Das Ende vom U

Seit dem 11.07.2012 ist das baden-würt­tem­ber­gi­sche Gesetz zur Wie­der­ein­füh­rung der Ver­fass­ten Stu­die­ren­den­schaft in Kraft. Ein Gesetz, das bei RCDS und LHG auf ätzen­de Kri­tik gesto­ßen ist, von der Lan­de­sas­ten­kon­fe­renz dage­gen kri­tisch begrüßt wur­de (also eigent­lich fin­den sie’s schon toll, aber es gibt jede Men­ge Detail­re­ge­lun­gen, die auf Kri­tik sto­ßen). Ich will jetzt an die­ser Stel­le gar nicht auf die Pros und Con­tras der baden-würt­tem­ber­gi­schen Lösung ein­ge­hen – viel­leicht mit Aus­nah­me der Fest­stel­lung, dass eine Beson­der­heit des hie­si­gen Geset­zes sicher­lich die Tat­sa­che ist, dass die Stu­die­ren­den vor Ort auf­ge­for­dert sind, sich für jeweils ihre Hoch­schu­le die pas­sen­de »Orga­ni­sa­ti­ons­sat­zung« aus­zu­den­ken. Das kann das klas­si­sche Modell aus Stu­die­ren­den­par­la­ment und AStA sein, es kann aber auch ein ganz anders gela­ger­tes Modell sein. 

Dass das Gesetz die­se Fle­xi­bi­li­tät eröff­net, hat auch etwas mit der hoch­schul­po­li­ti­schen Geschich­te der letz­ten Genera­ti­on in Baden-Würt­tem­berg zu tun. 1977/​78 wur­den die Ver­fass­ten Stu­den­ten­schaf­ten auf­ge­löst. Hin­ter­grund war damals die Angst der CDU vor dem »lin­ken Sumpf«, der in den Hoch­schul­ver­tre­tun­gen ver­mu­tet wur­de. Viel­leicht gab es da ja sogar Sym­pa­thi­san­tIn­nen für die RAF! Die dama­li­ge Fil­bin­ger-Regie­rung demons­trier­te Här­te. Damit begann ein über 30 Jah­re andau­ern­der Zustand der »außer­par­la­men­ta­ri­schen« Exis­tenz für die ASten in Baden-Württemberg.

Ich neh­me an, dass das letzt­lich eher dazu geführt hat, dass sozia­le Bewe­gun­gen und kri­ti­sche Dis­kur­se aus den Hoch­schu­len und Insti­tu­tio­nen her­aus ver­la­gert wur­den – und dass, jetzt ganz weit sprin­gend, die Ablö­sung der CDU-Regie­rung vor gut einem Jahr durch­aus auch etwas mit der Angst der Regie­rung vor kri­ti­schen Bür­ge­rIn­nen an den Hoch­schu­len Ende der 1970er Jah­re zu hatte. 

Aus eige­ner Ansicht ken­ne ich vor allem das Frei­bur­ger u‑Modell (u wie »unab­hän­gig«). Das ist (wie mir auf der gest­ri­gen Fest­ver­an­stal­tung des u‑asta zu sei­ner bal­di­gen Auf­lö­sung noch ein­mal in dem schö­nen Fest­vor­trag von Lenn­art Lein vor Augen geführt wur­de) tat­säch­lich ein Modell, das seit 1977/​78 exis­tiert. Nicht in der heu­te bekann­ten Form, aber in Form des Ver­eins »Kas­se der Stu­die­ren­den e.V.« (den es bis heu­te gibt und dem ich auch mal qua Amt ange­hör­te), und als Instanz, die die gan­zen Jah­re hin­durch auf Mehr­hei­ten im offi­zi­el­len »KAS­trA« set­zen konnte. 

