… sich zu radikalisieren

Anläs­se, sich zu radi­ka­li­sie­ren, gäbe es einige. 

Die Kli­ma­kri­se ist eine exis­ten­zi­el­le Bedro­hung. Ganz ähn­lich sieht es mit dem Arten­ster­ben aus. Hier weit­rei­chen­de For­de­run­gen zu erhe­ben und wenig Spiel­raum für Kom­pro­mis­se zu sehen – so wür­de ich eine radi­ka­le poli­ti­sche Hal­tung im Sin­ne Habecks »radi­kal und rea­lis­tisch« beschrei­ben – erscheint mir sehr nach­voll­zieh­bar. (Und natür­lich lässt sich das her­un­ter­bre­chen auf loka­le Anläs­se, Wäl­der, die abge­holzt wer­den sol­len und der­glei­chen mehr.)

Gerech­tig­keit, glei­che Chan­cen für alle Men­schen, Empa­thie – wer sich dar­an ori­en­tiert, wird nicht umhin kom­men, in der euro­päi­schen Flücht­lings­po­li­tik, im fort­be­stehen­den Ras­sis­mus nicht nur in den USA und in der sozia­len Spal­tung der Gesell­schaft gra­vie­ren­de Pro­ble­me zu sehen. Wel­che Lösun­gen hier grei­fen, dar­über mag es Dis­kus­sio­nen geben – nicht immer ist »der Kapi­ta­lis­mus« schuld. Aber hier gro­ße Unge­rech­tig­kei­ten zu erken­nen und soli­da­risch auf Abhil­fe zu drän­gen, das müss­te doch jeder Mensch wollen.

Es gibt also durch­aus The­men, bei denen ich nach­voll­zie­hen kann, war­um Men­schen eine radi­ka­le Hal­tung haben. 

In der kon­kre­ten Umset­zung in Poli­tik mag dann an der einen oder ande­ren Stel­le »und rea­lis­tisch« wich­ti­ger sein, um Bünd­nis­se zu schmie­den und Mehr­hei­ten zu orga­ni­sie­ren, aber das Feu­er, das die gro­ßen sozia­len Bewe­gun­gen vor­an­ge­trie­ben hat, liegt in der Wahr­neh­mung exis­ten­zi­el­ler Mensch­heits­be­dro­hun­gen und im empa­thi­schen Hun­ger nach Gerechtigkeit.

Oder anders gesagt: Anlass zur Radi­ka­li­tät sind hier letzt­lich uni­ver­sel­le Fra­gen, kei­ne Partikularinteressen.

Hier sehe ich den gro­ßen Unter­schied zu eini­gen Radi­ka­li­sie­run­gen, die in die­sen Tagen zu beob­ach­ten sind. Wenn älter wer­den­de öffent­li­che Figu­ren der ver­lo­ren gegan­ge­nen Auf­merk­sam­keit nach­trau­ern und dies in ihren Mei­nungs­ar­ti­keln und Talk­show­state­ments als Sprech­ver­bo­te bezeich­nen, dann ist das trau­rig mit anzu­se­hen, in gewis­ser Wei­se absurd und jeden­falls eine mas­siv auf das eige­ne Ich bezo­ge­ne Radikalisierung.

Wenn Trump, Bol­so­na­ro oder Putin (die Lis­te lie­ße sich fort­set­zen) als Heils­brin­ger ver­klärt wer­den, auch außer­halb ihrer jewei­li­gen Natio­nen, dann liegt nahe, das so zu deu­ten, dass hier »star­ke Män­ner« her­bei­ge­sehnt wer­den, auf die eige­ne Ängs­te und Erwar­tun­gen pro­ji­ziert wer­den. Das Motiv des Super­hel­den­films, aber in maxi­ma­ler Ver­zer­rung. Bewun­dert wird, dass da wel­che ganz oben ste­hen, Macht haben, und für sich anschei­nend kei­ne Regeln gel­ten lassen. 

Und wenn schließ­lich Men­schen auf die Stra­ße ren­nen, um in stän­dig wabern­den ver­schwö­re­ri­schen Gedan­ken­ge­bäu­den gegen Wis­sen­schaft und Ver­nunft auf die Stra­ße zu gehen, dann ist das sicher­lich eine Radi­ka­li­sie­rung, aber ganz sicher kei­ne, die sich an Uni­ver­sa­li­tät ori­en­tiert. Ein Reiz, sich die­sem wir­ren Rau­nen hin­zu­ge­ben, scheint ja viel­mehr gera­de dar­in zu bestehen, dass die­se Men­schen sich als Aus­er­wähl­te einer nur für einen ein­ge­schränk­ten Kreis zugäng­li­chen »Wahr­heit« sehen. Mehr Ich­be­zo­gen­heit geht kaum.

Ich möch­te jetzt nicht dar­über spe­ku­lie­ren, wie Men­schen in sol­che Ideen­ge­bäu­de hin­ein gera­ten, wel­che Rol­le dabei Algo­rith­men und wel­che Ängs­te und Leer­stel­len spie­len. Jeden­falls scheint es hier eine schnel­le und mas­si­ve, fast schon sek­ten­haf­te Radi­ka­li­sie­rung und damit ein­her­ge­hend Abschot­tung zu geben. Die kon­kre­ten Erzäh­lun­gen sind flu­ide und wan­deln sich, ohne dass die­se Wider­sprü­che wahr­ge­nom­men wür­den. Es bleibt im Kern das Bild der Erweck­ten, die eine ande­ren ver­bor­gen blei­ben­de »Wahr­heit« erfah­ren haben, die dann zum Ord­nungs­mo­ment in einer »End­zeit« wird.

