Zeit des Virus, Update VII

Blue, blue Black forest

Wie etwas ist, wird ja oft erst hinterher klar. Der Sommer war eine große Erleichterung. Doch jetzt sind wir unverhofft und schlecht vorbereitet in die zweite Welle gestolpert. Da mag die Saisonalität des Virus eine Rolle gespielt haben. Und darüber, ob es falsch war, die Grenze für hartes, lokales Eingreifen erst bei 50 Neuinfektionen pro 7 Tage pro 100.000 Ew zu legen, kann rückblickend gestritten werden. Die Zahl war das Ergebnis eines politischen Ringens. Wenn ich mich recht erinnere, standen niedrigere Schwellen im Raum, die aber nicht konsentierbar waren in der Konferenz der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten (MPK), im Sommer, als die lokalen Ausbrüche klar umrissen und nachvollziehbar waren.

Das ist jetzt anders. In den letzten Tagen färbten sich die Deutschlandkarten in einem Tempo rot, als ob sie dem Herbstlaub Konkurrenz machen wollten.

Baden-Württemberg, da schaue ich mir die Zahlen genauer an, war vor wenigen Wochen noch bei unter hundert Neuinfektionen pro Tag, Dann waren es eine Zeit lang recht stabil 250 Infektionen pro Tag, dann gab es die ersten Landkreise, die die 50er-Inzidenz gerissen haben, in Esslingen noch halbwegs nachvollziehbar, und jetzt sind wir bei über 1000 Neuinfektionen pro Tag. Ein Viertel der Kreise im Land liegt jetzt über dem Wert von 50, nochmal so viele sind über 35. Das Land ist innerhalb weniger Tage von Pandemiestufe 1 (»grün« im Ampelsystem) auf Stufe 2 gerutscht, für Montag hat der Ministerpräsident die Ausrufung der Pandemiestufe 3 (»rot«) angekündigt.

Und immerhin dazu wurde der Sommer genutzt: dieses Stufensystem wurde festgelegt, und es wurde auch festgelegt, was in welchen Lebensbereichen jetzt passieren wird; verschärft noch einmal durch die Beschlüsse der MPK in dieser Woche. Das heißt beispielsweise für den Schulunterricht, dass ab Montag das Maskentragen nicht nur in den Gängen notwendig ist, sondern auch im Klassenzimmer, und dass außerunterrichtliche Veranstaltungen entfallen. Sportveranstaltungen finden wieder ohne Zuschauer:innen statt, und die Obergrenzen für Feiern sinken deutlich.

Meinen Kindern hat es gut getan, dass – hier in Baden-Württemberg ja erst Mitte September – die Schule wieder im Präsenzbetrieb gestartet ist, mit der Möglichkeit, Freund:innen zu treffen, mit einer viel größeren Konzentrationsfähigkeit als zuhause, mit neuen Herausforderungen und direktem Feedback. Trotzdem scheint es mir mit Blick auf die Zahlen nur eine Frage der Zeit zu sein, bis aus dem Unterricht in gut gelüfteten Klassenzimmern wieder ein wie auch immer geartetes Notsystem wird – mit rollierenden Gruppen, mit Digitalunterricht, mit Einschränkung auf Kernfächer.

Beim Elternabend saßen wir alle mit Maske da, die Fenster offen, und unter der Oberfläche des Schulalltags mit seinen Terminen, Tiefen und Höhepunkten kroch immer die Frage mit, das mulmige Gefühl, wie lange dieser Schulalltag sich aufrecht erhalten lassen wird. Ende Oktober sind Herbstferien – wird es danach wieder in die Schulen gehen? Wieso fällt die Projektwoche aus – und was passiert, wenn die für Mai geplante Klassenfahrt abgesagt werden muss? Stehen die Inhalte und Arbeitsblätter schon in Moodle, oder sind die Lehrer:innen bloss darauf vorbereitet, sie hineinzustellen, wenn es denn notwendig werden sollte?

Wir sind in die zweite Welle geraten, und die ist nach wie vor – die Kanzlerin hatte es vorgerechnet – die Kurve einer Exponentialfunktion. Deswegen geht es jetzt so schnell, deswegen ist da, wo gestern noch fast so etwas wie Normalität war, morgen schon wieder eine krisenhafte Ausnahmesituation. Die Zahl der Todesfälle beginnt wieder zu steigen, die Altersgruppe der Erkrankten verschiebt sich wieder in höhere Alter, weg von mobilen und kontaktfreudigen 20ern und 30ern.

Es geht jetzt wieder darum, diese Welle zu brechen. Und das funktioniert ohne Impfstoff, der erst am Horizont zu erahnen ist, bei R-Werten deutlich über 1,0 nur dann, wenn unnötige Kontakte vermieden werden. Dass Masken getragen werden, dass Abstände eingehalten werden. Und dass über die App, vielleicht auch über ein »Corona-Tagebuch«, Kontakte nachverfolgbar gemacht werden.

Daher, von der Notwendigkeit der Reduzierung aller nicht notwendigen Kontakte, kommt der Ruf nach (freiwilligen) Reisebeschränkungen, nach dem Verzicht auf Reisen, auf Feiern, auf größere Menschenansammlungen. Zur Zeit ist das noch Appell; ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass daraus bald wieder behördlich verfügte Kontaktbeschränkungen werden, mit all den unschönen Folgen.

Das soweit möglich vorwegzunehmen, nicht auf »aber es ist doch erlaubt« zu beharren, sondern den eigenen Alltag jetzt vorsichtig und mit Umsicht anzugehen – das ist, was jede:r individuell jetzt tun kann, um dabei mitzuhelfen, dass uns alle diese zweite Welle nicht überrollt und überfordert.

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