Köhler und der Doktortitel – oder: wissenschaftliche Praktiken und der Wunsch nach dem Skandal

Der neu­en Fami­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Köh­ler kann eini­ges vor­ge­wor­fen wer­den, ins­be­son­de­re scheint sie sich, wenn es um Migra­ti­on und um die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Islam geht, irgend­wo am rech­ten Rand der CDU zu befin­den. Aktu­ell jedoch geht es in der Debat­te vor allem um den Dok­tor­ti­tel der jun­gen Minis­te­rin. Zum Bei­spiel hier in der Frank­fur­ter Rund­schau. Aus­gangs­punkt dafür dürf­te Kai Diek­mann (BILD) sein – um Weih­nach­ten gab es schon ein­mal Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Diek­mann und Köh­ler, und jetzt ein Inter­view.

Kern des Gan­zen scheint die – bezahl­te – Betei­li­gung eines Assis­ten­ten von Köh­lers Dok­tor­va­ter an der Erstel­lung ihrer Arbeit zu sein. Was Weih­nach­ten noch nach dem gro­ßen Skan­dal klang, wird nach Lesen des Inter­views aber dann doch eher zu rela­tiv nor­ma­len Pro­zes­sen und Prak­ti­ken empi­ri­scher Wis­sen­schaft. Besag­ter Assis­tent hat Daten codiert und in SPSS ein­ge­ge­ben und das Inhalts­ver­zeich­nis und die For­ma­tie­rung der Dis­ser­ta­ti­on bearbeitet. 

Bei Diek­mann heißt es dazu:

Nur for­ma­tie­ren, lay­ou­ten, Daten­sät­ze nach ihren Vor­ga­ben abtip­pen – das kann auch eine Sekre­tä­rin. Braucht man dazu einen top-aus­ge­bil­de­ten wis­sen­schaft­li­chen Assis­ten­ten gera­de sei­nes Doktor-Vaters? 

Inter­es­sant ist hier die Gegen­über­stel­lung »Sekre­tä­rin« vs. »top-aus­ge­bil­de­ter wis­sen­schaft­li­cher Assis­tent«. Mei­ner Erfah­rung nach sind das – Codie­rung, Daten­ein­ga­be, For­ma­tie­run­gen – Din­ge, die im wis­sen­schaft­li­chen All­tag heu­te ziem­lich selbst­ver­ständ­lich von – geprüf­ten oder unge­prüf­ten – »HiWis« erle­digt wer­den. Und nicht von Sekre­tä­rIn­nen. Dass das nicht unbe­dingt zur Qua­li­fi­ka­ti­on passt, ist ein Hin­weis dar­auf, wie Wis­sen­schaft heu­te bezahlt und bewer­tet wird, ent­spricht aber – wie gesagt, mei­nen Erfah­run­gen nach – durch­aus dem All­tag wis­sen­schaft­li­cher Arbeit. Und dass z.B. zwi­schen zwei Dritt­mit­tel­pro­jek­ten ein wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der­ar­ti­ge Tätig­kei­ten über­nimmt, ist so unge­wöhn­lich nun auch wie­der nicht.

Mit die­sem Wis­sen im Hin­ter­grund redu­ziert sich der angeb­li­che Skan­dal dann doch deut­lich. Inter­es­san­ter als die Fra­ge, wer Fra­ge­bö­gen lay­ou­tet und ein­ge­tippt hat, und ob Köh­ler ihre Dis­ser­ta­ti­on selbst for­ma­tiert hat, ist doch der Inhalt. Da kann ich aktu­ell nichts zu sagen, wer­de aber viel­leicht mal rein­schau­en. Und mich dann noch ein­mal zu Wort melden.

Es kann also durch­aus sein, dass das fol­gen­de Resü­mee zutrifft:

Und der Deutsch­land­funk resü­mier­te, Köh­ler habe »eine mus­ter­gül­ti­ge Typ-II-Arbeit vor­ge­legt, also ein Werk, das weni­ger vom Inter­es­se an der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit, son­dern mehr von dem Wunsch nach einem aka­de­mi­schen Titel geprägt ist«. 

Für eine Arbeit, die neben einem Bun­des­tags­man­dat in kur­zer Zeit ent­stan­den ist, kann ich mir das gut vor­stel­len. Trotz­dem – ein Skan­dal ist das nicht, auch nicht, wenn eine Bun­des­mi­nis­te­rin dar­an betei­ligt ist. Da gibt es genü­gend anderes.

