Kurz: Über die Elternschaft von S.

Das Regie­rungs­mit­glied S. kün­digt an, dem­nächst ein Kind zu erwar­ten. Es wird gra­tu­liert, vor allem aber eif­rig dar­über dis­ku­tiert. Die Unter­tö­ne in der Debat­te rei­chen von der Fra­ge, ob die­ses Regie­rungs­mit­glied dann noch sein Amt aus­üben kann, bis hin zu Spe­ku­la­tio­nen, ob es denn poli­ti­sches Kal­kül war, zur Eltern­schaft zu kom­men. Die Annah­me, dass ein wich­ti­ges Füh­rungs­amt wie das von S. mit einem Kind zu ver­ein­ba­ren ist, ist jeden­falls längst nicht selbst­ver­ständ­lich. Und selbst wenn, dann geht es viel­leicht gera­de in so einer expo­nier­ten und poli­ti­schen Posi­ti­on mit hohem Gehalt, aber nicht, wenn S. einen ganz nor­ma­len Beruf aus­üben würde.

Natür­lich ist S. die Fami­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Schrö­der. Dass so debat­tiert wird, und dass das ver­mut­lich nicht der Fall wäre, wenn S. der Fami­li­en­mi­nis­ter Kris­ti­an Schrö­der wäre, zeigt, wie selbst­ver­ständ­lich geschlechts­dif­fe­rent bestimm­te Annah­men dar­über, was pas­siert, wenn Men­schen zu Eltern wer­den, in Deutsch­land immer noch sind. Dass das so ist, ist nichts neu­es – trotz­dem hal­te ich es für sinn­voll, an einer Stel­le wie die­ser, wo es doch sehr deut­lich wird, genau dar­auf hinzuweisen. 

Wie eine Ministerin einmal eine Neiddebatte entzünden wollte, …

In Tweets: Wie eine Ministerin einmal eine Neiddebatte entzünden wollte, um von ihren ungerechten Sparplänen abzulenken

Ges­tern abend twit­ter­te Fami­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Schrö­der und sorg­te damit – zurecht – für ziem­lich viel Auf­re­gung. Dar­um ging es:

Aber: Eine Fami­lie in Hartz IV, 2 Kin­der, erhält inkl. Eltern­geld 1885 € vom Staat. Net­to! Ist das gerecht gegen­über denen, die arbeiten? 

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»Girls’ days«, »boys’ days« und das Genderdilemma

Construction work

Heu­te ist ja Girls’ day, also ein Tag, an dem bun­des­weit Mäd­chen (vor allem) män­ner­do­mi­nier­te Beru­fe ken­nen­ler­nen sol­len. Ob die­ser seit zehn Jah­ren durch­ge­führ­te Tag tat­säch­lich Wir­kung auf die Berufs­wahl zeigt, ist umstrit­ten (in der gedruck­ten taz von heu­te war dazu auch eine schö­ne Comic-Repor­ta­ge). Die Orga­ni­sa­ti­on »Girls’ day« geht jeden­falls davon aus, dass sich zumin­dest das Geschlech­ter­bild der betei­lig­ten Fir­men ändert – das wäre ja auch schon was.

Als geschlech­ter­ste­reo­ty­pen bre­chen­de Inter­ven­ti­on fin­de ich das Kon­zept gar nicht so schlecht. Jetzt kommt u.a. von Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Schrö­der die For­de­rung, par­al­lel auch einen »Boys’ day« durch­zu­füh­ren (sie­he auch das grü­ne Män­ner­ma­ni­fest). Also Jun­gen in eher »weib­li­che« Berufs­fel­der hin­ein­schnup­pern zu las­sen. Auch das klingt für sich genom­men erst ein­mal nach einer sinn­vol­len Intervention.

Trotz­dem bin ich mir unsi­cher, ob ich das Kon­zept inge­samt gut fin­de. Das hat etwas mit der unkla­ren Wir­kung zu tun, vor allem aber mit der dunk­len Sei­te vie­ler gen­der-bezo­ge­ner Maß­nah­men, näm­lich dem Rei­fi­zie­rungs­ef­fekt (»Ver­ding­li­chung«). Kurz gesagt: gera­de dadurch, dass es Ange­bot spe­zi­ell für Frau­en bzw. spe­zi­ell für Män­ner gibt, gera­de dadurch, dass beson­ders auf das Geschlecht geach­tet wird, wird des­sen sozia­le Rele­vanz gestärkt. Selbst ein »Girls’ day« kann da mög­li­cher­wei­se den para­do­xen Effekt haben, die Vor­stel­lung zu stär­ken, dass die dort besuch­ten Berufs­fel­der »Män­ner­ar­beit« dar­stel­len – schließ­lich wird ein gro­ßer Auf­wand betrie­ben, um ein­mal im Jahr die Aus­nah­me »auch Mäd­chen kön­nen das« sicht­bar zu machen. 

