Der Fortschritt der SPD. Eine Exegese

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Ich gebe zu: einen Moment lang war ich ziemlich erschrocken, als ich gelesen habe, dass die SPD jetzt auch in Fortschritt machen will. Erschrocken vor allem deswegen, weil ich mir seit geraumer Zeit Gedanken darüber mache, dass es doch eigentlich dringend notwendig wäre, mal eine grüne Debatte darüber zu initiieren, was denn nun eigentlich unser Verhältnis zum Fortschritt sei.

Das Erschrecken hat sich dann allerdings schnell wieder gelegt. Zum einen, weil mir wieder eingefallen ist, dass die SPD und ihr derzeitiger Chef gerne an den Glanz der industriellen Vergangenheit denken, wenn sie vom Fortschritt reden. Und zum anderen, weil sich bei rotstehtunsgut nicht nur nachlesen lässt, dass die 43 Seiten Programmentwurf eigentlich recht harmlos sind, und weil sich dort auch gleich ein Link zum Entwurf selbst findet, der bei der Süddeutschen Zeitung geleakt wurde (pdf). Und in dem sich nochmal nachlesen lässt, was die SPD meint, wenn sie einen »neuen Fortschritt« will.

Ach ja: dass es in dem Programmentwurf nicht ums Internet geht, ist nur für SPD-nahe Bestandteile der Netzgemeinde überraschend. Um es mal etwas böse auszudrücken. Aber darum geht es mir nur am Rande.

Teil I. Die Abkehr der SPD vom alten Fortschrittsbegriff

Mich interessiert mehr, was die SPD denn nun unter Fortschritt versteht. Dazu zunächst einmal ein paar Sätze aus der Einleitung des geleakten Entwurfs:

Die Sozialdemokratie ist seit ihren Anfängen Partei des gesellschaftlichen Fortschritts. […]

Aber im Gegensatz zu den Liberalen und den Konservativen setzten sich Sozialdemokraten von Anfang an dafür ein, diesen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt zu gestalten und die Früchte des Fortschritts gerecht zu verteilen. Fortschritt war für Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten immer ein gesellschaftlicher Fortschritt: zu mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr Solidarität. Wirtschaftlicher und technischer Fortschritt sollten allen zu Gute kommen: als Befreiung von unzumutbaren Arbeitsbedingungen ebenso wie für einen höheren allgemeinen Lebensstandard und wachsende soziale Sicherheit. […]

Dieses alte Fortschrittsmodell ist brüchig und widersprüchlich geworden. Es bringt Verunsicherung statt Hoffnung, gerade dort, wo es früher als Versprechen an ganze Generationen gewirkt hat. Der Fortschritt, den wir erleben, ist entkoppelt – von der Verbesserung von Lebensqualität und Einkommen und der Sicherung von Nachhaltigkeit und Mitsprache. […]

Seit Anfang der 70er Jahre sind die Zweifel gewachsen, ob das bisherige Fortschrittsmodell auf Dauer mit den natürlichen Lebensbedingungen auf der Erde vereinbar ist. Seit Mitte der 80er Jahre haben immer weniger Menschen einen gerechten Anteil am Fortschritt, weitet sich die Kluft zwischen Arm und Reich.

Soweit sieht das erstmal prima aus: die SPD vollzieht endlich die Diskussionen der Neuen Linken und der Öko-Bewegung der 1980er Jahre nach und sieht ein, dass das »bisherige Fortschrittsmodell«, bei dem es nur darum ging, das technisch-wirtschaftliche Wachstum gerecht umzuverteilen, in Frage gestellt werden muss. (Ich muss jetzt nicht dazu sagen, dass diese – damals fehlenden – Einsichten in den 1980er Jahren zur Gründung der grünen Partei geführt haben, oder?)

