
Wer mich kennt, müsste eigentlich davon überzeugt sein, dass ich so ungefähr alles dafür geben würde, zum Politcamp 10 zu fahren. Das ganze steht unter dem Motto »Politik trifft Web 2.0″. Trotzdem fahre ich nicht hin. Ich könnte es mir jetzt einfach machen und sagen: es gab da einen familiären Terminkonflikt. Aber der wäre aus dem Weg zu räumen gewesen, wenn es mir das wert gewesen wäre.
Warum also lasse ich mein kostenloses Early-Bird-Ticket verfallen, und nehme nicht am Politcamp 10 teil?
(Achtung: ein Text mit Rant-Charakter! Und eher persönlich!)
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, und ich befürchte, dass da jetzt auch ein bißchen kognitive Dissonanzen reinspielen. Etwas freundlicher ausgedrückt: nachdem sich für mich abzeichnete, dass es zeitlich schwierig sein könnte, zum Politcamp zu fahren, war ich gezwungen, mir zu überlegen, wie wichtig mir die Teilnahme dort ist. Einige meiner Facebook-Kontakte und in der grünen Mailingliste Netzpolitik werden diesen Denkprozess ein bißchen mitgekriegt haben (und sind vielleicht jetzt schon ganz genervt, dass ich auch noch dazu blogge).
Vielleicht erstmal die Kostenseite: so ungefähr 150 Euro, um nach Berlin zu kommen, plus x für Unterkunft und Verpflegung.* Freiburg ist eine der Städte, in der die politisch-gesellschaftliche Zentralität unserer Bundeshauptstadt am ärgsten zu Buche schlägt. Es gibt durchaus Termine, für die ich mich (je Richtung) 6,5 Stunden in den Zug setze, aber das ist zumindest mal die erste Hürde. Viel wichtiger ist die zweite Hürde: momentan habe ich das Gefühl, eher zu wenig Zeit zu haben. Das hat was mit Familie haben zu tun und auch damit, einen relativ großen Teil Familienarbeit zu machen. Und dann gibt es momentan einen Haufen unabgeschlossener Projekte, die anderen Projekten im Wege steht. Ein Wochenende ist da schon eine ziemlich große Summe (Hallo, graue Herren dieser Welt!). Kinder heißt auch: Termine sind abhängig von innerfamiliären Einigungs- und Organisationsprozessen, die wiederum aufwendig sein können. Zusammengefasst: aus meiner individuellen Sicht ist ein Wochenende Politcamp eher »teuer«.
Damit kommt die große Frage nach dem Nutzen ins Spiel. Abstrakt gesprochen, ist ein großes Treffen vieler Netzaktiver eine tolle Sache. Und noch dazu als Barcamp organisiert, prima. Je konkreter die Ankündigungen für das Politcamp wurden, und je näher der Termin heranrückte, desto stärker rückten andere Aspekte für mich in den Vordergrund: alle paar Tage wurden andere »große Namen« auf Twitter gedroppt. Jeder Blick auf die Website (gesponsort von …, Medienpartner …) und in den Twitter-Feed (jetzt schon 700 Anmeldungen, 750, 800 … die, die und die Medien werden da sein …) machte für mich deutlich: irgendwer hat ein großes Interesse daran, Aufmerksamkeit rund um das Politcamp zu erzeugen. Auch das ist zunächst mal legitim (und in gewisser Weise ist Aufmerksamkeit ja auch die netztypischste aller Währungen). Aber für mich rückte das mentale Bild, dass ich mir vom Politcamp machte, dann doch immer stärker von »wir, die Netzcommunity, findet da zu sich selbst« zu »kommerzialisierte Messe für Politik 2.0 im schicken Gewand sozialer Netzwerke«. Soll auch heißen: mir ist das zu gestaltet, zu professionell, zu organisiert.
Damit begann ich mich ein bißchen umzuhören und mir auch die vorgeschlagenen Sessions mal näher anzuschauen. Was ich fand, war eine Mischung aus 1. »Einführung in …« (habe nicht das Gefühl, das zu brauchen, auch wenn das jetzt arrogant klingen mag), 2. »große Namen talken« (kann spannend/amüsant sein, kommt aber selten viel bei rum), 3. »Abgehoben-utopisch 2.1″ (wäre spannend, wenn ich dafür einen halben Tag nach Basel oder Karlsruhe fahren müsste, aber bringt mich nicht nach Berlin) und 4. »Psst, wir hätten da was Neues« (bin ich nicht die Zielgruppe für – derzeit und vermutlich auch in absehbarer Zeit entscheide ich nicht über den Einsatz von Tool A oder Kreativagentur B).