Wenn ich jetzt die­se bei­den unter­schied­li­chen For­men der Radi­ka­li­sie­rung anschaue, dann mag es auf der Ober­flä­che Ähn­lich­kei­ten geben: Men­schen gehen für etwas auf die Stra­ße, zei­gen sich dabei kom­pro­miss­los und in gewis­ser Wei­se auch missionarisch.

Der ent­schei­den­de Unter­schied liegt jen­seits der ähn­li­chen und ein­ge­üb­ten For­men. Er liegt für mich in der Fra­ge, ob das zugrun­de lie­gen­de Wis­sen uni­ver­sa­lier­bar ist. Das soll hei­ßen: Sind die Beob­ach­tun­gen und Behaup­tun­gen, auf die sich die Radi­ka­li­sie­rung bezieht, prin­zi­pi­ell zugäng­lich und über­prüf­bar – und haben dann noch Bestand? 

Das mag jetzt nicht intui­tiv klin­gen, aber letzt­lich sind Sta­tis­ti­ken zur sozia­len Ungleich­heit oder kom­pli­ziert anmu­ten­de wis­sen­schaft­li­che Auf­sät­ze zu Ein­zel­phä­no­me­nen des Kli­ma­wan­dels uni­ver­sel­ler als Anek­do­ten, der »gesun­de Men­schen­ver­stand« oder in You­tube-Vide­os gepack­tes Geheim­wis­sen. Die Über­prüf­bar­keit ist – nicht für mich als Ein­zel­per­son, aber für die Gesell­schaft – dann gege­ben, wenn Wis­sen dem Wis­sen­schafts­sys­tem (und in zwei­ter Linie der mas­sen­me­dia­len Öffent­lich­keit) zugäng­lich ist und dort dar­über kom­mu­ni­ziert wer­den kann. Das unter­schei­det Fak­ten zur Kli­ma­kri­se von »Fak­ten« zu Geheim­bün­den oder zu »die­ser Arzt sagt, Coro­na exis­tiert nicht«. 

Typisch für bei­de letzt­ge­nann­ten Wis­sens­sor­ten ist ja gera­de, dass sie, um ihre Gül­tig­keit »bewei­sen« zu kön­nen, die Wis­sen­schaft wie die Medi­en (und wei­te­re Sub­sys­te­me) dele­gi­ti­mie­ren müs­sen. Dass nie­mand die­sen Geheim­bund, die­se Ver­schwö­rung ernst nimmt, kann nur dar­an lie­gen, dass Poli­tik, Medi­en und Wirt­schaft mit im Boot sit­zen – dass es bei der Ein­zel­mei­nung des einen Arz­tes bleibt, kann nicht dar­an lie­gen, dass sie nicht stimmt, son­dern hat etwas mit Unter­drü­ckung »der Wahr­heit« durch ein Kom­plott aus Indus­trie und Wis­sen­schaft zu tun. Die­se Denk­fi­gu­ren sind selbst­be­stä­ti­gend – wer sie in Fra­ge stellt, ist ent­we­der noch nicht erweckt, oder Teil der Ver­schwö­rung – und damit schwer angreif­bar. Die Mau­ern der Nar­ren­tän­ze bestehen aus selbst­här­ten­dem Zement.

Die Fra­ge der Radi­ka­li­sie­rung wird noch etwas unan­ge­neh­mer, wenn in Betracht gezo­gen wird, dass es selbst­ver­ständ­lich auch ech­tes dis­si­den­tes Wis­sen gibt und geben kann. Wis­sen­schaft sucht zwar nach Wahr­heit, ist aber nicht nur von exter­nen Gel­dern abhän­gig, son­dern kennt wie jedes ande­re gesell­schaft­li­che Feld Macht­struk­tu­ren, Abhän­gig­kei­ten und ein­ge­fah­re­ne Prak­ti­ken. Bis als falsch erkann­te Theo­rien durch neue ersetzt wer­den, kann es dau­ern. Wider­spruch kann ein Instru­ment der per­sön­li­chen Pro­fi­lie­rung sein, und unpas­sen­de Daten kön­nen igno­riert werden. 

Inso­fern wäre es zu ein­fach, jede nicht dem herr­schen­den Para­dig­ma ent­spre­chen­de Idee gleich für falsch zu hal­ten. Das Wis­sen über mög­li­che Effek­te von CO2 auf das Kli­ma war auch in den 1970er Jah­ren vor­han­den. Und Lob­by­stu­di­en mit erwünsch­ten Ergeb­nis­sen gibt und gab es heu­te wie gestern.

Gibt es also doch kei­ne kla­re Grenz­zie­hung zwi­schen rich­ti­gen und fal­schen Radi­ka­li­sie­rungs­an­läs­sen? Viel­leicht hilft es, die Welt hier in Grau­stu­fen zu sehen: je mehr ein Fakt dar­auf ange­wie­sen ist, Wis­sen­schaft, Poli­tik, Medi­en und so wei­ter in Fra­ge zu stel­len, um sei­ne Gül­tig­keit zu bewei­sen, des­to wahr­schein­li­cher ist es, dass er kei­nen Bezug zur Rea­li­tät hat. 

Mit die­ser Heu­ris­tik und mit einem bewuss­ten Ver­wei­gern von Ein­sei­tig­keit – nicht im Sin­ne eines jede Sei­te braucht gleich viel Raum, egal was rich­tig ist, son­dern als Pra­xis des Blicks über den Tel­ler­rand – scheint es mir ganz gut mög­lich zu sein, auf fal­sche Radi­ka­li­sie­rungs­an­läs­se nicht her­ein­zu­fal­len; und gleich­zei­tig Empa­thie und einen offe­nen Blick für die Anläs­se zu bewah­ren, bei denen Radi­ka­li­tät ange­bracht ist.

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