Zwanzigtausend Gründe, gerne in Freiburg zu leben

#nopegidafr-Demo in Freiburg

Vor einem Monat gab es einen Auf­ruf bei Face­book zu einer Demons­tra­ti­on »Frei­burg zeigt Far­be«, um ein Zei­chen für Viel­falt und Tole­ranz und gegen »Pegi­da« etc. zu set­zen. Ges­tern fand die­se Demons­tra­ti­on nun statt – zwi­schen­zeit­lich hat­ten sich auch der grü­ne OB Salo­mon und der Rek­tor der Uni Frei­burg, Prof. Schie­wer, hin­ter den Auf­ruf gestellt. Zur Demo kamen dann nach Schät­zung der Poli­zei 20.000 Men­schen. Wir waren auch dabei, und ja: es war eine gro­ße, gro­ße Men­ge Menschen.

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Zehn Bücher

Zehn Bücher

Wäh­rend ande­re sich Eis­was­ser über den Kopf schüt­ten, geht auch ein Ket­ten­brief her­um, bei dem dazu auf­ge­for­dert wird, zehn Bücher zu nen­nen, die eine/​n beglei­tet oder beson­ders berührt haben. Chris­tel Ope­ker hat mich gebe­ten, die­ser Auf­for­de­rung Fol­ge zu leis­ten, was ich hier­mit tun will. Wobei ich schon mer­ke: Spon­tan zehn Bücher zu nen­nen, das ist gar nicht so ein­fach. Weil’s ja doch ein biss­chen ein Selbst­por­trait zeich­net. Und weil es ein­fach zu vie­le Bücher gibt. 

Ich las­se mal das auf dem Stra­ßen­floh­markt gefun­de­ne Außer­ir­di­sche-kom­men-heim­lich-auf-die-Erde-Buch weg, das mich als Zehn- oder Zwölf­jäh­ri­gen über eini­ge Wochen ernst­haft ver­un­si­chert hat­te und den­ke eher über Bücher nach, die mich in einem posi­ti­ven Sin­ne beein­druck­ten. Wer möch­te, darf in den Kom­men­ta­ren über über­grei­fen­de Leit­mo­ti­ve spekulieren.

Die Sach­bü­cher

1. Peter L. Berger/​Thomas Luck­mann, Die gesell­schaft­li­che Kon­struk­ti­on der Wirk­lich­keit, dt. 1969 – eine Dar­le­gung des Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus, die mein Ver­ständ­nis von Welt ziem­lich klar geprägt hat. Wenn es das eine pra­xis­theo­re­ti­sche Buch gäbe, und nicht ganz vie­le Bücher und Auf­sät­ze, wür­de ich die jetzt auch noch nen­nen (Picke­ring, Sho­ve, Hör­ning, Reck­witz, Fou­cault, …). Und als ähn­li­chen, aber unglei­chen Kon­tra­punkt Luh­mann, etwa die Rea­li­tät der Mas­sen­me­di­en.

2. Vic­tor Papanek, Design for the real world. Human Eco­lo­gy and Social Chan­ge, 1985 – stell­ver­tre­tend für eine gan­ze Rei­he von Büchern, die sich damit aus­ein­an­der­set­zen, wie ein ande­res, leich­te­res Leben mit Tech­nik mög­lich ist. Und über­haupt, eigent­lich müss­te ich hier die gan­ze Fischer-»anders leben«-Reihe aus den 1970ern und 1980ern auf­füh­ren, die ich mei­nen Eltern geklaut habe. Und Jungk. Und eine gan­ze Rei­he neue­rer »Öko-Bücher«.

3. Manu­el Cas­tells, Das Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter, dt. 2003, 3 Bd. – eine in ihren Grund­zü­gen immer noch gül­ti­ge Dia­gno­se unse­rer glo­ba­li­sier­ten Gesell­schaft im ver­netz­ten Infor­ma­ti­ons­ka­pi­ta­lis­mus. Und auch das pars pro toto.

4. Andrea Bai­er, Chris­ta Mül­ler und Karin Wer­ner, Wovon Men­schen leben, 2007 – Sozio­lo­gie zum Anfas­sen, hier suf­fi­zi­enz­ori­en­tiert. Ähn­lich auch Ulrich Beck und Ulf Erd­mann Zieg­ler, Eige­nes Leben – Aus­flü­ge in die unbe­kann­te Gesell­schaft, in der wir leben, 1997, da geht’s dann eher um den Ein­stieg in ganz unter­schied­li­che Lebens­wirk­lich­kei­ten. Indi­vi­dua­li­sie­rung, Lebens­sti­le, und all sowas. 

