Experimenteller Technikoptimismus – Update 2017

Man with dog III

Judith Hor­chert, Mat­thi­as Kremp und Chris Stö­cker schrie­ben vor zwei Jah­ren über fünf Tech­no­lo­gien, die unse­ren All­tag rasant ver­än­dern wer­den. Ich war skep­tisch, ob Robo­tik, auto­no­me Fahr­zeu­ge, künst­li­che Intel­li­genz, VR und auto­ma­ti­sche Über­set­zun­gen »on the fly« sich wirk­lich so schnell durch­set­zen wer­den, wie Hor­chert, Kremp und Stö­cker das damals vermuteten.

Vor einem Jahr habe ich mir den dama­li­gen Ent­wick­lungs­stand ange­schaut. Mein dama­li­ges Fazit:

Vor einem Jahr war ich noch sehr skep­tisch, dass es hier tat­säch­lich zu Durch­brü­chen kommt und ent­spre­chen­de Tech­no­lo­gien – von den Robo­tern bis zur all­ge­gen­wär­ti­gen KI – Ein­zug in den All­tag fin­den und sich auch tat­säch­lich durch­set­zen. Gera­de was die Sprach- und Bil­d­er­ken­nung angeht, und alles, was dar­auf auf­baut, ist in den letz­ten Mona­ten extrem viel passiert. 

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Wer wird dem 16. Landtag von Baden-Württemberg angehören?

Stormy green

Die Land­tags­wahl in Baden-Würt­tem­berg liegt jetzt auch schon wie­der zwei Wochen zurück, die ers­ten Gesprä­che zwi­schen den mög­li­chen Koali­ti­ons­part­nern GRÜNE und CDU haben statt­ge­fun­den, und ab 1. Mai läuft die Wahl­pe­ri­ode des 16. Land­tags von Baden-Würt­tem­berg und er wird sich offi­zi­ell kon­sti­tu­ie­ren. Anlass genug, um ein­mal der Fra­ge nach­zu­ge­hen, wer eigent­lich im zukünf­ti­gen Land­tag sit­zen wird. 

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Kurz: Flexible Arbeit und der Achtstundentag

Viel­leicht ver­zerrt mein per­sön­li­cher Erfah­rungs­hin­ter­grund (Aka­de­mi­ker, bis­her an der Uni und in der Poli­tik tätig) hier mei­ne Wahr­neh­mung, aber ich fin­de die For­de­rung der Arbeit­ge­ber, vom Acht­stun­den­tag abzu­rü­cken, zumin­dest in Tei­len nachvollziehbar. 

Die For­de­rung taucht ja im Kon­text der Digi­ta­li­sie­rungs­de­bat­te auf, aber eigent­lich ist Digi­ta­li­sie­rung hier nur ein Bestand­teil eines grö­ße­ren und schon seit eini­gen Jahr­zehn­ten lau­fen­den Trends, der unter der Über­schrift »Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeit« steht. (Und auch die Debat­te um den »Arbeits­kraft­un­ter­neh­mer« passt hier her­vor­ra­gend …). Letzt­lich geht es um eine Ver­än­de­rung des­sen, was als »Arbeits­kraft« auf dem Arbeits­markt gehan­delt wird: Weg vom Zur­ver­fü­gung­stel­len phy­si­scher und psy­chi­scher Arbeits­kraft für defi­nier­te Zeit­räu­me – da machen gesetz­li­che Regu­lie­run­gen der Arbeits­zeit viel Sinn – hin zur weit­ge­hend eigen­ver­ant­wort­li­chen Erbrin­gung bestimm­ter Ergeb­nis­se mit wei­ten Spiel­räu­men hin­sicht­lich Arbeits­zeit, Arbeits­ort und ver­wen­de­ter Metho­den und Kom­pe­ten­zen. For­mal zumin­dest wei­ter­hin ange­stellt, aber mit einem Cha­rak­ter von Arbeit, der eini­ge Gemein­sam­kei­ten mit Allein­selbst­stän­di­gen aufweist.

