Die fetten Jahre sind vorbei: Antiglobalistas vs. Alt-68er

Wie bei jedem gutem Film lässt sich der grund­le­gen­de Plot von Die fet­ten Jah­re sind vor­bei in weni­gen Sät­zen zusam­men­fas­sen. Jan und Peter sind Teil der Ber­li­ner Sze­ne und seit lan­gem gut befreun­det. Nachts machen sie »ihr Ding«, bre­chen als die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten in Gru­ne­wäl­der Vil­len ein, um dort deut­li­che Spu­ren zu hin­ter­las­sen, und die Aus­sa­ge: Die fet­ten Jah­re sind vor­bei, du hast zuviel Geld – mach Dir mal Sor­gen! Jule zieht für ein Tagen bei den bei­den ein, weil sie aus ihrer Woh­nung gewor­fen wird – Miet­rück­stän­de und ein gro­ßer Schul­den­berg, der nur wütend machen kann. Bei einem Ein­bruch (soviel darf ver­ra­ten wer­den), bleibt den drei­en dann nichts ande­res übrig, als den über­ra­schend auf­tau­chen­den Besit­zer der Vil­la, Jus­tus Har­den­berg, zu ent­füh­ren. Wohin jetzt? Auf der Tiro­ler Berg­hüt­te ler­nen die vier sich näher kennen.

Hans Wein­gart­ners Film sind eigent­lich zwei Fil­me, die sich deut­lich in Stil und Atmo­sphä­re unter­schei­den. Der Wen­de­punkt ist die Fahrt nach Tirol. Vor­her ist der Film ein Film über die aktu­el­le anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Sze­ne, und hat hier ziem­lich genau hin­ge­schaut, zumin­dest was das Sty­ling angeht. Sozi­al­be­richt­erstat­tung. Die Fron­ten zwi­schen Gut und Böse sind klar ver­teilt, Möbel­rü­cken als revo­lu­tio­nä­rer Akt liegt nahe. Bis zur Fahrt nach Tirol ist der Film span­nungs­ge­la­den – von anfäng­li­chen Prü­ge­lei­en bei einer Demo und kur­zen Bli­cken ins Inne­re der Prot­ago­nis­tIn­nen über haut­na­he Ihr-da-oben-wir-da-unten-Wut bis zu den schon erwähn­ten Ein­brü­chen. Und dazwi­schen bahnt sich auch noch eine Drei­ecks­ge­schich­te an. Die­ser ers­te Teil dreht sich viel­leicht um die Fra­ge: »Ich wür­de ger­ne an was glau­ben und revo­lu­tio­när sein, aber es gibt ja kei­ne Jugend­be­we­gung mehr.« 

Teil II des Fil­mes fängt mit der unge­plan­ten und hilf­lo­sen Ent­füh­rung an. Danach »kön­nen wir nicht mehr zurück in unser altes Leben, soviel ist klar«. Aber was tun mit dem Ent­füh­rungs­op­fer? Die­ser Teil ist lang­sa­mer, theo­rie­ge­la­den. Lan­ge Gesprä­che am Küchen­tisch, und irgend­wann erzählt Har­den­berg von sei­ner revo­lu­tio­nä­ren Jugend im SDS. So inter­es­sant der Aus­tausch über die Genera­tio­nen hin­weg sein kann: etwas muss pas­sie­ren. In der enge der Berg­hüt­te blüht die Drei­ecks­ge­schich­te auf, bis zum sinn­lo­sen Ende. Bei genaue­rem Hin­se­hen nicht ganz unschul­dig dar­an: Har­den­berg, habi­tu­ell zur K‑Grup­pen-Intri­ge ver­an­lagt. Der ers­te Schluss des Films ist erwart­bar, jeden­falls scheint es so. Doch das Sys­tem wird aus­ge­trickst, am Ende hängt ein Zet­tel da – man­che Men­schen ändern sich nie – und wer will, kann die­sen zwei­ten Teil des Films zusam­men­fas­sen zu »Wie kann ein Men­schen mit sol­chen Idea­len heu­te so ein Leben füh­ren?« Es bleibt uns Zuschau­en­den über­las­sen, uns für »Fami­lie, Kin­der, Schul­den, Sicher­heit, Arbeit, Arbeit, Arbeit, CDU« zu ent­schei­den, oder für den mäch­ti­gen Vor­wurf gegen die Alt-68er von den Kin­dern der Revo­lu­ti­on, der der Schluss­punkt des Fil­mes eben auch ist. 

