So ’ne Art Jahresrückblick, Teil II: Zwölf mal Science Fiction & Fantasy

Auch dank des E‑Books (ja, beim Pen­deln und für den Sofort­zu­griff auf inter­es­sant aus­se­hen­de Bücher super­prak­tisch) lese ich doch ziem­lich viel, vor allem Sci­ence Fic­tion und Fan­ta­sy. Im Juli hat­te ich schon mal auf ein paar inter­es­san­te Bücher hin­ge­wie­sen, und im Okto­ber auf L.X. Becketts Game­ch­an­ger als beson­ders gut gemach­tes Bei­spiel für das Sub­gen­re der Aug­men­ted-Rea­li­ty-Roma­ne. Wenn ich aus den vie­len Büchern, die ich 2019 gele­sen habe, zehn her­aus­pi­cken möch­te, die beson­ders ein­drucks­voll waren, dann sind das die fol­gen­den. Dabei habe ich mal Ste­ven Brusts Vlad Tal­tos, Lar­ry Nivens Ring­world und Isaac Asi­movs Foun­da­ti­on weg­ge­las­sen, die ich (neu) für mich ent­deckt habe – nächs­tes Buch der Serie kau­fen inklusive.

  • Arka­dy Mar­ti­ne, A Memo­ry Cal­led Empi­re – Space Ope­ra trifft auf diplo­ma­ti­sche Ver­wick­lun­gen zwi­schen einem präch­ti­gen Impe­ri­um und der neu­en Bot­schaf­te­rin einer klei­nen unab­hän­gi­gen Raumstation
  • Cory Doc­to­row, Radi­ca­li­zed – vier Kurzgeschichten/​Novellen über die Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, in der wir leben
  • Karl Schroe­der, Ste­aling Worlds – Aug­men­ted Rea­li­ty trifft auf Bru­no Latour, die Block­chain und eine jun­ge Frau auf der Flucht
  • L.X. Beckett, Game­ch­an­ger – sie­he oben
  • Mary Robi­net­te Kow­al, The Cal­cu­la­ting Stars und The Fated Sky – Alter­na­tiv­ge­schich­te zum US-Raum­fahrt­pro­gramm, dies­mal sind Astro­nau­tin­nen dabei
  • Anna­lee Newitz, The Future of Ano­t­her Time­li­ne – eine femi­nis­ti­sche Zeit­rei­se zwi­schen Riot Grrrls und Urzeit, oder: ein Kom­men­tar zur Debat­ten­kul­tur im Netz
  • Amal El-Moh­tar /​ Max Glad­stone, This is How You Lose the Time War – eine unwahr­schein­li­che Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen zwei Zeit­rei­sen­den, in Briefen
  • Zen Chao, The True Queen – Nach­fol­ge­band zu Sorce­rer to the Crown, vik­to­ria­nisch-post­ko­lo­nia­le Fantasy
  • Pao­lo Baci­g­alu­pi /​ Tobi­as S. Buckell, The Tan­gled Lands – zwei mei­ner Lieb­lings-SF-Autoren haben sich zusam­men­ge­tan, um Fan­ta­sy zu schrei­ben: hier gibt es Magie, und Magie hat eine furcht­ba­re Nebenwirkung
  • Sue Bur­ke, Semio­sis: A novel of first con­ta­ct – Genera­tio­nen­raum­schiff trifft auf intel­li­gen­te Pflanzen
  • K. Eason, How Rory Thor­ne Des­troy­ed the Mul­ti­ver­se – das belieb­te Space-Ope­ra-Sujet der impe­ria­len Prin­zes­sin, die heim­lich eine Art Out­cast-Nin­ja ist, mal anders
  • Nne­di Oko­ra­for, LaGuar­dia – Comic über Außer­ir­di­sche, Nige­ria und die USA

Temporäre Freiräume

Die letz­ten zwei Tage habe ich vor allem damit zuge­bracht, mich aus­zu­ku­rie­ren – Ende Janu­ar, fie­se Erkäl­tung, eigent­lich hät­te ich damit rech­nen sol­len. Fie­ber, und ab und zu ein Blick in die Twit­ter-Time­li­ne, die so wirk­te, als sei sie soeben einem Par­al­lel­uni­ver­sum ent­stie­gen. Trump-Ban­non setzt um, was Trump im Wahl­kampf ver­spro­chen hat, und zwar in rasan­tem Tem­po und mit maxi­ma­ler Schock­wir­kung. Das wird sei­ne Grün­de haben. Ich fin­de es jeden­falls extrem gru­se­lig, dass mit einem Feder­strich Visas außer Kraft gesetzt wer­den, Men­schen aus Flug­zeu­gen gezerrt wer­den, Fami­li­en aus­ein­an­der geris­sen wer­den und selbst Greencard-Inhaber*innen fürch­ten müs­sen, ent­we­der die USA nie wie­der ver­las­sen oder nie wie­der in die­se ein­rei­sen zu kön­nen. Und, nein: kein hit­zi­ger Fie­ber­traum, leider.

Checks and balan­ces, mel­ting pot, das Ein­wan­de­rungs­land per se – das, was ich in der Schu­le über die USA gelernt habe, scheint schon lan­ge nicht mehr zu stim­men, und das wird gera­de so rich­tig deut­lich. Ein­zi­ges ermu­ti­gen­des Licht am Hori­zont: doch recht deut­li­che Wor­te der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft (und eini­ger High­tech-Fir­men), und vor allem eine extrem akti­ve Zivil­ge­sell­schaft, mit Eil­kla­gen der ACLU, Taxifahrer*innen-Streiks, frei­wil­li­gen Rechtsanwält*innen und Demos an Flug­hä­fen. Wenn es eine Stu­fe gab, die Trump über­stei­gend konn­te, um deut­lich zu machen, dass er das gan­ze Gere­de von Mau­ern, Abschie­bung und »Ame­ri­ca first« ernst meint, dann sind das die Dekre­te, die er in die­ser Woche unter­zeich­net hat. Wer jetzt noch glaubt, es mit poli­tics as usu­al zu tun zu haben, muss ver­dammt naiv sein. (Inso­fern wür­de ich mir auch von den US-Demokrat*innen wün­schen, sehr bald sicht­bar und stra­te­gisch fun­diert vor­zu­ge­hen, und nicht auf­grund von par­la­men­ta­ri­schen Tra­di­tio­nen etc. z.B. Trumps Per­so­nal durch­zu­win­ken. Es ist ernst.)

Jeden­falls: Wäh­len ändert was. Und es kann auf weni­ge Stim­men ankom­men, die dar­über ent­schei­den, ob am Schluss die eine oder die ande­re Zukunft steht. Ich glau­be, dass das eine Bot­schaft ist, die auch für die Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber die­sen Jah­res wich­tig ist. (Die ande­re Bot­schaft: manch­mal ist not­wen­dig, sich nicht intern zu zer­strei­ten, son­dern zusam­men­zu­ste­hen … gera­de in erns­ten Zeiten).

Aber eigent­lich woll­te ich gar nicht über Trump schrei­ben, son­dern über die Bücher, die ich im Janu­ar gele­sen habe. Ich habe mir zu Weih­nach­ten einen eBook-Rea­der gegönnt, seit­dem fehlt der Bücher­sta­pel. Des­we­gen habe ich mir mal auf­ge­schrie­ben, was ich so gele­sen habe. Dazu gehört Neil Gai­manns Essay­band The view from the cheap seats, und er schreibt dort unter ande­rem so schö­ne Din­ge wie das hier (S. 8 und 9, mei­ne Übersetzung).

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