Nach der Wahl

Green is colourful

Die Umfra­gen in den Tagen vor­her hat­ten es schon ange­deu­tet; auch der ernst­haf­te Aus­schluss einer Ampel durch die FDP – der die­ser sicher noch eine gan­ze Rei­he zusätz­li­che Stim­me ein­brach­te – senk­te die Erwar­tun­gen. Die gro­ße Fra­ge am Wahl­abend war die nach dem Juni­or­part­ner der Mer­kel-CDU. Eben­so war schon seit eini­gen Tagen klar, dass die som­mer­lich eupho­ri­schen 13 bis 14 Pro­zent, die uns Grü­nen auch schon mal vor­her­ge­sagt wor­den waren, nicht erreicht wer­den würden. 

Trotz der der­mas­sen redu­zier­ten Erwar­tun­gen war das Wahl­er­geb­nis ins­ge­samt ent­täu­schend: Eine kla­re Mehr­heit für Schwarz-gelb, auch ohne Über­hang­man­da­te. Eine am Boden zer­stör­te SPD. Kei­ne grü­nen Direkt­man­da­te jen­seits von Kreuz­berg. Grü­ne nur auf Platz 5, erst im Ver­gleich zu den vor­he­ri­gen Wah­len wird bewusst, dass 10,7 Pro­zent Zweit­stim­men für die Grü­nen eine Grö­ße sind, die vor weni­gen Mona­ten für eine Bun­des­tags­wahl noch als kaum vor­stell­bar galt. Inso­fern stimmt der Spruch auf gruene.de, dass es sich hier um ein his­to­ri­sches Ergeb­nis han­delt. In den Geschichts­bü­chern wird aber wohl doch eher die struk­tu­rel­len Ver­schie­bun­gen im Par­tei­en­sys­tem lan­den als das bis dato bes­te Ergeb­nis der kleins­ten Oppositionspartei.

68 Grü­ne sit­zen in der neu­en Frak­ti­on. Erst spät am Wahl­abend, gegen 3.30 Uhr, war klar, wie sich die­se 68 Man­da­te zwi­schen den Län­dern ver­tei­len wer­den. Ins­ge­samt wird die Frak­ti­on ein Stück bun­ter, lin­ker, jün­ger wer­den – zum Bei­spiel mit Sven-Chris­ti­an Kind­ler, mit Agnieszka Mal­c­zak (was mich ganz beson­ders freut), oder auch mit Bea­te Mül­ler-Gem­me­cke, die in Baden-Würt­tem­berg die Grund­ein­kom­mens­de­bat­te mass­geb­lich beein­flusst hat­te. Ich glau­be, dass es eine gute grü­ne Frak­ti­on wer­den wird und bin schon gespannt, wie sich hier The­men und Zustän­dig­kei­ten ver­tei­len werden.

Letzt­lich ist das aber eine Moment­auf­nah­me. Jetzt steht die Fra­ge an, ob die Kon­stel­la­ti­on Schwarz-gelb vs. Rot-rot-grün eine neue Lager­bil­dung auto­ma­tisch nach sich zieht – oder ob wir die­se unbe­dingt ver­mei­den soll­ten. Die Koali­ti­ons­bil­dun­gen im Saar­land und in Thü­rin­gen wer­den ers­te hand­fes­te Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge dar­stel­len. Die Grü­nen in Schles­wig-Hol­stein sind ohne Koali­ti­ons­aus­sa­ge in den Wahl­kampf gezo­gen, und haben – hier lässt sich das wirk­lich sagen – ein his­to­risch gutes Ergeb­nis erreicht. Lag’s dar­an, oder doch nur an der Schlamm­schlacht der Großen?

Wie weit kann grü­ne Eigen­stän­dig­keit gehen? Wann muss die Oppo­si­ti­on zusam­men­ste­hen, um Druck auf die Raub­kat­zen-Regie­rung aus­zu­üben, wann geht’s drum, vom letz­ten Platz aus laut­stark Gehör zu fin­den? Ich rech­ne damit, dass stär­ker als in den letz­ten vier Jah­ren – und auch da gab es die­se Ent­wick­lung ja schon – eine Hin­wen­dung zurück zu den alten und neu­en sozia­len Bewe­gun­gen fest­zu­stel­len sein wird. So ruft Cam­pact aktu­ell dazu auf, einen offe­nen Brief an die neue Regie­rung zu unter­zeich­nen, den Atom­aus­stieg bei­zu­be­hal­ten – schon knapp 20.000 Men­schen haben die­se Bit­te unter­schrie­ben. Die Anti-Atom-Mobi­li­sie­rung kurz vor der Wahl war ein wei­te­rer Hin­weis dar­auf, dass hier – nicht im Sin­ne eines woll­so­cki­gen Zurück-zur-Basis-Gefühls, son­dern als wohl­über­leg­tes gesell­schaft­li­ches Bünd­nis – der Schul­ter­schluss zwi­schen Partei(en) und Bewe­gung wie­der enger gewor­den ist. 