Bei aller Schwarz-Weiss-Male­rei ist es dann auch die­se Unent­schlos­sen­heit, die sich bei genaue­rem Hin­se­hen durch den Film durch­zieht. Die kla­re, mora­li­sche Bot­schaft: »Revol­te ist rich­tig, die guten Ideen über­le­ben« steht auf der einen Sei­te – und der Rück­schlag in Form der Auf­ar­bei­tung der nähe­ren Ver­gan­gen­heit (wie ja auch schon in der Serie an RAF-Fil­men der letz­ten Jah­re gesche­hen) auf der ande­ren. Jan, Peter und Jule trick­sen, wie gesagt, das Sys­tem aus. Nach dem Schluss kommt noch ein Schluss, hap­py Kapitalismuskritik.

Was lässt sich über die­sen stre­cken­wei­se dann doch theo­rie­lan­gen (aber in der Theo­rie teil­wei­se inter­es­san­te­ren), stre­cken­wei­sen in ein­fa­chen Kli­schees gehal­te­nen Film noch sagen? Auf­ge­fal­len ist mir der Stil: vie­les wirkt impro­vi­siert und zugleich sehr echt – von Jules kick­sen­dem Lachen über die Abgrün­de der all­täg­li­chen Revol­te bis zu den Türen der lin­ken WG. Hand­ka­me­ra­wa­ckeln, Brü­che zwi­schen Dun­kel­heit und Licht, ganz nor­ma­le Leu­te: all das trägt sicher­lich dazu bei. Ganz auf­schluss­rei­che wäre es viel­leicht, Die fet­ten Jah­re sind vor­bei mal mit Die Träu­mer, dem Film über das pri­va­te Leben im revo­lu­tio­nä­ren 1968er-Paris par­al­lel zu set­zen. Und sich Fra­gen dar­über zu stel­len, ob hin­ter den vor­der­grün­di­gen Ähn­lich­kei­ten von Jugend­be­we­gung, Revol­te und pri­va­tem Drei­eck nicht doch selbst in die­sen bei­den Kunst­wel­ten gra­vie­ren­de Unter­schie­de zwi­schen der Chan­ce zu nai­ver Kri­tik damals und der viel­fa­chen Refle­xi­ons- und Bre­chungs­not­wen­dig­keit des »Revo­lu­tio­nä­ren« heu­te sicht­bar werden. 

http://www.diefettenjahre.de/ (nur mit Flash)

Nach­trag: auch in u‑as­ta-info #727 vom 2.12.2004, S. 7.

Altes aus Xanga, Teil IX

Satur­day, March 22, 2003

20032003: Demobilder und Deutschland


20.03.03 – Kund­ge­bung vor dem Stadt­thea­ter Freiburg


20.03.03 – Trans­pa­ren­te und Schil­der des u‑asta

Am Tag X (20.03.2003) gab es in Frei­burg eine gro­ße Schü­le­rIn­nen­de­mo mit­tags und eine Demo am nachmittag/​abend, von der die Bil­der hier sind. Fotos von bei­den Demos gibt es unter indy­m­e­dia ger­ma­ny | Tag X in Frei­burg – Tau­sen­de auf der Stra­ße [Bil­der] | 20.03.2003 22:24 im Netz.

Auch am 22.03. fand wie­der eine gro­ße Demons­tra­ti­on statt (ca. 5.000) Leu­te. Lei­der habe ich davon noch kei­ne Bil­der im Netz gese­hen; wenn ich wel­che fin­de, lin­ke ich hier viel­leicht auch drauf.

Bemer­kens­wert bei der heu­ti­gen Demo: eine kur­ze Unter­bre­chung am Sie­ges­denk­mal und eine – ich wür­de sagen – Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­ril­la-Akti­on, die in der For­de­rung ende­te, das Denk­mal (für den deut­schen Sieg über Frank­reich irgend­wann) inner­halb der nächs­ten 48 Stun­den abzu­rei­ßen. Da und auch an vie­len ande­ren Stel­len der Demo war eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche, anti­staat­li­che Stim­mung deut­lich spür­ba­re. Und auch: Rot/​grün wird nicht abge­nom­men, dass die Frie­dens­po­li­tik der letz­ten Wochen ernst gemeint war. Es wird nicht genug getan, eigent­lich müss­te jetzt der NATO-Aus­tritt folgen. 

