Science Fiction und Fantasy im Januar 2026

Snow in the garden - I

Ich fan­ge mit dem Bild­schirm an, das ist ein­fa­cher, weil in den letz­ten Wochen recht redu­ziert – zum einen des­we­gen, weil mei­ne Kin­der mehr Lust auf Gesell­schafts­spie­le als auf das gemein­sa­me Film­gu­cken hat­ten, zum ande­ren, weil ich mei­ne freie Zeit neben Arbeit und Wahl­kampf dann lie­ber in Lego gesteckt habe, wie beschrie­ben.

Übrig geblie­ben ist dann Star Trek – zum einen habe ich mal eine der Bil­dungs­lü­cken geschlos­sen und mir Star Trek IV: The Voya­ge Home ange­schaut, ein Film aus den 1980ern, genau­er gesagt kam er 1986 in die Kinos, der vor allem in den 1980ern spielt. Und selbst die Sze­nen, die drei­hun­dert Jah­re in der Zukunft statt­fin­den, sehen, etwa beim Blick auf das Design der Com­pu­ter­gra­fi­ken, sehr nach den 1980ern aus. Ganz pas­send dazu hat der Film ein Öko­the­ma (Wale ret­ten, um die Mensch­heit der Zukunft zu ret­ten) und kommt – was ich erfreu­lich fand – weit­ge­hend ohne Schie­ße­rei­en, Tote und ähn­li­che Groß­ka­ta­stro­phen aus, und baut trotz­dem Span­nung auf. Start­rek­mä­ßig ist das alles das Ende der TOS-Ära, sprich ein älter gewor­de­ner James T. Kirk, ein älter gewor­de­ne­ner Spock usw. – qua­si der Gegen­pol zu der neu­en Stran­ge-New-Worlds-Serie, die in der – im direk­ten Ver­gleich doch sehr sicht­ba­ren – Ästhe­tik der 2020er Jah­re die Vor­ge­schich­te von Kirk, Spock usw. erzählt.

Das ande­re Star-Trek-Momen­tum waren die ers­ten fünf Fol­gen der neu­en Star Trek: Star­fleet Aca­de­my-Serie (2026, Para­mount+), die uns ganz ans ande­re Ende des Star-Trek-Kos­mos ent­führt, in die fer­ne Zukunft einer im Wie­der­auf­bau befind­li­chen Föde­ra­ti­on. Die­se Post-Burn-Welt haben wir in der Dis­co­very-Serie ken­nen­ge­lernt, und eini­ge weni­ge Figu­ren (Van­ce, Reno) ver­bin­den bei­de Seri­en (ande­re, wie etwa der Holo­gram-Dok­tor, gibt es im Kon­text der Geschich­te schon eini­ge hun­dert Jah­re). Der Fokus ist bei Star­fleet Aca­de­my aller­dings ein ganz ande­rer: im 32. Jahr­hun­dert wird in San Fran­cis­co die pres­ti­ge­träch­ti­ge Star­fleet Aca­de­my wie­der ins Leben geru­fen, nach­dem in den letz­ten Jahr­zehn­ten das „War Col­lege“ und der Fokus auf die Ver­tei­di­gung der zer­fal­len­den Föde­ra­ti­on den Cam­pus über­nom­men hat­te. Die Star­fleet Aca­de­my lan­det wort­wört­lich in einem Raum­schiff auf dem Cam­pus (der USS Athe­na) – und nun müs­sen bei­de Ein­rich­tun­gen irgend­wie kooperieren.