(Neben­bei: eine For­de­rung der Gesell­schaft an die FDP müss­te jetzt eigent­lich sein, das Innen­mi­nis­te­ri­um für sich zu rekla­mie­ren und es mit einem oder einer Bür­ger­rechts­li­be­ra­len zu beset­zen. Glau­be nicht, dass die das machen – wäre aber ein Signal.)

Span­nend wird es, wenn die neue Netz­be­we­gung dabei in den Blick gerät. Zwei Pro­zent für die Pira­ten (zwei Pro­zent, die anders­wo gefehlt haben), deut­lich höhe­re Wer­te in eini­gen Uni­städ­ten und unter männ­li­chen! Erst­wäh­lern (bis zu 13 Pro­zent in der jüngs­ten Alters­grup­pe!) sind defi­ni­tiv ein Signal, dass Bür­ger­rech­te im Netz mobi­li­sie­ren kön­nen. Hin­sicht­lich der wei­te­ren Par­tei­kar­rie­re die­ser sozia­len For­ma­ti­on blei­be ich skep­tisch. Die­se For­de­run­gen auf­zu­neh­men, sie inner­par­tei­lich ernst­haft zu dis­ku­tier­ten, und auch per­so­nell – über die übli­chen Ver­däch­ti­gen hin­aus – hier bünd­nis­fä­hig zu wer­den, erscheint mir wich­tig für jede Oppo­si­ti­ons­par­tei. Wir soll­ten hier die ers­ten sein, die sich aus dem Fens­ter leh­nen. War­um bei­spiels­wei­se nicht die For­de­rung nach einem „netz­po­li­ti­schen Spre­cher“ (oder einer „netz­po­li­ti­schen Spre­che­rin“) in der neu­en grü­nen Frak­ti­on umsetzen?

Span­nend wird es aber auch, wenn neue grü­ne Eigen­stän­dig­keit bedeu­tet, – mög­li­cher­wei­se ein­fach aus rech­ne­ri­schen Grün­den bedeu­ten muss – neue Koali­ti­ons­op­tio­nen ernst­haft in Erwä­gung zu zie­hen, ernst­haf­te the­ma­ti­sche Pro­jek­te mit den „Bür­ger­li­chen“ zu beden­ken. Wie könn­te bei­spiels­wei­se, um im Hypo­the­ti­schen zu blei­ben, ein baden-würt­tem­ber­gi­scher Land­tags­wahl­kampf 2011 aus­se­hen, wo je nach Gegend die Grö­ßen­un­ter­schie­de zwi­schen SPD, FDP und uns Grü­nen mar­gi­na­li­siert sind, und wo Mehr­hei­ten ohne ent­we­der die CDU oder die FDP der­zeit undenk­bar erschei­nen? Las­sen sich grü­ne Inhal­te und rea­li­sier­ba­re Gestal­tungs­op­tio­nen in so einem Wahl­kampf zusam­men­brin­gen, ohne auf ein „lin­kes Lager“ fest­ge­legt zu sein? Was sind die Pro­jek­te und Hür­den, die mit den rech­ten Par­tei­en CDU und FDP auf Lan­des­ebe­ne umsetz­bar wären, ohne dass wir uns ver­bie­gen? Und was bedeu­tet das alles für die Wahl 2013?