Auf den folgenden Seiten der Einleitung erklärt die SPD dann noch einmal ausführlicher, dass »Fortschritt in Verruf« geraten sei, und dass es zwar aus diversen Krisen und Transformationserscheinungen heraus eine massive Kritik am (kapitalistischen) Fortschritt, aber keine Weiterentwicklung des Fortschrittsbegriffs selbst. Das sei Aufgabe der SPD.

Zugleich scheint es noch einmal so, als sei die alte sozialdemokratische Partei einsichtig:

Der Kern des traditionellen sozialdemokratischen Fortschrittsversprechens – die Verbindung von technologischer Erneuerung und wirtschaftlichem Erfolg mit steigendem individuellem und gesellschaftlichem Wohlstand, sozialer Sicherheit und demokratischer Teilhabe für die gesamte Gesellschaft – erscheint gebrochen.

Dann jedoch wird es seltsam. BürgerInnen zeigen in der Analyse der SPD drei Reaktionsmöglichkeiten auf den fragwürdig gewordenen Fortschritt. Sie können (konservativ) ihre Privilegien verteidigen, (neoliberal) auf die individuelle Flexibilität setzen oder (klischeehaft grün) pessimitische Ängste äußern. Findet die SPD alles nicht gut, sondern will endlich mal wieder eine positive Haltung zum Fortschritt. (Anders gesagt: alles Fortschrittsfeinde außer Mutti Tante SPD).

Das heißt dann so:

Die für eine dynamische, wirtschaftlich und sozial erfolgreiche Gesellschaft unverzichtbaren Projekte und Veränderungen werden immer seltener die Zustimmung der Bevölkerung finden, wenn es bei dieser skeptischen Grundhaltung gegenüber der politischen Gestaltungskraft von Fortschritts- und Veränderungsprozessen bleibt.

Damit meint die SPD zum Beispiel die »skeptische Grundhaltung« gegenüber Verkehrsprojekten wie »S21″. Nur um das klarzustellen. Gleichzeitig klingt es so ein bißchen nach dem alten Kommunikationsproblem: Die Gesellschaft soll doch bitte endlich einsehen, dass unsere Politik richtig ist, und wenn sie das nicht einsieht, dann stimmt was an der Kommunikation nicht, aber es kann nicht an der Politik liegen. Nein, nein, nein.

Fast schon wieder vernünftig dagegen die Relativierung, die dem Bekenntnis zum Fortschritt folgt. Erst heißt es:

Wir Sozialdemokraten teilen einen solchen Pessimismus nicht. Wir halten auch weiterhin gesellschaftlichen Fortschritt für notwendig und möglich – national wie europaweit und international. Unsere Gesellschaft bleibt gestaltbar und nichts ist vorherbestimmt. Die Zukunft ist offen.

Schön daran zunächst mal, dass die SPD inzwischen die grüne Grundeinsicht einer gestaltbaren (und gestaltungsnotwendigen) Zukunft teilt. Ob das dann noch mit dem Begriff »Fortschritt« sinnvoll zu fassen ist, sei einmal dahingestellt.

Auch der nächste Satz klingt richtig grün:

Allerdings stellen wir uns der Notwendigkeit, das bisherige Fortschrittsmodell zu verändern. Jeder Fortschritt ist neu, aber nicht alles Neue ist Fortschritt. Die unübersehbaren ökologischen Grenzen einer auf Natur- und Rohstoffverbrauch ausgerichteten Industrialisierung zwingen zur Modernisierung unseres Fortschrittsverständnisses.

