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Köhler und der Doktortitel – oder: wissenschaftliche Praktiken und der Wunsch nach dem Skandal

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Der neuen Familienministerin Kristina Köhler kann einiges vorgeworfen werden, insbesondere scheint sie sich, wenn es um Migration und um die Auseinandersetzung mit dem Islam geht, irgendwo am rechten Rand der CDU zu befinden. Aktuell jedoch geht es in der Debatte vor allem um den Doktortitel der jungen Ministerin. Zum Beispiel hier in der Frankfurter Rundschau. Ausgangspunkt dafür dürfte Kai Diekmann (BILD) sein – um Weihnachten gab es schon einmal Auseinandersetzungen zwischen Diekmann und Köhler, und jetzt ein Interview.

Kern des Ganzen scheint die – bezahlte – Beteiligung eines Assistenten von Köhlers Doktorvater an der Erstellung ihrer Arbeit zu sein. Was Weihnachten noch nach dem großen Skandal klang, wird nach Lesen des Interviews aber dann doch eher zu relativ normalen Prozessen und Praktiken empirischer Wissenschaft. Besagter Assistent hat Daten codiert und in SPSS eingegeben und das Inhaltsverzeichnis und die Formatierung der Dissertation bearbeitet.

Bei Diekmann heißt es dazu:

Nur formatieren, layouten, Datensätze nach ihren Vorgaben abtippen – das kann auch eine Sekretärin. Braucht man dazu einen top-ausgebildeten wissenschaftlichen Assistenten gerade seines Doktor-Vaters?

Interessant ist hier die Gegenüberstellung »Sekretärin« vs. »top-ausgebildeter wissenschaftlicher Assistent«. Meiner Erfahrung nach sind das – Codierung, Dateneingabe, Formatierungen – Dinge, die im wissenschaftlichen Alltag heute ziemlich selbstverständlich von – geprüften oder ungeprüften – »HiWis« erledigt werden. Und nicht von SekretärInnen. Dass das nicht unbedingt zur Qualifikation passt, ist ein Hinweis darauf, wie Wissenschaft heute bezahlt und bewertet wird, entspricht aber – wie gesagt, meinen Erfahrungen nach – durchaus dem Alltag wissenschaftlicher Arbeit. Und dass z.B. zwischen zwei Drittmittelprojekten ein wissenschaftlicher Mitarbeiter derartige Tätigkeiten übernimmt, ist so ungewöhnlich nun auch wieder nicht.

Mit diesem Wissen im Hintergrund reduziert sich der angebliche Skandal dann doch deutlich. Interessanter als die Frage, wer Fragebögen layoutet und eingetippt hat, und ob Köhler ihre Dissertation selbst formatiert hat, ist doch der Inhalt. Da kann ich aktuell nichts zu sagen, werde aber vielleicht mal reinschauen. Und mich dann noch einmal zu Wort melden.

Es kann also durchaus sein, dass das folgende Resümee zutrifft:

Und der Deutschlandfunk resümierte, Köhler habe »eine mustergültige Typ-II-Arbeit vorgelegt, also ein Werk, das weniger vom Interesse an der wissenschaftlichen Arbeit, sondern mehr von dem Wunsch nach einem akademischen Titel geprägt ist«.

Für eine Arbeit, die neben einem Bundestagsmandat in kurzer Zeit entstanden ist, kann ich mir das gut vorstellen. Trotzdem – ein Skandal ist das nicht, auch nicht, wenn eine Bundesministerin daran beteiligt ist. Da gibt es genügend anderes.

Vielmehr stellt sich im Kontext dieser Debatte (auch im Hinblick auf die »gekauften Doktortitel«, die unlängst mal wieder gemeldet wurden) einmal mehr die Frage danach, wozu eigentlich der akademische Doktortitel existiert, und was eine Doktorarbeit ausmacht (und in welche Richtung der Bologna-Prozess hier geht).

Warum blogge ich das? Aus persönlichem Interesse an Promotionsprozessen, und weil ich es interessant finde, wie Skandale gemacht werden – und dabei die eigentlich skandalösen Politiken ausgeblendet werden.