Im Mix ist Star­fleet Aca­de­my zu 70% eine High­school-Serie mit allem, was dazu gehört: Coming of age, Riva­li­tä­ten, Lieb­schaf­ten – das ist der Fak­tor, der mich ein biss­chen abschreckt, der aber ver­mut­lich ziel­grup­pen­ge­nau einer jün­ge­ren Gene­ra­ti­on, die mit Pro­di­gy und Lower Decks auf­ge­wach­sen ist, ein Ange­bot macht. Bis­her haben mich die übri­gen 30% über­zeugt, wei­ter­zu­schau­en: über die bio­gra­fi­schen Hin­ter­grün­de der ein­zel­nen Cha­rak­te­re ler­nen wir den Zustand der Föde­ra­ti­on ken­nen – etwa die klin­go­ni­sche Dia­spo­ra. Und an ganz vie­len Stel­len blinkt der Ethos von Star Trek durch, bei dem Viel­falt und die Suche nach diplo­ma­ti­schen Lösun­gen, mög­li­cher­wei­se auch nach trick­rei­chen Umge­hun­gen und Loopho­les, wich­ti­ger sind als pure Gewalt. Neben den jün­ge­ren Haupt­fi­gu­ren glänzt das Lehr­per­so­nal, allen vor­an die Direk­to­rin der Star­fleet Aca­de­my, Nahla Ake (gespielt von Hol­ly Hun­ter) – eine äußerst lang­le­bi­ge und äußerst unkon­ven­tio­nel­le Lan­tha­ni­tin mit Hip­pie-Charme, die schon mal bar­fuß auf dem Cap­ta­ins-Ses­sel lüm­melt – und sich trotz­dem sehr schnell Respekt auch des War Col­leges erhält.

Erfreu­lich: trotz des aktu­el­len Zustands der USA (und trotz der ver­schie­de­nen Über­nah­men usw.) bleibt die Serie der Star-Trek-Bot­schaft von Ver­stän­di­gung und inter­kul­tu­rel­ler Zusam­men­ar­beit treu. Und auch wenn mich das Set­ting (Post-Burn genau­so wie High­school) zunächst mal abge­schreckt hat, ist spä­tes­tens ab der 3. Fol­ge klar, dass die Serie im bes­ten Sin­ne Star Trek ist.

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Science Fiction und Fantasy – Winter Edition 2025/26

Triangles

Irgend­wie hat sich nach mei­nen letz­ten Sam­mel­re­zen­sio­nen doch eini­ges ange­sam­melt, was ich an SF und Fan­ta­sy gele­sen und ange­schaut habe. 

Inno­va­tiv fand ich Emi­ly Teshs neu­en Roman The Incan­de­s­cent (2025). Tesh hat 2024 den Hugo für ihre anti­fa­schis­ti­sche Space Ope­ra Some Despe­ra­te Glo­ry bekom­men. Ihr neu­er Roman ist etwas ganz ande­res, aber trotz­dem sehr lesens­wert. Sie selbst beschreibt ihn als „Nao­mi Novik’s Scho­lo­mance series meets Plain Bad Hero­i­nes in this sap­p­hic dark aca­de­mia fan­ta­sy“, das passt schon ganz gut. Ich hät­te noch „Hog­warts from tea­cher per­spec­ti­ve“ hin­zu­ge­fügt. Ein tra­di­ti­ons­rei­ches eng­li­sches Inter­nat, an dem Schüler*innen (vor allem aus der Ober­schicht, aber es gibt auch ein paar auf­grund beson­de­rer magi­scher Fähig­kei­ten dazu­ge­nom­me­ner Good­will-Fäl­le) neben dem übli­chen Pri­vat­schul­cur­ri­cu­lum auch die ver­schie­de­nen Arten der Magie ken­nen­ler­nen, die hier ins­be­son­de­re mit Trans­ak­tio­nen mit Dämo­nen zu tun haben. Dr. Wal­den, die Haupt­per­son, lehrt eine der Spiel­ar­ten der Magie, näm­lich „Invo­ca­ti­on“, also die Beschwö­rung. Das tut sie mit einer gewis­sen Begeis­te­rung und viel päd­ago­gi­schem Ethos – und gleich­zei­tig ist sie stell­ver­tre­ten­de Schul­lei­te­rin (o.ä.) und hat einen Hau­fen orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­ben, zu denen es gehört, das etwas anti­quier­te Dämo­nen­ab­wehr­sys­tem der Schu­le zu prü­fen und auf Stand zu brin­gen. Zeit für eine Lie­bes­ge­schich­te bleibt da eigent­lich nicht, erst recht nicht zu einer Ange­hö­ri­gen der magi­schen Poli­zei. Das ist das Spiel­feld, auf dem sich ein Roman ent­fal­tet, der nicht nur viel über Schu­le und Coming of Age zu sagen hat, son­dern auch das Gen­re „magi­sche Schu­le“ auf den Kopf stellt. Und das höchst unterhaltsam. 

