120 »Proteststimmen« aus den Gauck tragenden Fraktionen

Die ver­mut­lich lang­wei­ligs­te Bun­des­ver­samm­lung ever ist nun vor­bei. Ich konnt’s natür­lich nicht las­sen, neben dem Aus­fül­len mei­ner Steu­er­erklä­rung doch ab und zu auf den Twit­ter-Stream zu schau­en, und weiß des­we­gen jetzt, dass Joa­chim Gauck – gro­ßes Erstau­nen! – gewählt wur­de und in sei­ner Rede die­sen Sonn­tag lob­te. Geti­ckert wur­den auch die Zahlen:

Joa­chim Gauck 991 80,7%
Bea­te Klarsfeld 126 10,3%
Olaf Rose (NPD) 3 0,2%
Ent­hal­tun­gen 108 8,8%
Gül­ti­ge Stimmen 1228 100%
feh­len­de Dele­gier­te bzw. ungültig 7 (laut tages­schau) 8
d.h. 5 Stim­men, die ent­we­der ungül­tig waren oder auch fehl­ten 4*
Wahl­leu­te 1240 (laut wahlrecht.de)

Span­nend ist natür­lich, wer hin­ter den 108 Ent­hal­tun­gen (und den 2 Stim­men, die Bea­te Klars­feld über die Links­frak­ti­on hin­aus bekom­men hat) steckt. 2 davon sind bekannt: die Pira­ten haben ange­kün­digt, sich zu ent­hal­ten. Blei­ben 106+2=108. Dann kön­nen wir noch die 12 Wahl­leu­te dazu­rech­nen, die nicht da waren oder ungül­tig gewählt haben, gibt 120 Pro­test­stim­men.**

Jetzt gibt es natür­lich das Wahl­ge­heim­nis. Aber mit ein paar Ver­mu­tun­gen lässt sich doch ein biss­chen Licht hin­ter die Zahl 120 brin­gen. Aus­gangs­ba­sis sind die 1240 Wahl­leu­te. Wenn wir davon aus­ge­hen, dass die Links­frak­ti­on kom­plett für Klars­feld und die NPD kom­plett für ihren Gesin­nungs­ge­nos­sen gestimmt hat, und dass die bei­den Pira­ten sich den Ankün­di­gung ent­spre­chend ent­hal­ten haben, blei­ben also: 1111 Stimmen. 

Die­se 1111 Stim­men ver­tei­len sich wie folgt auf die übri­gen Grup­pie­run­gen in der Bundesversammlung:

Grup­pie­rung Wahl­leu­te Ver­hal­ten klar Wahl­leu­te
CDU 439 439
CSU 47 47
SPD 332 332
GRÜNE 146 146
FDP 136 136
FW, SSW 11 11
LINKE 124 124
Pira­ten 2 2
NPD 3 3
Sum­me 1240 129 1111

Wenn wir jetzt davon aus­ge­hen, dass die 120 »Pro­test­wäh­le­rIn­nen« sich auf die übri­gen Grup­pen in glei­chen Antei­len ver­tei­len, ergibt sich fol­gen­des Bild: 47 Wahl­leu­te der CDU, 5 Wahl­leu­te der CSU, 36 Wahl­leu­te der SPD, 16 Wahl­leu­te der Grü­nen, 15 Wahl­leu­te der FDP und 1 Per­son aus dem Block FW/​SSW haben Gauck nicht gewählt. Wohl­ge­merkt: dass ist das Bild, das sich bei einer Gleich­ver­tei­lung auf die Grup­pie­run­gen ergibt.

Poli­tisch hal­te ich es für wahr­schein­lich, dass der Anteil bei der CDU und der FDP nied­ri­ger, und v.a. bei den Grü­nen deut­lich höher aus­ge­fal­len ist. Ob das so ist, und wie hoch der Anteil wäre, ist Spe­ku­la­ti­on. Allein schon bei einer Gleich­ver­tei­lungs­an­nah­me sind es 11 Pro­zent der grü­nen Dele­ga­ti­on (und der CDU-Dele­ga­ti­on usw.), die den Prä­si­den­ten nicht gewählt haben. 

