Archiv der Kategorie: Wissenschaft

Kurz: Flexible Arbeit und der Achtstundentag

Vielleicht verzerrt mein persönlicher Erfahrungshintergrund (Akademiker, bisher an der Uni und in der Politik tätig) hier meine Wahrnehmung, aber ich finde die Forderung der Arbeitgeber, vom Achtstundentag abzurücken, zumindest in Teilen nachvollziehbar.

Die Forderung taucht ja im Kontext der Digitalisierungsdebatte auf, aber eigentlich ist Digitalisierung hier nur ein Bestandteil eines größeren und schon seit einigen Jahrzehnten laufenden Trends, der unter der Überschrift »Flexibilisierung der Arbeit« steht. (Und auch die Debatte um den »Arbeitskraftunternehmer« passt hier hervorragend …). Letztlich geht es um eine Veränderung dessen, was als »Arbeitskraft« auf dem Arbeitsmarkt gehandelt wird: Weg vom Zurverfügungstellen physischer und psychischer Arbeitskraft für definierte Zeiträume – da machen gesetzliche Regulierungen der Arbeitszeit viel Sinn – hin zur weitgehend eigenverantwortlichen Erbringung bestimmter Ergebnisse mit weiten Spielräumen hinsichtlich Arbeitszeit, Arbeitsort und verwendeter Methoden und Kompetenzen. Formal zumindest weiterhin angestellt, aber mit einem Charakter von Arbeit, der einige Gemeinsamkeiten mit Alleinselbstständigen aufweist.

Digitale Werkzeuge erleichtern diese Entkopplung – und tragen dazu bei, dass die Nachfrage nach der zweiten Art von Arbeitskraft steigt, und dass bestehende Berufsbilder transformiert werden. Dieser Prozess ist durchaus ambivalent – steigende Autonomie und steigende Freiräume auf der einen Seite, unfreiwillige Verantwortungsübernahme und die Gefahr der räumlichen und zeitlichen Entgrenzung von Arbeit auf der anderen Seite. Auch hier bleibt politische Regulation notwendig – an die Stelle des starren Achtstundentages treten für diese Berufe und Branchen jetzt Monats- und Jahresarbeitszeitkonten, Kernzeitdefinitionen und Regeln zur Begrenzung der Erreichbarkeit, um gern in Kauf genommene Selbstausbeutung zu verhindern.

Kurz: Bilder vom Rand des Sonnensystems

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New Horizons saust nach Jahren des Anflugs mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit an Pluto vorbei und liefert, von einer Atombatterie gespeist, Bilder (und Daten), die mich ernsthaft beeindrucken.

So sieht es also auf einer Eiskugel am Rand des Sonnensystems aus. Ein verschwommener Lichtpunkt wird eine Landschaft, deren Abbild mit 4000 Bit pro Sekunde zu uns kommt, langsamer als die alten Modems, aber dafür über vier Lichtstunden hinweg. New Horizons (und die anderen Sonden, Dawn etwa) senden hochaufgelöste Bilder von Orten, die – doch, da lege ich mich bei allem Staunen über diese technischen Leistungen dann doch fest – nie ein Mensch betreten wird. Und das sind vier Lichtstunden – das nächste Sonnensystem ist einige Lichtjahre entfernt. Insofern schwingt in diesen Bildern vom Rand unseres Sonnensystems für mich das Gefühl einer unerfüllbaren Sehnsucht mit.

(Foto: NASA, Public Domain)

Kurz: Vollzeitnahe Teilzeit ist möglich. Aber wir müssen auch über Geld reden

Derzeit findet ja die Befragung von Allensbach zu Familienmodellen recht viel Aufmerksamkeit. Ein Befund dabei zeigt, dass recht viele Familien nach wie vor (männliche) Vollzeit + (weibliche) Teilzeit bzw. stundenweise Tätigkeit leben. Dabei würden viele Mütter tendenziell gerne mehr Zeit mit Erwerbsarbeit verbringen, viele Väter »eigentlich« lieber vollzeitnahe Teilzeit, also 25-30 Stunden pro Woche, als Vollzeit arbeiten. Dieser Befund ist nicht neu, auch als ich mich vor einigen Jahren an der Uni wissenschaftlich mit Geschlechterverhältnissen und Arbeit beschäftigte, war das schon Stand des Wissens. Und auch meine eigene Erhebung* zu den Landesforsten Rheinland-Pfalz zeigte ein ganz ähnliches Bild des Auseinanderklaffens von Wunscharbeitszeit und Vertragsarbeitszeit. (Bei der Gelegenheit: inkl. Familienarbeit liegt die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von Müttern in Deutschland heute deutlich höher als die nach selbem Maßstab gemessene Arbeitszeit von Vätern).

