Lesenswert: AufTakt 1993 wiedergefunden

auftakt-klappentextWenn mei­ne Ver­mu­tun­gen über die sozio­de­mo­gra­phi­sche Zusam­men­set­zung mei­ner Blog­le­ser­schaft stim­men, müss­te es eini­ge geben, denen »Auf­Takt« etwas sagt: das war das Jugend­um­welt­fes­ti­val, das 1993 in Mag­de­burg statt­fand. Und ich war dabei. Zwar nicht auf einer der Stern­rad­tou­ren, aber beim Fes­ti­val selbst, und auch beim media­len Auf­takt – der »Hair«-Vorführung auf der Frei­bur­ger Mensawiese.

Kars­ten Schulz schreibt dazu:

»Die Frei­bur­ger Auf­füh­rung fand auf der Wie­se vor der Men­sa statt. Trotz begin­nen­den Regens wur­de wei­ter gespielt und gesun­gen, was für das tan­zen­de Publi­kum auf der Wie­se ziem­lich schlam­mig ende­te.« (Schulz 2009, S. 90).

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Ich erin­ne­re mich jeden­falls noch gut an Zel­ten auf rela­tiv nas­sen Elb­wie­sen, an Kon­zer­te von Ygdras­sil und dem Wah­ren Hel­mut, an Mit­hel­fen im Küchen­zelt und bunt­be­mal­te, fröh­li­che Demos im Regen. Und an vie­le tau­send jun­ge Leu­te, die ein paar Tage lang zeig­ten, dass eine ande­re Repu­blik mög­lich ist. So vie­le, dass es zum Bei­spiel (in der Ära vor dem Mobil­te­le­fon) gar nicht so ein­fach war, Kon­takt zu ande­ren Grü­ne-Jugend-Akti­vis­tIn­nen zu fin­den, die es zwei­fels­oh­ne dort auch gab.

Und war­um kom­me ich aus­ge­rech­net jetzt auf einen Som­mer vor knapp 17 Jah­ren zurück? Weil heu­te Kars­ten Schulz’ oben bereits ein­mal zitier­te Dis­ser­ta­ti­on in der Post war. Er hat dort Auf­Takt 1993 mit dem Ers­ten Frei­deut­schen Jugend­tag 1913 auf dem Hohen Meiß­ner ver­gli­chen. Beim Rein­blät­tern bin ich dann vor allem auf Erin­ne­run­gen gesto­ßen, und dach­te mir, mal schau­en, ob der Beginn – oder der Höhe­punkt? – der Jugend­um­welt­be­we­gung bei dem einen oder der ande­ren hier auch wel­che auslöst.

Wer ein biß­chen in der nähe­ren Ver­gan­gen­heit schmö­ckern möch­te, kann das im Buch tun – oder auf der von Kars­ten auf­ge­bau­ten Web­site auftakt93.de mit Archiv­ma­te­ri­al, Berich­ten und einem Über­blick über die ver­schie­de­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen zu AufTakt.

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Nicht beant­wor­tet ist für mich die Fra­ge, ob Auf­Takt heu­te noch mög­lich wäre. Zum einen fehlt (soweit ich das über­bli­cken kann) heu­te ein Äqui­va­lent zur doch recht akti­ven und hoch poli­ti­sier­ten Jugend­um­welt­be­we­gung – da wäre es übri­gens mal span­nend, sys­te­ma­tisch zu schau­en, was aus den damals Akti­ven so gewor­den ist. Der ein­zi­ge »Pro­mi« aus dem Jugend­um­welt­be­we­gungs­um­feld, der mir so ein­fällt, ist Sven Gie­gold. Und der Rest? Zum ande­ren sind die Rand­be­din­gun­gen heu­te anders. Mobil­te­le­fon und Face­book-Ver­net­zung (Kars­ten Schulz berich­tet noch, wie damals vor allem gefaxt wur­de) sor­gen bei­spiels­wei­se für ein ganz ande­res Ver­hält­nis zwi­schen Dezen­tra­li­tät und zen­tra­ler Steue­rung. Und auch poli­tisch sieht es heu­te anders aus. Oder ist das nur der übli­che Ver­druss der älter Gewor­de­nen über die neu­en Jungen?

