899, oder: warum ich nicht zum Politcamp fahre

pc10Wer mich kennt, müsste eigentlich davon überzeugt sein, dass ich so ungefähr alles dafür geben würde, zum Politcamp 10 zu fahren. Das ganze steht unter dem Motto »Politik trifft Web 2.0″. Trotzdem fahre ich nicht hin. Ich könnte es mir jetzt einfach machen und sagen: es gab da einen familiären Terminkonflikt. Aber der wäre aus dem Weg zu räumen gewesen, wenn es mir das wert gewesen wäre.

Warum also lasse ich mein kostenloses Early-Bird-Ticket verfallen, und nehme nicht am Politcamp 10 teil?

(Achtung: ein Text mit Rant-Charakter! Und eher persönlich!)

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, und ich befürchte, dass da jetzt auch ein bißchen kognitive Dissonanzen reinspielen. Etwas freundlicher ausgedrückt: nachdem sich für mich abzeichnete, dass es zeitlich schwierig sein könnte, zum Politcamp zu fahren, war ich gezwungen, mir zu überlegen, wie wichtig mir die Teilnahme dort ist. Einige meiner Facebook-Kontakte und in der grünen Mailingliste Netzpolitik werden diesen Denkprozess ein bißchen mitgekriegt haben (und sind vielleicht jetzt schon ganz genervt, dass ich auch noch dazu blogge).

Vielleicht erstmal die Kostenseite: so ungefähr 150 Euro, um nach Berlin zu kommen, plus x für Unterkunft und Verpflegung.* Freiburg ist eine der Städte, in der die politisch-gesellschaftliche Zentralität unserer Bundeshauptstadt am ärgsten zu Buche schlägt. Es gibt durchaus Termine, für die ich mich (je Richtung) 6,5 Stunden in den Zug setze, aber das ist zumindest mal die erste Hürde. Viel wichtiger ist die zweite Hürde: momentan habe ich das Gefühl, eher zu wenig Zeit zu haben. Das hat was mit Familie haben zu tun und auch damit, einen relativ großen Teil Familienarbeit zu machen. Und dann gibt es momentan einen Haufen unabgeschlossener Projekte, die anderen Projekten im Wege steht. Ein Wochenende ist da schon eine ziemlich große Summe (Hallo, graue Herren dieser Welt!). Kinder heißt auch: Termine sind abhängig von innerfamiliären Einigungs- und Organisationsprozessen, die wiederum aufwendig sein können. Zusammengefasst: aus meiner individuellen Sicht ist ein Wochenende Politcamp eher »teuer«.

Damit kommt die große Frage nach dem Nutzen ins Spiel. Abstrakt gesprochen, ist ein großes Treffen vieler Netzaktiver eine tolle Sache. Und noch dazu als Barcamp organisiert, prima. Je konkreter die Ankündigungen für das Politcamp wurden, und je näher der Termin heranrückte, desto stärker rückten andere Aspekte für mich in den Vordergrund: alle paar Tage wurden andere »große Namen« auf Twitter gedroppt. Jeder Blick auf die Website (gesponsort von …, Medienpartner …) und in den Twitter-Feed (jetzt schon 700 Anmeldungen, 750, 800 … die, die und die Medien werden da sein …) machte für mich deutlich: irgendwer hat ein großes Interesse daran, Aufmerksamkeit rund um das Politcamp zu erzeugen. Auch das ist zunächst mal legitim (und in gewisser Weise ist Aufmerksamkeit ja auch die netztypischste aller Währungen). Aber für mich rückte das mentale Bild, dass ich mir vom Politcamp machte, dann doch immer stärker von »wir, die Netzcommunity, findet da zu sich selbst« zu »kommerzialisierte Messe für Politik 2.0 im schicken Gewand sozialer Netzwerke«. Soll auch heißen: mir ist das zu gestaltet, zu professionell, zu organisiert.

