Gauck in Schlandland

Freiburg im Fussballfieber IITak­tisch betrach­tet ist der Vor­schlag »Joa­chim Gauck« für die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl ein Meis­ter­stück von SPD und Grünen. 

Wir zei­gen damit: selbst bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ve Bun­des­prä­si­den­ten vor­schla­gen kön­nen wir bes­ser als die Bür­ger­lich-Kon­ser­va­ti­ven. Und wenn ich mir die vier zur Wahl ste­hen­den Per­so­nen so anschaue, dann wür­de ich auch sagen, dass Joa­chim Gauck der­je­ni­ge ist, der sich am bes­ten für die­ses Amt in all sei­ner Reprä­sen­ta­ti­vi­tät und Ange­staubtheit eig­net. Eben­so wäre es schön, wenn der ost­deut­schen Kanz­le­rin mit der Mit­wahl eines Reprä­sen­tan­ten der Bür­ger­rechts­be­we­gung, die die DDR zu Fall gebracht hat, durch Mit­glie­der ihrer eige­nen Koali­ti­on ein Strich durch die Par­tei­tak­tik gemacht wird. Und der Lin­ken gleich mit dazu.

Weni­ger klar sind mir die lang­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen. Also die Stra­te­gie. Das betrifft ers­tens die Fra­ge, wie sich SPD und Grü­ne zu einem auch ihnen durch­aus unbe­que­men Kan­di­da­ten ver­hal­ten wer­den, wenn er denn gewählt wird. Und anders­her­um. Da sehe ich kei­ne gro­ße Klar­heit. Zwei­tens fra­ge ich mich, wie sich ein mög­li­cher Erfolg bei der Bun­des­ver­samm­lung auf die poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung von SPD und Grü­nen auswirkt. 

Und dann gibt es noch Schland­land. Bzw. die kurio­se Tat­sa­che, dass der schwarz-rot-gül­de­nen Flag­gen­rausch mit der bru­ta­len und bier­see­li­gen Ver­nied­li­chung des Natio­na­len Lan­des­na­mens ein­her­geht. Ist das ein Zu-Eigen-Machen, oder ist es schlicht natio­nal gesät­tig­te Trun­ken­heit, die sich im »Schland« zusammenzieht? 

Zurück zu Gauck: rund um die Kan­di­da­tur wim­melt es von Instant-Bür­ger­be­we­gung. »Wir, das Volk« ist da nicht fern, unter­stützt durch Par­tei­zen­tra­len und Frei­wil­li­ge. Das ist einer­seits beein­dru­ckend und hat was von Oba­mo­bi­li­sie­rung. Ande­rer­seits fra­ge ich mich, wann die Natio­nal­far­ben der »Wir, das Volk«-Bewegung in den Par­tei­lo­gos der Mit­te-Links-Par­tei­en auf­tau­chen – als drit­tes gro­ßes Aber die­ser Kandidatur.

War­um blog­ge ich das? Weil mir Gauck in Schland­land ein biß­chen Angst macht.

P.S.: Ich gebe zu: ich habe auch schon bei Face­book auf ein »Die­ser Grup­pe bei­tre­ten« für eine der gro­ßen Bür­ge­rIn­nen-Ansamm­lun­gen geklickt.

21 Antworten auf „Gauck in Schlandland“

  1. Das ist schon eine komi­sche Stim­mung im Moment. Ganz und gar nicht wie 2006, imo. Die all­ge­mei­ne Schwarz-rot-gold-Schwen­ke­rei ist mir kein Stück geheu­er. Das ist ein ganz trü­ber Tüm­pel, die­ser soge­nann­te Par­ty-Patrio­tis­mus, da will ich gar nicht so genau wis­sen, was da unter der Ober­flä­che schwimmt.

    Es hät­te mir nicht weh getan, wenn Gha­na ges­tern gewon­nen hät­te. Je eher das wie­der unter den Deckel kommt, des­to besser.

  2. Ehr­lich gesagt find ich die­ses Ven­til Fuß­ball-WM oder auch ‑EM extrem wich­tig und gut für die Stim­mung in Deutsch­land. In mei­nen Augen steu­ern wir auf eine schwe­re Zeit hin, in der die Sys­te­me der sozia­len Siche­rung lang­sam zusam­men­bre­chen und gleich­zei­tig der sozia­le Frie­de unter Druck gerät. Da braucht es irgend­et­was, was die Men­schen zusam­men­bringt und ein Gemein­schafts­ge­fühl erzeugt. 

