Brandung (18)

Bevor wir uns wieder Martha zuwenden, geht es erst einmal mit Kath weiter.

The making of apple pie, part I

Brandung (18)

Kath musste Guy ziemlich verständnislos angeschaut haben. Einen Moment lang sagte niemand etwas. Mit gequältem Gesichtsausdruck ergriff Guy schließlich das Wort. »Wenn es gestattet ist, muss ich um Entschuldigung bitten und einige Dinge erklären. Darf ich?« – letzteres an den roten Fürsten gerichtet. Dieser nickte ungeduldig.

»Kath, kurz nachdem ihr den Bauwagen verlassen hattet, um eine kleine Mahlzeit zu euch zu nehmen, hat sich ein kleineres – oder, wie sich dann zeigte, größeres – Problem ergeben. Der Versuch, auf die Firmendaten von Global Water zuzugreifen, schien zunächst erfolgreich.«

Kath erinnerte sich daran, wie Guy – es war ja erst ein paar Stunden her, schien aber Tage zurückzuliegen – mit seinem Flexipad zu einer Einheit verschmolzen zu sein, und wie damals seine ganze Aufmerksamkeit auf irgendwelche Datenströme gerichtet war.

»Es hätte mir auffallen müssen, aber der Zugriff auf diese Firmendaten war zu einfach. Was wie ein erfolgreicher – ich sage das Wort ungern, aber letztlich war es das ja – was also wie ein erfolgreicher Einbruch in das Firmennetzwerk aussah, war eine Falle. Technisch gesehen durchaus ausgefeilt – wenn nicht ich die Fliege gewesen wäre, die hineingeflogen wäre, könnte ich eine gewisse Bewunderung darüber nicht verhehlen. Aktive Zweiebenenverschlüsselung mit Tripwire-Mechanismus, sowas hatte ich bisher so noch nicht gesehen.«

Der rote Fürst unterbrach Guy. »Die technischen Details tun jetzt nichts zu Sache. Um es abzukürzen: Unser gemeinsamer Bekannter ist in eine Falle hineingestolpert. Der darauf folgende Polizeieinsatz dürfte Ihnen aufgefallen sein. Letztlich blieb ihm nichts anderes übrig, als auf uns zuzukommen – wir waren ihm noch einen Gefallen schuldig.«

Kath konnte Guy ansehen, dass er sich viel lieber noch mehr über die Besonderheiten der von Global Water eingesetzten Verschlüsselung ausgelassen hätte, als seinen folgenschweren Fehler einzugestehen. Wenn sie es richtig verstanden hatte, dann war es eine Unvorsichtigkeit des Hackers gewesen, die das ganze Theater mit der Polizeidrohne erst ausgelöst hatte. Guy war also schuld daran, dass sie und Berti sich jetzt nach einer Verfolgungsjagd in der Gewalt des Team Red befanden – und dass in ihrem Nacken eine Wunde war. Das jedenfalls war nach einigem Nachdenken ihre Erklärung dafür, wo sie war. Wenn sie vorher gewusst hätte, auf was sie sich da eingelassen hatte – ihre Wut richtete sich jetzt auf Berti, der Guy erst mit ins Spiel gebracht hatte.

Kath versuchte, ruhig zu bleiben, konnte aber einen gewissen Sarkasmus nicht unterdrücken. »Also gut. Dann herzlichen Dank fürs Eingreifen. Besser in einer roten Zelle als in Polizeigewahrsam – oder kann ich jetzt gehen?«

Sie war aufgestanden. Der rote Fürst machte eine beschwichtigende Geste. »Bleiben Sie noch einen Moment sitzen, Katharina. Vielleicht beruhigt es sie, dass dieser kleine … Gefallen auch für Herrn van Roman nicht ganz ohne Kosten sein wird. Wir haben ihm ein Angebot gemacht, dass er nicht ablehnen konnte … und freuen uns, dass er jetzt unsere IT-Abteilung verstärken wird.«

Das erklärte den Farbwechsel in Guys Kleidung. Kath hatte allerdings den Eindruck, dass Guy durchaus zufrieden mit diesem Angebot war. Sie konnte sich vorstellen, dass die scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten und die mit seiner neuen Aufgabe verbundenen technischen Herausforderungen ihn übersehen ließen, dass er in eine fatale Abhängigkeit geraten war. Aber sah es bei ihr besser aus?