Damit begann ich mich ein bißchen umzuhören und mir auch die vorgeschlagenen Sessions mal näher anzuschauen. Was ich fand, war eine Mischung aus 1. »Einführung in …« (habe nicht das Gefühl, das zu brauchen, auch wenn das jetzt arrogant klingen mag), 2. »große Namen talken« (kann spannend/amüsant sein, kommt aber selten viel bei rum), 3. »Abgehoben-utopisch 2.1″ (wäre spannend, wenn ich dafür einen halben Tag nach Basel oder Karlsruhe fahren müsste, aber bringt mich nicht nach Berlin) und 4. »Psst, wir hätten da was Neues« (bin ich nicht die Zielgruppe für – derzeit und vermutlich auch in absehbarer Zeit entscheide ich nicht über den Einsatz von Tool A oder Kreativagentur B).

Hmm. Neben den Sessions dürfte Kennenlernen und Netzwerken der große Point-of-Sale des Politcamps sein. Also sehen und gesehen werden. Das ist nicht so ganz mein Spiel, jedenfalls tue ich mich schwer damit, wenn das zwecklos geschieht. Vielleicht bin ich hier irgendwie dann doch zu sehr introvertierter Nerd, um small talk lieber digital zu halten, vielleicht habe ich Netzwerken auf diversen Parteitagen zu sehr als Werkzeug kennengelernt, um Bündnisse für politische Projekte zu schmieden – als l‹art pour l‹art ist Face-to-Face-Netzwerken nicht mein Ding.

Dann habe ich also darüber nachgedacht, ob es Zwecke hinter den direkten Aktivitäten geben könnte, die mich nach Berlin bringen könnten. Da hängt eine ganze Menge an sich auffächernden Zukunftsplänen dran, über die ich mich jetzt nicht näher auslasse. Letztlich bin ich aber zu dem Schluss für mich gekommen, dass es gerade nichts gibt, von dem ich netzpolitisch irgendjemand überzeugen möchte. Ich bin nicht sehr neugierig, wie die Rhetorik der SPD aussieht, oder warum manche FDP- und CDU-Mitglieder trotzdem in ihren Parteien sind. Ich habe auf absehbare Zeit nicht vor, im engeren Sinne netzbezogen erwerbstätig zu sein. Mein Ehrgeiz, mein Blog zu professionalieren, ist begrenzt (und wie wir der taz von gestern entnehmen können, funktioniert digitale boheme eh nur für Bohemians in der einzigen Großstadt, aber auch da eher schrecht). Selbst im wissenschaftlichen Bereich sehen meine Schwerpunkte eigentlich gerade anders aus – Schnittstellen wären höchstens noch Green IT, Mobilfunk und Nachhaltigkeit (nicht gerade die Themen des Politcamps …).

Bleibt als kleines Vielleicht noch die derzeitige Aufstellung von Bündnis 90/Die Grünen im netzpolitischen Sinn. Einige grüne AkteurInnen werden auf dem Politcamp sein, und es wird auch eine Vernetzungssession geben. Als Mitglied der baden-württembergischen grünen Netzkommission und als in der Partei netzpolitisch Aktiver wäre das tatsächlich etwas, was ich spannend gefunden hätte. Aber die Chance, mich zwei Stunden oder so mit einigen (und längst nicht allen) netzpolitisch aktiven Grünen auszutauschen, hat letztlich nicht ausgereicht, die Waage zum Kippen zu bringen. Wenn ich in Berlin wohnen würde, wäre der Entschluss anders ausgefallen.**

Fazit meiner Überlegungen: erstens ist das Politcamp weniger interessant (für mich) als ich dachte – und zweitens gibt es hinsichtlich der Frage, ob und wenn ja welche Bedeutung Netzpolitik in Zukunft für mich haben wird, mehr Unsicherheiten als ich bisher gedacht habe. Über diese Erkenntnis bin ich eigentlich ganz froh – und gleichzeitig gespannt darauf, was diejenigen, die hinfahren, mitbringen.

Warum blogge ich das? Muss sein.

* Das geht auch billiger, klar, und es gibt auch Flugzeuge, die möglicherweise nicht nur schneller sind, sondern auch unterhalb der BahnCard-50-Preise liegen. Auch hier ist es letztlich eher der Zeit- als der Geldfaktor – und für innerdeutsche Flüge zum Vergnügen bin ich zu grün.