Damit wären wir dann endlich bei der Überschrift des Programms angelangt. Die SPD will einen »neuen Fortschritt«, der sich vom alten Fortschritt, dem sie bisher angehangen hat, unterscheiden soll. Darüber, wie dieser neue Fortschritt aussehen soll, will die SPD in einer breiten gesellschaftlichen Debatte reden. Gute Idee! (Allerdings muss natürlich, ein paar Sätze weiter, »sozialdemokratische Politik« die Richtung des neuen Fortschrittsprojekts bestimmen. Ach so war das mit dem »offen darüber reden« gemeint …)

Zwischenfazit: Auch wenn nicht so ganz klar ist, warum eine offene Debatte mit der Gesellschaft notwendig sein sollen, wenn die Richtung des »neuen Fortschritts« doch von der SPD vorgegeben wird, gibt es zumindest mal ein paar Pluspunkte dafür, dass das Grundproblem des »alten Fortschritts« (nicht nur der SPD) benannt wird und viele grüne Ideen aufgegriffen werden. Ein gestaltbarer Fortschritt ist besser als ein größer-besser-neuer-Wachstum-um-jeden-Preis-Fortschritt, auch wenn bei mir ein semantisches Unbehagen verbleibt: Warum soll dieses Zukunftsprojekt, Politik zu stärken und über gesellschaftliche Entwicklungsziele zu reden, mit dem »Fortschrittsbegriff« (Fortschritt weg von was?) und seiner inhärenten Eindimensionalität verknüpft werden?

Umso mehr interessiert jetzt natürlich, wie die SPD diese große Geste inhaltlich ausfüllen möchte.

Teil II. Worauf überall das Etikett »neuer Fortschritt« geklebt werden kann

Zunächst einmal werden sieben Adjektive mit dem »neuen Fortschritt« verknüpft. Dazu gehört eine längere Ausführung zum Thema »qualitatives Wachstum ist vielleicht doch besser als nur wirtschaftliches Wachstum, aber wir tun uns schwer damit, auch wenn wir’s wollen«, ein kleines Bekenntnis zur Nachhaltigkeit, ein klares Bekenntnis zur technischen Lösbarkeit gesellschaftlicher Probleme (»Nachhaltigkeit braucht eine dritte industrielle Revolution« – das Adjektiv heißt »innovativ«), zum sozialdemokratischen Fortschritt gehört natürlich auch »gute Arbeit« (und »gutes Leben«, wobei das in den Ausführungen auf S. 10 des Entwurfs eigentlich nur in der Überschrift vorkommt, und sonst dann doch wieder auf Teilhabe an Arbeit reduziert wird), dann soll auch der neue Fortschritt unbedingt allen zu Gute kommen (»sozial und gerecht«), ein bißchen Europa und »grüne Revolution« kommt auch noch dazu (»Fortschrittsskepsis ist gefährlich angesichts der Milliarden von Menschen, die ihren langen Marsch zu Wohlstand eben erst angetreten haben.«) und schließlich soll das ganze »demokratisch« ablaufen – gemeint ist damit, Parlamente statt Märkte sollen Entscheidungen treffen, zu weitergehenden individuellen Partizipationsmöglichkeiten keine Ideen auf S. 11.

Upps, langer Satz. Interessanter als die angeklebten Etiketten an den neuen Fortschrittsbegriff der SPD ist das, was nicht dabei steht. Um das nochmal zu betonen: Nachhaltigkeit wird zwar groß geschrieben, aber unter den Vorbehalt gestellt, dass wirtschaftliches Wachstum nur ein bißchen in Frage gestellt werden darf. Eine Debatte über neue Lebensstile oder Suffizienz taucht nicht auf (weder beim »guten Leben«, das eben doch nicht vorkommt, noch bei der Frage, wie globaler Wohlstand eigentlich sinnvoll aussehen kann, wenn er denn nachhaltig sein soll). Leben wird auf Arbeit reduziert, entsprechend Demokratie auf die Frage »Markt oder Parlament«. Hier jedenfalls noch keine Umsetzung des oben noch geforderten gesellschaftlichen Dialogs. Und bei den Innovationen bleibt trotz aller eingangs beschworenen Ideen eines sozialen Fortschrittsbegriffs letztlich doch vor allem die technische Innovation übrig.