Viel­leicht muss die SPD hier noch ein­mal als abschre­cken­des Bei­spiel die­nen: sie hat den Bogen über­spannt, ihre Stamm­wäh­ler­schaft ver­lo­ren, es nicht hin­ge­kriegt, sich aus der Umklam­me­rung der gro­ßen Koali­ti­on inhalt­lich und per­so­nell zu lösen, son­dern ist in die­sem Bun­des­tags­wahl­kampf als Staats­par­tei auf­ge­tre­ten. Die Quit­tung ist deut­lich (und ob dar­aus ein inhalt­li­cher und per­so­nel­ler Neu­an­fang erwächst, bleibt nicht nur frag­lich, son­der vor allem auch vorraus­set­zungs­reich). Klar ist jeden­falls: mit einer auf künst­li­che Geschlos­sen­heit bedach­ten, jede Regung im Keim ersti­cken­den Par­tei­füh­rung, die den Kon­takt zur Par­tei­ba­sis und zur Wäh­ler­schaft und den dort vor­han­de­nen Prä­fe­ren­zen ver­lo­ren hat, wäre es ver­mut­lich selbst mit einer cha­ris­ma­ti­sche­ren Per­sön­lich­keit kaum gelun­gen, ein deut­lich bes­se­res SPD-Ergeb­nis einzufahren. 

Screenshot "Atlas zur Bundestagswahl 2009"
Auf dem Weg zur Volks­par­tei? Grü­nes Zweit­stim­men­er­geb­nis im Visu­el­len Atlas

Im Umkehr­schluss bedeu­tet das: gera­de jetzt, wo wir Grü­ne von den Wahl­er­geb­nis­sen und der inter­nen Band­brei­te an Posi­tio­nen da und dort in die Nähe einer Volks­par­tei gera­ten, ist es extrem wich­tig, einen Modus der inner­par­tei­li­chen Orga­ni­sa­ti­on zu fin­den, der Geschlos­sen­heit nicht durch Ersti­ckungs­tod simu­liert (so inter­pre­tie­re ich das „Volks­par­tei-Vor­bild“ SPD), son­dern trag­fä­hi­ge For­men der inter­nen Aus­ein­an­der­set­zung, Dis­kus­si­on und Mei­nungs­bil­dung ermöglicht. 

Die Anla­gen dafür haben wir – wie weit sie umge­setzt wer­den, und dann auch noch dazu füh­ren, dass Mit­glie­der moti­viert statt frus­tiert wer­den, hängt nicht zuletzt am Füh­rungs­per­so­nal in der Par­tei, in der Frak­ti­on und in den Lan­des­ver­bän­den. Das muss die unter­schied­li­chen Rich­tun­gen in der Par­tei inte­grie­ren kön­nen, es muss nach außen für die Par­tei (und nicht für Par­ti­ku­la­ri­tä­ten) ste­hen, und es muss mit­tel­fris­tig auch den Gene­ra­tio­nen­um­bruch widerspiegeln. 

Zum Schluss noch ein­mal zurück vom Grü­nen zum All­ge­mei­nen: was die­se Bun­des­tags­wahl auch deut­lich gemacht hat, und was mehr noch die Land­tags­wahl in Schles­wig-Hol­stein deut­lich gemacht hat, sind die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Wahl­sys­tem und Wahl­ver­hal­ten. Stim­men­split­ting und tak­ti­sches Wäh­len gehö­ren eben­so dazu wie die unzäh­li­gen – im Bund über­haupt nicht aus­ge­gli­che­nen – Über­hang­man­da­te, die aus einer Zeit her­rüh­ren, in der zwei 40%-Parteien mit­ein­an­der kon­kur­riert haben. Hier sind Refor­men und intel­li­gen­te­re Wahl­sys­te­me überfällig. 

Wenn die­se nicht oder nur in Mini­mal­form kom­men, dann wird es 2013 wich­tig sein – und viel­leicht wird die SPD dann auch bereit dazu sein – hier bin­den­den Abspra­chen zu tref­fen. Min­des­tens drei der zehn baden-würt­tem­ber­gi­schen Über­hang­man­da­te hät­ten ver­mie­den wer­den kön­nen, wenn es im Länd­le zu vor­he­ri­gen Abspra­chen zwi­schen SPD und Grü­nen gekom­men wäre. Bis­her hat­te die SPD den grü­nen Ver­zicht auf Erst­stim­men­wahl­kampf als natur­ge­ge­ben hin­ge­nom­men. Auf die Idee, dafür eine Gegen­leis­tung zu erbrin­gen, woll­te sie sich bis heu­te nicht ein­las­sen. Die­se Arro­ganz einer sich selbst über­schät­zen­den Tra­di­ti­ons­par­tei gehört hof­fent­lich 2013 zum Abfall­hau­fen der Geschichte.