Dass (vollzeitnahe) Teilzeit ein gutes Modell für Erwerbsarbeit darstellt, die einem/einer noch Raum für anderes lässt – Kinder und Sorgearbeit, Freizeit, Erholung, aber auch für ehrenamtliche Politik – passt zu meinen eigenen Erfahrungen. An der Uni hatte ich meist die üblichen »halben« Stellen, jetzt in der Landtagsfraktion war es mir wichtig, unterhalb der 100% Erwerbsarbeit zu bleiben. Bis vor kurzem waren dies bei mir 70%, inzwischen sind es, mit einer Ausweitung meiner Tätigkeitsfelder, 80%. Das passt zu dem, was ArbeitswissenschaftlerInnen als »soziabel« bezeichnen, also eine (inhaltlich durchaus ausfüllende) Erwerbsarbeit, die gleichwohl Raum lässt für ein gelebtes egalitäres Verteilen von Familienarbeit und für sonstige private und politische Interessen. Ich bin damit sehr zufrieden.

Wer über Teilzeit spricht, muss allerdings – und das dürfte ein Faktor sein, der das konservative Familienmodell stützt – auch über Geld reden (und eigentlich auch über Karrierechancen). Mit akademischen E13- oder E14-Stellen (Tariftabelle West, brutto, 100%) ist vollzeitnahe Teilzeit auskömmlich. Ähnlich dürfte es bei halbwegs qualifizierten Tätigkeiten in der freien Wirtschaft aussehen. Aber ein sich über die Lebenszeit bis zur dann ebenfalls niedriger ausfallenden Rente aufsummierendes Minus im Familieneinkommen im Vergleich zu Vollzeit arbeitenden KollegInnen bleibt. Und das ist selbst bei E13+ im Lebensstandard spürbar. Dass es deutlich unterhalb dieser Tarife schwierig wird, von Teilzeit zu leben, heißt, dass Themen wie Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich auf den Tisch müssen – wenn nicht gleich die Grundeinkommensdebatte.

* Vgl. etwa Blum, S./Westermayer, T. (2010): Arbeitszeit und Geschlecht im Reformprozess einer Landesforstverwaltung. WSI-Mitteilungen Jg. 63, 1: 34-41.

Kurz: Klassenfrage

Als Bahn-Vielfahrer bin ich fast immer in der 2. Klasse unterwegs – weil mir die BahnCard 100 für die 2. Klasse mit über 4000 Euro pro Jahr schon teuer genug ist, aber auch, weil ich es einfach nie anders kennengelernt habe: Als Kind war es natürlich immer die 2. Klasse in IC und Nachtzug, wenn wir von Süd- nach Norddeutschland gefahren sind. Und später, als das anfing damit, zu Jugendverbandskongressen und Parteitagen, noch etwas später: zu Unidienstreisen, quer durchs Land zu fahren, war ebenso selbstverständlich, dass die Fahrtkostenerstattung sich auf die 2. Klasse bezog.

Wenn ich, wie jetzt grade, dank eines Upgrade-Gutscheins für treue Kunden, dann doch einmal in der 1. Klasse sitze, hat das was von fremden Terrain. Vertraut und zugehörig fühlt sich das nicht an. Bequemere Sitze und mehr Platz – das hätte ich auch gerne bei meinem Pendelalltag. Kostenlose Zeitungen, auch nett. Schwerer tue ich mich da schon mit der Servicekultur und der damit verbundenen aufgesetzten Ultrafreundlichkeit, der emsigen und ständigen Sorge um das Wohlbefinden der Reisenden – Sie werden am Platz bedient, eine kleine Aufmerksamkeit vielleicht, hätten Sie noch einen Wunsch? (Ähnlich fremdelnd ergeht es mir, wenn ich in vielsternige Hotels gerate …).