The Tain­ted Cup (2024) von Robert Jack­son Ben­nett ist auf mei­ne Lese­lis­te gera­ten, weil der Roman 2025 den Hugo gewon­nen hat. Struk­tu­rell folgt es der Mur­der Mys­tery – eine so genia­le wie exen­tri­sche Detek­ti­vin Ana und ihr uner­fah­re­ren Assis­ten­ten Din (durch des­sen Augen wir die Geschich­te sehen) müs­sen einen Mord­fall lösen. Nach und nach wird deut­lich, dass es um weit­aus mehr geht als um den ver­gif­te­ten Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen, der in einer Vil­la auf­ge­fun­den wur­de, die einer ade­li­gen Fami­lie gehört: die Nach­for­schun­gen könn­ten das gan­ze Land erschüt­tern. Inno­va­tiv ist die Fan­ta­sy-Welt, das Empire of Kha­num, in die Ben­nett die­se Mur­der Mys­tery ver­legt – zum einen ist da der Kampf des Impe­ri­ums gegen die Levia­tha­ne, gewal­ti­ge See­mons­ter, die von Fes­tungs­an­la­gen und Mau­ern in den äuße­ren Pro­vin­zen auf­ge­hal­ten wer­den. Zum ande­ren ist das Grund­ele­ment, das das gan­ze Impe­ri­um durch­zieht, eine Art magi­sche Gen­tech­nik: es gibt hoch­spe­zia­li­sier­te Pflan­zen, die als Bau­ma­te­ri­al, Medi­zin oder Dieb­stahl­si­che­rung ver­wen­det wer­den. Und eine der hier­ar­chi­schen Kas­ten zielt vor allem dar­auf, bestimm­te Eigen­schaf­ten in Gene­tik von Men­schen (und Tie­ren) zu brin­gen. Dadurch hat Din ein foto­gra­fi­sches Gedächt­nis erhal­ten – ande­re sind über­mensch­lich stark, schnell oder groß. Jede die­ser Ein­grif­fe hat Neben­wir­kun­gen, aber weil die­se Ein­grif­fe so nütz­lich sind, und not­wen­dig sind, um das Impe­ri­um vor den Levia­tha­nen zu schüt­zen, wer­den die­se igno­riert. Vor die­sem Hin­ter­grund – und wäh­rend der feuch­ten Jah­res­zeit, in der die Gefahr eines Levia­than-Angriffs täg­lich wächst – wird aus dem ein­fa­chen Mord­fall die Auf­de­ckung einer Ver­schwö­rung mit­ten in impe­ria­len Ver­tei­di­gung gegen das Meer.

Kom­men wir zu Andy Weirs Pro­ject Hail Mary (2021), das schon eine Wei­le auf mei­nem Rea­der rum­lag. In gewis­ser Hin­sicht ähnelt das Buch The Mar­ti­an – ein Mann allei­ne im All, und nur mit Wis­sen­schaft und aller­lei Nerd­tum gelingt es, zu über­le­ben. In dem Fall ist der Mann ein Natur­wis­sen­schafts-Leh­rer, – sor­ry, mil­de Spoi­ler – das All irgend­wo bei Tau Ceti, und wir erle­ben live mit, wie in Flash­backs nach und nach sein Gedächt­nis zurück­kommt. Und damit auch die Auf­ga­be, die Mensch­heit vor außer­ir­di­schen Son­nen­fres­sern zu ret­ten. Dann taucht ein zwei­tes, sehr fremd­ar­ti­ges Raum­schiff auf (Hei­mat­ha­fen: Eridani 41). Das Pro­blem mit den Son­nen­fres­sern ist ver­brei­te­ter als gedacht. Gemein­sam wird eine impro­vi­sier­te Lösung gesucht (und gefun­den). In der Bewer­tung kann ich mich dem Pod­cast Das Uni­ver­sum anschlie­ßen, da tauch­te das Buch in der Jah­res­end­fol­ge näm­lich auch auf: Page­tur­ner, span­nend, sehr wis­sen­schafts­ori­en­tiert, selbst in der Rei­se mit 0,93 Pro­zent der Licht­ge­schwin­dig­keit – aber lei­der auch sehr „bud­dy movie“, der Mann kann’s, lässt sei­ne Bes­ser­wis­se­rei raus­hän­gen, und wählt als Pro­no­men für den/die Kolleg*in Ingenieur*in aus dem ande­ren Ster­nen­sys­tem der Ein­fach­heit hal­ber gleich mal „he“. Deut­scher Titel „Der Astro­naut“ (statt „Him­mel­fahrts­kom­man­do“, was viel pas­sen­der wäre), und soll wohl die­ses Jahr noch als Film in die Kinos kom­men. Wer klas­si­sche Sci­ence Fic­tion mag, wird hier gut auf­ge­ho­ben sein.