Also, viel richtiges, aber noch viel mehr, was auch richtig und wichtig wäre, wenn es darum ginge, einen grundlegend an Nachhaltigkeit und der Begrenzung der Ressourcen »Fortschrittsbegriff« (oder irgendein Zukunftsbild) zu formulieren, das zugleich den Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe für alle einlösen soll. Da springt die SPD mir zu kurz (was ja auch gut ist, weil sich damit schon eine erste Unterscheidung zum Original vieler dieser Ideen ergibt).

Die restlichen 30 Seiten des Programmentwurfs füllt die SPD dann mit einer Konkretisierung dieser Ideen. Auch da ist es mindestens so interessant, zu sehen, was nicht unter dem Etikett des »neuen Fortschritts« aufgeführt wird wie das, was laut SPD dazugehört. Die mit dem »neuen Fortschritt« verbundenen »neuen Wege für Deutschland« der SPD sind – und hier hangele ich mich einfach mal an den Überschriften lang – auf sechs große Punkte verteilt. Und da macht schon ein Blick auf die Reihenfolge und den Umfang deutlich, wo die SPD ihre Kernkompetenzen gerne sehen würde.

1. »Neuer Fortschritt« wird mit »Wirtschaft, Arbeit und Beschäftigung« in Verbindung gebracht, auf sieben Seiten geht es um »nachhaltige Investitionskonjunktur« (hieß früher »Wachstum«), um die Struktur des europäischen Binnenmarkts, um die Währungskrise und die Finanzmärkte und um etwas, was die SPD »intelligente Industriepolitik« nennt. Gemeint ist mit letzterem: Vollbeschäftigung, ein Verbleib der gesamten industriellen Produktionskette in Deutschland, die Förderung von Nachhaltigkeitstechnologien als Wirtschaftsfaktor. Ja, sogar »Rohstoffpipelines« (und als Gegenstück dazu »qualifizierte Fachkräfte« und eien »Forschungslandschaft«) werden erwähnt – kurz: der fordistische Traum mit einem grünen Mäntelchen. (Dienstleistungsgesellschaft, war da mal was?) Ach ja, noch ein Punkt: das ganze, die europäische und deutsche Wirtschaftspolitik als Industriepolitik soll natürlich gewerkschaftlich-korporatistisch ausgedealt werden. Bei der SPD: »Ein Fortschrittskonsens braucht Wirtschaftsdemokratie.« Da geht’s zwar auch um die Förderung von Genossenschaften, vor allem aber um gewerkschaftliche und betriebsrätliche Mitbestimmungsrechte. (Sagte da jemand was von Schröders Deutschland-AG? Und seit wann ist die für ihre Abteilung »gesellschaftlicher Fortschritt« bekannt?)

2. Das zweite SPD-Thema ist »Gerechtigkeit«. Dafür werden 10 von 43 Seiten verwendet. Auch hier viel richtiges, aber nichts, was ich als großen Wurf in Richtung »neuer Fortschritt« sehen würde. Bildung und Teilhabe, die Frage, wie das Steuersystem aufgebaut sein muss, um gerecht zu sein (Kernsatz: »Eine gerechte Steuerpolitik muss durch Umverteilung der staatlichen Belastungen auch finanzielle Spielräume für eine spürbare Entlastung der mittleren und unteren Einkommensgruppen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eröffnen.«), Abbau der Lohnnebenkosten, zumindest eine Reform des Ehegattensplittings, ein paar Sätze zum Lohnabstand zwischen Normalverdienerhaushalten mit mehreren Kindern und dem Sozialhilfeniveau. Aber es geht nicht nur um Steuern, sondern auch um den zu erhaltenden Sozialstaat (Bürgerversicherung, Verbeserungen im Gesundheitswesen, hier zumindest kein Wort zu Hatz-IV und was damit weiter geschehen soll). Und dann: Bildung, Bildung und Integration, Integration.