Viel­mehr stellt sich im Kon­text die­ser Debat­te (auch im Hin­blick auf die »gekauf­ten Dok­tor­ti­tel«, die unlängst mal wie­der gemel­det wur­den) ein­mal mehr die Fra­ge danach, wozu eigent­lich der aka­de­mi­sche Dok­tor­ti­tel exis­tiert, und was eine Dok­tor­ar­beit aus­macht (und in wel­che Rich­tung der Bolo­gna-Pro­zess hier geht).

War­um blog­ge ich das? Aus per­sön­li­chem Inter­es­se an Pro­mo­ti­ons­pro­zes­sen, und weil ich es inter­es­sant fin­de, wie Skan­da­le gemacht wer­den – und dabei die eigent­lich skan­da­lö­sen Poli­ti­ken aus­ge­blen­det werden.

4 Antworten auf „Köhler und der Doktortitel – oder: wissenschaftliche Praktiken und der Wunsch nach dem Skandal“

  1. Bou­le­vard-Nar­ziss Diek­mann geht es Aus­schließ­lich um Pole­mik – die Wahr­heit muss da ggf. gebo­gen wer­den. Und jene, die ihren Dok­tor vor sich her tra­gen wie eine Mons­tranz, haben höchst sel­ten eine wis­sen­schaft­li­che Glanz­leis­tung vollbracht.

  2. Wer da wie was an der Diss gemacht hat, ist Klein­kram, ist egal. Es geht viel­mehr dar­um, dass die­se Bun­des­re­gie­rung durch­setzt ist von Empor­kömm­lin­gen, Günst­lin­gen und Seilschaftlern.

    Beim Infor­ma­tik­stu­di­um hat mir mal ein Prof gesagt, bei einer Diplom­ar­beit gehe es (auch) dar­um, zehn­tau­send Zei­len Quell­code zu pro­gram­mie­ren. Also irgend­ei­ne Drecks­ar­beit zu machen.

    Des­halb, Sta­tis­tik­da­ten erfas­sen oder Fra­ge­bö­gen lay­ou­ten, das gehört zu einer wis­sen­schaft­li­chen Arbeit halt dazu. Nur gibt es eben Leu­te, die sich für sowas zu fein oder zu faul sind und das dele­gie­ren. Und es z.B. per neben­bei betrie­be­nem Bun­des­tags­man­dat oder dank wohl­ha­ben­der Eltern auch finan­zie­ren kön­nen. Die hal­ten sich für ober­schlau und nen­nen sowas dann »Leis­tung«.

    Inso­weit ist es völ­lig ok, dass da im Schmutz gewühlt wird, auch wenn man viel­leicht nicht so rich­tig was Jus­ti­zia­bles findet.

    Es stellt sich aller­dings die Fra­ge, war­um Bild, Spie­gel & co vor der Bun­des­tags­wahl IMHO ziem­lich unkri­tisch mit Schwarz-Gelb umge­sprun­gen, oder die gar emp­foh­len haben, und hin­ter­her schrei­ben sie die run­ter. Nach dem Mot­to, wir sor­gen mal dafür dass wir ordent­lich was zu schrei­ben haben die nächs­ten 4 Jahre.

  3. Die gan­ze Dis­kus­si­on um die Pro­mo­ti­on von Frau Köh­ler kommt mir auch arg auf­ge­bauscht vor. Dass man Daten­sät­ze von einem HiWi in SPSS ein­pfle­gen lässt hal­te ich – solan­ge man sie noch selbst aus­wer­tet – für wenig bedenk­lich. Natür­lich über­nimmt man als Autor sol­che Arbei­ten in der Regel selbst – das ging mir bei mei­ner Diplom­ar­beit nicht anders – wenn man aber »neben­bei« noch ein BT-Man­dat zu erfül­len hat, ist es aus mei­ner Sicht ver­zeih­lich, wenn auf der­ar­ti­ge Hil­fe zurück­ge­grif­fen wird. Bis zur »gekauf­ten« Dok­tor­ar­beit, von der in eini­gen Bou­le­vard-Foren ja teil­wei­se schon die Rede war, ist es von dort aus wirk­lich noch ein wei­ter Weg…

  4. Es gibt wirk­lich viel – ich sag jetzt mal – unwis­sen­schaft­li­che Hilfs­tä­tig­kei­ten neben­her zu tun. Das weiß ich ja auch von mei­ner Diplom­ar­beit. Die muss man nicht sel­ber machen, um wis­sen­schaft­lich gute Arbeit zu machen.

    Ich muss­te es lei­der trotz­dem sel­ber machen. ;-)

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