»Nun zu Ihnen, meine Dame. Um auf Ihre Frage zurückzukommen – nach diesem kurzem Briefing sind Sie in der Tat frei. Ich möchte Ihnen sogar anbieten, dass wir Sie wieder zu Ihrer Wohnung zurückbringen.«

Ein schiefes Lächeln huschte über das Gesicht des roten Fürsten. »Sie werden ruhig schlafen können. Die Polizei wird vergessen haben, dass es heute eine Fahndung gab. Das haben wir in die Wege geleitet. Herr van Roman könnte Ihnen das im Detail erklären, aber das erscheint mir nicht nötig. Ebenso haben wir unsere Kontakte zu Global Water spielen lassen. Wenn Sie morgen ins Büro gehen, wird Ihnen eine Beförderung angeboten werden. Nehmen Sie diese an.«

Kath hörte ungläubig zu – und wartete darauf, was der Haken an diesem »Angebot« war.

»Einen klitzekleinen Gefallen müssen wir Ihnen allerdings im Gegenzug abverlangen. Sie werden das verstehen. Wir haben ein großes Interesse daran, dass Global Water das Projekt Nano erfolgreich zu einem Abschluss bringt. Das müssten Sie bei Ihren zukünftigen Aktivitäten in dieser Sache berücksichtigen.«

Kath versuchte, das zu entschlüsseln. »Im Klartext: Sie löschen den Vorfall aus dem Polizeicomputer, und aus dem System von Global Water – und ich höre auf, mich um das Projekt Nano zu kümmern?«

Der rote Fürst verzog seinen Mund. »Ich sehe, Sie haben eine rasche Auffassungsgabe, Katharina. Allerdings muss ich Sie in einem Punkt korrigieren. Wir wollen Sie überhaupt nicht davon abhalten, sich politisch zu engagieren. Ganz und gar nicht – es ist uns ganz im Gegenteil ein wichtiges Anliegen, dass genau Sie das Projekt kritisch begleiten. Bleiben Sie an der Sache dran. Sie werden sehen – ihre neue Position im Wasserturm macht das alles noch einfacher. Sie halten uns auf dem Laufenden, und im Zweifelsfall wissen Sie ja, wozu wir in der Lage sind. Verstehen wir uns?«

Kath nickte. Sie verstand nur zu gut, auf was der Mann mit der roten Samtjacke und dem elegant gezwirbelten Schnurrbart hinaus wollte. Sie wusste, dass sie sich spätestens morgen früh massiv über sich selbst ärgern, ja vor sich selbst ekeln würde. Aber was sollte sie anderes tun, als zuzustimmen – und ihre eigenen Ideale verraten? Vermutlich war es Berti genauso ergangen. Sie wusste nicht, wem sie noch trauen konnte, wenn sie nicht einmal sich selbst sicher sein konnte.

»Sehr erfreulich, sehr erfreulich! Herr van Roman wird zukünftig Ihr Ansprechpartner hier bei uns sein. Trinken wir auf das gemeinsame Projekt!«

Auf eine Geste des Fürsten hin nahm Kath ihr Glas Apfelsaft in die Hand, um auf ihr neues Leben als Maulwurf anzustoßen. Sie war sich unsicher, ob es ihr freier Wille war, auf das »Projekt« anzustoßen, oder ob ihr Körper hier ohne ihr Einverständnis handelte. So sehr sie sich auch bemühte, gelang es ihr nicht, dies herauszufinden. »Zum Wohl«, murmelte sie. Resigniert trank sie einen Schluck.

(wird fortgesetzt)

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