Ins­be­son­de­re aus dem Umfeld von KTS und Attac Frei­burg kommt immer wie­der die For­de­rung, die Kri­tik am Irak-Krieg mit einer all­ge­mei­nen Kri­tik an kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tien zu ver­bin­den – die wür­den eben immer Krie­ge füh­ren, und das sei auch ganz klar, und gar nicht inner­halb des Sys­tems zu verhindern. 

Ich weiss noch nicht so genau, was ich davon hal­ten soll – dass kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tien jed­we­der Art mit einem rie­si­gen Geflecht tat­säch­li­cher oder ein­ge­bil­de­ter Sach­zwän­ge ein­her­ge­hen, ist mir auch klar. Auf der ande­ren Sei­te glau­be ich, dass eine kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tie doch irgend­wie eini­ger­ma­ßen glo­bal ver­träg­lich, sozi­al, öko­lo­gisch und dau­er­haft fried­lich sein kön­nen müss­te. Refor­mis­ti­scher Irr­glau­be, Blind­heit oder eine prag­ma­tisch über­form­te Hoffnung?


Fri­day, March 21, 2003

Theater on the news

Mei­ne Lieb­lings­news­grup­pe (»news­froup«) alt.fan.douglas-adams ist zur Zeit dabei, etwas ziem­lich neu­ar­ti­ges zu tun: anläss­lich des 25-jäh­ri­gen Jubi­lä­ums der ers­ten Aus­strah­lung der Radio­fas­sung des Hitch­hi­ker gui­des to the gala­xy wird das Radio­script auf­ge­führt – und zwar im Inter­net-Dis­kus­si­ons­fo­rum. Der Link unten ver­weist auf den Beginn des Threads – afda proud­ly pres­ents The Hitchhikers’s Gui­de to the Gala­xy (the newsfroup)

> Goog­le-Suche:

P.S.: Ein gänz­lich damit unzu­sam­men­hän­gen­des The­ma ist natür­lich der inzwi­schen offen aus­ge­bro­chen drit­te Golf­krieg – auf den Frie­dens­de­mos ges­tern in Frei­burg waren unglaub­lich vie­le Leu­te (10.000 Schü­le­rIn­nen blo­ckier­ten mit­tags die Stra­ße, ca. 6.000 bis 8.000 Leu­te stan­den ges­tern abend auf dem Rotteck­ring und hör­ten sich eine etwas lang­wie­ri­ge Kund­ge­bung an), und ich hof­fe, die vie­len Pro­tes­te welt­weit und auch im Netz machen den Kriegs­füh­ren­den zumin­dest deut­lich, dass weder das Völ­ker­recht noch die Bevöl­ke­rung die­ses Pla­ne­ten auf ihrer Sei­te sind.


Fri­day, March 07, 2003

Der Staat, der nie war

Eigent­li­ches ist es eine abgrund­tief trau­ri­ge Geschich­te, die hin­ter Good Bye, Lenin! steckt. Alex‹ Mut­ter wacht nach einem Herz­in­farkt und vier Mona­ten aus dem Koma auf, jede Auf­re­gung soll ver­mie­den wer­den, das könn­te ihrer Gesund­heit scha­den. Dum­mer­wei­se wacht sie in auf­re­gen­de Zei­ten hin­ein auf: die letz­ten Mona­te der DDR als eigen­stän­di­gem Staat, kurz vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Sohn Alex beschließt, alles zu tun, um jede Auf­re­gung zu ver­mei­den und holt sie aus dem Kran­ken­haus in ihr Schlaf­zim­mer in der Plat­ten­bau­woh­nung. Dort ist noch alles so, wie es frü­her mal war. »Hier hat sich ja gar nichts verändert.« 