Wo ich schon bei teils irri­tie­ren­den Lese­er­fah­run­gen bin: The Socie­ty of unkno­wa­ble Objects von Gareth Brown (2025) ist eine Mischung aus Fan­tay und Agen­ten­thril­ler – Mag­da hat den Sitz ihrer Mut­ter in einer Lon­do­ner Geheim­ge­sell­schaft geerbt. Deren Auf­ga­be: magi­sche Objek­te fin­den und sicher ver­wah­ren. Die sehen aus wie all­täg­li­che Din­ge (Schach­fi­gu­ren, Bro­schen, Rin­ge, eine Land­kar­te), haben aber jeweils ihre beson­de­ren Eigen­schaf­ten. Was als Kam­mer­spiel mit teils skur­ril gezeich­ne­ten Per­sön­lich­kei­ten beginnt, endet mit wil­den Ver­fol­gungs­jag­den in Hong Kong und Ame­ri­ka, einer Lie­bes­ge­schich­te und gleich hau­fen­wei­se düs­te­ren Geheim­nis­sen. Am Schluss wis­sen wir, was der Ursprung der magi­schen Objek­te ist, und haben eine Ahnung davon, was pas­siert, wenn sie in die fal­schen Hän­de gera­ten. So ganz warm gewor­den bin ich mit dem Buch aller­dings nicht – man­ches war dann doch zu platt, die eine oder ande­re Sze­ne liest sich, als ob eine LLM an ihrer Ent­ste­hung betei­ligt gewe­sen wäre, und aus der Prä­mis­se hät­te mehr gemacht wer­den kön­nen. (Viel­leicht hät­te ich doch erst The Book of Doors von Brown lesen sol­len – das schnei­det in den Bewer­tun­gen bei Good­reads etc. deut­lich bes­ser ab und steht hier noch auf mei­ner Leseliste.)

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Der Traum von digitaler Assistenz

Desk cat

In eige­ner Sache: in der aktu­el­len Aus­ga­be der Andro­me­da Nach­rich­ten Nr. 291 des SFCD ist mein Text „Der Traum von digi­ta­ler Assis­tenz“ (S. 44–45) erschie­nen. Die kom­plet­te Aus­ga­be gibt es hier als PDF.

Der Traum von digitaler Assistenz. Science Fiction oder schon Realität?

Egal, wohin man auch schaut – über­all begeg­net einem Arti­fi­ci­al Intel­li­gence (AI), ob gewollt oder nicht. Das sug­ge­riert, das bald Rea­li­tät sein könn­te, was heu­te noch Motiv der Sci­ence Fic­tion ist: eine all­zeit ver­füg­ba­re, all­wis­sen­de digi­ta­le Assistenz.

Wäre schön – aber mich gru­selt es dabei. Denk­bar wären auch ganz ande­re Tra­jek­to­ri­en gewe­sen. Immer­hin bin ich mit der ers­ten Gene­ra­ti­on per­sön­li­cher Com­pu­ter auf­ge­wach­sen, habe Tei­le mei­ner Jugend in Mail­bo­xen ver­bracht und war live dabei, als aus dem World Wide Web der Dot-Com-Boom wur­de – und platz­te. Com­pu­ter als Uni­ver­sal­ma­schi­nen, das Netz als uni­ver­sel­les Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um übten eine inten­si­ve Fas­zi­na­ti­on auf mich aus. Und mit­ten im Win­ter der Künst­li­chen Intel­li­genz Anfang des Jahr­hun­derts mal­te ich mir aus, wie hilf­reich ein Pro­gramm sein könn­te, das logi­sche Ent­schei­dun­gen begrün­det fällt, dabei hilft, Mails sinn­voll zu sor­tie­ren oder Tex­te von der einen in die ande­re Spra­che über­setzt. (Mei­ne dies­be­züg­li­chen Geh­ver­su­che in Tur­bo Pas­cal blie­ben dies – nai­ve Ansät­ze, und nicht von Erfolg gekrönt.)

