Marcus Hammerschmitt: Der Zensor

Was wäre, wenn? – mit die­ser Fra­ge beschäf­ti­gen sich nicht weni­ge Sci­ence-Fic­tion-Roma­ne, eigent­lich alle. Im Zen­sor von Ham­mer­schmitt geht die Fra­ge wei­ter mit: Was wäre, wenn die Nach­kom­men der Mayas und Azte­ken gegen Ende des 21. Jahr­hun­derts dank Nano-Tech­no­lo­gie zu einer beherr­schen­den Welt­macht wer­den, die Spa­ni­en, Por­tu­gal und Tei­le von Frank­reich erobert? Wir haben es hier­bei nicht mit einem ein­fa­chen Rück­spiel zu tun, son­dern mit einer tech­no­lo­gisch ange­pass­ten Form der Kolo­ni­sa­ti­on, bei der die Nano-Mayas die ibe­ri­sche Halb­in­sel – in Stadt­staa­ten und König­rei­che auf­ge­teilt – zur beherr­schen­den Macht in ihrem Welt­reich machen: Mit­tel­ame­ri­ka bleibt aus­ge­beu­tet. Mys­ti­zis­mus und Tech­no­lo­gie ver­bin­den sich aufs groß­ar­tigs­te (sym­bo­li­siert u.a. durch die für Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft und Mythos zugleich ste­hen­de Figur der Glyphe).

Das von Ham­mer­schmitt dar­ge­stell­te Sze­na­rio grün­det mas­siv auf drei Tech­no­lo­gien: auf der einen Sei­te Nano-Tech­no­lo­gie, gedacht als uni­ver­sel­le Mate­rie­ma­schi­ne, belie­big pro­gram­mier­bar, und auf der ande­ren Sei­te, dadurch mög­lich gewor­den, künst­li­che Intel­li­genz, für die nano­tech­nisch ver­form­ba­re Mate­ria­li­en zum Kör­per wer­den sowie erst durch die Beherr­schung von Mate­rie auf dem ele­men­ta­ren Level ermög­lich­te Bio­tech­no­lo­gie – alles drei gekop­pelt mit einer feu­da­len Gesell­schaft, die aus euro­päi­scher Sicht als blut­rüns­tig und irri­tie­rend erscheint. 

Poli­tisch ist das Reich der Nano-Mayas alles ande­re als hete­ro­gen und fried­lich. Wir erle­ben die­se Welt einer­seits durch die Augen eines hohen, gott­glei­chen Beam­ten – des titel­ge­ben­den Zen­sors, der dem Nach­rich­ten­dienst von Nano-Tikal vor­steht, und der uner­freu­li­che Ent­de­ckun­gen macht, und ande­rer­seits durch die Augen eines Halb­spa­ni­ers, Teil der Rebel­len­be­we­gung, in der Anar­chis­tIn­nen, Kom­mu­nis­tIn­nen und kon­ser­va­ti­ve Katho­li­ken gemein­sam gegen die Maya­herr­schaft kämp­fen – zwei Hand­lungs­fä­den, die irgend­wann zusammenkommen.

Wie immer ver­läuft nicht alles nach Plan, und wenn auch das letz­te Vier­tel des Romans etwas über­hitzt und gewollt wirkt, ist er ins­ge­samt einer erfreu­lich ideen­rei­che und span­nen­de Lek­tü­re (dass hier nicht über­setzt wer­den muss­te, macht durch­aus was aus). Wäh­rend die Maya­ge­sell­schaft rea­lis­tisch wirkt, lässt sich das über den Weg dort­hin nicht unbe­dingt sagen. Wenn es auch den einen oder ande­ren Hin­weis etwa auf die Zapa­tis­ten­auf­stän­de gibt, so erklärt Ham­mer­schmitt nicht, wie­so gera­de in Län­dern der Peri­phe­rie mit ihren inter­nen Spal­tun­gen in die­sem Jahr­hun­dert die gro­ßen tech­ni­schen Fort­schrit­te pas­sie­ren sol­len. Inso­fern bleibt es beim was wäre wenn, und bei allem Rea­lis­mus in der Dar­stel­lung wirkt das maya­ni­sier­te West­eu­ro­pa eigen­tüm­lich unwirklich.

Ham­mer­schmitt, Mar­cus (2001): Der Zen­sor. Ham­burg: Argument.
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Marcus Hammerschmitt: Wind /​ Der zweite Versuch

Zwei kur­ze, sprach­ge­wal­ti­ge, deutsch­spra­chi­ge Sci­ence­fic­tion-Roma­ne, die in einer eini­ger­ma­ßen rea­lis­tisch gezeich­ne­ten nicht ganz fer­nen deut­schen Zukunft spielen.

Wind: Eddie (men­schen­scheu etc.) bewacht einen Teil einer Off­shore-Wind­an­la­ge eines sehr, sehr gro­ßen Kon­zerns. Er erhält eine für das Wind­mo­no­pol poten­zi­ell gefähr­li­che Blau­pau­se einer Gezei­ten­ma­schi­ne – und eine Odys­see quer durch die Repu­blik (auf einem 200 kmh schnel­len Rad) und eini­ge Bolos (auto­no­me Gebie­te) beginnt.