3. Fortschritt für die SPD ist immer noch (auch wenn »neu« dran klebt) »gute Arbeit und guter Lohn«. Das »gute Leben« ist hier schon gar nicht mehr genannt (na gut, ganz am Schluss wird die 35-Stunden-Woche gelobt). Die Arbeitsgesellschaft lebt dafür weiter. Acht Seiten gibt es dafür. Die Inhalte sind erwartbar: gute Arbeitsbedingungen, eine neue Humanisierungsdebatte – sicher sinnvoll. »Wir müssen Recht und Ordnung auf dem Arbeitsmarkt wieder herstellen.« (damit ist der Kampf gegen Flexibilisierungen, neue Arbeitsformen und Graubereiche zwischen Leben, Selbstständigkeit und angestellter Beschäftigung gemeint). Ausbildung und Qualifizierung, denn mit guten Fachkräften macht man nichts falsch. An die Stelle der 35-Stunden-Woche rücken Arbeitszeitkonten, und ganz große Neuerung für das alte fordistische Modell: auch Mutti soll arbeiten können (na gut, Vereinbarkeit für Väter und Mütter, finde ich ja auch wichtig).

Nach den drei wichtigen Themen (WachstumIndustriekonjunktur, Arbeit und Steuerpolitik) kommt dann der Teil mit dem Gedöns, äh, den zentralen Grundlagen für »neuen Fortschritt«. Als da wären:

4. Nachhaltigkeit. Huh, Überraschung! Dafür gibt’s immerhin fünf Seiten. Auf denen steht: »Ohne Ökologie und Nachhaltigkeit kann es keinen ökonomischen Fortschritt geben.« (aber: Energie für Wachstum wird weiter gebraucht). Also, weiter Wachstum, aber »Umbau der Industriegesellschaft« (der Begriff ist übrigens ein Zitat aus einem grünen Programm von, wenn mich nicht als täuscht, 1986 (pdf) – schön, dass die sozialdemokratischen FreundInnen inzwischen auch so weit sind – ich muss allerdings zugeben, dass die Debatte bei uns inzwischen ein bißchen vorangeschritten ist). Also: »Umbau der Industriegesellschaft«, grüne Jobs usw. Konkret: statt BIP einen anderen Indikator für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wählen (sinnvoll), Energiewende (prinzipiell sinnvoll, aber bei den SozialdemokratInnen gehört – wegen dem Strompreis – auch der Bau von modernen Kohlekraftwerken dazu!), und schließlich »ökologische Industriepolitik« (Sammelsurium, zusammenfassbar vielleicht unter »industriegesellschaftliche Strukturen sollen jetzt mal Öko machen«, oder: für die Deutschland AG soll’s jetzt auch ein Geschäftsfeld »green technologies« geben). Und das war’s dann auch schon mit der Nachhaltigkeit. Und der Umwelt. Verkehr? Naturschutz? Biodiversität? Agrarpolitik? Nicht so wichtig, wenn nur der industrielle Kern grün angemalt wird.

5. Am Schluss dann schnell noch zweieinhalb Seiten zu Europa und globaler Gerechtigkeit und …

6. … zwei Seiten zum Thema »Krise der repräsentativen Demokratie«. Die gelöst werden soll durch …

Was wir brauchen, ist eine neue Vertrauensbildung zwischen den Menschen in unserem Land und den politischen Institutionen. Wir brauchen mehr Beteiligungs- und Sachorientierung. Wir brauchen gelebte Demokratie.

Allerdings: »Wir sind uns bewusst, dass der hier beschriebene Weg der Reform unserer Gesellschaft die aktive Beteiligung der Bürger voraussetzt.« Mist aber auch. Deswegen sollen »Bürger« »stärker und rechtzeitiger« beteiligt werden. Auf allen Ebenen. Aber: »Zur parlamentarischen Demokratie gibt es keine Alternative.« Sprich: wir hören mal zu, entscheiden sollen aber letztlich die großen sozialdemokratischen Fraktionen in den Parlamenten. Eben, wie in der Glanzzeit der deutschen Sozialdemokratie. Entspricht gibt es recht hohe Hürden für Volksentscheide, die begrüßt werden. Und auch die Jugend, die Gewerkschaften und die SPD-Ortsvereine sollen in die Debatte einbezogen werden.