    Auch wenn man natio­na­lem Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl kri­tisch gegen­über­steht, ist Sport, der einen fried­li­chen Aus­druck natio­na­ler Iden­ti­tät ermög­licht, wich­tig. Er kana­li­siert die­se Ener­gien und lässt sie halb­wegs kon­trol­liert abfließen. 

    Und zum Bild des Deckels und des Topfs: Wenn es im Topf bro­delt sind mir ein paar Löcher im Deckel lie­ber als der abrup­te Aus­bruch, wenn der Deckel nicht mehr hält.

  3. @alle: sehr schön und irgend­wie auch zum The­ma die­ser Arti­kel in der taz von heute

    @Weltenkreuzer: mag mich mit der Ven­til­the­se (aka »Brot und Spie­le«?!) nicht so recht anfreun­den. Ist mir glau­be ich sowohl zu zynisch (Men­schen­bild dahin­ter und so …) als auch frag­wür­dig inso­fern, als dahin­ter ja die The­se steht, dass eine – aus­ein­an­der­bre­chen­de, unter Druck ste­hen­de Gesell­schaft – zur Ima­gi­na­ti­on natio­na­ler Gemein­schaft (und damit ver­bun­de­ner Iden­ti­tät) grei­fen muss, um wei­ter­hin Zusam­men­halt zu gene­rie­ren. Welt­ge­sell­schaft? Trans­na­tio­na­le Netzwerke/​Vergesellschaftungsformen? Kon­flik­tä­re Identitäten?

  4. »Ande­rer­seits fra­ge ich mich, wann die Natio­nal­far­ben der »Wir, das Volk«-Bewegung in den Par­tei­lo­gos der Mit­te-Links-Par­tei­en auf­tau­chen – als drit­tes gro­ßes Aber die­ser Kandidatur.«

    Inter­pre­tie­re ich den Satz gera­de falsch, oder soll mir das jetzt wirk­lich sagen, dass Grü­ne und SPD (ich neh­me ein­fach mal an, die sind mit Mit­te-Links gemeint) nicht mit den Natio­nal­far­ben des Lan­des in Ver­bin­dung gebracht wer­den wol­len, des­sen Bevöl­ke­rung sie repräsentieren?

  5. @Till

    Ich sage auch nicht, dass es unbe­dingt der Natio­nal­staat sein muss, aber ich den­ke, dass alle ande­ren »Inte­gra­ti­ons­ker­ne« aktu­ell noch zu schwach sind, um den not­wen­di­gen sozia­len Zusam­men­halt zu erzeu­gen. Neh­men wir da mal ein Sport-Bei­spiel: Ein Fuss­ball­spie­ler kann auch nur dann sei­ne bes­te Leis­tung brin­gen oder sich ver­bes­sern, wenn er sich ganz kon­kret für ein Team ein­setzt. Und die­se gan­ze »trans­na­tio­na­le Identitäten«-Debatte ist noch so extrem weit ent­fernt von der empi­ri­schen Rea­li­tät, dass ich dar­auf noch nicht bau­en würde.

    Und zum The­ma »zynisch«: Auch wenn es uns nicht poli­tisch kor­rekt erschei­nen mag, ist der Mensch ein Gemein­schafts­tier, das sich nach Ein­bet­tung in sozia­le Grup­pen sehnt. Das muss kei­nes­wegs zwangs­läu­fig der Natio­nal­staat sein, aber es muss eine Grup­pe sein, die sich auch nach Außen, das heißt gegen­über ande­ren Grup­pen, abgrenzt. Denn nur dadurch kann sich eine Grup­pe wirk­lich kon­sti­tu­ie­ren. Und da emp­fin­de ich die ritua­li­sier­te Aus­tra­gung sol­cher Grup­pen­kon­flik­te im Sport immer noch als guten Weg…

    Ach­so, zum The­ma »Gemeinschaft«/»Gesellschaft«: In mei­nen Augen kann eine funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­te Gesell­schaft nicht ohne ein (fik­ti­ves oder nicht) Gemein­schafts­ge­fühl aus­kom­men. Man den­ke nur bei­spiels­wei­se an die Haber­ma­schen vor­ver­trag­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des Vertrags.