Der zwei­te Ver­such: unter ande­rem von einer christ­li­chen Gen­tech-Sek­te tat­kräf­tig unter­stützt ver­su­chen die USA in einer Par­al­lel­welt, den Schmach der miss­glück­ten Apol­lo-Mond­mis­si­on eini­ge Deka­den spä­ter wie­der wett zu machen.

Ham­mer­schmitt, Mar­cus (1997): Wind. Der zwei­te Ver­such. Zwei Roma­ne. Frank­furt am Main: Suhrkamp.
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Marcus Hammerschmitt: PolyPlay

Ein Buch, zu dem sich lei­der nicht all­zu­viel sagen lässt. Nicht, weil es nicht von Inter­es­se wäre, son­dern weil es zuviel vor­weg­neh­men wür­de. Auf den ers­ten Blick ist das Buch harm­los – so harm­los, dass die Fra­ge auf­kommt, ob es nicht etwas unter dem Niveau von Ham­mer­schmitt ange­sie­delt ist. Eine Alter­na­tiv­welt­ge­schich­te, in der im Set­ting »DDR hat die BRD nach der Wen­de über­nom­men« Kom­mis­sar – nein, Ober­leut­nant – Kra­mer in einem Mord­fall ermit­telt, bei dem Jugend­sze­nen und Auto­ma­ten­spiel­ge­rä­te plötz­lich in Ver­bin­dung mit einer Sta­si-Ver­schwö­rung geraten.

Die Alter­na­tiv­welt-DDR sieht plau­si­bel aus, fast schon put­zig, und auch die ab und zu hin­ein­schnei­en­den Lehr­stun­den über die Geschich­te (im Schul­un­ter­richt, beim Zap­pen durchs Fern­seh­pro­gramm) wir­ken erst ein­mal so, als wür­de es hier dar­um gehen, sich vor­zu­stel­len, wie es denn hät­te gewe­sen sein kön­nen, wenn im Jahr 2000 in einer grö­ße­ren und für die Welt wirt­schaft­lich und poli­tisch extrem wich­ti­gen DDR statt­ge­fun­den hät­te. Ob da Rekla­me hängt, wie die Wes­sis sich auf­füh­ren, etc. War­um soll­te es so gewe­sen sein? Ham­mer­schmitts Erklä­rung erweckt den Anschein, plau­si­bel zu sein: wirt­schaft­li­che Pro­ble­me im Wes­ten, eine Abschot­tungs­po­li­tik in Ost­asi­en, inter­ne Strei­tig­kei­ten in den USA, und die – hand­ge­we­del­te – Ent­de­ckung einer omi­nö­sen neu­en Tech­no­lo­gie (der »Mül­ler-Loh­mann-Pro­zess«), die die DDR bald füh­rend auf dem Gebiet der Mikro­elek­tro­nik macht: Flach­bild­schir­me, Mobil­funk­te­le­fo­ne (»Mobis«), und wirt­schaft­li­cher Erfolg. Das Leben im plu­ra­lis­ti­schen Sozia­lis­mus sieht gar nicht mal so übel aus – und auch die klei­nen Fies­hei­ten (Josch­ka Fischer als Außen­mi­nis­ter der DDR und Kron­prinz des Staats­rats­vor­sit­zen­den, auch die Tages­zei­tung gibt’s wei­ter­hin) tra­gen eigent­lich nur dazu bei, dass Bild abzu­run­den. Dane­ben dann noch ein zwei­ter Hand­lungs­strang auf einer See­fes­tung, hat auch irgend­was mit Daten und Com­pu­ter­kri­mi­na­li­tät zu tun.

Soweit, so gut. Aber irgend­wann wird dann deut­lich, dass Ham­mer­schmitt den Leser oder die Lese­rin über etwas ganz ande­res beleh­ren möch­te: über die Unmög­lich­keit, in Sci­ence Fic­tion nicht nur plau­si­ble, son­dern tat­säch­lich funk­ti­ons­fä­hi­ge Alter­na­tiv­wel­ten durch­zu­spie­len, über die Fähig­keit des Men­schen, über­all Mus­ter und Gestal­ten zu erken­nen, und Wider­sprü­che hin­zu­neh­men. Das Ende ist über­ra­schend, und wer zu lan­ge mit­spielt, mag es auch scho­ckie­rend emp­fin­den. Denn das Ziel des Expe­ri­ments stellt sich als ein ganz ande­res her­aus – über das mehr zu sagen das Lesen des Romans doch beein­träch­ti­gen wür­de. Und damit ist schon fast zuviel verraten.

Ham­mer­schmitt, Mar­cus (2002): Poly­Play. Ham­burg /​ Ber­lin: Argu­ment. 187 Sei­ten, 12 Euro.
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