Schlagwort-Archive: politik2.0

Wie der Pandabär einmal dachte, Twitter sei eine Fußgängerzone

Veröffentlicht unter Digitales Leben | Verschlagwortet mit , , ,  

imageWas mich ja manchmal etwas nervt, sind diese bezahlten UnterschriftssammlerInnen, die für den WWF – aber ebenso für andere Natur- und Umweltverbände – in Fußgängerzonen Unterschriften und Mitgliedschaften einwerben. Ich kann zwar nachvollziehen, warum es rational sein kann, einen Dienstleister damit zu beauftragen. Aber mir fehlt da etwas – nennen wie es authentisches Engagement. Warum stellen sich bei den großen Verbänden mit vielen zehntausend (Förder-)Mitgliedern nicht diese an den Infostand in der Fußgängerzone? Aber vielleicht denke ich da auch zu sehr aus einer Parteilogik. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass es einen Aufschrei geben würde, wenn SPD oder GRÜNE professionelle Dienstleister mit dem Straßenwahlkampf beauftragen würden.

Twitter kann ein bisschen wie eine Fußgängerzone wirken, das gebe ich gerne zu – Stimmenwirrwarr, Öffentlichkeit, das Durcheinander ganz unterschiedlicher Diskurse in der eigenen Timeline. Dem WWF folgen auf Twitter fast 45.000 Menschen (@wwf_deutschland). Auch ich gehöre dazu.

Weiterlesen

Be the first to like.


Zitate fischen

Veröffentlicht unter Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , ,  

Vivarium II

Nehmen wir an, du bist Journalist oder Journalistin. Da gibt es jemand, der nicht kapiert hat, dass deine hart erarbeitete! Position genau die richtige Position ist. Also, inhaltlich gesprochen. Dass das die richtige Position ist, stellst du bei deinen Recherchen immer wieder fest. Denn die bestätigen jedesmal genau das, was du dir vorher gedacht hast.

Jedenfalls gibt es da jetzt diesen öffentlichen Kritiker. Der twittert und bloggt. Hat irgendein Parteiamt. Behauptet, er kenne sich aus. Du hast einen Ruf zu verlieren. Schließlich bist du die Fachjournalistin für das Thema, der Fachjournalist. Hart erarbeitet, diese Position, wie gesagt. In-ves-ti-ga-tiv! Aber so richtig!

Also der Kritiker. Der gefährdet deine Position, haha, im doppelten Sinne, sofort erkannt. Aber: du bist schlauer.

Was also machst du? Du nimmst einen Tweet von ihm. Am besten einen emotionalen, spontanen, aus dem Ärger heraus geschriebenen, der nicht vorher durch die Scheren einer Pressestelle gelaufen ist.

Früher hättest du noch im Dreck suchen müssen, aber jetzt werden die Perlen ja einfach so geliefert. Dann rufst du ihn pro forma nochmal kurz an, den Kritiker. Wäre ja gelacht, dir zu unterstellen, dass du nicht mit journalistischer Sorgfalt arbeitest. Wie auch immer – der hat das ja getwittert, also wird das schon eine öffentlich geäußerte und journalistisch verwertbare Aussage sein. Wär ja nicht anders, wenn er’s am Stammtisch gesagt hätte.

Aber: Selbst auf 140 Zeichen ist da noch zuviel Kontext und Hintergrund. So zieht das noch nicht. Also solange drehen, bis die Kernaussage dasteht, knackig zugespitzt. So ein Drei-Wort-Satz. Am besten einer zu einem Tabuthema.

Das ist schon mal gut, für die Überschrift. Selbst bei einem Dementi bleibt da ja immer was hängen. Ein Punkt für dich.

Vivarium VI

Und dann, Schritt zwei, nimmst du das aus dem Zusammenhang gerissene Twitterzitat. Damit gehst du solange hausieren, bis du sie hast, deine Stellungnahmen. Rufst die Verbänden und ExpertInnen an, kennst die ja alle, duzt ja auch gleich jeden – solange bis da drei oder vier Zitate für deinen Text da sind. Die Gesprächspartner kennen von dem ganzen Vorgang nur das Drei-Wort-Zitat – und deine Interpretation der Vorgeschichte, wie du sie, jovial wie du bist, am Telefon halt erzählst.

Und wenn nicht direkt was kommt, fragst du halt nach. Irgendwas ist ja immer. Alte Geschichten rauskramen, ganz alte, beispielsweise. Da nochmal nachfragen. Bohren! Dann haste deinen Satz, deine Expertenstellungnahme.