  6. @Christian: Ja. Bzw. mei­ne klei­ne Sti­che­lei bezieht sich auf die Beob­ach­tung, dass die CDU lan­ge Zeit immer schwarz-rot-gold im Logo mit­ge­führt hat (aktu­ell – zumin­dest laut Web­site – nicht). 

    In mei­ner Sozia­li­sa­ti­on – also zu Kohls Zei­ten – war schwarz-rot-gold genau das: eine Far­be, die zwar viel­leicht his­to­risch anders gedeu­tet wer­den kann, die aber fak­tisch nur von der dama­li­gen (»bösen« …) Bun­des­re­gie­rung und eben der CDU mas­siv ver­wen­det wur­de. Also die Ver­eins­far­be der Ande­ren. Inso­fern ist für mich per­sön­lich die Sym­bo­lik der Natio­nal­far­ben des Lan­des eine kon­ser­va­ti­ve bis natio­na­lis­ti­sche. Ich bin damit auf­ge­wach­sen, dass kein »nor­ma­ler« Bür­ger und kei­ne »nor­ma­le« (d.h. Grü­ne, SPD …) Par­tei sich posi­tiv auf die­se Far­ben bezieht. Wenn über­haupt, dann auf Euro­pa, oder auf die Erde, aber jeden­falls nicht auf Deutsch­land. Und aus die­ser Sozia­li­sa­ti­on her­aus erscheint mir eben sowohl die mas­si­ve Beflag­gung des öffent­li­chen Lebens durch die Fuss­ball-WM als auch die Bezug­nah­me von Gauck auf »das Volk« eher als etwas gru­se­li­ges. Ich bin sehr über­zeugt davon, dass ande­re das ganz ande­res sehen – aber für mich sind das Far­ben, die wenn über­haupt als Sym­bol staat­li­cher Ein­rich­tun­gen geeig­net sind, und für nichts sonst.

    @Weltenkreuzer: Womit wir dann bei Gemeinschaft/​Gesellschaft/​etc. sind – es mag sein, dass ich hier mei­ne per­sön­li­che Sicht­wei­se ver­all­ge­mei­ne­re – aber da ich mich weder für Sport inter­es­sie­re noch mit den Natio­nal­far­ben warm wer­de, bewirkt *die­se* Ver­ge­mein­schaf­tung bei mir vor allem die Pro­duk­ti­on von Alteri­tät. (Und mit der gan­zen Lebens­stil­so­zio­lo­gie im Hin­ter­grund wür­de ich sagen: für ziem­lich vie­le Men­schen sind die ima­gi­nier­ten »Her­den« ande­re als das »Staats­volk« oder die »Nati­on« … von poli­ti­schen Lagern bis hin zu Berufs­grup­pen oder Welt­an­schau­un­gen. Die Klam­mer »Deutsch­land« passt da für vie­le nicht mehr – und dann sind wir eben doch bei Netz­wer­ken, die es mit natio­na­len Gren­zen nicht so haben. Was das aller­dings im Sin­ne herr­schafts­frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­on bzw. gene­rell Demo­kra­tie­theo­rie bedeu­tet, wäre dann noch ein­mal eine ganz ande­re Frage).

    »Vater­lands­lo­ser Gesel­le«, anyone?

  7. @Till: Das erstaunt mich nun ein wenig – außer SPD und Grü­nen wären dem­nach ja alle Par­tei­en in Dei­nen Augen »unnor­mal« – eben­so wie alle Bür­ger, die die­se Par­tei­en unter­stüt­zen. Das scheint mir doch – je nach­dem, wie genau man jetzt »nor­mal« defi­niert – eine nicht ganz demo­kra­tie­kon­for­me Hal­tung zu sein, wenn man dem poli­ti­schen Geg­ner qua­si die Nor­ma­li­tät oder die Zuge­hö­rig­keit zum Bür­ger­tum abspricht. Will sagen: Mei­ne Stim­me hat Ger­hard Schrö­der damals nicht bekom­men, trotz­dem emp­fand ich weder die rot-grü­ne Bun­des­re­gie­rung jemals als »böse« noch sind Grü­nen-Wäh­ler für mich kei­ne »nor­ma­len Bürger«…