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Kurz: Gut so, liebe Fachgesellschaft!

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Ich muss das kurz loswerden: Die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) liegt jetzt 100 Jahre zurück. Und was macht der Fachverband der SoziologInnen in Deutschland, ich bin da auch Mitglied? Gar nicht angestaubt twittert die DGS nicht nur, sondern hat seit kurzem auch die Anregung von Tina Günther/sozlog umgesetzt und stellt RSS-Feeds für zehn wichtige Themenbereiche (Meldungen, Kongressankündigungen/Call for papers, neue Bücher, Stellen …) zur Verfügung. Finde ich klasse – erst recht für eine der großen wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

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Nachhaltigkeit als soziologisches Thema?

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Jemand fragte mich gerade, ob ich denn gute Texte zum Thema »Nachhaltigkeit soziologisch erklären/analysieren« kennen würde. Ich finde die Frage gar nicht so einfach. Nachhaltigkeit bzw. nachhaltige Entwicklung sind im Rahmen der Umweltsoziologie, insbesondere wenn’s angewandt wird – sozial-ökologische Forschung und so –, durchaus normative Zielvorgabe. Dort wird dann eher drum gestritten wird, wie Nachhaltigkeit gemessen werden soll, was die richtigen Kriterien sind, ob ökologisches Kapital durch andere Kapitalsorten ersetzt werden kann etc. Aus der Perspektive der allgemeinen Soziologie stellt Nachhaltigkeit aber klar zuerst mal einen bestimmten politisch-gesellschaftlichen Diskurs dar, eine Zielvorgabe oder ein Leitbild (je nachdem, welcher theoretische Ansatz gewählt wird). Jedenfalls etwas, das nicht in sich bereits eine höhere Durchsetzungskraft oder Gültigkeit als andere normative Programme trägt, sondern – aus eben diesem Blickwinkel der allgemeinen Soziologie – vergleichbar ist mit anderen politischen Zielsetzungen.

Trotz dieser Schwierigkeit hier mal einige Texte, die ich hilfreich fand, um sich soziologisch mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen:

Allgemein:

Becker, E.; Jahn, T. (Hrsg.): Soziale Ökologie. Grundzüge einer Wissenschaft von den gesellschaftlichen Naturverhältnissen. Frankfurt am Main, New York: Campus. – Genereller Reader/Lehrbuch zum Ansatz der sozialen Ökologie, geht auch auf Nachhaltigkeitsdebatte ein (S. 240-247).

Fritz, Peter / Huber, Joseph / Levi, Hans Wolfgang (Hrsg.) (1995): Nachhaltigkeit in naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Stuttgart: S. Hirzel. – Band zu einer Tagung mit sozial- wie naturwissenschaftlichen Vorträgen; der eine oder andere ist für die Nachhaltigkeitsdebatte interessant. Eher technische Definitionen.

Grunwald, Armin / Kopfmüller, Jürgen (2006): Nachhaltigkeit. Frankfurt am Main/New York: Campus. – Aus der Technikfolgenforschung kommender Blick auf unterschiedliche Ansätze der Nachhaltigkeit, geht auf Operationalisierung, Indikatoren usw. ein.

Luks, Fred (2002): Nachhaltigkeit. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt. – Populärwissenschaftlicher Überblick über unterschiedliche Aspekte von Nachhaltigkeit.

Umweltbundesamt (Hrsg.) (2002): Nachhaltige Entwicklung in Deutschland. Die Zukunft dauerhaft umweltgerecht gestalten. Berlin: Erich Schmidt Verlag. – Amtliche Sicht der Dinge.

Soziologisch:

Brand, Karl-Werner (Hrsg.) (1997): Nachhaltige Entwicklung. Eine Herausforderung an die Soziologie. Opladen: Leske + Budrich. – Schon etwas älterer Sammelband, insbesondere der Aufsatz von Wehling (»Sustainable development – eine Provokation für die Soziologie?«) ist m.E. lesenswert.