Sci­ence Fiction

5. Ursu­la K. Le Guin, The Dis­pos­ses­sed, 1974 – eine rea­lis­ti­sche Uto­pie, eine Annä­he­rung an den, sagen wir mal, Anar­cho­syn­di­ka­lis­mus (oder, in neue­rer Ter­mi­no­lo­gie, an freie Koope­ra­tio­nen im Sin­ne Chris­toph Spehrs) mit allen Vor- und Nach­tei­len im Gewand einer Sci­ence-Fic­tion-Geschich­te. Und die Leu­te haben zwar Geschlech­ter, aber am Namen zu erken­nen sind sie nicht. (Wie über­haupt das gan­ze The­ma Zwei­ge­schlecht­lich­keit, Quee­ring, … hier eher fehlt, weil wis­sen­schaft­li­che Auf­sät­ze und Kino­fil­me bei­des kei­ne Bücher sind. Evtl. könn­te ich Charles Stross’ Glass­house auf­füh­ren. Aber die­se Lis­te ist eh schon män­nerlas­tig genug. Nach­trag: Oder, aber das ist mir zu spät wie­der ein­ge­fal­len, dass ich das eigent­lich in die Lis­te packen woll­te – Mar­ge Pier­cy, He, She and It,1991).

6. Kim Stan­ley Robin­son, For­ty Signs of Rain /​ Fif­ty Degrees Below /​ Six­ty Days and Coun­ting, 2004–2007 – Eine Kli­ma­wan­del-Poli­tik-Sci­ence-Fic­tion-Tri­lo­gie, eben­falls mit einer gehö­ri­gen Pri­se uto­pi­schen Rea­lis­mus. Auch Robin­sons Mars-Tri­lo­gie könn­te an die­ser Stel­le stehen.

7. Wil­liam Gib­son, Neu­ro­mancer, 1984, dt. 1987 – Wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, das ers­te rich­ti­ge und ganz ande­re Sci­ence-Fic­tion-Buch, das ich gele­sen habe. Das Buch, in dem der Cyber­space auf der Schreib­ma­schi­ne erfun­den wur­de, und das ein Gen­re begrün­det hat. Schön auch der in mei­ner Aus­ga­be vor­ne drin kle­ben­de Zet­tel, »Der Schü­ler Till Wes­ter­may­er, Klas­se 9c, erhält für gute Leis­tun­gen im Schul­jahr 1989 /​ 90 einen Preis.« (Run­ner-ups für die­se Kate­go­rie: Bruce Ster­lings Schis­ma­trix+, eini­ges von Micha­el Swan­wick und John Shir­ley sowie Neal Ste­phen­sons Snow Crash). Und Ido­ru etc. fand ich auch sehr wichtig.

8. Neal Ste­phen­son, The Dia­mond Age or, A Young Lady’s Illus­tra­ted Pri­mer (dt. Dia­mond Age – Die Grenz­welt), 1995, dt. 1996 – Auch wenn ich Snow Crash davor gele­sen habe, war das hier das wich­ti­ge­re Buch für mich (ein Mäd­chen in einer u.a. neo­vik­to­ria­ni­schen Zukunft lernt mit Hil­fe einer als Fibel getarn­ten AI genü­gend Stra­te­gie, um die Welt zu ret­ten oder so). Auch aus Ste­phen­sons Anathem und aus sei­nem Baro­que Cycle habe ich viel gelernt. Sei­ne kon­ven­tio­nel­le­ren Thril­ler-Waf­fen-Geheim­dienst-Bücher mag ich dage­gen nicht so gerne. 

9. Ter­ry Prat­chett, Win­ters­mith, 2006 – Weil Prat­chetts Magie viel mit Rea­li­tät zu tun hat. 

10. Gud­run Pau­se­wang, Die letz­ten Kin­der von Sche­wen­born, 1983 – Ein Atom­schlag auf Ful­da – und dann? Wie auch ein paar ähn­li­che Bücher (auch die Wol­ke) ziem­lich gru­se­li­ge und ver­mut­lich sehr rea­lis­ti­sche Jugend­li­te­ra­tur, die eini­ges zu mei­ner poli­ti­schen Prä­gung bei­getra­gen haben dürfte.

* * *

Soweit mei­ne zehn Bücher. Was fehlt? Dune, den Herr der Rin­ge, den Anhal­ter, Games of Thro­nes sowie eini­ge Bücher von Robert Anton Wil­son hät­te ich auch noch nen­nen kön­nen. Aber das wäre dann eher das Stan­dard­pro­gramm gewor­den. Und ja, es ist jetzt neben Sozio­lo­gie und Öko­lo­gie nur Sci­ence Fic­tion gewor­den, und da auch nur ein win­zig­klei­ner Aus­schnitt; vie­le eher unter­halt­sa­me als welt­be­we­gen­de Bücher habe ich weg­ge­las­sen. Aber selbst beim Nach­den­ken über »Hoch­li­te­ra­tur« fällt mir abge­se­hen vom Kanon bis in die 1980er Jah­re (viel Böll, aber auch Kaf­ka, Tuchol­sky, …) vor allem magi­scher Rea­lis­mus ein. Oder Ecos His­to­ri­en­schin­ken. Was dann auch nicht so weit weg ist von Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy. Was auch immer das über mich aussagt ;-)

Degrowth muss wachsen, oder: Selbstbegrenzung statt Verzicht?