    Abge­se­hen davon kommt mir die Scheu man­cher Par­tei­en vor staat­li­cher Sym­bo­lik manch­mal eben­so selt­sam vor, wie über­mä­ßi­ges Fah­nen­schwen­ken zur WM. Wel­che nega­ti­ven Eigen­schaf­ten ver­bin­dest Du denn mit unse­ren Natio­nal­far­ben? Der Natio­na­lis­mus des Drit­ten Reichs kann es ja eigent­lich kaum sein, schließ­lich wur­de die schwarz-rot-gol­de­ne Fah­ne mei­nes Wis­sens nach direkt nach der Macht­über­nah­me als Staats­sym­bol abge­schafft, ins­be­son­de­re da die Farb­sym­bo­lik im sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Wider­stand eine gewis­se Rol­le gespielt haben (Stich­wort: Reichs­ban­ner Schwarz-Rot-Gold)…

  8. @Till: Klar, Lebens­sti­le, Berufs­grup­pen etc. sind die »frei­heit­li­che­ren« Soli­da­ri­täts­grup­pen, aber sie sind in mei­nen Augen kaum geeig­net, sozia­le Siche­rungs­sys­te­me in moder­nen Gesell­schaf­ten auf ihnen zu begrün­den. In Deutsch­land geht der Weg (in mei­nen Augen zurecht) ja gera­de weg von der dif­fe­ren­zier­ten Sta­tus­si­che­rung hin zur ein­heit­li­chen Basis­si­che­rung (ob die wie­der­um zu hoch oder zu nied­rig ist, ist eine ande­re Debat­te). Denn wenn der Rei­che sich nur noch mit den Rei­chen soli­da­risch fühlt, kann eine sozia­le Umver­tei­lung nicht mehr funktionieren…

  9. @Christian: Die Anfüh­rungs­zei­chen um »nor­mal« sind da schon mit Absicht – und ste­hen in einem Abschnitt, in dem ich über mei­ne poli­ti­sche Sozia­li­sa­ti­on reflek­tie­re. Inso­fern ist das kein »nor­mal«, das sich auf das Recht demo­kra­ti­scher Par­tei­en bezieht – also kei­ne Angst in die­ser Hinsicht!

    Was ver­bin­de ich mit schwarz-rot-gold – rich­tig: nicht das Drit­te Reich, wohl aber die Brä­sig­keit der Kohl-Regie­rung als Obrig­keits­staat, die »geis­tig-mora­li­sche Wen­de«, staat­li­che Repres­sio­nen gegen »lin­ke« Demos, letzt­lich eben das Gefühl, nicht zu »denen« zu gehö­ren – das alles aber im Rah­men der »alten« BRD. Wie gesagt: wir sind immer noch beim Punkt Sozialisation.

    Wenn ich jetzt so drü­ber nach­den­ke: Mei­ne so laten­te Abnei­gung gegen staat­li­che Sym­bo­lik (und ich bin froh, dass mei­ne Par­tei in der Ästhe­tik auch heu­te noch nur bedingt staats­tra­gend ist …) bekam dann 1989/​90 noch ein­mal kräf­tig Auf­trieb. Da war schwarz-rot-gold dann näm­lich plötz­lich nicht mehr nur das Par­tei­sym­bol der Kohl-CDU, son­dern wur­de – im Main­stream der ost­deut­schen Bür­ger­rechts­be­we­gung und in der Umar­mung durch die CDU – zum »Wir sind das Volk«/»Wir sind ein Volk«-Symbol. 1990 war ich 15 – und hat­te das Gefühl, die­sem neu­en (ost)deutschen Natio­na­lis­mus ohn­mäch­tig aus­ge­lie­fert zu sein. 

    Viel­leicht muss ich da auch noch ein­mal aus­ho­len. Wenn ich mich in mein dama­li­ges Ich zurück­ver­set­ze, dann war da schon das Gefühl, dass die »alte BRD« sich in der End­pha­se der Kohl­zeit befand. Es gab Anzei­chen dafür, dass es zu einer erneu­ten Wen­de kommt, dass sowas wie ein zivi­ler Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus evtl. mög­lich sein könn­te, ein Staat und eine Gesell­schaft, die sich von Bezü­gen auf Volk und Nati­on abgren­zen und an deren Stel­le das Grund­ge­setz set­zen. Ein Land, in dem Alter­na­ti­ven mög­lich sein könn­ten, schien zum Grei­fen nahe.