Dass das auch so bleibt, ist eine immer umfang­rei­cher wer­den­de Auf­ga­be für Alex. Krach mit sei­ner Schwes­ter (liiert mit einem Bur­ger-King-Bra­ter) und sei­ner Freun­din, der Kran­ken­schwes­ter Lara, die er am Kran­ken­bett sei­ner Mut­ter ken­nen­ge­lernt hat, ist vor­pro­gram­miert. Alex jagt nach Gur­ken­glä­sern und insze­niert FDJ-Geburts­tags­ständ­chen und Besu­che der Par­tei­lei­tung mit Ori­gnal-Prä­sent­korb. Als sei­ner Mut­ter lang­wei­lig wird, und sie fern­se­hen will (den aus ihr Zim­mer zu ver­las­sen, ist ihr streng ver­bo­ten) greift er auf die Unter­stüt­zung sei­nes neu­en Kol­le­gen Den­nis zurück, der sich als Film­ma­cher pro­fi­lie­ren möch­te. Die Aktu­el­le Kame­ra erklärt, wie­so ein Coca-Cola-Trans­pa­rent am Hoch­haus neben an zu sehen ist.

Aber es pas­siert in die­ser freund­li­chen, nie­mals bös­ar­ti­gen Komö­die noch mehr. Der Wes­ten dringt unauf­halt­sam in den All­tag ein. Immer abstru­ser wer­den die Erklä­run­gen. Aber immer mehr wird damit das durch das Fern­se­hen und die von Alex erfun­de­nen Kar­ten­häu­ser ver­mit­tel­te Bild der DDR zu dem eines Staa­tes, der nie exis­tiert hat, den sich Alex‹ Mut­ter aber immer gewünscht hat. Eine DDR, die auf die Ein­ga­ben ihrer Bür­ge­rIn­nen reagiert. Die so attrak­tiv ist, dass sie die Gren­zen für West­ler öff­net. In der Leis­tungs­druck und Kon­kur­renz drau­ßen bleiben.

Good Bye, Lenin! über­zeugt auf bei­den Ebe­nen. Als Komö­die, die nie nur auf die Lacher aus ist, und die mit ihrem Per­so­nal mit­fühlt, die auch Wei­nen zulässt. Aber auch als lei­se Uto­pie einer DDR, wie sie viel­leicht 1989 hät­te ent­ste­hen kön­nen: Sozia­lis­mus mit freund­li­chem Ant­litz. Auch im Film kommt der 3. Okto­ber 1990 vor. Aber zumin­dest für Alex‹ Mut­ter hat das Feu­er­werk eine ganz ande­re Bedeu­tung, ein wie­der­ver­ei­nig­tes Deutsch­land jen­seits der kapi­ta­lis­ti­schen Zwän­ge. Was wäre, wenn? Auch hier sind Trä­nen viel­leicht ange­bracht, wer weiß.

Nicht zuletzt soll­te viel­leicht erwähnt wer­den, dass die Bil­der teil­wei­se ziem­lich gran­di­os sind und die Stim­mung der Wen­de­zeit gut ein­fan­gen. Fas­zi­niert – das muss ich unbe­dingt noch sagen – hat mich auch der Vor­spann, der die schöns­te Ani­ma­ti­on häß­li­cher real­so­zia­lis­ti­scher Post­kar­ten ent­hält, die ich je gese­hen habe.

> GOOD BYE, LENIN! – Ein Film von Wolf­gang Becker (lei­der etwas überfrachtet!)


Sunday, March 02, 2003

NO WAR

Wer wis­sen will, was ich am Sams­tag gemacht habe: mit vier- bis fünf­tau­send ande­ren auf er Euro­pa­brü­cke zwi­schen Kehl und Straß­burg rum­ge­stan­den, Luft­bal­lons mit Frie­dens­tau­ben zum Hori­zont geschickt und Leu­ten wie Kon­stan­tin Wecker, Franz Alt, einem Sän­ger aus San Fran­cis­co und einer Sän­ge­rin aus Bra­si­li­en zugehört. 