Trotz­dem fin­de ich mich jetzt recht fest im Lager der AI-Kritiker*innen wie­der. Und wun­de­re mich, wie gene­ra­ti­ve Algo­rith­men und gro­ße Sprach­mo­del­le (LLMs) trotz aller wohl­be­grün­de­ter Kri­tik­punk­te inner­halb weni­ger Jah­re Teil des All­tags vie­ler Men­schen wer­den konn­te. Am Mit­tags­tisch dis­ku­tie­ren wir dar­über, wie eigent­lich das Geschäfts­mo­dell von Ope­nAI aus­sieht und wann die AI-Bla­se platzt (oder wann sie genü­gend Men­schen so in Abhän­gig­keit gebracht hat, dass ein mono­po­lis­ti­sches Abo-Modell unaus­weich­lich scheint.) Ich ärge­re mich dar­über, dass jede Soft­ware irgend­wel­che AI-Fea­tures mit­bringt, die abzu­schal­ten eher kom­pli­ziert gemacht wird. Und ich wun­de­re mich, wie Men­schen einer Soft­ware ver­trau­en kön­nen, die nicht weiß, was sie nicht weiß – son­dern dann halt plau­si­blen Bull­shit zusam­men­reimt. Was auf den ers­ten Blick beein­dru­ckend wirkt, fällt schnell zusam­men, wenn es um The­men­ge­bie­te geht, in denen man sich tat­säch­lich aus­kennt. Zwi­schen »klingt plau­si­bel« und »stimmt« gibt es kei­nen Zusam­men­hang – vie­len scheint aber ers­te­res zu reichen.

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Science Fiction im Oktober und November 2025

The Barbican, London - V

Es wird Zeit, etwas zu den in den letz­ten Wochen kon­su­mier­ten SF- und Fan­ta­sy-Medi­en zu schrei­ben, bevor alles zu einem Brei verschwimmt …

Nach­dem ich mit den ers­ten Fol­gen der zwei­ten Wed­nes­day-Staf­fel (Net­flix) nicht so ganz zufrie­den war – und die Dia­lo­ge nach wie vor stel­len­wei­se arg kunst­ge­drech­selt fin­de -, muss ich doch sagen, dass es sich gelohnt hat, dran­zu­blei­ben: gelun­ge­ne Plot­twists, sich ent­wi­ckeln­de Figu­ren, die Dyna­mik zwi­schen Wed­nes­day, Enid und Agnes – und glaub­wür­di­ge Bezü­ge zum Addams-Kanon. So, und wo bleibt Staf­fel 3?

Das mit dem har­ten Cliff­han­ger am Ende hat auch Silo (Apple TV) hin­ge­kriegt. Wenn man über die eine oder ande­re Unglaub­wür­dig­keit (Kaf­fee!) hin­weg­sieht, fin­de ich das Set­ting – 10.000 Men­schen in einem aut­ar­ken unter­ir­di­schen Bun­ker, 150 Jah­re in der Zukunft, mit Stra­ti­fi­zie­rung, Macht­dy­na­mi­ken und engi­nee­red Tabus – nach wie vor sehr brauch­bar als Hin­ter­grund, vor dem eigent­lich alle nur das Bes­te wol­len und damit gran­di­os schei­tern. In der 2. Staf­fel erfah­ren wir, dass Silo 18 nur eines von 51 ist – und sehen durch Jules Nichols Augen im schein­bar ver­las­se­nen Nach­bar­si­lo den post­re­vo­lu­tio­nä­ren Zusam­men­bruch. Auch hier bin ich gespannt auf die 3. Staf­fel, bin mir aber nicht sicher, ob die – in den letz­ten paar Minu­ten ange­deu­te­te Ori­gin-Sto­ry, Washing­ton D.C. – wirk­lich das ist, was ich sehen möchte.

Zur Unter­hal­tung zwi­schen­durch ist die ani­mier­te Serie Haun­ted Hotel (Net­flix) ganz nett.