    Und dann kam eben 1989/​90. Mir war damals unver­ständ­lich, war­um es nicht bei zwei Staa­ten blei­ben konn­te – einer post­so­zia­lis­ti­schen, refor­mier­ten DDR und einer fried­lie­ben­den, pazi­fis­ti­schen BRD. Und dann wur­de plötz­lich die Fah­ne her­vor­ge­holt, der Natio­nal­fei­er­tag aus­ge­ru­fen, die natio­na­le Ein­heit beschwo­ren; flo­gen die Grü­nen aus dem Par­la­ment, bekam Kohl noch­mal Auf­trieb, wur­den – aus­ge­führt tat­säch­lich erst unter rot-grün – Krie­ge als Mit­tel der Poli­tik wie­der denk­bar, wur­den deut­sche Inter­es­sen in der Welt dis­ku­tiert usw. »Nor­ma­li­tät« – aber eben ganz und gar nicht mei­ne – im Schnelldurchgang.

  10. @Weltenkreuzer: Span­nen­der und für mich in der Tat unge­lös­ter Punkt, wenn ich z.B. an die Debat­te um das Grund­ein­kom­men mit sei­ner natio­nal­staat­li­chen Rah­mung denke!

  11. Ich hät­te ein gutes Gefühl, wenn Gauck gewählt wür­de. Du sagst ja selbst, dass er zum Amt bes­ser passt als Wul­ff, auch wenn die­ser sich momen­tan als Schafs­pelz­be­klei­de­ter ausgibt.

    Doch Gauck steht für vie­le Men­schen eher für jeman­den, der einer neu­en Volks­be­we­gung gegen die arro­gan­te Poli­tik von Schwarz-Gelb Mut geben könn­te, allein dadurch, dass er als Bun­des­prä­si­dent da wäre und für fast alle über par­tei­po­li­ti­sche Geklün­gel erha­ben wäre. Sol­che Impuls­ge­ber kann die­ses Land momen­tan gut brau­chen, damit die »klei­nen Leu­te« end­lich mal wie­der den Auf­stand gegen die­sen schwarz-gel­ben Polit­zir­kus wagen kön­nen. Bis­her ging die poli­ti­sche Aus­rich­tung Deutsch­lands sehr oft etwas zeit­ver­setzt syn­chron zur Aus­rich­tung Ame­ri­kas. Kon­ser­va­ti­ver Bush, kon­ser­va­ti­ve Deutsch­land-Regie­rung. Jetzt ist Oba­ma da und Schwarz-Gelb ver­liert den Boden unter den Füßen. Gut so. Da kommt mir ein eher neu­tra­ler BP Gauck bes­ser und unbe­droh­li­cher vor als ein CDU-Wul­ff, der dann als Geset­zes­ab­zeich­ner noch 10 Jah­re den Grüß­au­gust für Mer­kel machen würde.

    Ich habe kei­ne Angst vor dem jet­zi­gen Joa­chim Gauck.

  12. @Till: Ver­su­che das nach­zu­voll­zie­hen, auch wenn es mir nicht ganz gelingt (inter­es­sant ist es aber alle­mal). Ein wenig über­rascht es mich, dass Du die »Wir sind ein Volk«-Symbolik so nega­tiv siehst – nicht nur wegen des »Bünd­nis 90«-Zusatz im Namen Dei­ner Par­tei, der sich ja letzt­end­lich auf eben die­se Bewe­gung zurück­füh­ren lässt. 

    Ist es denn nicht ver­ständ­lich, dass den staat­li­chen Sym­bo­len des bis­he­ri­gen »Wes­tens« in den neu­en Bun­des­län­dern eine beson­de­re Bedeu­tung zukam und Men­schen, die teil­wei­se über Jahr­zehn­te in ihrem eige­nen Land ein­ge­sperrt waren und sich nicht frei ent­fal­ten konn­ten sich für den »neu­en« Staat begeistern? 

    Ich jeden­falls kann dem »Wir sind ein Volk«-Gedanken im Hin­blick auf die Wie­der­ver­ei­ni­gung nur Posi­ti­ves abge­win­nen, auch wenn ich damals noch fünf Jah­re jün­ger war und mir die Trag­wei­te der Wen­de erst sehr viel spä­ter rich­tig bewusst wur­de. So gese­hen bin ich natür­lich auch mit einer ande­ren Form der »Nor­ma­li­tät« eines unge­teil­ten Deutsch­lands aufgewachsen.