Anfangs war der u‑asta ein Modell mit Stu­die­ren­den­par­la­ment und AStA, in dem Grup­pen wie MSG Spar­ta­kus, die jung­de­mo­kra­ti­sche Libe­ra­le Hoch­schul­grup­pe oder die Gewerk­schaf­ten ver­tre­ten waren. For­mal gab es das unab­hän­gi­ge Stu­die­ren­den­par­la­ment bis zur Sat­zungs­re­form Ende der 1990er Jah­re kurz vor mei­ner eige­nen Vor­stands­amts­zeit im u‑asta. Fak­tisch muss es irgend­wann Mit­te der 1980er Jah­re ein­ge­schla­fen sein; das Macht­zen­trum wan­der­te zur Fach­schafts­kon­fe­renz (FSK) und (mehr oder weni­ger offi­zi­ell) in die »konf« (ehren­amt­li­cher Vor­stand und ehren­amt­li­che Refe­ren­tIn­nen des u‑asta).

Poli­ti­sche Hoch­schul­grup­pen ver­lo­ren an Gewicht. Auch wenn GEW, Jusos (bis Ende der 1990er Jah­re), GRAS/​Grüne (meis­tens) und Lin­ke (meis­tens) den u‑asta mit­ge­tra­gen haben (also auf der BUF-AStA-Lis­te ange­tre­ten sind, und für die­se gewor­ben haben), hat­ten sie kei­ne insti­tu­tio­na­li­sier­te Stim­me mehr. Die lag viel­mehr ganz dem Zeit­geist der 1980er Jah­re ent­spre­chend bei der Basis, also bei den offe­nen Fachschaften. 

Die Fach­schafts­kon­fe­renz ist und war – zumin­dest dem Anspruch nach – als Räte­mo­dell mit impe­ra­ti­vem Man­dat eines der basis­de­mo­kra­tischs­ten Orga­ni­sa­ti­ons­kon­zep­te, dem ich bis­her begeg­net bin. In der FSK sitzt eine Ver­tre­te­rin oder ein Ver­tre­ter jeder Fach­schaft, ohne Stimm­recht dabei sind die Vor­stän­de. Die FSK trifft sich im Semes­ter wöchent­lich und ent­schei­det nicht reprä­sen­ta­tiv­de­mo­kra­tisch, son­dern im Räte­sys­tem. Das heißt: zur Ent­schei­dung anste­hen­de Punk­te wer­den in dert FSK dis­ku­tiert, in die Fach­schaf­ten gege­ben (die wie gesagt offen aus­ge­stal­tet sind), dort wird dann idea­ler­wei­se ein Beschluss gefasst und in die­ser in der nächs­ten Sit­zung der FSK – eine Woche spä­ter – ent­spre­chend abge­stimmt. Zum Teil wer­den, um ein mehr­ma­li­ges Hin und Her zu ver­mei­den, auch Beschlüs­se über mög­li­che Vari­an­ten gefasst. Über der FSK stand dann nur noch die Vollversammlung.

Auch wenn eini­ges an »All­tags­po­li­tik« zumin­dest in den Jah­ren, in denen ich als Refe­rent bzw. als Vor­stand im u‑asta dabei war, fak­tisch im Vor­stand oder in der konf ent­schie­den wur­de, war es die FSK mit ihrem lang­sa­men Ent­schei­dungs­ver­fah­ren, die die gro­ßen Ent­schei­dun­gen getrof­fen hat. Das konn­te dann auch mal bedeu­ten, dass ein müh­sam im Hin­ter­zim­mer aus­ge­han­del­ter Sat­zungs­kom­pro­miss, um die Jusos wie­der zu den das u‑Modell tra­gen­den Grup­pen dazu zu bekom­men, in der FSK gna­den­los abge­lehnt wur­de. Oder dass ein Miss­trau­ens­vo­tum in die FSK ein­ge­bracht wur­de, weil dem Vor­stand vor­ge­wor­fen wur­de, dass das u‑as­ta-info ein­sei­tig bzw. poli­tisch nicht auf Linie war.