Wenn die Gleich­ver­tei­lungs­an­nah­me nicht stimmt, könn­ten es sogar – also unter der Annah­me, dass sämt­li­che »Pro­test­stim­men« aus der grü­nen Dele­ga­ti­on kamen – ein Anteil von 120/​146 = 82 Pro­zent der grü­nen Frak­ti­on sein. Das hal­te ich für unwahr­schein­lich; die Wahr­heit wird irgend­wo dazwi­schen liegen. 

War­um blog­ge ich das? Letzt­lich, weil mich die doch recht hohe Zahl an Ent­hal­tun­gen schon gewun­dert hat.

* Es wur­den wohl 1232 Stim­men abge­ge­ben, d.h. es gab 4 ungül­ti­ge Stim­men, erfah­re ich gera­de. Einen Über­blick über die Zah­len gibt auch wahlrecht.de.

** Mir ist bewusst, dass nicht jede z.B. aus Krank­heits­grün­den nicht abge­ge­be­ne Stim­me Pro­test gegen Gauck ist.

3 Antworten auf „120 »Proteststimmen« aus den Gauck tragenden Fraktionen“

  1. Sind die Grü­nen reha­bi­li­tiert, wenn sich mehr als 50 Pro­zent ihrer Wahl­frau­en/-män­ner ent­hal­ten haben? Nein. Denn 1. ist eine Ent­hal­tung natür­lich kei­ne Nein-Stim­me und 2. gab es im Vor­feld genü­gend Mög­lich­kei­ten, die Nomi­nie­rung Gaucks durch die Par­tei­spit­ze auch öffent­lich zu kritisieren.

    Die grü­nen Abweich­ler wären, falls das die Kern­fra­ge hin­ter den Spe­ku­la­tio­nen um die Ver­tei­lung der Ent­hal­tun­gen ist, in gewis­ser Wei­se dop­pelt fei­ge gewe­sen. Sie haben ihrer Par­tei­spit­ze nicht öffent­lich (das heißt: für den Wäh­ler erkenn­bar) wider­spro­chen und auch Gauck nicht widersprochen.

  2. Lus­tig fin­de ich ja das Gezer­re um die Ent­hal­tun­gen, das jetzt los­geht: SPD und lei­der auch unse­re grü­nen Spit­zen­leu­te wie Rena­te Kün­ast behaup­ten, die Ent­hal­tun­gen kämen über­wie­gend von CDU, CSU und FDP, und anders­her­um genau­so. Ich blei­be dabei, dass die Wahr­heit ver­mut­lich in der Mit­te liegt – und das nichts ver­werf­li­ches dar­an ist.

    1. Für Uni­on, Libe­ra­le und SPD (Sar­ra­zin ist Genos­se) sind Ent­hal­tun­gen kein Pro­blem, weil eine Art inner­par­tei­li­che Demo­kra­tie. Nur die Grü­nen haben ein Dilem­ma. Ent­we­der gab es »zu vie­le« Ent­hal­tun­gen, dann ist die Par­tei­spit­ze in gewis­ser Wei­se dele­gi­ti­miert oder es gab »zu wenig« Ent­hal­tun­gen, dann erschei­nen die Grü­nen als Gan­zes nach rechts gerückt (Was an sich zwar auch nicht »ver­werf­lich« wäre, nur für man­chen Wäh­ler eine inak­zep­ta­ble Zumu­tung, auch für mich).

      Ent­schei­dend ist bei allem, dass die Grü­nen Gauck genannt haben. Sonst wäre die Sache weni­ger kri­tisch. Jetzt sind sie gezwun­gen, Gauck-kom­pa­ti­bel zu blei­ben, sei­ne State­ments im Sin­ne der Grü­nen zu inter­pre­tier­ten, jeden­falls über­wie­gend. Gauck dage­gen hat die Grü­nen prak­tisch in der Hand.

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