  13. @Christian: Für mich steht »Bünd­nis 90« im Namen mei­ner Par­tei für »Wir sind das Volk« (wobei ich auch da den Begriff Volk dis­kus­si­ons­wür­dig fin­de, und durch­aus Unter­schie­de zwi­schen DDR und BRD dar­in sehe, wie jeweils Natio­na­lis­mus reflek­tiert wur­de (BRD) oder eher nicht (DDR mit der NLPD als Block­par­tei und dem Stolz auf das sozia­lis­ti­sche Vater­land etc.)). 

    Jeden­falls sehe ich eine Dif­fe­renz zwi­schen Oppo­si­ti­ons­be­we­gung, gewalt­frei­em Wider­stand, run­den Tischen usw. auf der einen Sei­te und Jubel für Kohl, Bana­nen und die natio­na­le Ein­heit auf der ande­ren Sei­te. Oder noch­mal anders: 1989 gab es einen his­to­ri­schen Moment, wo das gan­ze auch auf zwei Staa­ten raus­lau­fen hät­te kön­nen, statt auf den »Anschluss« der »Wie­der­ver­ei­ni­gung«. Damit wäre ich zum dama­li­gen Zeit­punkt sehr viel zufrie­de­ner gewe­sen – wie ich das heu­te beur­tei­len wür­de, weiss ich nicht.

    Aber viel­leicht noch­mal zwei Gedan­ken zur über­grei­fen­den Debatte.

    1. Vor kur­zem hat die (natio­na­lis­ti­sche) Schwei­zer Volks­par­tei vor­ge­schla­gen, die Schwei­zer Ver­fas­sung so zu ändern, dass umlie­gen­de Staa­ten der Schweiz bei­tre­ten kön­nen. Das gan­ze ist letzt­lich PR-Getö­se gegen die EU – aber, mal von der SVP abge­se­hen – ich hät­te über­haupt kein Pro­blem damit, wenn Süd­ba­den (oder von mir aus auch Baden-Würt­tem­berg) zu einem Schwei­zer Kan­ton wer­den würde. 

    2. Was noch­mal die Debat­ten zusam­men­bringt, ist für mich glau­be ich die feh­len­de inhä­ren­te Wider­stän­dig­keit im Flag­gen­schwen­ken. Neh­men wir mal für einen Moment an, das Staats­sym­bol wäre nicht ein Stück Stoff mit schwar­zen, roten und gel­ben Strei­fen, evtl. in der Mit­te noch ein gie­rig gucken­der Adler, son­dern – ganz im Sin­ne der Idee des Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus – ein Stück Stoff, von mir aus auch in schwarz, rot und gelb ein­ge­färbt, auf dem die Sil­hou­et­te eines Buchs mit dem Text von Art.1.1 GG zu sehen ist, also:

    Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar. Sie zu ach­ten und zu schüt­zen ist Ver­pflich­tung aller staat­li­chen Gewalt. 

    Wenn das bei Fuß­ball­spie­len etc. mas­sen­haft geschwenkt wür­de, wür­de ich das gan­ze glau­be ich anders sehen.

  14. Ich bin damit auf­ge­wach­sen, dass kein »nor­ma­ler« Bür­ger und kei­ne »nor­ma­le« (d.h. Grü­ne, SPD …) Par­tei sich posi­tiv auf die­se Far­ben bezieht.

    Aha. Dei­ne Wahr­neh­mung ist sehr selek­tiv. Um es vor­sich­tig zu for­mu­lie­ren. Zitat Wil­ly Brandt: »Unse­re Par­tei muss blei­ben, was sie im Kern seit mehr als hun­dert Jah­ren gewe­sen ist: ein Zusam­men­schluss deut­scher Patrio­ten mit euro­päi­scher Ver­ant­wor­tung und im unver­dros­se­nen Dienst am Frie­den und sozia­len Fortschritt …«

  15. @Christian S.: Klar ist – und war – mei­ne Wahr­neh­mung sub­jek­tiv. Jeden­falls hat­te ich, soweit mich die SPD in die­ser Sozia­li­sa­ti­ons­pha­se über­haupt beschäf­tig­te, nicht den Ein­druck, dass sie sich als eine beson­ders deutsch-patrio­ti­sche Par­tei ver­stand – Brandt hin oder her.

  16. Du hast geschrie­ben, dass sich die SPD Dei­ner Mei­nung nach nicht posi­tiv auf die Far­ben Schwarz-Rot-Gold bezieht. Das ist aber völ­li­ger Unfug. Die Flag­ge der Wei­ma­rer Repu­blik war schließ­lich eben­falls Schwarz-Rot-Gold, und die­se haben Sozi­al­de­mo­kra­ten mit Blut und Leben ver­tei­digt. Nicht zuletzt sind das auch die Far­ben des Ham­ba­cher Fest!