Digi­ta­le Werk­zeu­ge erleich­tern die­se Ent­kopp­lung – und tra­gen dazu bei, dass die Nach­fra­ge nach der zwei­ten Art von Arbeits­kraft steigt, und dass bestehen­de Berufs­bil­der trans­for­miert wer­den. Die­ser Pro­zess ist durch­aus ambi­va­lent – stei­gen­de Auto­no­mie und stei­gen­de Frei­räu­me auf der einen Sei­te, unfrei­wil­li­ge Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me und die Gefahr der räum­li­chen und zeit­li­chen Ent­gren­zung von Arbeit auf der ande­ren Sei­te. Auch hier bleibt poli­ti­sche Regu­la­ti­on not­wen­dig – an die Stel­le des star­ren Acht­stun­den­ta­ges tre­ten für die­se Beru­fe und Bran­chen jetzt Monats- und Jah­res­ar­beits­zeit­kon­ten, Kern­zeit­de­fi­ni­tio­nen und Regeln zur Begren­zung der Erreich­bar­keit, um gern in Kauf genom­me­ne Selbst­aus­beu­tung zu verhindern.

Kurz: Vollzeitnahe Teilzeit ist möglich. Aber wir müssen auch über Geld reden

Der­zeit fin­det ja die Befra­gung von Allens­bach zu Fami­li­en­mo­del­len recht viel Auf­merk­sam­keit. Ein Befund dabei zeigt, dass recht vie­le Fami­li­en nach wie vor (männ­li­che) Voll­zeit + (weib­li­che) Teil­zeit bzw. stun­den­wei­se Tätig­keit leben. Dabei wür­den vie­le Müt­ter ten­den­zi­ell ger­ne mehr Zeit mit Erwerbs­ar­beit ver­brin­gen, vie­le Väter »eigent­lich« lie­ber voll­zeit­na­he Teil­zeit, also 25–30 Stun­den pro Woche, als Voll­zeit arbei­ten. Die­ser Befund ist nicht neu, auch als ich mich vor eini­gen Jah­ren an der Uni wis­sen­schaft­lich mit Geschlech­ter­ver­hält­nis­sen und Arbeit beschäf­tig­te, war das schon Stand des Wis­sens. Und auch mei­ne eige­ne Erhe­bung* zu den Lan­des­fors­ten Rhein­land-Pfalz zeig­te ein ganz ähn­li­ches Bild des Aus­ein­an­der­klaf­fens von Wunsch­ar­beits­zeit und Ver­trags­ar­beits­zeit. (Bei der Gele­gen­heit: inkl. Fami­li­en­ar­beit liegt die durch­schnitt­li­che wöchent­li­che Arbeits­zeit von Müt­tern in Deutsch­land heu­te deut­lich höher als die nach sel­bem Maß­stab gemes­se­ne Arbeits­zeit von Vätern).

Dass (voll­zeit­na­he) Teil­zeit ein gutes Modell für Erwerbs­ar­beit dar­stellt, die einem/​einer noch Raum für ande­res lässt – Kin­der und Sor­ge­ar­beit, Frei­zeit, Erho­lung, aber auch für ehren­amt­li­che Poli­tik – passt zu mei­nen eige­nen Erfah­run­gen. An der Uni hat­te ich meist die übli­chen »hal­ben« Stel­len, jetzt in der Land­tags­frak­ti­on war es mir wich­tig, unter­halb der 100% Erwerbs­ar­beit zu blei­ben. Bis vor kur­zem waren dies bei mir 70%, inzwi­schen sind es, mit einer Aus­wei­tung mei­ner Tätig­keits­fel­der, 80%. Das passt zu dem, was Arbeits­wis­sen­schaft­le­rIn­nen als »sozia­bel« bezeich­nen, also eine (inhalt­lich durch­aus aus­fül­len­de) Erwerbs­ar­beit, die gleich­wohl Raum lässt für ein geleb­tes ega­li­tä­res Ver­tei­len von Fami­li­en­ar­beit und für sons­ti­ge pri­va­te und poli­ti­sche Inter­es­sen. Ich bin damit sehr zufrieden.