Was war nett an der Demo? Doch ziem­lich vie­le Leu­te, ab und zu auch mal Son­nen­schein, eine bun­te Mischung. Inter­es­sant: Mer­chan­di­sing-Stän­de am Rand …

Was war nicht so toll? Die gerin­ge Prä­senz von Grü­nen (Les Verts waren gut sicht­bar mit vie­len Fähn­chen, aus Baden-Würt­tem­berg waren zwar auch eine gan­ze Men­ge Grü­ne auf der Demo, aber wer die nicht kann­te, wuss­te das nicht. Die Tat­sa­che, dass sich das Pro­gramm doch ziem­lich in die Län­ge zog (unge­fähr vier Schluss­wor­te hin­ter­ein­an­der, danach dann noch Ter­min­hin­wei­se). Und viel­leicht auch das Miss­ver­hält­nis zwi­schen dem eher jun­gen bis mitt­le­ren Durch­schnitts­al­ter der Demons­trie­ren­den und der Demo­folk­lo­re des offi­zi­el­len Programms. 

> Yahoo! Nach­rich­ten – Sad­dam Hus­sein und der Irak-Kon­flikt – Deutsch-fran­zö­si­scher Pro­test gegen Irak-Krieg


Wed­nes­day, Febru­a­ry 19, 2003

Wie realistisch sind Science-Fiction-Filme?

Dem neu­en Z‑Punkt-News­let­ter habe ich den Hin­weis auf den unten­ste­hen­den Link zu Josh Cal­ders Futu­rist Movies Web­site ent­nom­men. Und die hat es in sich – ein ein­drucks­vol­les, inter­ak­ti­ves Essay, in dem sich Cal­der meh­re­ren Dut­zend neue­ren und älte­ren Sci­ence-Fic­tion-Fil­men annimmt (u.a. Gat­ta­ca, Fifth Ele­ment, Star Trek und Star Wars, Mino­ri­ty Report, Inde­pen­dence Day, …) und die­se aus Sicht eines Zukunfts­for­schers bewer­tet: Wie wahr­schein­lich ist die dort dar­ge­stell­te Zukunft, wann könn­te sie erwar­tet wer­den, was lässt sich über ein­zel­ne Tech­no­lo­gien sagen, wo macht der Film Kom­pro­mis­se um der Sto­ry oder der Ver­markt­bar­keit Wil­len? Eini­ge The­men (Außer­ir­di­sche, künst­li­che Intel­li­genz, Klo­nen) wer­den dar­über hin­aus im Rah­men eigen­stän­di­ger »Notes« diskutiert.

Wenn eine mei­ner Lieb­lings­the­sen stimmt, dass Sci­ence Fic­tion näm­lich ein Gen­re ist, das qua­si lite­ra­ri­sche Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung betreibt und in einer engen Wech­sel­wir­kung damit steht, was Wis­sen­schaft­le­rIn­nen für mach­bar hal­ten – Wech­sel­wir­kung meint dabei: bei­de Rich­tun­gen! –, dann ist Cal­ders Web­site eine nicht zu unter­schät­zen­de Res­sour­ce für Men­schen, die pri­vat oder beruf­lich Tech­nik­dis­kur­se unter­su­chen. Denn mehr noch als Sci­ence-Fic­tion-Roma­ne sind Sci­ence-Fic­tion-Fil­me – mit all den dar­aus resul­tie­ren­den Kon­se­quen­zen – in den letz­ten 30 Jah­ren im gesell­schaft­li­chen Main­stream ange­kom­men. Futu­rist­Mo­vies bie­tet eine mit schar­fem Auge vor­ge­nom­me­ne Ana­ly­se die­ses gesell­schaft­li­chen Diskurses.

> Pro­jec­tions: a futu­rist at the movies

Altes aus Xanga, Teil I

Mon­day, April 22, 2002

Wahltag …

Wahl­tag, und zwar ein ganz selt­sa­mer. Die ers­ten Ergeb­nis­se krie­ge ich in den Radio­nach­rich­ten im Zug mit – und bin ziem­lich ent­setzt. Der Osten wird schwarz, jeden­falls deu­tet ein Ergeb­nis, bei dem FDP, SPD und PDS jeweils etwa gleich­stark abschnei­den und nur die CDU deut­lich bes­ser liegt, dar­auf hin. Schill kommt knapp nicht rein (na, glück­li­cher­wei­se), und auch wenn ich’s nicht ver­ste­he, wun­dert es mich nicht, dass Bünd­nis 90/​Die Grü­nen deut­lich unter 5% blei­ben. Soweit mei­ne Gedan­ken zu Radio­nach­richt eins. Dann kommt Radio­nach­richt zwei: In Frank­reich lan­det Le Pen auf Platz zwei bei der Prä­si­den­ten­wahl – und lässt den Fran­zo­sen und Fran­zö­sin­nen damit die Wahl zwi­schen einem Rechts­kon­ser­va­ti­ven und einem Rechts­ra­di­ka­len. Na pri­ma. Irgend­wie scheint mir hier ein Pro­blem des Zwei-Gang-Wahl­sys­tems zu lie­gen, viel­leicht sähe das Ergeb­nis ganz anders aus, wenn’s ein Prä­fe­renz­wahl­sys­tem gäbe …

