schau­en, ob das was an Kom­men­ta­ren kommt. Ist bei lan­gen Arti­keln ja manch­mal ein biß­chen fraglich ;-) 

    @Blumentopf: Hier miss­ver­stehst du mich. Dass dezen­tra­le orga­ni­sier­te peer-to-peer-social-net­works tech­nisch ver­mut­lich mög­lich sind, glau­be ich auch. Anders als beim Brow­ser­war befürch­te ich jedoch, dass sie sozio-öko­no­misch nicht durch­setz­bar sind – und zwar genau des­we­gen, weil tech­ni­sche sozia­le Netz­wer­ke dadurch stark wer­den, dass sie schon von vie­len genutzt wer­den (also Pfad­ab­hän­gig­kei­ten), um mit jeder zusätz­li­chen Nut­ze­rIn die Chan­ce auf alter­na­ti­ve Lösun­gen sinkt. Ich kann vom IE zu Fire­fox zu Chro­me wech­seln, weil mich da oder dort irgend­was über­zeugt – aber ich kann mein Kon­takt­netz­werk nicht von Face­book zu Stu­diVZ zu CCC-dezen­tral mit­neh­men, solan­ge es nicht ers­tens eine Lösung für den platt­form­über­grei­fen­den »Kon­takt­trans­fer« gibt (da wür­de ich noch gewe­sen poli­ti­sche Rea­li­sie­rungs­chan­cen sehen), und zwei­tens die Mög­lich­keit da ist, platt­form­über­grei­fen­de Kon­tak­te zu behal­ten (also mich selbst bei CCC-dezen­tral zu orga­ni­sie­ren, aber die Face­book-Updates mei­ner dort geblie­be­nen Kon­tak­te wei­ter­hin zu sehen). Der­ar­ti­ge Brü­cken­lö­sun­gen (offe­ne Stan­dards für sozia­le Netz­wer­ke) hal­te ich zwar für sehr wün­schens­wert – und für tech­nisch mach­bar – aber für öko­no­misch nicht rea­li­sier­bar, solan­ge Face­book etc. davon leben, dass sich dort die Kon­tak­te und deren Akti­vi­tä­ten sam­meln. In gewis­ser Wei­se ist ja die neue Initia­ti­ve von Face­book eine Art per­ver­se Form die­ser Brü­cke: statt dass ich als Nut­ze­rIn ent­schei­de, mit wem in wel­cher Platt­form ich ein über­grei­fen­des Netz bil­de, ent­schei­det Face­book, wel­che Platt­for­men mit in die Pfad­ab­hän­gig­keit hin­ein­ge­zo­gen werden. 

    Letzt­lich bleibt die Über­le­gung, dass ein dezen­tra­les offe­nes Sys­tem nicht unmög­lich, aber unwahr­schein­lich ist. Die Zukunft bleibt natür­lich unsi­cher – wenn über­mor­gen Goog­le Face­book auf­kauft, und es aus PR-Grün­den (Android vs. iPad …) für sinn­voll hält, ein star­kes Zei­chen für Offen­heit zu set­zen, kann die Situa­ti­on ganz anders aus­se­hen. Aber solan­ge die für die Mehr­heit der Nut­ze­rIn­nen gefühl­te Nut­zen-Auf­wand-Rela­ti­on bei einer dezen­tra­len offe­nen Lösung sehr viel grö­ßer ist als bei einer pro­prie­tä­ren, glau­be ich nicht an den Wech­sel (in gewis­ser Wei­se haben wir bei Twit­ter und Iden­ti­ca genau die Situa­ti­on – mei­nem Gefühl nach über­lebt Iden­ti­ca aber der­zeit jen­seits klei­ner Nischen als akti­ves Tool nur, weil vie­le Iden­ti­ca-Twit­ter-Brü­cken ein­ge­rich­tet haben).

  4. Es gibt sicher­li­che eine gewis­se »Träg­heit der Mas­se«, aber die Geschich­te der IT-Bran­che ist voll mit dis­rup­ti­ven Ver­än­de­run­gen, die alles umge­krem­pelt und vor­ma­li­ge Markt­be­herr­scher ihrer Rol­le weit­ge­hend beraubt haben.