Das ist schlicht nicht meine Welt. Mit einer bourdieuschen Brille zu beobachten, wie die Angehörigen der 1. Klasse dieses Bedientwerden ganz selbstverständlich finden, ja überhaupt: wie sie sich geben, und dabei eine feine, inkorporierte Eleganz ausstrahlen – das ist durchaus interessant und zugleich ein schöner Beleg für milieuspezifischen Habitus und für die Existenz einer gewissen Klassengesellschaft auch in Deutschland. Was weit über Fragen der Zugehörigkeit hinaus Konsequenzen hat.

Photo of the week: »BaWü-Labs GO!«

"BaWü-Labs GO!" - Auftaktveranstaltung Reallabore - 30.04.2015, Stuttgart

 
In einer kleinen Pause zwischen den GDL-Streiks war ich letzten Donnerstag in Stuttgart und konnte an der schön gestalteten Startschuss-Konferenz »BaWü-Labs GO!« in der Staatliche Akademie der Bildenden Künste auf dem Killesberg teilnehmen. Baden-Württemberg fördert im Rahmen der Wissenschaft für Nachhaltigkeit (dort auch weitere Informationen) sieben »Reallabore« – Versuche, jenseits klassischer Formate in einer engen Verbindung von Forschung und Praxis (kommunal, wirtschaftlich, zivilgesellschaftlich, …) an Lösungen für Transformationsprobleme zu arbeiten. Klingt abstrakt – konkreter geht es beispielsweise darum, den Nationalpark Schwarzwald für die Regionalentwicklung zu nutzen, an einer nachhaltigen Mobilitätskultur für Stuttgart zu arbeiten oder am ehemaligen Textilstandort Dietenheim wieder an diese Tradition anzuknüpfen. Ich verstehe den Begriff Reallabor dabei so, dass es darum geht, ein Forschungsformat für »Realexperimente« zu entwickeln, bei dem es gelingen soll, das wissenschaftliche Wissen mit dem Wissen der Akteure vor Ort auf »Augenhöhe« zusammenzubringen. Anders als im klassischen Interventionsparadigma geht es nicht darum, ein theoriegeleitetes Konzept in die Praxis zu transferieren (wie das misslingen kann, zeigte das Freiburg Scientific Theatre in einer bösen Farce zur Zukunft des IPCC), sondern gemeinsam mit der Praxis überhaupt erst Fragestellungen und Lösungswege zu erarbeiten. Wem dazu Modus-2 einfällt, der liegt wohl nicht so ganz falsch.

Die sieben geförderten Projekten haben jetzt etwa drei Jahre Zeit, sich auf den Weg zu machen. Sie stehen, wie es Uwe Schneidewind in seinem Vortrag sagte, unter scharfer Beobachtung. Gelingt es, tatsächlich nachhaltige – über den Rahmen des Forschungsprojekts hinaus – Lösungen zu finden und vor Ort zu verankern? Schaffen die ForscherInnen den Spagat zwischen Projektmanagement, wissenschaftlichem Renommee und transformativer Praxis? Schneidewind wies zurecht darauf hin, dass dieser Weg von den ForscherInnen nicht nur Haltung – das Sich-Einlassen auf Neues, auf andere Wissensformen – sondern auch Mut abverlangt, denn diese Vorhaben passen ja zunächst einmal nicht wirklich zu den Hamsterrädern disziplinärer Veröffentlichungen und Bewertungen.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt und werde den Weg der Reallabore auch weiterhin interessiert begleiten. (Und es geht weiter: Die zweite Ausschreibungsrunde mit dem Fokus »Reallabor Stadt« läuft bereits …).

P.S.: Inzwischen liegt auch die Antwort auf einen Antrag (Drs. 15/6682), den die Fraktion GRÜNE zu diesem Thema in den Landtag von Baden-Württemberg eingebracht hat, gedruckt vor. Als PDF hier nachlesbar.

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