Der u‑asta hat, soweit ich mich erin­ne­re, immer min­des­tens drei ver­schie­de­ne Schie­nen gleich­zei­tig gefah­ren: Es gab und gibt einen Ser­vice­be­reich, etwa eine Bafög­be­ra­tung. Dann hat der u‑asta (über die von BUF gestell­ten Sena­to­rIn­nen etc.) immer das Gespräch mit der Uni gesucht und sich dort ein­ge­mischt. Und schließ­lich hat sich der u‑asta immer als links­al­ter­na­ti­ve poli­ti­sche Stim­me ver­stan­den. Da Kas­se e.V. als Trä­ger­ver­ein unab­hän­gig ist und war, war das zu jeder­zeit mög­lich – egal, ob es sich um die bewe­gen­den The­men der 1980er han­del­te, um die Unter­stüt­zung der Anti­fa, um Hoch­schul­streiks und Anti-Stu­di­en­ge­büh­ren­de­mos oder um Bür­ger­meis­ter­wah­len in Freiburg. 

Zuge­spitzt: Die Inof­fi­zia­li­tät des u‑asta hat­te auch ihre Vor­tei­le. Solan­ge über den offi­zi­el­len Arm die Ver­an­ke­rung in der Hoch­schu­le gesi­chert war, solan­ge damit auch Räu­me des AStA genutzt wer­den konn­ten (erst über dem Aspekt in einer Dach­kam­mer, dann in der heu­te musea­len Alten Uni­ver­si­tät in der Ber­told­stra­ße und inzwi­schen in der Bel­fort­stra­ße) – wozu BUF eine Mehr­heit im offi­zi­el­len AStA brauch­te -, hat­te der u‑asta Res­sour­cen, um das poli­ti­sche Genera­tio­nen­pro­jekt vor­an­trei­ben zu kön­nen. Sicher, nur in arg begrenz­tem Maße, aber doch in aus­rei­chen­dem Maße, um gehört zu wer­den und im links­al­ter­na­ti­ven poli­ti­schen Leben Frei­burgs eine mal mehr, mal weni­ger tra­gen­de Rol­le ein­neh­men zu können. 

Der for­ma­le Exis­tenz­zweck des u‑asta ist sei­ne Abschaf­fung. Dass es dazu kom­men wür­de, war uner­war­tet. Mit dem ein­gangs erwähn­ten Gesetz zur Ein­füh­rung der Ver­fass­ten Stu­die­ren­den­schaft ist die­ser Sat­zungs­zweck erfüllt. So weit ich infor­miert bin, wird schon flei­ßig dar­an gear­bei­tet, die basis­de­mo­kra­ti­schen Struk­tu­ren des u‑asta – soweit es mög­lich ist – in eine Orga­ni­sa­ti­ons­sat­zung zu packen. 

Ich bin gespannt, ob und wie das funk­tio­niert. Eine gute Sat­zung wird dabei sicher­lich her­aus­kom­men – und ich bin auch zuver­sicht­lich, dass die­se in der laut Gesetz not­wen­di­gen Urab­stim­mung eine Mehr­heit an der Uni­ver­si­tät Frei­burg fin­den wird. 

Offe­ner ist für mich die Fra­ge, wie gut die Trans­for­ma­ti­on aus der unbe­que­men, unab­hän­gi­gen, frei­en Struk­tur in die Vor­ga­ben des Geset­zes gelingt. Das sieht zwar ein poli­ti­sches Man­dat vor, grenzt aber die damit ver­bun­de­nen The­men­be­rei­che durch­aus ein. Und es mahnt – die neue Ver­fass­te Stu­die­ren­den­schaft ist schließ­lich eine öffent­lich-recht­li­che Teil­kör­per­schaft der Hoch­schu­le und kei­ne links­al­ter­na­ti­ve Initia­ti­ve mehr – zu Neu­tra­li­tät und Beson­nen­heit. Da wird sich, da bin ich sicher, auch am Geist des bis­he­ri­gen u‑asta eini­ges ändern; in Frei­burg endet damit irgend­wann in den nächs­ten Mona­ten tat­säch­lich eine Ära. Ich bin gespannt.

War­um blog­ge ich das? Jetzt, da das Gesetz durch ist, kann ich das ja schreiben ;-)

2 Antworten auf „Das Ende vom U“

  1. Ach, schö­ne Zusam­men­fas­sung und auch span­nend mal dei­ne Sicht dazu zu lesen. Nächs­te Woche (16. Mai 2013) wer­den wir sehen, wel­che Sat­zung es letzt­end­lich geschafft hat.

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