Lei­der fand der hes­si­sche Rund­funk im ICE kurz nach Frank­furt es nicht für not­wen­dig, über baden-würt­tem­ber­gi­sche Ober­bür­ger­meis­ter­wahl­er­geb­nis­se zu berich­ten (und die erst­mal scho­cken­de Nach­richt »Neue Bür­ger­meis­te­rin in …« ent­pupp­te sich dann doch als irgend­wo auf dem hes­si­schen Land und nicht als Frei­bur­ger CDU-Kan­di­da­tin). Inso­fern blieb mir hier erst­mal nur die Unge­duld: schließ­lich hat­te heu­te ja auch Frei­burg gewählt.

Kurz nach 23 Uhr bin ich dann end­lich in Frei­burg – und muss wei­ter unge­dul­dig blei­ben, denn weder bei der Badi­schen Zei­tung noch am Rat­haus hän­gen Ergeb­nis­se aus. Zuhau­se dann der ers­te Hin­weis auf mei­nem Anruf­be­ant­wor­ter: Ein sen­sa­tio­nal­les Ergeb­nis, meint mei­ne Mut­ter. Nähe­res hat sie dem Anruf­be­ant­wor­ter nicht ver­ra­ten. Also ins Inter­net – und weder www.freiburg.de noch www.badische-zeitung.de wol­len sich laden las­sen, über irgend­wel­che bun­des­wei­ten Nach­rich­ten­ti­cker fin­de ich erst­mal auch nichts, und www.gruene-freiburg.de ist noch auf dem Stand vier Tage vor der Wahl. Die infor­mie­ren­de Ret­tung naht in Form einer eMail auf einer der Mai­ling­lis­ten der Grü­nen Jugend – Die­ter Salo­mon von den Grü­nen hat es nicht nur unter die ers­ten zwei geschafft – ich hat­te ja mit sowas wie 35% für die CDU-Frau und knapp 30% für ihn gerech­net – son­dern belegt mit 36% den Spit­zen­platz vor Heu­te-Bluhm von der CDU. Zep­ter (SPD) ist mei­ner Mei­nung nach zurecht auf Platz drei gelan­det, mit nur weni­gen Pro­zent­punk­ten Vor­sprung von Micha­el Moos – eigent­lich hal­te ich ja nichts von Vor­ur­tei­len über blas­se Büro­kra­ten, aber hier stimmt’s ein­fach, und inso­fern geschieht’s ihm recht. Dass Micha­el Moos von der Lin­ken Lis­te deut­lich über zehn Pro­zent lan­det (und Salo­mon trotz­dem vor­ne liegt!) fin­de ich eben­falls gut. Alles in allem in Frei­burg also ein wirk­lich posi­ti­ves Ergeb­nis, das jetzt nur noch einen guten zwei­ten Wahl­gang braucht …

Dafür sieht’s außer­halb der klei­nen grü­nen Hoch­burg im Süden lei­der doch ganz anders aus. Schade.

Poli­tik – SPIEGEL ONLINE


Sunday, April 07, 2002

Kleinräumigkeit und glückliche Zufälle

Ein Vor­teil davon, in einer Stadt wie Frei­burg zu woh­nen, deren 200.000 Ein­woh­ne­rIn­nen – zumin­dest die stu­den­ti­schen oder sonst­wie uni­ver­si­tä­ren – sich in einem rela­tiv klei­nen Teil der Innen­stadt bewe­gen, besteht dar­in, dass sich glück­li­che Zufäl­le häufen.