** Berlin und die Netzpolitik – Anekdote am Rande: ich bin ja formal immer noch Vorstandsmitglied des »Netzwerk Neue Medien«; das ist in gewisser Weise eine Vorgänger- bzw. Vorfeldorganisation von netzpolitik.org, die in dieser Realitätslinie allerdings nicht mehr als eine, wenn ich das so metaphorisch ausdrücken darf, »AG-Hülle« für diversen netzpolitische Aktivitäten geblieben ist. Eigentlich wäre es längst Zeit für eine Neugründung eines »Neuen Netzwerks Neue Medien«. Jedenfalls, um zur Anekdote zu kommen: das NNM war (auch im Vorstand) dominiert von einigen BerlinerInnen – und dann aus Freiburg Einblick in Abläufe zu bekommen, die in Berlin und dort in räumlicher Nähe tagtäglich stattfanden, war alles andere als einfach. Und mag ein Grund dafür sein, dass das NNM über seine Gründungsphase bis heute nicht so richtig rausgekommen ist. Aber das ist letztlich eine andere Baustelle …

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11 Kommentare zu 899, oder: warum ich nicht zum Politcamp fahre

  1. Hmmm… Ich kann deine Überlegungen sehr gut nachvollziehen. Ich bin mittlerweile auch zu dem Punkt gekommen zu sagen: Ich muß nicht jede Veranstaltung mitnehmen. Und das, obwohl ich mich auch zukünftig stark in der Netzpolitik verankert sehe. Nur den Rant sehe ich nicht so ganz. Das ist vielmehr eine rationale Analyse des Für und Wider, der ich mich, wenn ich mir die Website und den bisherigen Sessionplan so anschaue, anschließe. Was ich da lese, bekomme ich thematisch mittlerweile auch auf dem jährlichen Chaos Communication Congress, der für mich die höhere Priorität hat. Die Schnittmenge der Leute, die beide Veranstaltungen besuchen, dürfte auch von grüner Seite recht hoch sein, und viele kenne ich sicherlich ohnehin schon, sodaß nicht mal der Vernetzungsaspekt eine Rolle spielen würde. Ergänzen würde ich nur noch, daß ich mich nicht für mich kostspielige Veranstaltungen anmelde, deren Programm ich mir im Vorhinein nicht genau anschauen kann. Mir ist klar, daß die vielen freien Slots der Sinn eines Barcamps sind, aber ich hätte ebenfalls eine weite Strecke bis Berlin zurückzulegen, eine solche Reise würde mich auch für zwei Tage relativ viel Geld kosten, und die Gefahr, daß es dann nicht wirklich lohnend ist, wäre mir zu hoch.

  2. Till sagt:

    Der Rant steckt zwischen den Zeilen (oder ist das ein Oxymoron?). Weil ich glaube, dass das Bild, dass das PC10 von sich selbst gerne haben würde, nicht dem entspricht, dass es produziert.

  3. Paula sagt:

    Ich kann mich dem eigentlich nur anschließen.

    Mir gefallen gerade die vielen gesetzten Sessions nicht, @Alex. Von einem Barcamp erwarte ich eben die Synergie und Befruchtung, die gerade die Personen erzeugen die anwesend sind. Wer also schon vor der Vorstellungsrunde ne konkrete Vorstellung hat wie sein Vortrag aussehen soll, der vergeudet eigentlich seine Zeit.

    Was mir besonders aufstößt ist dieses Glamourimage das Politcamp erzeugen will, gute Barcamps haben in meiner Erfahrung ehr den Charakter von Arbeitstreffen. Deshalb habe ich mich auch zum Barcamp am Bodensee angemeldet, zu dem vielleicht auch aus den umliegenden Ländern noch der eine oder andere kommt, was gerade auch Netzpolitischen Themen eine andere Perspektive geben würde. Vielleicht treffen wir uns ja dort.

  4. Till sagt:

    @Paula: Ja, das trifft es. War zwar noch nie auf einem echten Barcamp ;-), würde das aber trotzdem auch eher mit Arbeitsatmosphäre und sowas wie ›ner Projektorientierung verbinden. Barcamp, Parteitag, Messe und Möchtegern-SXSW zu mischen, ist dagegen einfach keine gute Idee.