Last but not least habe ich begon­nen, Luci­fer (Net­flix) anzu­schau­en. Die Serie ist ja schon ein paar Jah­re alt, aber wei­ter bin­ge-wür­dig. Ich weiß, dass Chris­ti­ne Nöst­lin­gers Der lie­be Herr Teu­fel nicht die Roman­vor­la­ge ist, trotz­dem fiel mir die­ses Jugend­buch unwei­ger­lich ein: der gefal­le­ne Engel Luci­fer nimmt eine Aus­zeit auf der Erde, und braucht sei­ne Zeit, um mit all den selt­sa­men mensch­li­chen Bräu­chen klar­zu­kom­men. Dar­aus ent­wi­ckelt sich dann Ver­ständ­nis und, tja, Men­schen­freund­lich­keit. Im Film: Luci­fer als Nacht­club­be­trei­ber, der mit der Poli­zis­tin Chloe und unter Zur­hil­fe­nah­me eso­te­ri­scher (und ero­ti­scher) Fähig­kei­ten Kri­mi­nal­fäl­le in LA löst. Dabei ver­schweigt er kei­nes­wegs, dass er der Teu­fel ist – nur hören will‘s nie­mand. Sehr amüsant.

Gele­sen habe ich auch was. Zum Bei­spiel A Phi­lo­so­phy of Thie­ves über eine Fami­lie, die in einem post­apo­ka­lyp­ti­schen New Washing­ton der Die­bes­kunst nach­geht. In der Enkla­ve der Rei­chen und Mäch­ti­gen sor­gen trick­rei­che Klau­vor­füh­run­gen für den rich­ti­gen Ner­ven­kit­zel bei ansons­ten drö­gen Par­tys. Doch wer sonst im Dau­er­stau der Out­skirts lebt, für den ist die Ver­lo­ckung groß, mehr als nur die ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Dieb­stäh­le zu bege­hen … Das Buch von Fran Wil­de (2025) ist unter­halt­sam, hin­ter der Ober­flä­che lau­ern ein paar tie­fer­ge­hen­de Fra­gen, erst recht, als klar wird, dass die Haupt­per­son mehr mit den Rei­chen, die sie bestiehlt, ver­bin­det, als sie es war haben möch­te. Ein biss­chen irri­tiert hat mich dage­gen die Bio­tech­no­lo­gie die­ser Zukunft; nicht per se, das wirk­te schon plau­si­bel, aber einen Plot­punkt an mys­te­riö­ser, lebens­kraft­ent­zie­hen­der DNA-Fern­wir­kung auf­zu­hän­gen, war dann doch Zuviel des Guten. 

Eine ganz ande­re Bio­tech-Zukunft zeich­net Zoë Beck in Para­di­se City (2020). Das groß­flä­chig erwei­ter­te Frank­furt am Main ist die Haupt­stadt eines durch­tech­ni­sier­ten deut­schen Über­wa­chungs­staa­tes. Algo­rith­men emp­feh­len auf­grund von Gesund­heits­da­ten, was zu tun ist. Alles smooth, soweit, High­tech­zü­ge, E‑Bikes zum Aus­lei­hen, nie­mand muss hun­gern. Aber was pas­siert mit denen, die nicht ins Gesund­heits­re­gime pas­sen? Lii­na recher­chiert in der Mega­ci­ty und im hes­si­schen Hin­ter­land, in der bran­den­bur­gi­schen Wild­nis und im über­flu­te­ten Ros­tock – und kommt einem düs­te­ren Geheim­nis auf die Spur, in das auch ihre Schul­freun­din – inzwi­schen Gesund­heits­mi­nis­te­rin – ver­wi­ckelt ist. 