Zudem wird, gera­de wenn es »Girls’ days« und »Boys’ days« gibt, auf einer Meta­ebe­ne die Bot­schaft ver­mit­telt »Mäd­chen und Jun­gen sind unter­schied­lich und müs­sen – als Grup­pen – unter­schied­lich behan­delt wer­den«. Oder: »alle Mäd­chen inter­es­sie­ren sich ›eigent­lich‹ nicht für Tech­nik, alle Jun­gen inter­es­sie­ren sich ›eigent­lich‹ nicht für Human­dienst­leis­tun­gen – des­we­gen muss hier beson­de­rer Wer­be­auf­wand betrie­ben wer­den, um die­se ›unty­pi­schen‹ Beru­fe schmack­haft zu machen«. Das mag als sta­tis­ti­sche Tat­sa­chen­be­schrei­bung stim­men (also: vie­le Mäd­chen …, vie­le Jun­gen), trifft aber eben auch die Mäd­chen, die sich auch ohne »Girls’ day« für Tech­nik inter­es­sie­ren und die Jun­gen, die sich auch ohne »Boys’ day« für z.B. das Erzie­hungs­we­sen begeistern.

Damit sind wir bei einem gene­rel­le­rem Dilem­ma gen­der­po­li­ti­scher Maß­nah­men: indem die Inter­es­sen von Frau­en bzw. von Män­nern als Grup­pen­in­ter­es­sen behan­delt wer­den, wer­den indi­vi­du­el­le Unter­schie­de der Kate­go­rie Geschlecht zuge­schrie­ben. Das ist des­we­gen ein Dilem­ma, weil ja bei­des stimmt: es ist ver­mut­lich so, dass eine Mehr­heit der Mäd­chen sich nach x Jah­ren Sozia­li­sa­ti­on und Schu­le weni­ger für Tech­nik inter­es­siert als die meis­ten Jun­gen. Es ist auch rich­tig, dass die hier ange­leg­te berufs­spe­zi­fi­sche Geschlech­ter­tren­nung sowohl indi­vi­du­ell (weil sie es allen, die eine dem »Geschlechts­ty­pi­schen« zuwi­der­lau­fen­de Nei­gung haben, schwer macht) als auch gesell­schaft­lich (weil »Talen­te ver­geu­det wer­den«) ein Pro­blem dar­stellt. Nur tra­gen Maß­nah­men, die die­ses Pro­blem lösen wol­len, indem sie grup­pen­spe­zi­fi­sche Zuwei­sun­gen als grup­pen­spe­zi­fi­sche Eigen­schaf­ten the­ma­ti­sie­ren, immer auch dazu bei, die­se Zuwei­sun­gen zu stärken.

Und wo geht’s jetzt raus? Ver­mut­lich bleibt einem und einer prag­ma­tisch gese­hen zunächst ein­mal gar nichts ande­res übrig, als in Kauf zu neh­men, dass Maß­nah­men etwa aus dem Bereich des Gen­der Main­strea­mings ganz häu­fig den Neben­ef­fekt einer Rei­fi­zie­rung von Geschlechts­zu­schrei­bun­gen und damit eine Ver­tie­fung der Wahr­neh­mung »Män­ner und Frau­en sind unter­schied­lich« mit sich brin­gen, und dass sie in vie­len Fäl­len trotz­dem sinn­voll sind. Es ist aber ganz gut, sich zumin­dest klar dar­über zu wer­den, dass die­se Maß­nah­men auch sol­che Kon­se­quen­zen haben können.