Hmm. Neben den Sessions dürfte Kennenlernen und Netzwerken der große Point-of-Sale des Politcamps sein. Also sehen und gesehen werden. Das ist nicht so ganz mein Spiel, jedenfalls tue ich mich schwer damit, wenn das zwecklos geschieht. Vielleicht bin ich hier irgendwie dann doch zu sehr introvertierter Nerd, um small talk lieber digital zu halten, vielleicht habe ich Netzwerken auf diversen Parteitagen zu sehr als Werkzeug kennengelernt, um Bündnisse für politische Projekte zu schmieden – als l‹art pour l‹art ist Face-to-Face-Netzwerken nicht mein Ding.
Dann habe ich also darüber nachgedacht, ob es Zwecke hinter den direkten Aktivitäten geben könnte, die mich nach Berlin bringen könnten. Da hängt eine ganze Menge an sich auffächernden Zukunftsplänen dran, über die ich mich jetzt nicht näher auslasse. Letztlich bin ich aber zu dem Schluss für mich gekommen, dass es gerade nichts gibt, von dem ich netzpolitisch irgendjemand überzeugen möchte. Ich bin nicht sehr neugierig, wie die Rhetorik der SPD aussieht, oder warum manche FDP- und CDU-Mitglieder trotzdem in ihren Parteien sind. Ich habe auf absehbare Zeit nicht vor, im engeren Sinne netzbezogen erwerbstätig zu sein. Mein Ehrgeiz, mein Blog zu professionalieren, ist begrenzt (und wie wir der taz von gestern entnehmen können, funktioniert digitale boheme eh nur für Bohemians in der einzigen Großstadt, aber auch da eher schrecht). Selbst im wissenschaftlichen Bereich sehen meine Schwerpunkte eigentlich gerade anders aus – Schnittstellen wären höchstens noch Green IT, Mobilfunk und Nachhaltigkeit (nicht gerade die Themen des Politcamps …).
Bleibt als kleines Vielleicht noch die derzeitige Aufstellung von Bündnis 90/Die Grünen im netzpolitischen Sinn. Einige grüne AkteurInnen werden auf dem Politcamp sein, und es wird auch eine Vernetzungssession geben. Als Mitglied der baden-württembergischen grünen Netzkommission und als in der Partei netzpolitisch Aktiver wäre das tatsächlich etwas, was ich spannend gefunden hätte. Aber die Chance, mich zwei Stunden oder so mit einigen (und längst nicht allen) netzpolitisch aktiven Grünen auszutauschen, hat letztlich nicht ausgereicht, die Waage zum Kippen zu bringen. Wenn ich in Berlin wohnen würde, wäre der Entschluss anders ausgefallen.**
Fazit meiner Überlegungen: erstens ist das Politcamp weniger interessant (für mich) als ich dachte – und zweitens gibt es hinsichtlich der Frage, ob und wenn ja welche Bedeutung Netzpolitik in Zukunft für mich haben wird, mehr Unsicherheiten als ich bisher gedacht habe. Über diese Erkenntnis bin ich eigentlich ganz froh – und gleichzeitig gespannt darauf, was diejenigen, die hinfahren, mitbringen.
Warum blogge ich das? Muss sein.
* Das geht auch billiger, klar, und es gibt auch Flugzeuge, die möglicherweise nicht nur schneller sind, sondern auch unterhalb der BahnCard-50-Preise liegen. Auch hier ist es letztlich eher der Zeit- als der Geldfaktor – und für innerdeutsche Flüge zum Vergnügen bin ich zu grün.
** Berlin und die Netzpolitik – Anekdote am Rande: ich bin ja formal immer noch Vorstandsmitglied des »Netzwerk Neue Medien«; das ist in gewisser Weise eine Vorgänger- bzw. Vorfeldorganisation von netzpolitik.org, die in dieser Realitätslinie allerdings nicht mehr als eine, wenn ich das so metaphorisch ausdrücken darf, »AG-Hülle« für diversen netzpolitische Aktivitäten geblieben ist. Eigentlich wäre es längst Zeit für eine Neugründung eines »Neuen Netzwerks Neue Medien«. Jedenfalls, um zur Anekdote zu kommen: das NNM war (auch im Vorstand) dominiert von einigen BerlinerInnen – und dann aus Freiburg Einblick in Abläufe zu bekommen, die in Berlin und dort in räumlicher Nähe tagtäglich stattfanden, war alles andere als einfach. Und mag ein Grund dafür sein, dass das NNM über seine Gründungsphase bis heute nicht so richtig rausgekommen ist. Aber das ist letztlich eine andere Baustelle …