Auch in B.L. Blan­chards The Mother (2023) hat Frank­furt einen Auf­tritt, hier als Frank­furt Free City in einem heu­ti­gen Hei­li­gen Römi­schen Reich (HRE). Der Roman wird als Nach­fol­ge­band zu The Peace­kee­per ver­mark­tet, hat damit aber nur das World­buil­ding gemein­sam. In einer Alter­na­tiv­ge­schich­te zu unse­rer Gegen­wart fand der bri­ti­sche Kolo­nia­lis­mus nicht statt. In der Neu­en Welt führt das zu einem dich­ten Netz an First-Nati­on-Staa­ten; in Euro­pa sind das bis Rom rei­chen­de HRE und Frank­reich die gro­ßen Mäch­te. Eng­land ist dage­gen als eine Art Kari­ka­tur einer Golf­mon­ar­chie gezeich­net, nur: ver­armt und iso­liert, unter dich­tem Koh­le­staub und seit Jahr­hun­der­ten in einem Krieg mit Frank­reich. In die­sem Eng­land sind Frau­en nur als Müt­ter männ­li­cher Erben etwas wert, und ansons­ten eng kon­trol­liert, so dür­fen sie bei­spiels­wei­se nur mit Erlaub­nis von Vater oder Ehe­mann ein Mobil­te­le­fon nut­zen. Marie, die Haupt­per­son, wur­de an einen Duke ver­hei­ra­tet – und fin­giert einen Sturz von den Klip­pen, um dem fürst­li­chen Gefäng­nis zu ent­kom­men. Ihr Weg führt in die Fami­li­en­ge­schich­te und über Lon­don auf den Kon­ti­nent, nach Brug­ge, in die Flücht­lings­quar­tie­re von Frank­furt und Stras­bourg. Kann sie dem lan­gen Arm der Mon­ar­chie ent­kom­men? – Nach dem ers­ten Schock dar­über, dass das Set­ting in der Alten Welt eben ein ganz ande­res ist, als The Peace­kee­per erwar­ten ließ, eine packen­de Geschich­te, die im Spie­gel des Was-wäre-wenn auch eini­ges über heu­te zu sagen hat.

Ohne das vor­her geplant zu haben, war Mother die zwei­te Alter­na­tiv­ge­schich­te, die ich in den letz­ten Wochen gele­sen habe. Die ande­re heißt Pagans, geschrie­ben von James Ali­s­ta­ir Hen­ry und ist 2025 erschie­nen. In die­sem 21. Jahr­hun­dert ist das Chris­ten­tum eine klei­ne, unbe­deu­ten­de Sek­te geblie­ben. Die Zen­tren der Welt lie­gen in Asi­en und Afri­ka. Groß­bri­tan­ni­en, wie wir es ken­nen, exis­tiert nicht. Statt­des­sen gibt es eine nor­di­sche schot­ti­sche Repu­blik, angel­säch­si­sche König­rei­che, unter einem Hoch­kö­nig ver­eint, und kel­ti­sche Ureinwohner*innen in wali­si­schen Reser­va­ten. Dazu Mobil­te­le­fo­ne, Droh­nen, ein mul­ti­kul­tu­rel­les Lon­don, das genau­so ger­ne von afri­ka­ni­schen Tourist*innen besucht wird wie die wil­den Wäl­der und Hügel. In die­sem Set­ting ver­sucht ein unglei­ches Paar einen Kri­mi­nal­fall zu lösen: die aus der angel­säch­si­schen Eli­te stam­men­de Aedith, die schräg dafür ange­schaut wird, dass sie so etwas bana­lem wie Lohn­ar­beit bei der Poli­zei nach­geht, und der ihr zuge­teil­te Inspektor(-Schamane) Dru­stan aus dem kel­ti­schen Wes­ten – denn es geht dar­um, einen Mord an einem Kel­ten auf­zu­klä­ren. Frei­heits­be­we­gun­gen, All­tags­ras­sis­mus, Mode­trends, eine pik­ti­sche Hacke­rin und Ver­schwö­run­gen, die bis zum Königs­hof rei­chen run­den den Roman ab. Hat mir gut gefal­len, hät­te jetzt ger­ne wei­te­re Roma­ne in die­sem Setting.

Von John Scal­zi habe ich The Shat­te­ring Peace (2025) gele­sen, gut gemach­te Space Ope­ra in sei­nem Old-Man‘s‑War-Universum. Beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben sind mir schrä­ge Ali­ens, eine unwahr­schein­li­che Hel­din und die mul­ti­ver­sa­len Geo­po­li­ti­ken zwi­schen der Con­cla­ve der Ali­ens, der iso­lier­ten Erde und der Colo­ni­al Uni­on der einst­mals von der Erde kolo­nia­li­sier­ten Planeten. 