Anders­wo wären oft umständ­li­che Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gän­ge not­wen­dig, um zum Bei­spiel Ter­mi­ne abzu­stim­men, sich über etwas auf dem Lau­fen­den zu hal­ten, oder um ein­fach nur jemand zu tref­fen. Natür­lich ist es auch in Frei­burg nicht so, dass stän­dig jeder jeden trifft, oder jede. Aber die Wahr­schein­lich­keit dafür, bei einem Gang durch die Innen­stadt, in der Men­sa, vor der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek oder in den Kol­le­gi­en­ge­bäu­den ganz zufäl­lig und unge­plant auf eine Per­son zu sto­ßen, die einem etwas mit­zu­tei­len hat, oder der etwas mit­zu­tei­len ist, liegt wohl deut­lich höher als in grö­ße­ren räum­li­chen Gebie­ten. Allein in den letz­ten Tagen ist es mir unge­fähr zwei­mal täg­lich pas­siert, dass ich jemand zufäl­lig getrof­fen habe, und dass so anders­wei­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gän­ge ersetzt wurden.

Aller­dings fehlt mir die eige­ne Erfah­rung, um beur­tei­len zu kön­nen, wie weit dies mit der spe­zi­fi­schen räum­li­chen Grö­ße und Situa­ti­on in Frei­burg zu tun hat. Trifft mensch sich in Ber­lin zufäl­lig? Und wie sieht’s beim ande­ren extrem aus, dem klein­räu­mi­gen Dorf, wo sol­che glück­li­chen Zufäl­le noch viel all­täg­li­cher sein müss­ten – oder aber viel­leicht sel­te­ner vor­kom­men, weil es weni­ger Anläs­se gibt, sich quer durch den öffent­li­chen Raum zu bewe­gen? Viel­leicht ist das gan­ze aber auch nur dadurch zu erklä­ren, dass sozia­le Netz­wer­ke und die räum­li­che Situa­ti­on zusam­men­fal­len, dass die sel­ben Leu­te, mit denen Kom­mu­ni­ka­ti­on not­wen­dig ist, sich rela­tiv oft an den sel­ben Orten auf­hal­ten. Dann könn­te die­se Art glück­li­cher Zufäl­le auch in Groß­städ­ten recht häu­fig sein, wenn nur die Orte stim­men. Dafür spricht, das bestimm­te zufäl­li­ge Begeg­nun­gen mit situa­ti­ven Ver­än­de­run­gen weg­fal­len oder neu hin­zu­kom­men: Nicht mehr HiWi im Insti­tut für Sozio­lo­gie zu sein, heißt auch, nicht mehr in den dor­ti­gen Flur­funk ein­ge­bun­den zu sein, Neu­ig­kei­ten, Ent­wick­lun­gen und Ereig­nis­se nur noch sel­ten und aus­ge­wählt zu Gesicht zu bekom­men, jeden­falls sel­te­ner anwe­send und damit poten­zi­ell ansprech­bar zu sein.

Wo der­ar­ti­ge Begeg­nun­gen mit Bekann­ten nicht vor­kom­men, dass ist der vir­tu­el­le Raum. Tref­fen sind hier viel häu­fi­ger absicht­lich, oder machen allein von der Begriff­lich­keit her kei­nen Sinn. In einem durch eMail-Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­sti­tu­ier­ten vir­tu­el­lem Raum bei­spiels­wei­se scheint es mir kaum mög­lich zu sein, von einem Tref­fen zu spre­chen – und erst recht nicht von einem zufäl­li­gen Treffen.

Eine letz­te Beob­ach­tung: Wer sich auf zufäl­li­ge Begeg­nun­gen ver­las­sen kann, wird laxer, wenn es dar­um geht, Ter­mi­ne abzu­spre­chen. Den oder die ande­re wird man ja ver­mut­lich doch in der nächs­ten Zeit tref­fen. Wenn zu die­ser Form der Zeit­or­ga­ni­sa­ti­on jedoch die Not­wen­dig­keit der Orga­ni­sa­ti­on eige­ner Zei­ten in einem vir­tu­el­len sozia­len Netz­werk ohne gemein­sa­me räum­li­che Basis hin­zu­tritt, dann ergibt sich ein Pro­blem: Hier sind zwei unter­schied­li­che und nicht immer kom­pa­ti­ble Her­an­ge­hens­wei­sen an Zeit­or­ga­ni­sa­ti­on zusam­men­zu­brin­gen – ein Wider­spruch, der sich viel­leicht letz­lich nur dadurch auf­lö­sen lässt, dass der vir­tu­el­le Raum in den rea­len Raum mit hin­aus­ge­tra­gen wird, über Orga­ni­zer, über in Funk­net­ze ein­ge­bun­de­ne Lap­tops, über die Kopp­lung der Ver­bind­lich­keit der wahr­schein­li­chen Anwe­sen­heit im rea­len Raum des dar­an gebun­de­nen sozia­len Netz­werks mit der Ver­bind­lich­keit der elek­tro­ni­schen Erreich­bar­keit des an die­se gebun­de­nen sozia­len Netz­werks. Inso­fern stellt sich weni­ger die Fra­ge danach, ob eMail und Han­dy die Mög­lich­keit zufäl­li­ger Begeg­nu­gen gefähr­den, son­dern die Fra­ge danach, wie die­se erhal­ten blei­ben und mit nicht­lo­ka­len sozia­len Räu­men inte­griert wer­den kön­nen. Oder?