Brand, Karl-Werner / Jochum, Georg (2000): Der deutsche Diskurs zu nachhaltiger Entwicklung. MPS-Texte 1/2000, München: Münchener Projektgruppe für Sozialforschung e.V. – Blick auf den Nachhaltigkeitsdiskurs.

Grober, Ulrich (2002): »Modewort mit tiefen Wurzeln – Kleine Begriffsgeschichte von ’sustainability‹ und ›Nachhaltigkeit‹«, in Günter Altner et. al (Hrsg.): Jahrbuch Ökologie 2003, München: C.H. Beck, S. 167-175. – Umfangreiche Begriffsgeschichte.

Nölting, Benjamin / Voß, Jan-Peter / Hayn, Doris (2004): »Nachhaltigkeitsforschung – jenseits von Disziplinierung und anything goes«, in GAIA, Jg. 13, H. 4, S. 254-261. – Hier ist nachhaltig ganz klar als Zielsystem anerkannt. Nölting, Voß und Hayn stellen dar, was das für Konsequenzen für angewandte, transdizsiplinäre Forschung haben muss.

Kaufmann, Stefan (2004): »Nachhaltigkeit«, in Bröckling, Ulrich / Krasmann, Susanne / Lemke, Thomas (Hrsg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 174-181. – Soziologisch aufgeklärte Begriffskritik, stellvertretend für den externen Blick auf den Diskurs.

Kraemer, Klaus (1997): »Nachhaltigkeit durch Konsumverzicht? ›Sustainable Development‹ – eine soziologische Betrachtung«, in Zeitschrift für angewandte Umweltforschung, Jg. 10, H. 2, S. 198-209. – (Kultur-)soziologischer Blick auf Nachhaltigkeit.

Luks, Fred / Siemer, Stefan Hermann (2007): »Whither Sustainable Development? A Plea for Humility«, in GAIA, Jg. 16, H. 3, S. 187-192. – Plädoyer dafür, erst mal innezuhalten, selbstreflektiv zu werden, und dann erst mit Nachhaltigkeitsforschung fortzufahren.

Tremmel, Jörg (2004): »‹Nachhaltigkeit‹ – definiert nach einem kriteriengebundenen Verfahren«, in GAIA, Jg. 13, H. 1, S. 26-34. – Ein Versuch der Operationalisierung, der vor allem aufgrund der Entgegnungen von Brand, Ott und Sieferle im selben Heft interessant ist.

Das ist jetzt bei weitem nicht vollständig, sondern eher als Einladung zu verstehen, diese Liste zu ergänzen. Was ich hier bewusst komplett weggelassen habe, ist der Blick auf spezialisierte Felder, also zum Beispiel »Nachhaltiger Konsum«, »Nachhaltige Unternehmen« oder »Lebensstile und Nachhaltigkeit«. Was auch fehlt (Grunwald/Kopfmüller gehen glaube ich darauf ein, wenn ich mich jetzt richtig erinnere), ist der Blick auf Operationalisierungen und Indikatorensysteme.

Warum blogge ich das? Weil ich mir denke, dass das Thema auch andere interessieren könnte (selbst wenn’s erstmal ziemlich unsauber runterschrieben ist), um meine eigenen Gedanken zu sortieren und um möglicherweise Hinweise auf weitere Literatur zu erhalten.

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Thesen von Netzpolitik zu Politik 2.0

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Markus Beckedahl hat fünf Thesen zur Politik 2.0 bzw. zur Nutzung von »social media« im kommenden Wahlkampf aufgestellt. Finde ich spannenden und habe jeweils dazugeschrieben, was ich davon halte.

After Work Party "Innovation und Arbeit" XIII – Georg Salvamoser
Meine These: Wahlkampf im Web wird face-to-face-Kommunikation und entsprechende Events im Wahlkampf nie komplett ersetzen können.

 

These 1: Dabei sein ist alles!

Jeder halbwegs motivierte Kandidat wird in einem der kommenden Wahlkämpfe einen Account bei Facebook und Twitter haben, dazu ab und an bei Youtube ins Internet sprechen und vielleicht bloggen. Manche werden das auch selbst machen.