Und schwupps – der Revangeartikel steht. Jetzt hast du die Drei-Wort-Überschrift, die deinen Kritiker so richtig als Vollidioten dastehen lässt. Da werden sie ihn hassen für, nicht dich. Und alles mit be-leg-ter Quelle! Und dann die Aussagen der ExpertInnen. Brillianter Schachzug: Die abgefischten Zitate scheinen für sich zu sprechen, sprechen aber für dich. Na, hast es mal wieder allen gezeigt!

(Und, nebenbei: Deine Recherche zeigt dir auch noch einmal, dass du mit deiner Position richtig liegst. Steht da ja schwarz auf weiß, also wird es schon stimmen. Noch ein Punkt für dich.)

Bonusrunde, wenn’s richtig gut läuft: Dann kommt ein anderes Medium, nimmt deinen Artikel mit der bekannten Investigativqualität als Grundlage für eine eigene Geschichte und schreibt die heißesten Stellen ab. Denn so ein Thema zieht. Bis niemand mehr nachvollziehen kann, was wirklich passiert ist, was der Hintergrund des Ganzen war. Ziel erreicht, du bist im Highscore!

Warum blogge ich das? Weil das Katharina-Blum-Prinzip leider heute kein BILD-Spezifikum mehr ist, sondern von einigen JournalistInnen auch in eigentlich coolen und seriösen Medien angewandt wird. Es sind wirklich nur wenige – aber die gibt es leider. Blogs und Twitter helfen zwar ein bisschen dabei, solche Vorgänge publik zu machen, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. Aber letztlich wird einem doch klar, wie heftig eine – möglicherweise bewusst verzerrte – Darstellung in einem klassischen Medium noch immer die Meinungsbildung und das Meinungsbild beeinflussen kann. Vierte Gewalt, und das nicht umsonst.

Der Text oben ist fiktional. Ob JournalistInnen, von denen ich es vermuten würde, tatsächlich immer und überall so arbeiten, weiß ich nicht. So stelle ich mir vor, was zum Beispiel hier passiert sein könnte. Aber vielleicht war ja alles auch ganz anders.

3 Personen gefällt dieser Eintrag.


In eigener Sache: Einblick in die Zugriffsstatistik

Veröffentlicht unter Digitales Leben | Verschlagwortet mit , , , , , , ,  

Mich würde ja interessieren, ob das in anderen C-Level-Blogs (wäre jedenfalls meine Selbsteinschätzung) auch so aussieht.

Also erstens, dass es an »normalen« Tagen laut WordPress-Zählung so um die hundert Artikelzugriffe (»Views«) gibt, und zweitens, dass der Februar 2012 alles andere als normal verlaufen ist. Mit über 6000 Views ist er nach dem März 2011 (Wahl in Baden-Württemberg, Fukushima) der Monat mit den meisten Zugriffen in meinem Blog bisher.

Einen ersten kleinen Peak gab es mit meinem Artikel zu den ACTA-Demos am 11. Februar. So richtig hochgezogen sind die Zugriffszahlen aber erst mit Wulff-Rücktritt und der Debatte um die Gauck-Nominierung. Ich habe dazu vier Blogtexte verfasst: Plädoyer für eine Präsidentin, Der Kandidat der nationalen Einheit, Reden wir noch, oder schreiben Sie schon? und last but not least die innerhalb weniger Tage zum zweitmeistgelesenen Text meines Blogs arrivierte Analyse Gauck auf der Goldwaage (bei dem ich dann ironischerweise erstmal vergessen habe, ein VG-Wort-Zählpixel einzubauen – wer will, darf meinen mit dem Schreiben der Analyse verbrachten fehlenden Schlaf gerne bei Flattr entschädigen).

Interessant sind dabei auch die Quellen dieser Zugriffe: Neben Facebook und Twitter waren es vor allem Erwähnungen im Kommentarbereich von »Leitblogs« in der Gauck-Debatte (in einem der FAZ-Blog-Texte von Julia Seeliger, bei publikative mit dem im Goldwaage-Text analysierten Zitat sowie bei Anatol Stefanowitsch).

Was mich noch mehr als die nach einer langen Durststrecke endlich mal wieder greifbaren Zugriffszahlen gefreut hat, ist die Tatsache, dass die Texte dann in der Tat auch (für meine Blog-Verhältnisse) rege diskutiert wurden, und dass damit vielleicht auch ein Beitrag zum Niveau des Diskurses insgesamt geliefert wurde. Und das, also die direkte Debatte, ist ja – neben der individuellen Soap-Box – dann doch eine ziemlich wichtige Funktion eines Blogs, finde ich.

