Condition Venus?

Im Spie­gel-Online heu­te fin­det sich eine klei­ne Mel­dung, dass ver­mut­lich noch in die­sem Jahr­hun­dert der glo­ba­le Erwär­mungs­pro­zess eine kri­ti­sche Schwel­le über­schrei­ten und dann beschleu­nigt statt­fin­den wird [Spie­gel Online]. Das Sci­ence-Fic­tion-Buch dazu gibt es schon län­ger: Nor­man Spin­rads Green­house Sum­mer. Mei­ne Bespre­chung dazu:

Spin­rad, Nor­man (2000): Green­house Sum­mer. New York: Tor. 

Nach diver­sen nicht so tol­len Sachen end­lich mal wie­der ein gelun­ge­nes Buch von Spin­rad – ich hab’s mir auf­grund des Pro­be­ka­pi­tels auf sei­ner Home­page gekauft. Kurz die Geschich­te: Moni­que Cal­ho­un ist Citi­zen-Share­hol­der des nach­ka­pi­ta­lis­ti­schen Syn­di­kats Bread & Cir­cu­ses (Public Rela­ti­ons etc.) und bekommt den Auf­trag, die ViP-Betreu­ung der aktu­el­len UN-Kli­ma­kon­fe­renz in Paris zu über­neh­men. Dort ange­kom­men, erfährt sie, dass ihr Auf­trag etwas wei­ter reicht – und dass Bread & Cir­cu­ses und die UN nicht ihre ein­zi­gen Auf­trag­ge­ber sind. 

Der Treib­haus­ef­fekt und sei­ne Effek­te in der nicht all­zu fer­nen Zukunft bil­det nicht nur das hin­rei­ßend geschil­der­te Hin­ter­grund­sze­na­rio, vor­dem der Roman spielt, son­dern auch einen Haupt­strang des Buchs: Ist Con­di­ti­on Venus – also der expo­nen­tia­le, nicht mehr umkehr­ba­re Tem­pe­ra­tur­aus­stieg, der alles Leben aus­lö­schen wird, unaus­weich­bar? Auch dar­auf muss Moni­que Cal­ho­un eine Ant­wort fin­den. Sie selbst ist dabei hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen Blau und Grün, zwi­schen den Ver­lie­rern – den unter­ge­gan­ge­nen oder völ­lig aus­ge­dürr­ten Lands of the Lost im Süden – und den Gewin­nern – das gol­de­ne Sibi­ri­en, Paris, das mehr und mehr dem eben­falls unter­ge­gan­ge­ne New Orleans ähnelt, … 

Die von Spin­rad geschil­der­te Zukunft baut kon­se­quent auf der Prä­mis­se auf, dass Kapi­ta­lis­mus (eben­so wie der Natio­nal­staat) hier ein zwar noch ein­fluß­rei­ches, aber ver­al­te­tes Relikt ist – und dass statt des­sen Syn­di­ka­te mit citi­zen-share­hol­ders das Geschick bestim­men. »Never be a citi­zen of anything in which you would want not to hold shares.« (120). Von kapi­ta­lis­ti­schen Groß­kon­zer­nen unter­schei­den die­se sich ins­be­son­de­re dadurch, dass sie eine Moral ken­nen. Aber neben den Syn­dics – B&C, aber auch die »Bad Boys« und ein syn­di­ka­lis­ti­scher Mos­sad-Nach­fol­ger – spie­len die alten kapi­ta­lis­ti­schen unmo­ra­li­schen Kon­zer­ne wei­ter­hin eine wich­ti­ge Rol­le – vor allem die Kli­ma­tech­nik-Fir­men, die mit Orbi­tal­spie­geln und Wol­ken­ge­ne­ra­to­ren, gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen und ande­rem ihren Pro­fit aus der Kli­ma­ka­ta­stro­phe zie­hen (»The Big Blue machi­ne is … a machi­ne. A mecha­nism for genera­ting pro­fit with no human respon­si­bli­ty in the cir­cuit, indi­vi­du­al or collec­ti­ve.«, 235).

Und auch für die Freun­de von Cyborgs gibt es eine Über­ra­schung in die­sem Buch.

[orig. 1999]

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