  17. Noch­mal: ich habe geschrie­ben (und das dann auch noch­mal erläu­tert), dass in mei­ner poli­ti­schen Sozia­li­sa­ti­ons­pha­se – sagen wir mal Ende der 1980er bis Ende der 1990er Jah­re – der posi­ti­ve Bezug auf die Deutsch­land­far­ben klar ein Merk­mal der Kon­ser­va­ti­ven war – und etwas, was Par­tei­en, die ich damals als eini­ger­ma­ßen ver­nünf­tig emp­fun­den habe, eben nicht getan haben.

    Nur mal so als Bei­spiel: Hier hat der Bun­des­tag ein paar his­to­ri­sche Wahl­pla­ka­te zusammengestellt. 

    SPD 1949 ist ver­mut­lich das, was du im Kopf hast – eine inner­par­tei­li­che Tra­di­ti­ons­li­nie mit stark posi­ti­vem Bezug auf schwarz-rot-gold und die natio­na­le Ein­heit vs. schwarz-weiss-rot etc.

    Wor­um es mir geht, sind aber eher die 1980er und 1990er Jah­re. Z.B. CDU 1987 oder CDU 1990 – immer schön mir Flag­gen­far­ben unter dem Par­tei­na­men, und »Deutsch­land« steht auch noch ein­mal groß da.

    Dage­gen wird als Bei­spiel für das SPD-Pla­kat 1990 das hier gezeigt: das The­ma Ein­heit, aber kein Bezug zu Deutsch­land, kein schwarz-rot-gold. 

    Mir fehlt jetzt die Zeit, das sys­te­ma­tisch zu rekon­stru­ie­ren. Gehen wir mal davon aus, dass die Affi­niti­tät der CDU zu schwarz-rot-gold im Par­tei­lo­go spä­tes­tens seit 1982 so passt. Für die SPD fin­de ich lei­der gera­de kei­ne ein­fach zugäng­li­ches Pla­kat­ar­chiv (die FES hat eine umfang­rei­che digi­ta­le Samm­lung, aber …) – was ich fest­stel­le ist, dass Schmidt noch 1980 durch­aus mit SPD und den Far­ben schwarz-rot-gold gewor­ben hat – danach scheint mir die SPD davon abge­kom­men zu sein. 

    Sehr typisch erschei­nen mir hier 1994 die bei­den Pla­ka­te Kohl vs. Scharping-Troika.

  18. Wir haben 2012, 2010 war anders. Die frü­he Fest­le­gung auf Gauck scha­det nur. Zudem hat der Mann in Reden wenig Grü­ne The­sen ver­tre­ten. Daher wäre ich für eine aka­de­mi­sche Lösung. So ein Mit­glied im Senat der Max-Planck-Gesell­schaft könn­te dem Land wei­ter­hel­fen. So eine Prä­si­den­tin der HUMBOLDT-VIADRINA School of Gover­nan­ce wür­de an Theo­dor Heuss erin­nern, der Dozent an der Deut­schen Hoch­schu­le für Poli­tik in Ber­lin und der Tech­ni­schen Hoch­schu­le in Stutt­gart war.

    War­um nennt kei­ner Gesi­ne Schwan, die bereits 2004 und 2008/​2009 ihren Kopf hin­ge­hal­ten hat? Damals war ihre Kan­di­da­tur aus­sichts­los. Dies­mal könn­te sie die Alter­na­ti­ve sein, die den Wider­stand gegen Gauck aufbricht.

    1. In der Kon­stel­la­ti­on fän­de ich Jut­ta All­men­din­ger noch bes­ser geeig­net als Gesi­ne Schwan. Aber ja: eine Fest­le­gung auf Gauck, wie sie gra­de von der FDP (und der SPD!) kommt, ist ziem­lich daneben.

      P.S.: Falls der Arti­kel oben aus dem Jahr 2010 Inter­pre­ta­ti­ons­schwie­rig­kei­ten macht – mir ging’s drum, mein Unwohl­sein mit einem natio­nal­kon­ser­va­ti­ven Bun­des­prä­si­den­ten zu äußern. Und inzwi­schen ist die­ses Unwohl­sein noch deut­lich gewachsen.

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