  5. Lavinia sagt:

    Ich kann deine Argumente nachvollziehen.
    Ich wäre mit Sicherheit auch nicht für 48 Stunden nach Berlin gefahren, zumal mein Anfahrtsweg noch eine viertel Stunde länger ist, als von Freiburg (man sieht, trotz der Nähe zu Stuttgart, gewisse Unterentwicklung in der fernverkehrlichen Anbindung der DB).
    Ich habe das WE mit zwei Tagen Überstundenabbau und einem Urlaubstag ergänzt.
    Dem grünen Vernetzungstreffen werde ich bewohnen.
    Im Grunde bringen mir die Sessions des PCs für meinen Bereich Wirtschaft, in dem ich in unserer Netzpolitikkommsion arbeite, eher wenig. Ich hoffe aber von meiner Seite auf persönlich fruchtbare Gespräche und Inspriationen für meinen Teil der Arbeit, von denen ich auch gerne berichten werde.
    Viele Grüße in den Südwesten und ein schönes Wochenende,
    Lavinia :)

  6. Eva sagt:

    Ich kann deine Argumentation auch gut nachvollziehen. Wenn ich nicht in Berlin wohnen würde, wäre meine Entscheidung wohl ähnlich ausgefallen. So bin ich aber in Berlin, war zudem noch nie auf einem PolitCamp und kann meine Neugierde befriedigen. Wirklich viel erwarte ich nicht, aber das hat dann auch den Vorteil, dass keine Erwartungen enttäuscht werden können…Ich bin jedenfalls gespannt und werde auch berichten.

  7. citoyen sagt:

    Paula schreibt: Mir gefallen gerade die vielen gesetzten Sessions nicht

    An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass ein Barcamp-Format vom Engagement seiner Teilnehmer lebt. Nicht genehmen Sessions begegnet man am besten mit dem Angebot eigener!

    Ich werde auf jeden Fall die Veranstaltung besuchen und vermute, dass das Urteil am Ende differenziert ausfallen wird. Einige werden sicher interessante und fruchtbare Sessions erleben, andere werden Workshops besuchen, die sie nicht weiterbringen. So war zumindest mein Fazit aus dem letzten Jahr.

    Nur eins hoffe ich sehr: Dass nicht jeder der knapp tausend Teilnehmer seine Zusage so ausführlich thematisiert wie Till seine Absage. Dann könnte es nämlich tatsächlich eine Veranstaltung unzähliger Selbstdarsteller und Publicity-geiler Teilnehmer werden!
    (Bitte entschuldige diese kleine Spitze, soll keine Beleidigung sein!)

  8. Till sagt:

    @citoyen: Ich habe absolut nichts dagegen, dass andere Menschen gerne zum Politcamp fahren (und habe ja oben erwähnt, dass ich das, wenn ich mal kurz vorbeischauen könnte, durchaus machen würde). Trotzdem würde mich von den 900 (von tausend war bis gestern nicht die Rede) – na gut, von unbekannterweise dir – interessieren, was deine Erwartungshaltung ist (»Einige werden sicher interessante und fruchtbare Sessions erleben, andere werden Workshops besuchen, die sie nicht weiterbringen.«) – und würde mich auch freuen, zu hören, ob diese erfüllt wurde oder nicht.

  9. Pingback: Links anne Ruhr (20.03.2010) » Pottblog

  10. Till sagt:

    Hier noch ein Hinweis auf einen Text von Annalist, die ebenfalls nicht am Politcamp teilgenommen hat, und einer von Eva, die teilgenommen hat.

    Mich würden ja weitere Reflektionen durchaus interessieren.

    Nachtrag: hier noch Nico Lumma (»Die selbst-organisierten Konferenzen manifestieren das, was man aus der Blogosphäre seit Jahren kennt: der Funke springt nicht über, man bleibt unter sich.«) und KoopTech (»Politik trifft Web 2.0. Schön, dass wir geredet haben. Und schade, dass wir nichts verstanden haben. Aber das kann ja noch anders werden. Wenn die Selbstreferentialität der Web2.0-Gemeinde endlich mal ein Ende findet.«).

    Wo sind die positiven Reviews?

  11. Pingback: Stecki's Blog

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