Eigent­lich müss­te es aber einen Schritt wei­ter gehen, das heißt hin zu einer poli­ti­schen The­ma­ti­sie­rung indi­vi­du­el­ler Unter­schie­de, die nicht an gesell­schaft­li­che Grup­pen gebun­den wird. Prak­tisch könn­te das am Bei­spiel »Girls’ day« hei­ßen, dass es zwei­mal im Jahr einen »Berufs­er­kun­dungs­tag« für alle Kin­der eines bestimm­ten Alters gibt – und dass die­se an einem die­ser zwei Tage an einer Akti­on in einem Berufs­feld teil­neh­men sol­len, das sie per­sön­lich inter­es­siert. Der zwei­te Berufs­er­kun­dungs­tag muss dann aller­dings in einem Berufs­feld statt­fin­den, das von dem jewei­li­gen Kind (bzw. eigent­lich: dem oder der Jugend­li­chen) als unin­ter­es­sant, fremd, weit weg bezeich­net wird. 

War­um blog­ge ich das? Weil ich mir selbst unsi­cher bin, wie es poli­tisch und wis­sen­schaft­lich am bes­ten wäre, mit dem Rei­fi­zie­rungs­ef­fekt umzu­ge­hen. Die­ser ist dann ein Pro­blem, wenn die Annah­me geteilt wird, dass an das wahr­ge­nom­me­ne Geschlecht gebun­de­ne sozia­le Erwar­tun­gen tat­säch­lich für einen gro­ßen Teil des geschlechts­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens zustän­dig sind (»doing gen­der«). Die­se Annah­me erscheint mir sehr plau­si­bel. Ich kann jetzt wis­sen­schaft­lich beschrei­ben, wie die­se Kopp­lun­gen übli­cher­wei­se aus­se­hen, und kann z.B. sta­tis­tisch zwi­schen Män­nern und Frau­en als Grup­pen unter­schei­den. Gleich­zei­tig ist jede die­ser Beschrei­bun­gen zunächst ein­mal ein Bei­trag dazu, die Kopp­lung zwi­schen Geschlecht und sozia­ler Erwar­tung zu fes­ti­gen. Und umso mehr es nicht nur um Beschrei­bung und Ana­ly­se, son­dern auch um Inter­ven­ti­on geht – nicht nur wie hier bei der Berufs­wahl, son­dern auch z.B. bei Maß­nah­men wie der Teil­zeit­ar­beit als »Lösung« für das Ver­ein­bar­keits­pro­blem »der Frau« – des­to pro­ble­ma­tisch wird es, dass eine Ori­en­tie­rung an Geschlech­ter­ka­te­go­rien die­se stärkt. Alter­na­ti­ven dazu bie­tet die queer theo­ry an – da scheint es mir bis­her aber an einer ska­lier­ba­ren poli­ti­schen Umsetz­bar­keit zu hapern.

Kleine Blogschau zum Politcamp 10 (Update 2)

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Schlan­ge bei der Ses­si­onpla­nung beim Polit­camp 109. Foto: Jür­gen Glüe, Lizenz: CC-BY-SA.

War­um ich dann doch nicht hin­ge­fah­ren bin, habe ich ja hier beschrie­ben. Inzwi­schen ist das Polit­camp 10 (das zwei­te …) vor­bei, nächs­tes Jahr soll wie­der eines statt­fin­den – und nach­dem reich­lich get­wit­tert wur­de, kam ich nicht umhin, einen gewis­sen Ein­druck zu krie­gen. Da waren wohl unge­fähr 800 Leu­te, es gab über den Dau­men gepeilt 70 laut Orga­ni­sa­ti­ons­team 53 Sessions.
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Köhler und der Doktortitel – oder: wissenschaftliche Praktiken und der Wunsch nach dem Skandal

Der neu­en Fami­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Köh­ler kann eini­ges vor­ge­wor­fen wer­den, ins­be­son­de­re scheint sie sich, wenn es um Migra­ti­on und um die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Islam geht, irgend­wo am rech­ten Rand der CDU zu befin­den. Aktu­ell jedoch geht es in der Debat­te vor allem um den Dok­tor­ti­tel der jun­gen Minis­te­rin. Zum Bei­spiel hier in der Frank­fur­ter Rund­schau. Aus­gangs­punkt dafür dürf­te Kai Diek­mann (BILD) sein – um Weih­nach­ten gab es schon ein­mal Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Diek­mann und Köh­ler, und jetzt ein Inter­view.