War­um blog­ge ich das? Um mal einen Teil der unsor­tier­ten Gedan­ken los­zu­wer­den, die mir seit ges­tern 18:00 Uhr so gekom­men sind.

15 Antworten auf „Nach der Wahl“

  1. Ich mei­ne, aus dem Wahl­er­geb­nis her­aus­le­sen zu kön­nen, dass sich inner­halb der Grü­nen kein Flü­gel als Sie­ger füh­len kann, und das fin­de ich auch gut so. Ich habe nach ers­ter Ver­wir­rung über die selt­sam anmu­ten­de Ver­tei­lung der Zuwäch­se an ande­rer Stel­le – http://blog.gruene-greifswald.de/2009/09/28/wahlbetrachtung-ii-%E2%80%93-grune-trends/ – schon fest­ge­stellt, dass die Leu­te, die in ihren Wahl­krei­sen über dem jewei­li­gen Regio­nal­durch­schnitt zuge­legt haben, unter­schied­li­che Pro­fi­le auf­wei­sen. Haupt­sa­che war wohl, sie hat­ten über­haupt ein Profil.
    Zu den See­räu­bern möch­te ich behaup­ten, dass das für Grün erreich­ba­re Poten­ti­al von deren 2,1% nicht über einem Drit­tel davon liegt (okay, 0,7 Pro­zent­punk­te haben oder nicht haben ist schon was, Özcan Mut­lu oder Bea­te Wal­ter-Rosen­hei­mer sehen das viel­leicht auch nicht so ent­spannt). In Sach­sen sind die Pira­ten ja nicht ange­tre­ten, und da lag der grü­ne Zuwachs bei 1,9 Pro­zent­punk­ten, also 0,7 – 0,9 höher als in den drei Nach­bar­bun­des­län­dern, in denen über­all für Grüns ungüns­ti­ge­re struk­tu­rel­le Bedin­gun­gen vor­herr­schen. (Die 1,5 Pro­zent­punk­te mehr in Meck­len­burg-Vor­pom­mern sind eher kein Ver­gleichs­maß­stab, da wir erst­mals seit 94 einen Wahl­kampf mit einem amtie­ren­den Abge­ord­ne­ten füh­ren und dadurch leich­ter auf­ho­len konn­ten.) Es leuch­tet auch ein, dass der oran­ge Effekt zumin­dest wahl­tech­nisch eher mode­rat ist, solan­ge die wirk­lich fast nur für U30-Män­ner attrak­tiv sind. Frau­en oder unse­re Lohas zwi­schen 40 und 60 ver­schwen­den dar­an gar kei­nen Gedan­ken. Aus­ge­präg­te Hoch­bur­gen haben die Pira­ten auch nur an Stand­or­ten von Hoch­schu­len mit hohem Män­ner­an­teil. In einer Stadt mit sozi­al­wis­sen­schaft­lich gepräg­ter Uni à la Bie­le­feld fal­len sie nicht auf.

    1. @Kay: Ich stim­me dir zu, dass das defi­ni­tiv kei­ne durch einen Flü­gel gepräg­te Wahl war (trotz gewis­ser Ver­schie­bun­gen in Pro­gramm­de­bat­te und vie­len Lis­ten­auf­stel­lun­gen), son­dern ein gemein­sa­mes grü­nes Pro­jekt. Fin­de ich eben­falls gut.

      Zu den Zuwäch­sen (des­we­gen auch die ein­ge­blen­de­te Gra­fik): ich wür­de das gar nicht mal so sehr an den Per­so­nen fest­ma­chen, son­dern eher an sozi­al­struk­tu­rel­len Merk­ma­len. Habe so den Ver­dacht, dass wir in den ursprüng­li­chen (stu­den­tisch-uni­ver­si­tär-alter­na­tiv gepräg­te) städ­ti­schen Hoch­bur­gen an Gren­zen kom­men, dass aber die „Zwi­schen­städ­te“, also die (sub)urban gepräg­ten länd­li­chen Wahl­krei­se (Alli­anz aus jun­gen Fami­li­en und neu­er länd­li­cher Erwerbs­tä­tig­keit) inzwi­schen nach­zie­hen. Zumin­dest lie­ße sich BaWü unge­fähr so inter­pre­tie­ren, ist aber Kaf­fee­satz­le­se­rei. Wäre inter­es­sant, mal die Prognos?-Daten zu Lebens­zu­frie­den­heit, Fami­li­en­freund­lich­keit usw. neben die grü­nen Ergeb­nis­se zu legen.