Fri­day, April 05, 2002

Und nun?

So, einen eini­ger­ma­ßen ordent­lich aus­se­hen­den Anbie­ter von WeB­LOGs habe ich gefun­den, regis­triert bin ich dort inzwi­schen auch, d.h. ich kann jetzt auch tat­säch­lich anfan­gen, mal was zu schrei­ben. Und dabei im Kopf zu behal­ten, dass das hier kein Tage­buch ist, son­dern eher eine Kolum­ne. Ich wer­de also jetzt nichts dar­über schrei­ben, dass mei­ne Schwes­ter heu­te Geburts­tag hat­te, was ich ihr geschenkt habe und dass das Wet­ter hier son­nig ist. Ich wer­de auch nichts dar­über schrei­ben, dass ich heu­te mei­nen Arbeits­ver­trag als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter in einem For­schungs­pro­jekt hier an der Uni Frei­burg unter­schrie­ben habe (und sehr gespannt bin, wie das Pro­jekt lau­fen wird). Und ich wer­de erst recht nichts dazu schrei­ben, dass mei­ne Freun­din gera­de an einer Haus­ar­beit sitzt, was extrem zeit­auf­wän­dig und nerv­auf­rei­bend ist, wie ich aus eige­ner Erfah­rung bestä­ti­gen kann (und was dazu führt, dass ich jetzt hier vor mei­nem Com­pu­ter sit­ze und auf komi­sche Ideen kom­me, wie die, mal aus­zu­pro­bie­ren, ob ein WeB­log nicht was net­tes wäre). Dazu woll­te ich nichts schrei­ben, habe es jetzt aber doch getan. Egal.

Wo ich schon mal dabei bin, nichts zu schrei­ben, schrei­be ich ein­fach auch nichts dazu, dass die Welt­si­tua­ti­on noch immer ähn­lich selt­sam und gefähr­lich aus­sieht wie in den letz­ten Tagen. Wäh­rend Deutsch­land sich Sor­gen dar­über macht, ob ein zusam­men­bre­chen­des Medi­en­oli­go­pol den Lieb­lings­sport Fuß­ball mit zum Ein­sturz bringt, als ob es nichts wich­ti­ge­res gäbe (und als ob es nicht wich­ti­ge­re Grün­de gäbe, war­um Medi­en­oli­go­po­le nicht so toll sind), klin­gen die Nach­rich­ten aus Isra­el und Paläs­ti­na von Tag zu Tag depri­mie­ren­der. Krieg gegen Ter­ror funk­tio­niert auch hier nicht. Oder nur zu gut.

So, fast fer­tig mit mei­nem ers­ten öffent­li­chen Ein­trag. Was habe ich dabei gelernt? Wenn es nicht nur ran­ting wer­den soll, macht es Sinn, sich ein The­ma zu set­zen, und auch tat­säch­lich was dazu zu schrei­ben. Und auch wenn es rhe­to­risch ein fei­ner Trick ist, etwas zu sagen, indem gesagt wird, dass es nicht gesagt wird, so wird damit trotz­dem was gesagt – eine Grat­wan­de­rung zwi­schen öffent­lich und pri­vat … Ich bin gespannt, was und wann ich das nächs­te Mal was schrei­be – dann viel­leicht tat­säch­lich auf ein The­ma bezo­gen, und nicht ein­fach mal so blau vom Him­mel her geredet.