Fazit

Damit endet der (zuerst den Medien und dann den demokratisch gewählten SPD-Gremien zugespielte) Entwurf, und, weil ich jetzt schnell zum Kindergarten muss, auch diese Exegese. Noch eine Minute zum SPD-Fortschrittsbegriff. Mein Eindruck: der Text fängt damit an, große Erwartungen zu schüren (»Modernisierung unseres Fortschrittsverständnisses«), baut auf der inzwischen gesellschaftlich tief verankerten Fortschrittskritik der neuen sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre auf, nennt wichtige Ansprüche daran, wie Gesellschaften mit Zukunft umgehen sollten – und verliert dann auf halber Strecke die Lust, was anderes zu machen als eine Aufzählung der alten und wenig fortschrittlichen sozialdemokratischen Programmatik. Mag sein, dass in der einen oder anderen Zeilenlücke noch von mir übersehene soziale Innovationen stecken – aber der große Wurf ist das nicht. Oder glaubt die SPD ernsthaft, mit der grün getünchten Deutschland-AG, dem Festhalten am schon lange nicht mehr existenten Bild der Normalarbeit und ein paar Pflicht-Seiten am Schluss zu Nachhaltigkeit und Demokratie »neuen Fortschritt« definieren zu können?

Warum ich das blogge? Na, für die offene Debatte, die sich die SPD so wünscht.

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15 Antworten auf Der Fortschritt der SPD. Eine Exegese

  1. vera sagt:

    YESSS. Nur schade, daß die SPD das nicht mitkriegen wird. Oder – drucks doch aus und fax es ihnen …

  2. Willst Du den Artikel bei uns auf vorwaerts.de veröffentlichen?

  3. Till sagt:

    @vera: Wenn ich den zweiten Kommentar richtig verstehe, haben zumindest Teile der SPD das mitgekriegt ;-)

  4. Pingback: F!XMBR

  5. MNB sagt:

    Schade um die Mühe. Wer reitet ein totes Pferd wie die SPD? Die ist genauso tot wie die Linkspartei. Es fehlt jegliches Thema für eine Wechselstimmung jenseits des kleineren Übels, geschweige denn überhaupt eine Strategie für die Zukunft.

    Die Übernahme in den »Vorwärts« spricht übrigens Bände, wenn ein Albrecht Müller dort rausfliegt. Prädikat: harmloses Papier, die Kritik hätte schärfer ausfallen dürfen, ohne dabei überziehen zu können.

    Als Vertriebler (Industrie) muß ich sagen: was mir auf 1 Seite nicht erklärt werden kann, ist auf 40 Seiten auch nicht zu schaffen. Wer von der inner- und überparteilichen Wählerschaft tut sich 43 Seiten an???

    Ich will nicht immer nur das kleinere Übel! ;)

  6. Albrecht Müller hat lange Zeit für uns Kolumnen geschrieben und er ist nach wie vor mit dem vorwärts Kontakt – zuletzt war er Gast auf dem vorwärts Stand auf der Frankfurter Buchmesse:

    http://www.vorwaerts.de/artikel/wir-sind-hemmungslose-aufklaerer

    Von »rausfliegen« kann also keine Rede sein.