Kars­ten Schulz: Beschrei­bung und Ver­or­tung zwei­er über­ver­band­li­cher Jugend­tref­fen jun­ger Jugend­be­we­gun­gen. Kas­sel: Weber & Zucht 2009. Hier erhält­lich.

War­um blog­ge ich das? Weil hier Tei­le mei­ner eige­nen Bio­gra­phie zu Geschich­te wer­den, und der (tech­nisch unter­stütz­te) Genera­tio­nen­wech­sel erst so rich­tig sicht­bar wird. Und weil mich inter­es­siert, wer die­se Bio­gra­phie teilt.

P.S.: Die Bil­der sind Nega­ti­ve der (natür­lich ana­lo­gen) Fotos, die ich bei Auf­Takt gemacht habe – und weil ich gra­de nur die Nega­ti­ve gefun­den habe, habe ich aus­pro­biert, ob ein LCD-Bild­schirm, eine Spie­gel­re­flex­ka­me­ra und ein Bild­be­ar­bei­tungs­pro­gramm sich dazu eig­nen, Nega­tiv­strei­fen zu scan­nen und in rich­ti­ge Far­ben umzu­wan­deln. Ergeb­nis: bedingt ;-) – aber Erin­ne­run­gen sehen halt mal so aus.

5 Antworten auf „Lesenswert: AufTakt 1993 wiedergefunden“

  1. Ja das waren noch Zei­ten Anfang der 90er, kurz nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und noch vor der Asi­en-Kri­se, 911 und der Finanz­kri­se. Die Welt hat sich seit­dem gewan­delt und ich glau­be nicht, dass heu­te soet­was noch mög­lich wäre.

  2. Und noch immer klingt mir als ehe­ma­li­gem Stern­rad­tour­sin­ger aus Frei­burg die Melo­die im Ohr: »Wir sind mobil ohne Auto, wir fah­ren mit dem Rad, wir sind mobil ohne Auto und wir flit­zen durch die Stadt und wir sind tau­send Mal schnel­ler als jeder BMW und das kost uns kei­nen Hel­ler, wir sagen dem Auto­stau ade!«

  3. Ich war in der Süd­west-Tour ab Hei­del­berg dabei. Hab mir die Knie kaputt­ge­fah­ren und in Mag­de­burg die Tage mit Sand­dorn­saft und Bio­brot in rau­hen Men­gen verschönert.
    Das ein­drucks­volls­te war die nur weni­ge Minu­ten vor­her erreich­te Frei­ga­be, die Tou­ren aus Bay­ern, die Süd­west­ler, die die Hes­sen mit­ge­nom­men haben, die Trie­rer Tour und noch eine zusam­men über die zwei­spu­ri­ge Auto­bahn­schnei­se nach Mag­de­burg rein­fal­len zu las­sen . Wir waren eine sehr gro­ße Men­ge Räder, alle kom­plett fer­tig aber mäch­tig stolz… und wir hat­ten für kur­ze Zeit die Autos kom­plett verdrängt…
    Und das Lied „Wir sind mobil ohne Auto“ sin­ge ich heu­te auch noch ger­ne, wenn ich an Staus vor­bei fahre.
    Und das hand­ge­schrie­be­ne Rad-Repra­tur­heft steht bis heu­te im Bücherregal 🙂

  4. Ich war in der Hair Vor­fuhrung in Mag­de­burg. Ich war einer Ame­ri­ka­ni­scher Stu­dent in Frei­burg und ich habe auch in den Vor­fuhrun­gen an der Bue­h­ne am “flucki” (fluck­in­ger See) teil­ge­nom­men. Ich habe noch vie­le Fotos von den Vor­fuhrun­gen. Bes­immt Die bes­te Erin­ne­run­gen Mei­ner Zeit in Freiburg.

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