Wer über Teil­zeit spricht, muss aller­dings – und das dürf­te ein Fak­tor sein, der das kon­ser­va­ti­ve Fami­li­en­mo­dell stützt – auch über Geld reden (und eigent­lich auch über Kar­rie­re­chan­cen). Mit aka­de­mi­schen E13- oder E14-Stel­len (Tarif­t­a­bel­le West, brut­to, 100%) ist voll­zeit­na­he Teil­zeit aus­kömm­lich. Ähn­lich dürf­te es bei halb­wegs qua­li­fi­zier­ten Tätig­kei­ten in der frei­en Wirt­schaft aus­se­hen. Aber ein sich über die Lebens­zeit bis zur dann eben­falls nied­ri­ger aus­fal­len­den Ren­te auf­sum­mie­ren­des Minus im Fami­li­en­ein­kom­men im Ver­gleich zu Voll­zeit arbei­ten­den Kol­le­gIn­nen bleibt. Und das ist selbst bei E13+ im Lebens­stan­dard spür­bar. Dass es deut­lich unter­halb die­ser Tari­fe schwie­rig wird, von Teil­zeit zu leben, heißt, dass The­men wie Arbeits­zeit­ver­kür­zung mit Lohn­aus­gleich auf den Tisch müs­sen – wenn nicht gleich die Grundeinkommensdebatte.

* Vgl. etwa Blum, S./Westermayer, T. (2010): Arbeits­zeit und Geschlecht im Reform­pro­zess einer Lan­des­forst­ver­wal­tung. WSI-Mit­tei­lun­gen Jg. 63, 1: 34–41.

Kurz: Klassenfrage

Als Bahn-Viel­fah­rer bin ich fast immer in der 2. Klas­se unter­wegs – weil mir die Bahn­Card 100 für die 2. Klas­se mit über 4000 Euro pro Jahr schon teu­er genug ist, aber auch, weil ich es ein­fach nie anders ken­nen­ge­lernt habe: Als Kind war es natür­lich immer die 2. Klas­se in IC und Nacht­zug, wenn wir von Süd- nach Nord­deutsch­land gefah­ren sind. Und spä­ter, als das anfing damit, zu Jugend­ver­bands­kon­gres­sen und Par­tei­ta­gen, noch etwas spä­ter: zu Uni­dienst­rei­sen, quer durchs Land zu fah­ren, war eben­so selbst­ver­ständ­lich, dass die Fahrt­kos­ten­er­stat­tung sich auf die 2. Klas­se bezog. 

Wenn ich, wie jetzt gra­de, dank eines Upgrade-Gut­scheins für treue Kun­den, dann doch ein­mal in der 1. Klas­se sit­ze, hat das was von frem­den Ter­rain. Ver­traut und zuge­hö­rig fühlt sich das nicht an. Beque­me­re Sit­ze und mehr Platz – das hät­te ich auch ger­ne bei mei­nem Pen­del­all­tag. Kos­ten­lo­se Zei­tun­gen, auch nett. Schwe­rer tue ich mich da schon mit der Ser­vice­kul­tur und der damit ver­bun­de­nen auf­ge­setz­ten Ultra­freund­lich­keit, der emsi­gen und stän­di­gen Sor­ge um das Wohl­be­fin­den der Rei­sen­den – Sie wer­den am Platz bedient, eine klei­ne Auf­merk­sam­keit viel­leicht, hät­ten Sie noch einen Wunsch? (Ähn­lich frem­delnd ergeht es mir, wenn ich in vielster­ni­ge Hotels gerate …).

Das ist schlicht nicht mei­ne Welt. Mit einer bour­dieu­schen Bril­le zu beob­ach­ten, wie die Ange­hö­ri­gen der 1. Klas­se die­ses Bedient­wer­den ganz selbst­ver­ständ­lich fin­den, ja über­haupt: wie sie sich geben, und dabei eine fei­ne, inkor­po­rier­te Ele­ganz aus­strah­len – das ist durch­aus inter­es­sant und zugleich ein schö­ner Beleg für milieu­spe­zi­fi­schen Habi­tus und für die Exis­tenz einer gewis­sen Klas­sen­ge­sell­schaft auch in Deutsch­land. Was weit über Fra­gen der Zuge­hö­rig­keit hin­aus Kon­se­quen­zen hat.