Kern des Gan­zen scheint die – bezahl­te – Betei­li­gung eines Assis­ten­ten von Köh­lers Dok­tor­va­ter an der Erstel­lung ihrer Arbeit zu sein. Was Weih­nach­ten noch nach dem gro­ßen Skan­dal klang, wird nach Lesen des Inter­views aber dann doch eher zu rela­tiv nor­ma­len Pro­zes­sen und Prak­ti­ken empi­ri­scher Wis­sen­schaft. Besag­ter Assis­tent hat Daten codiert und in SPSS ein­ge­ge­ben und das Inhalts­ver­zeich­nis und die For­ma­tie­rung der Dis­ser­ta­ti­on bearbeitet. 

Bei Diek­mann heißt es dazu:

Nur for­ma­tie­ren, lay­ou­ten, Daten­sät­ze nach ihren Vor­ga­ben abtip­pen – das kann auch eine Sekre­tä­rin. Braucht man dazu einen top-aus­ge­bil­de­ten wis­sen­schaft­li­chen Assis­ten­ten gera­de sei­nes Doktor-Vaters? 

Inter­es­sant ist hier die Gegen­über­stel­lung »Sekre­tä­rin« vs. »top-aus­ge­bil­de­ter wis­sen­schaft­li­cher Assis­tent«. Mei­ner Erfah­rung nach sind das – Codie­rung, Daten­ein­ga­be, For­ma­tie­run­gen – Din­ge, die im wis­sen­schaft­li­chen All­tag heu­te ziem­lich selbst­ver­ständ­lich von – geprüf­ten oder unge­prüf­ten – »HiWis« erle­digt wer­den. Und nicht von Sekre­tä­rIn­nen. Dass das nicht unbe­dingt zur Qua­li­fi­ka­ti­on passt, ist ein Hin­weis dar­auf, wie Wis­sen­schaft heu­te bezahlt und bewer­tet wird, ent­spricht aber – wie gesagt, mei­nen Erfah­run­gen nach – durch­aus dem All­tag wis­sen­schaft­li­cher Arbeit. Und dass z.B. zwi­schen zwei Dritt­mit­tel­pro­jek­ten ein wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der­ar­ti­ge Tätig­kei­ten über­nimmt, ist so unge­wöhn­lich nun auch wie­der nicht.

Mit die­sem Wis­sen im Hin­ter­grund redu­ziert sich der angeb­li­che Skan­dal dann doch deut­lich. Inter­es­san­ter als die Fra­ge, wer Fra­ge­bö­gen lay­ou­tet und ein­ge­tippt hat, und ob Köh­ler ihre Dis­ser­ta­ti­on selbst for­ma­tiert hat, ist doch der Inhalt. Da kann ich aktu­ell nichts zu sagen, wer­de aber viel­leicht mal rein­schau­en. Und mich dann noch ein­mal zu Wort melden.

Es kann also durch­aus sein, dass das fol­gen­de Resü­mee zutrifft:

Und der Deutsch­land­funk resü­mier­te, Köh­ler habe »eine mus­ter­gül­ti­ge Typ-II-Arbeit vor­ge­legt, also ein Werk, das weni­ger vom Inter­es­se an der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit, son­dern mehr von dem Wunsch nach einem aka­de­mi­schen Titel geprägt ist«. 

Für eine Arbeit, die neben einem Bun­des­tags­man­dat in kur­zer Zeit ent­stan­den ist, kann ich mir das gut vor­stel­len. Trotz­dem – ein Skan­dal ist das nicht, auch nicht, wenn eine Bun­des­mi­nis­te­rin dar­an betei­ligt ist. Da gibt es genü­gend anderes.

Viel­mehr stellt sich im Kon­text die­ser Debat­te (auch im Hin­blick auf die »gekauf­ten Dok­tor­ti­tel«, die unlängst mal wie­der gemel­det wur­den) ein­mal mehr die Fra­ge danach, wozu eigent­lich der aka­de­mi­sche Dok­tor­ti­tel exis­tiert, und was eine Dok­tor­ar­beit aus­macht (und in wel­che Rich­tung der Bolo­gna-Pro­zess hier geht).

War­um blog­ge ich das? Aus per­sön­li­chem Inter­es­se an Pro­mo­ti­ons­pro­zes­sen, und weil ich es inter­es­sant fin­de, wie Skan­da­le gemacht wer­den – und dabei die eigent­lich skan­da­lö­sen Poli­ti­ken aus­ge­blen­det werden.