  5. Trotz­dem: rich­tig grund­le­gen­de und dis­rup­ti­ve Para­dig­men­wech­sel gibt’s in der Geschich­te der IT-Bran­che auch nur eine Hand­voll*. Ob Face­book in ein paar Jah­ren noch Face­book ist oder Glo­balVZ heißt, spielt kei­ne Rol­le – aber in der Ver­bin­dung »tech­ni­scher« Fak­to­ren und bestimm­ter sozia­ler Mecha­nis­men hal­te ich hier Para­dig­men­wech­sel für unwahrscheinlich.

    * So aus dem Bauch raus: Groß­rech­ner, Ter­mi­nals, Per­so­nal­com­pu­ter, Fenster+Multitasking, Inter­net, WWW, »Web 2.0«, Net­books & Smart­pho­nes – und die Text­ver­ar­bei­tung, mit der ich nor­ma­ler­wei­se schrei­be, heißt »Word 2000« (böses Outing, ist in ihren Grund­zü­gen sicher 25 Jah­re alt) – und läuft auf einem Rech­ner mit einem Betriebs­sys­tem, das eben­falls selbst schon deut­lich län­ger als zehn Jah­re auf dem Markt ist, und auf einer Archi­tek­tur läuft, die wie­der­um bis in die 80er zurück­geht … und die für den Mail­ver­kehr gül­ti­gen Standards … 

  6. Mit Ver­laub, Kom­men­ta­re a la »Mir fal­len nur eine hand­voll dis­rup­ti­ve Tech­no­lo­gien ein und schließ­lich arbei­te ich ja auch noch mit Word 2000 und des­halb kann ich mir nicht vor­stel­len dass Face­book mal von was ande­rem abge­löst wird« (so liest sich das für mich) zeu­gen von einem schma­len Hori­zont wie ich ihn gera­de in die­sem Blog zuletzt erwar­tet hät­te, und laden nicht eben dazu ein, hier wei­te­ren Input bei­zu­steu­ern. Nichts für ungut.

  7. Das Argu­ment ist nicht, dass ich mit Word 2000 arbei­te, und des­we­gen alles so bleibt, wie es ist, son­dern das Argu­ment ist, dass sich (mei­nem Emp­fin­den nach …) die Hard­ware-/Soft­ware-Genera­tio­nen­wech­sel­ge­schwin­dig­keit seit eini­gen Jah­ren deut­lich ver­lang­samt hat. Ob das tat­säch­lich so ist, wäre empi­risch zu über­prü­fen. Die Pro­ble­me, die Micro­soft damit hat, Vista/​Windows 7 als neu­en Stan­dard durch­zu­set­zen, sehe ich aber als ein Indiz dafür. 

    Und selbst da, wo sich etwas tut (also z.B. im Linux­be­reich, oder bei OS X, wenn wir mal bei Betriebs­sys­te­men blei­ben wol­len) – ist das inzwi­schen eher inkre­men­tell als dis­rup­tiv*. Oder?

    Aber viel­leicht ist das ja auch eine völ­lig fal­sche Sicht­wei­se, die was damit zu tun hat, dass sich die Soft­ware­um­ge­bung, die ich pri­vat nut­ze, im letz­ten Jahr­zehnt nur wenig geän­dert hat (neben neu­en Brow­ser­ver­sio­nen und – etwas wei­ter gefasst – Apps wie Wor­d­Press ist eigent­lich alles, was ich an Soft­ware regel­mä­ßig nut­ze, min­des­tens fünf Jah­re alt …). Oder ich bin inzwi­schen alt genug, um in den »mei­ne Genera­ti­on kann­te nur das«-Kulturpessimismus zu ver­fal­len. Wie dem auch sei: gegen eine Hori­zont­er­wei­te­rung habe ich nichts.