Der leicht sarkatische Unterton mag etwas mit dieser Studie zu tun haben. Ich stimme Markus zu, dass derzeit viel Wirbel um Politik 2.0 gemacht wird, und entsprechend viele KandidatInnen darauf angesprochen werden, sich doch in die schöne neue Web-Welt zu begeben. Ich glaube aber weiterhin, dass nicht alle alles mitmachen, und dass es auch hinsichtlich der genannten Plattformen gewisse Unterschiede gibt.

Youtube: sehe ich weniger als direktes KandidatInnen-Medium als vielmehr als Plattform der Parteien (kanal grün und so weiter). Für Listenplatz 9 oder den Direktkandidaten von Hintertupfingen mag es doch etwas aufwändig sein, eigene Videos zu produzieren (wobei mich auch schon einer unserer Ortsverbände angefragt hat, ob nicht kurze Video-Statements der GemeinderatskandidatInnen eine gute Sache wären).

Facebook: Ja, mit der Einschränkung »dominante Plattform« (s.u.). Interessant ist, was mit *vz, mit XING und mit dem kürzlich von RTL gekauften »Wer kennt wen« passiert, die meinem Gefühl nach andere Milieus bzw. Zielgruppen ansprechen als Facebook. Außerdem kosten Facebook-Accounts wenig: einmal anlegen, und wie viel dann getan wird, ist eine andere Sache.

Twitter: Politik mit direktem und nahezu synchronem Rückkanal – für mich eine der spannendsten Entwicklungen, aber auch eine Plattform mit deutlicher Infoflut-Tendenz. Prognose: wenn’s um die tatsächliche bidirektionale Nutzung geht, wird es nur eine Handvoll KandidatInnen geben, die wirklich dabei sind.

Blogs: Sehe ich nicht. Eher Web 2.0-Elemente in klassischen Web 1.0-KandidatInnen-Websites. Die dann aber wirklich jede und jeder KandidatIn haben wird.

Nicht angesprochen sind hier dezidierte Third-Party-Wahlkampfplattformen (abgeordnetenwatch.de) und Nischenplattformen. Wahlkampf bei Gayromeo, Utopia oder in der ZEIT- oder Freitag-Community?

These 2: Politik 2.0 auch leben?

Einige Politiker werden sich von der Masse absetzen, indem sie nach den Wahlkämpfen immer noch diese Werkzeuge nutzen und sie in ihren Alltag integrieren.

Schön böse formuliert. Hinzuzufügen wäre vielleicht: einige PolitikerInnen nutzen diese Plattformen auch jetzt schon, auch jenseits des Wahlkampfs. Hier liegt allerdings der Hype nahe: ist es dramatisch, wenn (Hessen, Thorsten Schäfer-Gümbel) ein Medium wie Twitter z.B. explizit als Wahlkampfmedium verwendet wird? Idealtypisch sollte natürlich jeder und jede immer kommunizieren, PolitikerInnen erst recht. Faktisch sind Wahlkämpfe kommunikationsintensiver als »normale Politik«. Insofern finde ich es verständlich und schon mal die halbe Miete, wenn einE PolitikerIn sich dazu entschließt, »social-media«-Plattformen vorrangig im Wahlkampf zu nutzen.

Nicht zuletzt, weil ich hier auch ein gewisses Skalierungsproblem sehe: wenn allein die 56 oder so grünen Bundestagsabgeordneten alle immer so fleißig wie Volker Beck twittern würden, wäre es selbst für medienaffine Grüne kaum noch möglich, dieser Infoflut zu folgen. D.h., dann müsste letztlich doch wieder technisch gefiltert oder sozial selegiert werden (nicht allen twitternden PolitikerInnen folgen, nicht allen Grünen folgen, sondern nur den zwei persönlich Bekannten, der Wahlkreisabgeordneten und der Fraktionsspitze und dem einen Fachabgeordneten). Oder so. Hier scheint mir die Etablierung sozialer Praktiken und technischer Werkzeuge der massenhaften Nutzung von »social media« noch deutlich hinterherzuhinken. (P.S.: NY Times zum Thema »A Beginners Guide for Twitter« geht schon deutlich in diese Richtung).