      Zu den Pira­ten: naja, Fried­richs­hain-Kreuz­berg mit über 5% ist sicher kein tech­ni­scher Hoch­schul­stand­ort (ähn­lich sieht es bei zwei, drei wei­te­ren Pira­ten­hoch­bur­gen aus). Und ob die Wäh­ler­wan­de­run­gen homo­gen über die Bun­des­re­pu­blik sind?

  2. Jetzt ist es wirk­lich an Euch, viel mehr aber noch an der FDP (bzw wird es einst an der Post-Wes­ter­wel­le-FDP sein), die Kon­se­quen­zen aus einem künf­ti­gen sechs-bis-sie­ben-Par­tei­en-Par­la­ment zu zie­hen. Alte Mehr­hei­ten, ins­be­son­de­re rot-grün, kann man getrost ver­ges­sen, wenn bei den Sozis kein Wun­der geschieht. Auf der ande­ren Sei­te muss man ein­fach mal nüch­tern fest­stel­len, dass es auf mitt­le­re Sicht zwei (drei) Par­tei­en geben wird, die ein­fach nicht regie­rungs­fä­hig sind: Die Lin­ke, und die CDU/CSU. Das bedeu­tet aber, dass gera­de die libe­ra­le Mit­te über neue Per­spek­ti­ven nach­zu­den­ken hat, und hier­zu müs­sen Grü­ne und FDP ihre klein­li­chen ego­ma­ni­schen Anti­pa­thien über­win­den. Pro­gram­ma­tisch steht ihr euch weit näher, als ihr ein­ge­ste­hen wollt, auch wenn natür­lich mit einem wie Wes­ter­wel­le, der wahr­schein­lich bei einem 68-er Leh­rer mal hat nach­sit­zen müs­sen, kein Staat zu machen sein wird. Aber in den wesent­li­chen Fel­der der Wirtschafts‑, Finanz- und Bür­ger­rechts­po­li­tik sehe ich schon heu­te kei­ne unüber­wind­ba­ren Dif­fe­ren­zen, die mehr als retho­ri­scher Natur wären.

    1. @bonk: Da ist eini­ges wah­res dran. Als in die Extre­me getrie­be­nes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment: Was wür­de pas­sie­ren, wenn Bünd­nis 90/Die Grü­nen sich geschlos­sen auf­löst, und die 45.000 Grü­nen Mit­glied der bis­her ~ 65.000 Mit­glie­der umfas­sen­den FDP wer­den? Mal abge­se­hen davon, dass sowas in der Pra­xis nicht geht: Was wäre das Pro­gramm einer sol­chen fusio­nier­ten Par­tei? Wie grün, wie gelb, wie libe­ral – und wo doch durch unüber­wind­li­che Dif­fe­ren­zen und har­te Grä­ben gekennzeichnet?