  7. Till, übrigens, wenn Deine Statistik bzgl der Leser des Artikels stimmt, dann wurde die Leserschaft dieses Artikels durch die Veröffentlichung auf vorwaerts.de deutlich vervielfacht! ;-)

    Lg
    Karsten

  8. Till sagt:

    @Karsten: die Zahlen oben stimmen (auch wenn jedes Statistiktool andere ausspuckt) – allerdings muss ich die Hoffnung, dass es vorwaerts.de war, enttäuschen: der größte Teil der zusätzlichen Zugriffe kam über fixmbr und dadurch, dass ich im Blog der baden-württembergischen Grünen auf den Text hier verlinkt habe. Die laut Referrer über vorwaerts.de kommende Zahl der Zugriffe liegt deutlich hinter Twitter, Faxebook, fixmbr, dem grünen BaWü-Blog und rivva – wundert mich etwas, ist aber so.

  9. Jan sagt:

    Hallo Till. Schöner Blog (vorhin entdeckt), schöner Artikel. Ich bin nicht sicher, ob das mit den automatischen Trackbacks (oder wie die heißen ;) so klappt, daher hier ein Link zu meiner Auseinandersetzung mit Deinem Text:

    http://ecospin.wordpress.com/2011/01/15/die-spd-im-grunen-mantelchen/

    Viele Grüße,

    Jan

    • Till sagt:

      Danke für die Kommentierung – die darin enthaltene Idee einer gewissen Aufgabenteilung für eine, hm, durchsetzbare ökologische Modernisierung finde ich ja durchaus richtig. Nur wird’s dann schwierig, wenn aus »ein bißchen langsamer und mit Wachstum für alle« und »schnell, weitgehend und durchaus auch mit Suffizienz-Förderung verbunden« ein gemeinsames Regierungsprogramm gestrickt werden soll. Aber das ist wohl das Brot von Koalitionsregierungen.

      Nebenbei: kannte dein Blog bisher ebenfalls noch nicht, sieht aber spannend aus – ich schaue mich mal drin um.

      (Trackbacks funktionieren bei mir tatsächlich nur manchmal – wüsste gerne, warum …)

  10. Jan sagt:

    Naja, aber das impliziert ja, dass die Grünen, wenn sie eine absolute Mehrheit hätten (mal angenommen) von null auf 100 die Wirtschaft umkrempeln könnten oder würden. Das ist ja dann auch nicht wirklich anzunehmen. Auch die Grünen haben doch mittlerweile ein beachtliches Maß an konservativen Idee internalisiert und sind längst nicht mehr so radikal. Eine »schnelle und weitgehende« Anpassung an die Perspektiven von Rohstoffknappheit und Klimawandel sollte man auf jeden Fall anstreben. Wenn aber hinterher nicht alles gleich klappt, muss man sich auch nicht wundern, denn eine gewisse Trägheit ist unserem System eben zu eigen. Das ist nicht immer nur alles die Schuld der SPD ;)

  11. @TillIch meinte damit, dass die Anzahl der Leser, die auf vorwaerts.de Deinen Kommentar gelesen hat, die Leseranzahl hier übertrifft und dazu geführt hat, dass Dein Artikel noch weiter verbreitet wurde. Ich hoffe Dich freut das!

    @Jan – willst Du der Vollständigkeit halber deinen Blogbeitrag auch bei vorwaerts.de veröffentlichen? Fände ich sehr gut!

    Viele Grüße
    Karsten

  12. Till sagt:

    @Jan: Klar, auch das grüne Programm ist nach 30++ Jahren eines, das auf Umsetzbarkeit gepolt ist, und das ist auch gut so. Relativ zu dem gesehen, wozu die SPD sich grade durchringt (wenn aus dem Entwurf dann Ende des Jahres ein Programm werden sollte, gibt ja auch noch einen Gegenentwurf eines der linken SPD-Flügel – habe ich noch nicht gelesen – und vielleicht auch Reaktionen auf die Reaktionen), stimmt meine Beschreibung aber schon. Oder? ;-)

    @Karsten: Ah, so macht das Sinn – und freut mich natürlich (auch wenn offensichtlich nur wenige vorwaerts.de-LeserInnen dann den Weg in mein Blog finden ;-))

  13. Pingback: In eigener Sache: Leistungsbilanz 2011 | till we *)

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