Warum blogge ich das? Vor allem aus Neugierde darüber, wie es anderswo ausschaut. Und um davon abzulenken, dass das alles auch daran gelegen haben könnte, dass ich mir im Februar dank Faschingsferien endlich mal wieder Zeit nehmen konnte, die Ereignisse des Monats im Blog zu begleiten.

Be the first to like.


Die digitale Revolution geht auf die Straße

Veröffentlicht unter Digitales Leben, Politik und Gesellschaft, So grün, so grün | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , ,  

Heute durfte ich auf der Stuttgarter Stopp-ACTA-Demo für Bündnis 90/Die Grünen eine kurze Rede halten. Da waren etwa 2500 Menschen, wie bei der letzten ACTA-Demo (bei der ich in Freiburg war) viele Jüngere. In Stuttgart massiv präsent waren die lokalen Piraten, die wohl auch die Demo organisiert haben.

Anbei nun mein Redezettel, den ich allerdings nicht 1:1 abgelesen habe. Wer lieber den Wortlaut der Rede sehen will, kann hier das Video davon auf Youtube ansehen (mit Dank an Alvar Freude fürs Filmen; Update 26.02.: Link korrigiert).

Liebe Leute,

ich hatte ja erst überlegt, ob ich es bei 140 Zeichen belassen soll, aber ein bisschen mehr habe ich schon zu sagen. Mein Name ist Till Westermayer, bei Twitter unter dem Handle _tillwe_ zu finden, und ich bin heute hier als Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg. Ich überbringe euch die Grüße und die Unterstützung der GRÜNEN in Baden-Württemberg, im Bund und in Europa!

Wir GRÜNE unterstützen die Proteste gegen ACTA. Zusammen haben wir schon einiges bewegt. In vielen europäischen Staaten wurde die Unterzeichnung des ACTA-Abkommens »zurückgestellt« – was auch immer das heißen mag. Die Kommission hat den Entwurf nun dem Europäischen Gerichtshof zur Überprüfung vorgelegt. Das ist der Erfolg von uns allen, die wir gegen Abkommen und Gesetze wie ACTA protestieren, im Parlament und auf der Straße. Aber dieser Erfolg darf uns nicht täuschen: ACTA ist noch nicht tot!

Weiterlesen

Einer Person gefällt dieser Eintrag.


Kurz: Reden wir noch, oder schreiben Sie schon?

Veröffentlicht unter Digitales Leben, Politik und Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , ,  

Auch Lobo wirft sich jetzt auf die »Stille Post im Netz«. Hauptthese: Korrekt zitieren, ordentlich journalistisch arbeiten – das gehört zur Medienkompetenz einer guten deutschen Social-Media-NutzerIn dazu. (Nebenbei: Dass der Vorwurf der Verkürzung diejenigen, die eine kritische Meinung zu Joachim Gauck geäußert haben, nur so halb trifft, zeigt Anatol Stefanowitsch im Sprachlog). Ordentlich journalistisch arbeiten, im Netz, sonst wird das nichts mit der politischen Kommunikation dort.

Ich weiß jetzt, warum mich diese Aussage irritiert: Weil Sascha Lobo Twitter auf das Zitieren und Retweeten verkürzt, das soziale Netz als Netzwerk aus Zitaten darstellt. Ja. Das ist es auch. Aber gerade Twitter ist eben auch Konversation. Eine Form einer textuellen Kultur der Mündlichkeit. Mehr Gerede als Geschriebenes.

Natürlich: Die digitale Differenz der Speicherbarkeit, Durchsuchbarkeit und identischen Kopierbarkeit unterscheidet Twitter vom lebhaften Gespräch in der Kneipe. Eine Kommunikations- und Konversationsform sui generis, vielleicht. Eine, bei der noch immer nicht so ganz klar ist, was eigentlich die sozialen Nutzungsregeln sind (damit meine ich nicht die formalen, aufschreibbaren, sondern die Erwartungen an die damit verbundenen Praktiken).

Wenn ein Politiker eine andere Politikerin auf Twitter neckt, ist dass dann zitierbar? Journalistisch verwertbar? Oder hat’s eher den Status des zufällig in der Bundestagskantine belauschten Austauschs in der Essensschlange? Und wenn da einer sagt: »Gauck sei doch für Sarrazin« – ist das dann a. verwerfliche, uninformierte, dumme Kampagne, eine b. verkürzte mündliche Meinungsäußerung oder c. das notwendige Grundrauschen der Meinungsbildung des politischen Twitters, die eben nicht in Form geschliffener Essays stattfindet?

P.S.: Kultursendungen im Radio sind sozusagen das Gegenteil davon: verskriptete Mündlichkeit.

2 Personen gefällt dieser Eintrag.


Seite 2/10    1 2 3 4  …  10