Leseprotokoll April 2017

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New York L (High Line)

Ich habe ja angefangen, regelmäßig aufzuschreiben, was ich so gelesen habe. Das hat auch was mit dem Kindle zu tun, den es seit ein paar Monaten in meinem Leben gibt – und der den Stapel der gelesenen Bücher unsichtbar gemacht hat. Dass ich jetzt massiv E-Books lese, hätte ich erstens früher nicht gedacht und scheint zweitens ziemlich hinter dem Trend zu liegen. Zumindest für Großbritannien berichtet der Guardian darüber, wie E-Books ihren Glanz und ihre Verführungskraft verloren haben. Ein bisschen was ist da schon dran: Bücher als physikalische Objekte haben einen Charme, den der Kindle nicht ersetzen kann. Aber praktisch ist er trotzdem – nicht nur für das Lesen unterwegs, sondern auch deswegen, weil er dazu verleitet, Fortsetzungen zu kaufen. Oder sich mal im Werk eines Autors oder einer Autorin umzusehen und die eigene Bibliothek zu ergänzen.

Damit zu meinen im April gelesenen Büchern – acht Stück, davon zwei auf Papier, der Rest digital.

Fertig gelesen habe ich Kim Stanley Robinsons New York 2140. Robinson scheint es mit Jahreszahlen im Titel zu mögen. Das Buch habe ich tatsächlich auf Papier gelesen, nach New York mitgeschleppt, dort (und im Flugzeug) aber nur die ersten paar Kapitel gelesen. Das heutige New York mal gesehen zu haben, war durchaus hilfreich fürs Leseverständnis. 2140 steht New York – insbesondere Manhattan – zu großen Teilen unter Wasser. Aus Gebäuden wie dem »Met Life« sind Wohnprojekte mit Bootssteg, Indoorfarm und Dachgarten zur Selbstversorgung geworden. Die Straßen sind Kanäle, auf denen Boote fahren. Und trotz mehrerer Klimakipppunkte trottet die Welt immer noch im Derivatenhandel vor sich hin. Das ist das Setting, in dem Robinson so was wie eine realpolitische Utopie des Lebens nach der Klimakatastrophe ausbreitet. Vom Lesegenuss her kommt es nicht ganz an Aurora heran, ist aber doch eines der interessanteren seiner neueren Bücher. Und vielleicht nur für Einwohner*innen Manhattans ganz und gar zu verstehen.

Ebenfalls auf Papier gelesen habe ich Sylvain Neuvels Erstlingswerk Sleeping Giants. Ein recht dünner Band, der in Form von Protokollen und Interviewtranskripten einen Erstkontakt schildert. Alls fängt mit einer ausgegrabenen Riesenhand aus einer seltsamen Legierung an. Und wem dann wirklich Glauben geschenkt werden kann, was weiter passiert, wer das alles steuert, und wo es am Schluss hingeht, bleibt oft im Ungewissen. Dafür wirkt die Wissenschaft extrem realistisch. Hat mit durchaus gefallen, auch wenn es nicht ganz meinen Lieblingspfad durch das Genre darstellt.

Ein weiteres Erstlingswerk ist Malka Olders Infomocracy. Das Buch mag vom Plot her die eine oder andere Schwäche haben, ist aber ein must read für alle, die schon einmal etwas mit der Innenseite von Politik, insbesondere internationaler Politik, zu tun hatten. Das Szenario, das Older entwickelt und in Sprüngen über den Erdall mit Leben füllt, klingt erst einmal simpel: weltweite Wahlen wurden eingeführt, und damit es auch gerecht zugeht, bilden jeweils 100.000 Menschen einen Wahlbezirk. Wer die Mehrheit im Wahlbezirk holt, regiert diesen. Und wer die Supermehrheit über alle Bezirke hat, setzt die globalen Regeln fest. In einigen »Centenals« sind das Konzernkonglomerate; in anderen »Heritage«, der Überrest der alten Parteien; die postnationale chinesische Regierung oder experimentierfreudige Linksliberale namens »Policy First«. Von einem Block zum nächsten können sich damit die Gesetze ändern. Auf der einen Straßenseite ist Rauchen und auch der Verkauf von Drogen erlaubt, auf der anderen streng verboten. Die nächsten Wahlen im zehnjährigen Zyklus stehen kurz bevor. Dafür, dass die Weltonlinewahlen gerecht und fair ablaufen, sorgt die globale Superbehörde »Information«, eine Mischung aus UN und Facebook – und deren Agentin Mishima ist eine der Hauptpersonen, die alle Hände voll zu tun hat. (Zudem gibt es nukleare Teekocher). Empfehlenswert!

Was habe ich noch gelesen? Die durchaus amüsante A Natural History of Dragons von Marie Brennan (ein Reisebericht einer quasi-viktorianischen Naturforscherin) – und sehr viel Scalzi, John Scalzi. Hier hat der Kindle zugeschlagen: nach dem neuen The Collapsing Empire (Weltraumabenteuer mit einem von leider zerfallenden Wurmlöchern zusammengehaltenen Imperium, dessen neue Emperox nolens volens ins Amt kommt) habe ich dann noch seine Kurzgeschichtensammlung Miniatures, seinen erst spät veröffentlichten Erstling Agent to the stars (Hollywood wird seitens der Außerirdischen gebeten, den Erstkontakt zu vermitteln) und die halbwegs bekannte Fuzzy Nation (in der Spur von Avatar und Das Wort für Welt ist Wald) gelesen. Und festgestellt, dass Scalzi immer unterhaltsam ist, und dass er seinen ganz eigenen Stil hat. Sehr flott geschrieben, humorvoll bis hin zum Absurden. Teilweise ist die journalistische Vergangenheit deutlich zu merken. Und hinter der Unterhaltungsoberfläche stecken dann doch tiefgründigeres: Politik und Werte.

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Eine Antwort auf Leseprotokoll April 2017

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