    * Ich fin­de es übri­gens lus­tig, wie IT-fixiert die Wiki­pe­dia-Sei­te zu dis­rup­ti­ven Tech­no­lo­gien ist; ich ken­ne den Begriff auch aus ande­ren Zusam­men­hän­gen … wie lei­der so oft ist en.wikipedia deut­lich informativer …

  8. @Till Das Pos­ting gefällt mir sehr gut, auch wenn ich es lang ist.
    Ich fra­ge mich aller­dings ein wenig, ob die Nut­zungs­um­schrei­bung der Pfle­ge der »weak ties« nicht viel­leicht zu ein­sei­tig ist und ob ande­re Nut­zer­krei­se (weni­ger poli­ti­sche bei­spiels­wei­se) Face­book anders nutzen.
    Für mich per­sön­lich hat Face­book meh­re­re Funk­tio­nen, zu denen einer­seits sicher die pfle­ge von »weak ties« gehört. Aber ich kann bei­spiels­wei­se auch sehr dosiert Din­ge mit­tei­len, die mich gera­de beschäf­ti­gen. Ich kann mit­er­le­ben wie mei­ne klei­ne schwes­ter gera­de in die puber­tät durch­star­tet. Oder ich kann ganz ein­fach Zeit ver­teu­feln und den­ken, immer­hin habe ihc was über Freun­de oder Bekann­te erfahren …
    Ansons­ten gebe ic hdir völ­lig recht

    1. @jw: Einer­seits hast du sicher recht: es ist sehr wahr­schein­lich, dass unter­schied­li­che Nut­zer­grup­pen Face­book unter­schied­lich nut­zen. Ande­rer­seits kommt es bei mir viel­leicht auch ein biß­chen drauf an, was unter »Pfle­ge von weak ties« ver­stan­den wird. Und so, wie ich das hier ver­wen­de, wür­de letzt­lich auch das Infor­miert­sein dar­über, wie die – ent­fernt leben­de – Schwes­ter die Puber­tät durch­macht, oder das Zeit-damit-ver­brin­gen-Tratsch-über-Bekann­te-zu-lesen zur »Pfle­ge« von weak ties gehö­ren. Nicht im Sin­ne einer akti­ven Pfle­ge, eher im Sin­ne einer Auf­recht­erhal­tung der Par­ti­zi­pa­ti­on an kol­lek­ti­ven Hintergrund-Wissensbeständen.

  9. Hmm, ob ich hier über­haupt rich­tig bin? Schließ­lich bin ich nicht ein­mal bei Face­book regis­triert und muss­te erst nach­schla­gen, dass »weak ties« lose Bekannt­schaf­ten sind. Bin ich so gese­hen weder nati­ve noch immi­grant son­dern »ali­en«?
    Dabei bin ich kein Anti-FB’­ler, son­dern nur nicht über­zeugt, dass eine Mit­glied­schaft mir per­sön­lich Net­to­nut­zen bie­tet. Daten­schutz­be­den­ken ste­hen da auf der Kos­ten­sei­te und wer­den gera­de nicht weniger.

    Ich mei­ne, man könn­te im Kampf um bes­se­ren Daten­schutz schon ein Stück weit auf die Macht der Nut­zer bau­en. Die immer­hin haben FB dazu gebracht, sei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen nicht mehr »on-the-fly« zu ändern, son­dern, wie Till oben erwähnt, im »Dia­log mit der Com­mu­ni­ty«. Ande­rer­seits sehe ich ein, dass ein Boy­kott für etli­che Nut­zer­grup­pen gar kei­ne Alter­na­ti­ve ist und FB als Platt­form für rele­van­te gesell­schaft­li­che Pro­zes­se unver­zicht­bar ist. So gese­hen fin­de auch ich es klas­se, dass sich die Pro­test-Grup­pe „Face­book Pri­va­cy Con­trol – NOW!“ des Pro­blems sozu­sa­gen von innen annimmt.

    Und der Staat als Regu­lie­rer? Mir will nicht in den Kopf, dass jeder e‑Com­mer­ce-Anbie­ter ein (seriö­ser­wei­se dop­pel­tes) Opt-in für den Ver­sand von News­let­tern braucht, FB aber Pro­fil­da­ten an kom­mer­zi­el­le Nut­zer wei­ter­ge­ben kann, solan­ge Nut­zer nicht aus­drück­lich wider­spro­chen haben (Opt-out). Wenigs­tens die­sen recht­li­chen Rah­men müss­te man doch schaf­fen kön­nen, oder?

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