  3. 1. Pira­ten: Ber­lin scheint mir da aber so ziem­lich die ein­zi­ge ech­te Aus­nah­me zu sein, das hab ich so im HGW-Grü­nen­blog auch beschrie­ben. Ein gro­ßer Teil – nicht alle – der Pira­ten­wäh­ler sind sol­che, die man übli­cher­wei­se als Pro­test­wäh­ler bezeich­net. Ich wür­de sagen „nicht sehr nach­hal­ti­ges Wäh­ler­kli­en­tel“. Wenn es schlecht für sie läuft, lan­den die Pira­ten irgend­wo zwi­schen „Grü­ne ohne Frau­en und Tem­po­li­mit“ und „FDP fürs Prekariat“.
    2. Baden-Würt­tem­berg: Die stra­te­gisch kniff­li­ge Situa­ti­on haben ande­re (zum Bei­spiel Boris Pal­mer) auch schon bemerkt und möch­ten des­halb Grün stär­ker gegen­über Rot abgren­zen. Das fin­de ich nicht falsch, es soll­te nur nicht dazu füh­ren, dass 2011 in den aus­sichts­rei­chen Wahl­krei­sen nicht auf Aus­ge­wo­gen­heit bei der Kan­di­da­ten­auf­stel­lung geach­tet wird. Die der­zei­ti­ge Land­tags­frak­ti­on hat da eine Schlag­sei­te, ins­be­son­de­re durch die gro­ßen Stutt­gar­ter Umland­wahl­krei­se, wo nur Män­ner kan­di­die­ren und nur eine Strö­mung ver­tre­ten ist. In Wahl­krei­sen, die zusätz­li­che Man­da­te (allein die Stan­dard­run­dung wird ja schon für Zuwäch­se sor­gen) bedie­nen könn­ten, soll­te man daher ver­su­chen, hier etwas aus­zu­glei­chen. Das betrifft zum Bei­spiel Enz, Mann­heim-Süd, Emmen­din­gen, Reut­lin­gen und Boden­see (Biber­ach fällt ja wohl wie­der weg).
    3. Wahl­sys­tem: Dank Ver­fas­sungs­ge­richts­ur­teil muss die Debat­te ja jetzt kom­men. Der Ent­wurf der Frak­ti­on mit inter­nem Über­hang­aus­gleich war in der Situa­ti­on – Kan­di­da­ten­auf­stel­lun­gen lie­fen schon – neben Auf­blä­hung durch Aus­gleichs­sit­ze die ein­zi­ge prak­ti­ka­ble Kor­rek­tur­mög­lich­keit. Man soll­te da aber nicht dran fest­hal­ten. Das Grund­übel sind für mich die Einer­wahl­krei­se selbst, denn zu einer ech­ten Per­so­na­li­sie­rung tra­gen sie nichts bei und die Regio­na­li­sie­rung kann auf ande­ren Wegen bes­ser erreicht wer­den. Mehr­per­so­nen­wahl­krei­se mit Ver­hält­nis­aus­gleich könn­ten auch mit­tel­gro­ßen Par­tei­en die Mög­lich­keit geben, brei­ter mit ihren Per­so­nen zu wer­ben. Gera­de im mitt­le­ren Lis­ten­be­reich sind Grü­ne wesent­lich bes­ser auf­ge­stellt als die Kon­kur­renz, nur fällt das in einem medi­al auf weni­ge Spit­zen­kan­di­da­ten redu­zier­ten Wahl­kampf nie­man­dem auf.

  4. @Christian: Ich wür­de dem Saar­land (klei­ner Lan­des­ver­band, der ger­ne Son­der­we­ge geht) da nicht zuviel Gewicht zuspre­chen. Die Ent­schei­dung der SPD in Thü­rin­gen ist viel span­nen­der für das zukünf­ti­ge Parteiengefüge.

  5. @Christian: Tja, Thü­rin­gen läuft wohl auf eine wei­te­re CDU-geführ­te Regie­rung hin­aus. Poli­ti­scher Maso­chis­mus der SPD? Immer noch das Gefühl, staats­tra­gen­der als die Uni­on sein zu müs­sen? Wie dem auch sei – dür­fen „wir“ im Saar­land jetzt Jamaika?

    [Grava­tare: das Brow­ser-Run­ter­ska­lie­ren fin­de ich jetzt nicht so gra­vie­rend, in Fire­fox sieht’s okay aus]

  6. Schö­ne Analyse.

    Ich sag mal ein paar Wor­te zu den Pira­ten, wenn’s recht ist. Ich habe die gewählt, obwohl ich Mit­glied der Grü­nen bin (noch?). Klar erwar­te ich mir von denen nichts, aber der Popp etwa muss schon noch ein paar blö­de Inter­views geben, bevor er mir so pein­lich ist wie, sagen wir, Josch­ka Fischer oder Clau­dia Roth.

    Ich habe den Grü­nen die 15 Ent­hal­tun­gen bei, ihr wisst schon wobei, aus­ge­spro­chen übel genommen.

  7. Wie alle Poli­ti­ker hast du natür­lich nie direkt behaup­tet, dass die Grü­nen Jamai­ka nicht machen dür­fen. So eine gewis­se Pene­tranz des Rum­rei­tens auf dem The­ma (mit der laten­ten Bot­schaft „wählt SPD, die Grü­nen sind unzu­ver­läs­sig) ist bei dir schon zu fin­den. Z.B. hier:

    http://rotstehtunsgut.de/2009/04/25/warum-die-ampel-moglich-ist-die-schwampel-aber-nicht/
    http://rotstehtunsgut.de/2009/09/07/wer-grun-wahlt-wahlt-merkel/
    http://rotstehtunsgut.de/2009/09/19/ampel-und-jamaika/
    http://rotstehtunsgut.de/2009/09/25/jamaika-im-saarland-jamaika-im-bund/

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