Zuletzt ein Buch, das ich als intro­ver­tiert bezeich­nen wür­de (und bei dem ich gar nicht so sicher bin, ob eine Ein­ord­nung ins Gen­re eigent­lich stimmt) – Char­lie Jane Anders Les­sons in Magic and Dis­as­ter (2025). Eigent­lich ist das Buch vor allem eine sehr genaue Beob­ach­tung fami­liä­rer – hier: quee­rer – Dyna­mi­ken, eine Mutter-(trans) Toch­ter-Geschich­te, in der es auch um sozia­le Bewe­gun­gen und den rech­ten Back­lash geht, um die Innen­sicht des aka­de­mi­schen Betriebs und um das Trau­ma, das ein Krebs­tod bei den Ange­hö­ri­gen aus­lö­sen kann, die sich Vor­wür­fe machen, sich nicht früh genug geküm­mert zu haben. Eine zwei­te Ebe­ne des Buchs ist das aka­de­mi­sche Inter­es­se der Hel­din: die eng­li­sche Novel­le des 18. Jahr­hun­derts, bei der zwi­schen den Zei­len – in Novel­le und bege­lei­ten­dem Brief­wech­sel – gele­sen sicht­bar wird, was damals nicht offen gesagt wer­den konn­te. Im Nach­wort geht Anders dar­auf ein, wel­che Zita­te und Autor*innen erfun­den sind und wel­che nicht; auch das: durch­aus lehr­reich. Soweit rea­lis­ti­sche Lite­ra­tur at its best – wäre da nicht die drit­te Ebe­ne, ein Hauch von Magie, eine zar­te Form der Hexe­rei an limi­na­len Orten. 

Sprachverwirrung

Die 1978 aus­ge­strahl­te BBC-Hör­spiel­se­rie The Hitch Hiker’s Gui­de to the Gala­xy von Dou­glas Adams hat uns nicht nur die Idee eines freund­li­chen, von über­all aus zugreif­ba­ren Lexi­kons in die Welt gesetzt – sehr viel bes­ser als die galak­ti­sche Enzy­klo­pä­die, das sicher­lich eines der Vor­bil­der für die Wiki­pe­dia wur­de, son­dern auch den Babel­fisch. Das ist ein klei­ner gel­ber Fisch, der ins Ohr gestopft wird und über­setzt. Oder, um aus dem Buch zu zitieren:

‚What’s this fish doing in my ear?‘
‚It’s trans­la­ting for you. It’s a Babel fish. Look it up in the book if you like.‘
He tos­sed over The Hitch Hiker’s Gui­de to the Gala­xy […]
‚The Babel fish,‘ said The Hitch Hiker’s Gui­de to the Gala­xy quiet­ly, ‚is small, yel­low and leach-like, and pro­ba­b­ly the oddest thing in the Uni­ver­se. It feeds on brain­wa­ve ener­gy recei­ved not from its own car­ri­er but from tho­se around it. It absorbs all uncon­scious men­tal fre­quen­ci­es from this brain­wa­ve ener­gy to nou­rish its­elf with. It the excre­tes into the mind of its car­ri­er a tele­pa­thic matrix […] The prac­ti­cal upshot of all this is that if you stick a Babel fish in your ear you can instant­ly under­stand any­thing said to you in any form of language. […]

Dank „AI“ sind wir jetzt unge­fähr da. Goog­le Trans­la­te und Goog­le Lens, DeepL etc. etc. machen es mög­lich: Tex­te und inzwi­schen auch gespro­che­ne Spra­che las­sen sich weit­ge­hend belie­big von einer Spra­che in eine ande­re über­set­zen, jeden­falls dann, wenn genü­gend Mate­ri­al zur Ver­fü­gung steht. Das Ergeb­nis ist nicht immer opti­mal, reicht aber für vie­le Zwe­cke aus. 

Dou­glas Adams setzt sei­ne Beschrei­bung des Babel­fischs nicht nur mit einem Beweis der Nicht-Exis­tenz Got­tes fort, son­dern kommt auch zum Schluss, dass der „arme Fisch“ dadurch, dass er alle Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bar­rie­ren nie­der­ge­ris­sen hat, mehr Krie­ge ver­ur­sacht hat als jedes ande­re Wesen. (Wer sich das gan­ze in der BBC-Fern­seh­se­rie aus den 80ern mit wun­der­bar hand­ge­zeich­ne­ten Com­pu­ter­ani­ma­tio­nen anschau­en will, fin­det auf You­tube einen sehens­wer­ten Aus­schnitt).

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