These 3: Remix Politics.

Willkommen im Kontrollverlust: Die spannenden und unerwarteten Entwicklungen werden aus der Zivilgesellschaft kommen.

Erstmal: Define Zivilgesellschaft.

Ich würde diese These etwas anders zuspitzen: spannend wird es da, wo eher unpolitische Web2.0-MedialistInnen (BloggerInnen, Twitter-Junkies, semiprofessionelle, aber nicht berufliche VerlinkerInnen) über diese technischen Schnittstellen mit der Sphäre der Politik zusammenstoßen. Beispiel: Berichterstattung der eingebetteten BloggerInnen vom grünen Parteitag.

Spannend wird es auch da, wo PolitikerInnen kapieren, dass »social media« einen wahnsinnigen und ganz anders als klassische Medien beeinflussbaren (allerdings nicht kontrollierbaren) Resonanzraum schaffen können. Beispiel: Howard Dean, und natürlich Barack Obama.

Die Piratenpartei wird es allerdings trotzdem nicht ins Parlament schaffen, und der CCC mutiert in Richtung Netzlobby.

These 4: Internet wird nicht dominieren.

Auch wenn jetzt alle zu den USA blicken und von Obama’s Internetkampagne träumen: Fernsehen bleibt 2009 das Leitmedium. Den ersten richtigen Internet-Wahlkampf werden wir 2013 erleben.

Ich sehe eher eine funktionale Ausdifferenzierung als eine Ablöse-Sequenz. Themen werden weiterhin durch klassische »Leitmedien« gesetzt – je nach Sphäre kann das BILD sein, das Fernsehprogramm (allerdings findet dort ja Politik jenseits von Unterhaltung kaum noch statt, höchstens die Agenda-Setting-Funktion von »Tatort« und »DSDS« wäre zu nennen) oder eben auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Mobilisierung findet dagegen dort statt, wo viele Menschen direkt erreicht und zum Mitmachen überzeugt werden können. Für die Großparteien sind das vielleicht die eigenen Mitglieder und eher konventionelle Kommunikationskanäle. Für die Kleinparteien ist das Internet der Königsweg der Mobilisierung. Das heißt auch: Die 5-Mark-Kampagne der Massenmedien würde heute nicht mehr funktionieren, und »Angriffe von unten« sind mehr denn je möglich. Die Synchronisation der Öffentlichkeit liegt nicht mehr nur beim zentralen Themensetzen der Massenmedien, sondern kann nun – plötzlich, unerwartet und umso gefährlicher – auch dezentral vernetzt geschehen. Und – da gebe ich Markus recht – das wird dann weniger aus den Parteien heraus kommen, sondern eher über Multiplikationsplattformen und technisch vernetzte soziale Netzwerke geschehen.

These 5: Es wird dominierende Plattformen geben.

Facebook wird zentrale Social-Network Plattform für den Onlinewahlkampf (trotz nach wie vor überschaubarer deutscher Nutzerzahlen). Der Wille der Parteien zur Nutzung von Youtube ist unübersehbar. Twitter wird den Wahlkampf massiv beschleunigen, bleibt aber vor allem Medienhype.

Youtube ist Fernsehen im Internet, und scheint so schön an die alten massenmedialen Ideen anzuschließen. Aber ernsthaft: ich glaube auch, dass es dominierende Plattformen geben wird. Ob das für alle Parteien die gleichen sein werden, wage ich zu bezweifeln. Offen bleibt, welche Rolle hier die Mitgliedernetze der Parteien spielen werden. Eine technische Wildcard könnte darin liegen, dass Cross-Plattform-Technologien etabliert werden (wenn ich meine XING-Kontakte auch bei Facebook sehe, ist es egal, auf welcher Plattform ich agiere).