Degrowth 2014, Leipzig

Heu­te ist in Leip­zig die Degrowth-Kon­fe­renz zu Ende gegan­gen. Da waren rich­tig vie­le Leu­te – so um die 3000. Was dann zu Beginn auch halb­wegs stolz ver­kün­det wur­de – in Bar­ce­lo­na 150 Leu­te, in Paris 450, jetzt noch­mal ein erheb­li­ches Wachs­tum. Super, wir sind vie­le! Degrowth wächst. Oder steckt da ein Wider­spruch drin?

Vier Tage lang ging es in Leip­zig vor allem um eines: um Wachs­tum. Dass Degrowth ein hip­pes The­ma ist, zeig­te sich nicht nur an der gro­ßen Teil­neh­men­den­zahl, son­dern auch an der Viel­falt. Die Kon­fe­renz war halb­wegs inter­na­tio­nal. Sie wur­de von den übli­chen Ver­bän­den aus der Umwelt- und der Eine-Welt-Bewe­gung eben­so unter­stützt wie von den Par­tei­stif­tun­gen der SPD, der Grü­nen und der LINKEN. Der Fokus schwank­te zwi­schen radi­ka­ler Kri­tik am Wachstum=Kapitalismus und Geschäfts­mo­del­len, zwi­schen Per­ma­kul­tur­bas­te­lei­en und sozi­al- und geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Theo­rie­schlach­ten. Es war genug für alle da. 

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Was ich so lese, oder: gesellschaftskritische Science Fiction

Pacified science fiction

Eigent­lich woll­te ich dazu nichts sagen, aber ich muss jetzt doch mal ein paar Wor­te über den Text »Magi­sche Klas­sen­kämp­fer« von Flo­ri­an Schmidt (am 22.8. im Frei­tag erschie­nen) los­wer­den. Schmidt brei­tet dort die The­se aus, dass – platt gesagt – frü­her Sci­ence Fic­tion ein eman­zi­pa­to­ri­sches Gen­re war und heu­te im Dienst der Reak­ti­on steht. Das ist falsch.

Äpfel und Birnen, Bücher und Filme

Das ist zum einen falsch, weil er Äpfel mit Bir­nen ver­gleicht. »Frü­her« sind für ihn die – in der Tat span­nen­den, lesens­wer­ten, hoch­gra­dig inter­es­san­ten – Bücher von Ursu­la K. Le Guin (The Dis­pos­ses­sed), Joan­na Russ (z.B. The Fema­le Man) und Mar­ge Pier­cy (Woman at the edge of time und He, she, and it). Das sind drei libe­ral-femi­nis­ti­sche AutorIn­nen, die sich auf hohem lite­ra­ri­schen Niveau in den 1970er und 1980er Jah­ren mit den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen einer bes­se­ren Gesell­schaft aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Ich habe sie sehr ger­ne gelesen. 

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Kurz: Linke, LINKE und Netzpolitik

Am Sams­tag bin ich beim Kon­gress Netz für alle von Rosa-Luxem­burg-Stif­tung und LINKE im Bun­des­tag in Ber­lin, und darf dort mit Ste­phan Urbach, Tere­sa Bücker und Hali­na Waw­zy­ni­ak über »E‑Democracy: Betei­li­gung für alle oder Spiel­zeug für neue Eli­ten?« dis­ku­tie­ren. Im Vor­feld dazu hat mich ges­tern Mar­cus Mei­er für das Neue Deutsch­land inter­viewt (des­sen Kolum­ne Lin­ke, Wis­sen­schaft und Tech­nik übri­gens eine durch­aus lesens­wer­te Fund­gru­be darstellt). 

Das Inter­view gibt es in zwei Fas­sun­gen – die kur­ze Print­ver­si­on (hier online) und die lan­ge Online-Fas­sung. Was ich da so sage, ist als zen­tra­le Aus­sa­ge (über grü­ne Netz­po­li­tik) viel­leicht das hier:

Wir sind tech­nik-affin, aber nicht tech­nik-opti­mis­tisch. […] Wir sehen, da ändert sich etwas. Wir sehen ins­be­son­de­re auch die Chan­cen, die das Inter­net mit sich bringt. Wir sind aber rea­lis­tisch. Das Netz als gro­ße Uto­pie – das ist nicht unseres. 

Und zur LINKEN:

Ach, es gibt ja durch­aus brauch­ba­re netz­po­li­ti­sche Inhal­te bei der LINKEN. Aber momen­tan wirkt die Par­tei auf mich nicht so, als sei sie in der Netz­de­bat­te ange­kom­men. Das Bild der LINKEN bestim­men ande­re. Per­so­nen, die netz­po­li­ti­sche Inhal­te glaub­haft ver­kör­pern, sehe ich nicht. 

Und wo ich gera­de dabei bin: Eben­falls heu­te setzt sich Tobi­as Schwarz aka @isarmatrose aus­führ­lich mit der netz­po­li­ti­schen Flü­gel­fra­ge aus­ein­an­der und geht dabei auch im Detail auf mei­nen ers­ten Ent­wurf für ein Mani­fest für lin­ke, grü­ne Netz­po­li­tik ein. Was ich durch­aus inter­es­sant finde.