Auch unterhaltsame SF darf progressiv sein

Ein aus meiner Sicht sehr interessanter neuerer SF-Autor ist Charles Stross. Nicht nur, weil er es – mal abgesehen von einer etwas zu positiven Sicht auf die Atomindustrie – schafft, progressive SF zu schreiben, die gleichzeitig extrem spannend ist, humanistischer Post-Cyberpunk, oder so. Sondern auch, weil er ein Blog betreibt, in dem immer wieder lesenswerte Artikel zu seinen eigenen Werken, zur Welt insgesamt und zu einem aufgeklärten Rationalismus erscheinen. Aktuell hat er sein Opus selbstkritisch »Bechdel’s Law« unterworfen, dem von Alison Bechdel aufgeworfenen Test, ob ein populäres Werk – ursprünglich ging es um Filme – frauenfeindlich ist oder nicht:

1. Does it have at least two women in it,
2. Who [at some point] talk to each other,
3. About something besides a man.

Ziemlich viele Hollywood-Produktionen scheitern an diesem Test (bei Arthouse-Filmen mag’s ein bißchen anders sein). Im oben verlinkten Beitrag diskutiert Stross, was für ein schlechtes Licht es auf unsere Gesellschaft bzgl. Geschlechterfragen wirft, dass so ein Test 1. überhaupt notwendig ist und 2. so viele Werke der Populärkultur und des massenmedialen Diskurses schlicht und einfach durchfallen. Er geht aber noch einen Schritt weiter und schaut sich auch seine eigenen Texte daraufhin kritisch an. Sein Fazit: »From now on I intend to start applying this test to my fiction before I embarrass myself in public.« Ob sich Stross wirklich schämen muss, sei dahingestellt (nicht zuletzt Glasshouse ist meines Erachtens ein gutes Beispiel für einen soziologisch anspruchsvollen SF-Roman mit starken Bezügen zur Gender-Debatte). Den Anspruch finde ich jedenfalls allemal gut, und die Diskussion, die sich in den Kommentaren zu diesem Beitrag entspannt, erst recht.

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1 Antwort zu Auch unterhaltsame SF darf progressiv sein

  1. hape42 sagt:

    Mich fasziniert Stross auch. Einer der wenigen »Neuen«, die ich lese.
    Glashaus ist wohl alles andere als frauenfeindlich. Hier wird ja etwas umgesetzt, dass schon oft beschrieben wurde:

    Achtung, Spoiler:

    Das Bewußtsein in den jeweiligen zum anderen Geschlecht gehörigen Körper zu versetzen, war sehr gut umgesetzt…

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