Die Einschätzung, dass Twitter Medienhype bleiben wird, teile ich nicht. Twitter ist derzeit medial gehypt, das ist richtig, und dieser Hype wird auch wieder abflauen. Es wird aber weiterhin Menschen geben, die Twitter und kompatible Plattformen nutzen wollen, um schnelle vernetzte Direktkommunikation ohne Langzeitspeicherung zu haben (übrigens: spannenderweise mehr Frauen als Männer, wenn die Statistiken dazu stimmen). JournalistInnen werden dort mitlesen, insofern werden Debatten ihren Weg aus Twitter in die klassischen Massenmedien finden. Twitter funktioniert für die dort vernetzten auch, wenn die Netzwerke nicht allumfassend sind. Die kritische Größe, die Relevanz garantiert, scheint mir jetzt schon überschritten zu sein. Eher stellt sich die bereits erwähnte Frage nach den technischen und sozialen Praktiken, die ein auf einen relevanten Anteil der Gesamtbevölkerung und der »MeinungsträgerInnen« skaliertes Twitter handhabbar werden lassen. Zusammengenommen heißt dass dann aber wiederum auch, dass es unwahrscheinlich ist, dass jede mit jedem bei Twitter vernetzt sein wird. Möglicherweise kommt es auch da zu funktionalen Differenzierungen im Wahlkampf- bzw. Politikkommunikationsapparat der Parteien: wer »bespielt« das »social-media«-Netzwerk, und wer pflegt die klassischen Kaminzimmerkontakte – und wer macht relativ wenig Kommunikationsarbeit und trotzdem Politik?

Warum ich das blogge? Weil ich es einfacher finde, in dieser Form auf diese Thesen zu reagieren als mit einem Kommentar bei Markus.

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Zwischenstation (Update 2)

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Nur kurz ein Lebenszeichen (für alle, die meinen Microblogging-Twitter-Feed ignorieren): ich war bis gerade eben auf dem 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im beschaulichen Jena, und werde dann morgen zum grünen Listenaufstellungsparteitag für Baden-Württemberg fahren (Henning wird wohl live berichten). Zur Listenaufstellung jetzt nichts weiter, zum Soziologiekongress noch ein paar Eindrücke:

Von der BesucherInnen-Zahl her war der Kongress (diesmal unter dem Motto »Unsichere Zeiten«) groß und bunt wie immer. Insgesamt fand ich ihn sehr gelungen, vor allem auch die räumliche Nähe (fast alles in einem Gebäude, ganz anders als in Kassel vor zwei Jahren). Es gab eine gewisse Arhythmik im Programm: morgens oft nicht so ganz spannende Plenen parallel, nachmittags ungfähr 25 Veranstaltungen zur Auswahl, und abends ein nichts so ganz überschneidungsfreies Programm.

Im Vorfeld habe ich von Leuten mit anderem Fachhintergrund gehört, dass ein ganzwöchiger Kongress ja Luxus sei. Aber ich glaube, genau dieser Luxus macht viel für die (wie ich immer noch finde, sehr starke) Fachidentität aus. Nicht nur, dass so ein Kongress – er findet übrigens alle zwei Jahre statt – ein exzellenter Generator für zufällige Begegnungen (und den Überblick über das soziologische Publikationswesen) ist. Er trägt auch stark dazu bei, sich zu vergewissern, dass es da – bei allen Schulenbildungen und heftigen Hahnen-, Hennen- und Kückenkämpfen – eine weit geteilte gemeinsame Grundstimmung gibt. Er normalisiert den Modus der Verunsicherungserwartung und verstärkt die Wahrnehmung, dass es eben doch noch ziemlich viele andere gibt, die ähnliche Weltbeobachtungen anstellen. Also: Gemeinschaftsbildung (besonders gut sichtbar in der Abschlussveranstaltung, in der unter dem Motto »Männer auf verlorenem Posten« eine Soziologin und ein (sehr sozialwissenschaftlicher) Historiker sowie 1000 SoziologInnen mit einer provokant-biologistischen Medizinerin und Gerichtsgutachterin diskutierten. Sollte interdisziplinär sein, machte aber nochmal klar, dass es sehr, sehr viele Menschen gibt, die die Selbstverständlichkeit einer sozialen Konstruktion von Geschlechterrollen teilen und mit so Konstrukten wie der »natürlichen mütterlichen Fürsorge« und dem »beschützenden Mann« nichts anfangen können. Insofern spannend, und ein schönes Mittel zum imagined community building).

Was habe ich selbst auf dem Kongress gemacht?

1. Mir einige Sachen angehört – u.a. Irene Dölling, die noch mal sehr schön deutlich gemacht hat, wie postfordistische Entgrenzungen und die Aufhebung der Institutionen im Beckschen Individualismus letztlich natürlich auch sowas wie Geschlechterarrangements irritieren und verändern. Und die Debatte neben Nancy Fraser und Axel Honneth, die so mittelspannend war. Und noch ein paar Vorträge da und dort.

2. An den Veranstaltungen der Sektion Umweltsoziologie teilgenommen (die Plenarveranstaltung gemeinsam mit der Wissenschafts- und Techniksoziologie et al. hat mir gut gefallen, die »Neue Trends«-Sektion war etwas schräg, da hätte ich mir mehr erwartet, und die von mir mitorganisierte und moderierte Sektions+Nachwuchsgruppensitzung heute hat meine eigenen Erwartungen trotz einiger technischer Probleme zu Beginn deutlich übertroffen – dort gab es vier Vorträge zum Klimawandel, die, so mein vielleicht etwas voreingenommener Eindruck, insgesamt ein sehr rundes Bild der soziologischen Klimawandelsdebatte gegeben haben, und gezeigt haben, was Umweltsoziologie alles machen kann. Von der Wissenschaftsdekonstruktion bis zu Alltagspraktiken und Fragen der (misslungenen) Verhaltenssteuerung).

3. Sektionales Networking (Mitgliederversammlung der Sektion, Mittagstreffen der Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie in einem schön alternativen Gasthaus). Und natürlich viele Gespräche mit vielen Leuten.

4. Mich amüsiert, insbesondere mit »DIE STERNE« auf dem Kongresskonzert (gute Idee). ((Anekdote: Einlass nur mit Stempel auf der Eintrittskarte, der nachweist, dass die Extragebühr gezahlt wurde. Wusste ich nicht, bei mir ist kein Stempel, Momente der Verunsicherung, dann fällt mir ein, dass im Namensschild noch so ein Stück Papier steckte, das den Stempel verdeckt hat.))

5. Selbst was vorgetragen – zur postindustriellen Forstwirtschaft, in der Sektionssitzung der Sektion Land- und Agrarsoziologie. Deren Vorsitzender, was ich nicht wusste, und andere wohl auch nicht, u.a. auch Wald besitzt.

6. Beobachtungen über SoziologInnen angestellt (z.B. scheint es mir eine Koinzidenz zwischen philosophienahen bzw. stark theorieorientierten Vorträgen, der Ablehnung von Powerpoint (Vortrag heißt »vom Blatt vorlesen«) und der Bevorzugung leger-formalen Kleidung und Haarschnitte zu geben).

Und was habe ich nicht gemacht? U.a. nicht in die Veranstaltungen zur Internetsoziologie reingeschaut (immer hatte ich was anderes parallel). Schade, bin gespannt, ob sich da was erfahren lässt, wie es da lief (und zwar vor dem für 2010 zu erwartenden Kongressband).

Warum blogge ich das? Weil die Eindrücke noch frisch sind. Und als Merkposten, um rechtzeitig für den Kongress 2010 in Frankfurt die Unterkunft zu organisieren. Die war in Jena trotz lange vorheriger Buchung nämlich ziemlich weit draußen.

Update: (14.10.2008) Einen lesenswerten und etwas wissenschaftlicheren Bericht über die Ereignisse aus der Markt- und Wirtschaftssoziologie hat Tina Günther über den Kongress geschrieben (wie wir schon auf dem Bahnsteig in Weimar festgestellt haben, haben wir komplett unterschiedliche Veranstaltungen besucht). Umso interessanter, was dort passiert ist, wo ich nicht war.

Update 2: Und hier noch die von mir ebenfalls leider nicht besuchte Web 2.0-Veranstaltung.

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